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Die Wahrheit · 1904-06-10 · Heft 23 (10.6.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 23 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 23. Budapest. (Jüdische Statistik in Ungarn.) Die ersten Vorarbeiten für eine systematische Inangriffnahme der jüdischen Statistik in Ungarn wurden von einer aus sechs Mitgliedern bestehenden Kommission geführt, die der „Verein ungarisch-jüdischer Hochschüler" (Magyar Zsidö Ifjak Egyesülete) ausgesetzt hatte. Als Ergebnis dieser ersten Bemühungen veröffentlichte Lavoslav Schick eine Reihe jüdisch-statistischer Auffätze im „Egyenlöseg" und sandte der Zentrale des „V. f. j. St." eine Abhandlung ein, die der Veröffentlichung entgegensieht. Behufs dauernder Organisierung der jüdischen Statistik in Ungarn auf wissenschaftlicher Basis versammelte sich nun am 25. Mai ein Kreis angesehener Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Budapest im Präsidialzimmer des Gemeindehauses. Die Beratungen wurden von Prof. Max Schächter als Mitglied des Kuratoriums des „V. f. j. St." eröffnet. Prof. Schächter schilderte die Entwickelung der jüdischen Statistik in allen andern Ländern und wies auf die Notwendigkeit hin. auch in Ungarn, wo ein so erheblicher Bruchteil der jüdischen Bevölkerung lebt — die Budapester Gemeinde zählt gegen 170.000 Seelen — die staristischen Arbeiten entsprechend zu organisieren. Der Präsident der Budapester Kultusgemeinde. Hofrat Siegmung Kohner, legte die in den lokalen und politischen Verhältnissen wurzelnden Schwierigkeiten dar, die sich der Uebcrnahme der Statistik durch die offiziellen jüdischen Vertretungen entgegenstellen, erklärte sich jedoch bereit, die diesbezügliche Privatinitiative entsprechend zu fördern. Als Vertreter des „B. s. j. St." beleuchtete hierauf Dr. Alfred Noffig die hervorragende Bedeutung der Statistik der Juden in Ungarn, welche selbst in ihren staatlich bearbeiteten Teilen mit Rücksicht auf die ungarische Amtssprache bis jetzt für das Ausland unzugänglich war. Die Leitung der ungarisch-jüdischen Statistik durch ein Zentralbureau im Auslande wäre aus zahlreichen Rücksichten unerwünscht und undurchführbar; die ungarische Judenheir müsse die statistische Erfassung ihrer Lebensäußerungen durch ein eigenes Organ in völlig selbstständiger Weise ins Werk setzen. Doch könne in Ungarn nicht die Gründung eines Vereins für jüdische Statistik, wie in andern Ländern, sondern blos die Einsetzung einer dotierten wissenschaftlichen Kommission ius Auge gefaßt werden. 2luch Red. Max Szabolcsi, Herausgeber des „Egyenlöseg", sprach sich für die Unabhängigkeit der ungarischen Organisation aus. Rechtsanwalt Dr. David Pap, welcher sich auf dem Gebiete der Statistik der Juden in Ungarn bereits betätigt hat, plädierte für die Verteilung der einzelnen Zweige der Statistik an arbeitslustige und qualifizierte Persönlichkeiten. Dem gegenüber wies D. Franz Mezei auf die Ausdehnung des Arbeitsfeldes hin, welche die Einsetzung einer organisierten Kommission unerläßlich mache. Doch sei es ratsamer, statt eine selbständige Körperschaft zu gründen, die Bearbeitung der Statistik der Jüdisch- Literarischen Gesellschaft zu süberweisen, welche eine spezielle Kommission hierfür einsetzen, die erforderlichen Mittel beschaffen und alle arbeitslustigen Kräfte kooptieren würde. Da die Mehrzahl der Direktionsmitglieder der J.-L. G. anwesend war, so wurde der Vorschlag Dr. Mezeis eingehend erörtert und durchaus vraktisch befunden. Es ergab sich aus den Ausführungen von Prof. Schächter, Prof. Mahler, Prof. Rethy und Dr. Farkas, daß die J.-L. G. tatsächlich die besten Garantien für eine echt wissenschaftliche und dauernde Führung der Statistik der Juden in Ungarn biete. Prof. Schächter schloß die Versammlung der auch Oberrab. Dr. Kayserling und andere Vertreter des Budapester Rabbinats beiwohnten, indem er die baldige Eröffnung der jüdisch-statistischen Arbeiten uuter der Aegide der J.-L. G. in Aussicht stellte. Ratibor Am 5. Juni fand hier die Trauung des Herrn Rabbiner Dr. Lazarus aus Göding mit Fräulein Rosa Pinczower, Tochter des hier allgemein hochgeachteten Herrn L. Pinczower, unter zahlreicher Beteiligung statt. Die Trauung vollzogen die Herren Rabbiner Dr. Dünnmann aus Ratibor und Rabbiner Marmorstein aus Szenicz. Das Festessen war im Prunksaale der Loge, die Beteiligung eine ungemein große und es zeigte fich, welcher Liebe und Hochachtung die Familie Pinczower sich erfreut. Die geistreichen Tischreden sowie die vorzüglichen Dankesworte des Bräutigams wurden mit vielem Beifalle ausgenommen. o£teße und Kaß. Ein Sittenbild von Adolf Steinschneider. Oswald Berger war ein Advokat mit zahlreicher Klientel. Von Haus aus vermögend und unabhängig, jung an Jahren und von bestechender, eleganter äußerer Erscheinung, war er ein vollendeter Weltmann. Im Grunde des Herzens für edlere Regungen nicht uneurpfänglich, besaß er einen Fehler, der alle guten Eigenschaften in den Schatten stellte; er hatte eine heftige Gemütsart und war jähzornig und rachsüchtig. Aber schnell im Zorne und schnell iu der Versöhnung. War sein Haß einmal erweckt, so hätte er seinen Gegner vernichten können, hatte er jedoch seine Rache an dem Opfer ausgeübt, dann erfaßte ihn oft Reue und aus dem grimmigen Feinde konnte ein ergebener Freund werden. Daß er bei seinen glänzenden Eigenschaften in vielen angesehenen Familien ein gern gesehener Gast war, ist leicht erklärlich, doch besonderen Vorzug gab er den Einladungen in das Haus des wohlhabenden jüdischen Fabrikanten Just, das einen Sammelpunkt der besseren bürgerlichen Gesellschaft bildete. Aber nicht nur die daselbst herrschende Geselligkeit und der feine Ton bestimmten ihn, seine freie Zeit dort zuzubringen, sondern der Magnet, der ihn hinzog, war die einzige Tochter dieser Familie. Hermine ein blühendes Mädchen von hinreißender Schönheit, sprühend von Geist, bezauberte ihn im höchsten Grade. Ihr legte er seine Huldigung zu Füßen und all sein Sinnen und Trachten ging dahin, ihr Herz zu gewinnen. Doch der Liebe Mühe war umsonst. Von ihren Eltern vergöttert und von allen Seiten gefeiert, nahm sie die Schmeicheleien als schuldigen Tribut hin. Eitel, ihrer eigenen Schönheit trunken, führte sie die sie Umschwärmenden wie im Triumphwagen mit sich fort, lächelte sie diesem zu und gab jenem einen freundlichen Blick, ohne irgend einen zu bevorzugen. Auch den feurigen Bewerber Oswald Berger behandelte sie in gleicher Weise. Doch diese Unnahbarkeit entflammte ihn umsomehr und seine Leidenschaft für das schöne Mädchen stieg bis zur Siedehitze. Seine ganze Persönlichkeit setzte er ein, alle seine Liebenswürdigkeit und geistige Begabung entfaltete er, aber diesem Steine konnte er keinen Funken entlocken. Lange Wochen, Monate hindurch hatte er dieses heiße Bemühen fortgesetzt, bis er endlich sich entschloß,. ihr Herz und Hand anzubieten. Doch wie eine Pille in süßer Hülle gab sie ihm mit gewinnenden, schmeichelhaften Worten einen Korb. Jetzt verwandelte sich seine Liebe in Haß.. Er, der elegante, geistreiche Mann, in seiner Stellung allgemein geachtet und gefeiert, ja noch mehr, er als Christ war von einem Judenmädchen, das sich seine Bewerbung zur hohen Ehre hätte anrechnen sollen, verschmäht, beschämt! Das brachte ihn zur Wut, entflammte seinen Zorn aufs höchste und nun kam seine Naturanlage zum Durchbruche. Haß schwur er ihr, rächen wollte er sich an ihr bis zu ihrer Vernichtung. Vorerst übertrug er den Haß auf den ganzen Stamm. Für das, was ihm an verletzter Eitelkeit von einem einzelnen Mitgliede dieser Glaubensgenossenschaft widerfahren war, sollte die gesamte Judenschaft büßen. So ist es ja bei allen Antisemiten, daß ihrer Feindschaft im allgemeinen nur Haß, Neid und alle möglichen niedrigen Instinkte als Beweggrund dienen. Mit vollem Eifer widmete er sich uun dieser edlen Zeitrichtung und stand bald als Führer derselben in den ersten Reihen. Seine Agitation war viel gefährlicher als die der anderen Gesinnungsgenossen, da er nicht mit den rohen pöbelhaften Ausdrücken der Wirtshauskumpane auftrat, sondern mit scharf geschliffenen, geistreichen Sophismen die sogenannten gebildeten Schichten zu gewinnen wußte. Doch hiemit traf er nur-, mittelbar den Gegenstand seiner Rache, und er dürstete darnach, sie unmittelbar bis ins Herz zu treffen. Zufällig eingetretene Umstände begünstigten seine Bestrebungen. Eine intensive Handelskrisis war eingetreten, Fallimente folgten auf Fallimente und selbst gut situierte Firmen wankten. Auch Herr Just hatte starke Verluste zu beklagen und sein Kredit wurde gefährdet. Noch hätte er sich jedoch intakt erhalten können, wenn man ihm als langjährig bestandener, achtungsvoller Firma mit Vertrauen entgegen gekommen wäre und ihm Zeit gelassen hätte, eine bessere Konjunktur zu erwarten. Da trat aber Dr. Oswald Berger als Rachedämon auf, der Justs kaufmännischen Ruf vollends untergrub. Als vielbeschäftigter Advokat, mit allen großen Handlungshäusern in regem Verkehre, brachte er alle seine Verluste zur sofortigen allgemeinen Kenntnis, sprach überall von seinem gänzlichen Ruine und seinem Wühlen gelang es, daß der Firma Just alle Kreditquellen entzogen wurden und der Zusammenbruch erfolgte. Nun hatte Oswald die eigentliche Gelegenheit, seine Rachegelüste voll zu befriedigen. Er bewarb sich angelegentlich darum, Zahlungsaufträge und Exekutionen zu übernehmen. Aber noch weiter trieb es ihn.' Weiden wollte er sich an dem Anblicke der gedemütigten Familie und er ging selbst hin, eine Pfändung vorzunehmen. (Schluß folgt.)

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