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Die Wahrheit · 1904-06-17 · Heft 24 (17.6.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 24 (17.6.1904)
Date
1904-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion u. Administration: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. JuJ'Erate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. 'Abonnementsu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. akvhsit Unabhängige Hertfchrifi für Mische Antere^en. KrscheinL jeden Ireilag. Uotto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" j -VezugsMeis: i Ganzjährig . . K. is — Halbjährig . . . K. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig . . . K. io — Für Ausland:! Ganzjährig ... 6 Mark.! 6 Rubel oder tu Fcs. 24. Wien. 17. Juni 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Tempora mutantur. — Jahresversammlung der israelitischen Distriktspräsidenten in Ungarn. — Der südische Magnat. — Ist der Talmud judengefährlich? — Feuilleton. — Pensionsversicherung der jüdischen Kultnsbeamten. — Verschiedene Nachrichten. Ans der Woche. Andere Lander, andere — religiöse und politische Sitten! In Szegedin hat sich anläßlich der Enthüllung eines Tisza- DenkmaleS folgende Szene abgespielt: Unter den zahlreichen Deputationen, die zur Begrüßung des ungarischen Ministerpräsidenten erschienen, befand sich auch< eine, welche die Geistlichen — aller Konfessionen umfaßte. Ein katholischer Pfarrer, ein protestantischer Pastor und ein jüdischer Rabbiner konnten in Szegedin in jener brüderlichen Liebe geeinigt, die von allen Religionen gepredigt, aber von deren Bekennern so selten geübt wird, vor dem Ministerpräsidenten hintreten, um durch ihr gemeinschaftliches Erscheinen allein schon zu bezeugen, daß das Wesen der Religion nicht darin bestehe, die Menschen durch Haß zu trennen, sondern durch Liebe einander näher zu bringen. -i- * * So bemerkenswert und erfreulich die Tatsache ist, daß in Ungarn katholische und protestantische Priester auf allgemeine Zustimmung rechnen durften, wenn sie bei einer offiziellen Gelegenheit gemeinschaftlich mit dem geistlichen Vertreter des Judentums vor die höchsten Repräsentanten des Staates hintraten, so gewinnt dieser Schritt noch eine höhere Bedeutung durch die Antwort, die Graf Tisza dieser Deputation erteilte. Der ungarische Ministerpräsident sagte in seiner offenen, rückhaltlosen Weise u. a. Folgendes: „Empfangen Sie unseren innigen Dank dafür, daß Sie uns durch Ihr Erscheinen geehrt haben. Empfangen Sie doppelt Dank dafür, daß Sie ohne Unterschied der Konfession in einem Freundeskreise sich vereinigt, an uns gewendet haben. Wenn es etwas gibt, was die Seele eines religiösen Menschen mit Freude erfiillt, so ist es die Harmonie, die w ahre Liebe und die Brüderlichkeit unter den Priestern der verschiedenen Konfession e n. Ich halte mich für einen religiösen Menschen, deshalb ivar es immer meine Meinung, daß nur der ein wahrer treuer Anhänger und Diener seiner Religion sein kann, der das religiöse Gefühl der Anderen schätzt, und nur der ein wahrhaft w ü r d i g e r Verkünder der e r h a b e n e n Lehren des Erlösers ist, den seine religiöse Ueberz.eugung nicht trennt und entfremdet von solchen, die eine andere Religion verkündigen. Es ist eine heilige Pflicht für uns Alle, auf allen Gebieten des Lebens immer das zu suchen, was uns vereint, und nicht das, was uns trennt. Es gibt so viele gefährliche Feinde der Wohlfahrt und des Glückes der Menschheit, gegen die die Diener aller Konfessionen mit vereinter Kraft kämpfen können, daß es wirklich ein verhängnisvoller Leichtsinn wäre, in Uneinigkeit und Reibereien zwischen den einzelnen K o n f e s s i o il e n jene Kraft zu vergeuden, welche wir in ihrer Gänze nötig haben, wenn wir die Segnungen der Religion gegen die Gott und die Menschen verlästernden und zerstörenden Hetzer aufrecht erhalten wollen. Seien Sie versichert, daß niemand von der höheren Aufgabe der Religion mehr durchdrungen ist als die gegenwärtige Regierung. Seien Sie davon überzeugt, daß wir auch davon durchdrungen sind, daß wir unsere Ausgabe nicht lösen können, daß auch der Staat nicht alles das erfüllen kann, was er im Interesse der Bürger erfüllen muß, daß wir der nationalen Sache nicht mit jenem Erfolge dienen können, mit welchem wir ihr dienen wollen, wenn wir in allen unseren Bestrebungen nicht auf die hingebende Mithilfe der Diener der Religion rechnen können. Ich bitte Sie, daß, so wie wir, die Vertreter der Staatsgewalt, uns als natürliche Verbündete der Religion fühlen, auch Sie diese Ueberzeugung hegen mögen, damit wir vereint im gegenseitigen Vertrauen mit immer größerem Erfolge unsere Pflicht erfüllen können." So sprach der ungarische Ministerpräsident, Graf Tisza. Andere Länder, andere — religiöse und politische Sitten. Man kennt nun die Art und Weife, in welcher die Personalcinkommensteuerwahlen der dritten Kategorie des IX. Bezirkes gemacht wurden. Dank dem energischen, zielbewußten Vorgehen des Alsergrunder freisinnigen Wahlkomitees, welches ein erdrückendes Beweismaterial zur Kennzeichnung der ungeheuerlichen Wahlschwindeleien sammelte, sind sogar die Behörden veranlaßt worden, die Wahlannnlliernng anszusprechen. Was das bedeutet, wird man sofort erkennen, wenn man sich erinnert, welche unendliche Nachsicht, ja welche unerschütterliche Patronanz bisher österreichische Behörden den Luegerianern bei allen Wahlen zuteil werden ließen. Die Beweise für die christlichsozialen Wahlschwindeleien waren aber diesmal von so überwältigender, empörender Art, daß keine Behörde, die sich ihrer Pflicht bewußt ist, dem Staate und dem Gesetze und nicht Lueger und seinen Trabanten zu dienen, die Praktiken der

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