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Die Wahrheit · 1904-06-10 · Heft 23 (10.6.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 23 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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9$r, 28 Die Wahrheit teinerlei tieferes, geschweige denn irgend welches religiöse Inters esse beanspruchen darf", als wenn wir Juden den Anspruch machen würden, die biblische Geschichte als Religion und nicht als Geschichte zu betrachten. Die Juden und Christen wollen nicht die Geschichte zur Religion machen, aber das können wir doch von Herrn Professor Delitzsch verlangen, daß er der biblischen dieselbe Wertschätzung wie der babylonisch und hanulrabbischen Geschichte entgegenbringe? Es ist uns daher unbegreiflich, wie em Mann, wie Professor Delitzsch sagen kann (Seite 44): . aber für uns Christen allen und jeden religiösen Wertes ermangeln, für uns, die wir Gott sei Dank als unsere eigenen Priester ungehinderten Zugang zu dem lebendigen Gott, unserem Vater, besitzen..." Wer braucht einen Vermittler zu Gott? Der Jude, der nur Gott-Vater kennt, oder der Christ, der — wie Heine sich ausdrückt — über den Sohn den Vater vergißt? Oder spielt die Kirche nicht die Vermittlerrolle. Und die Juden haben noch Gott sei Dank keine Kirche. So etwas Unrichtiges — milde gesagt — soll sich auch Herr Professor Delitzsch nicht zu schreiben erlauben. Die Härte, die Delitzsch dem alten Testamente vorwirst, läßt sich vielleicht historisch nicht so verurteilen, wie er es tut. Uebrigens möchten wir aus Lanz-Liebensels Aufsatz: ..Antliropozoon biblicum“, 1904, aufmerksam machen, in dem er gerade dies als größtes Verdienst der Bibel hervorhebt. Und ist auch hier Delitzsch nicht ungerecht, wenn er nur über das alte Testament den Stab bricht. Hat denn das neue Testament die Heiden nicht „Hunde ' genannt? Und sind denn auch Heiden im neuen Testament selig und paradiesfähig wie Christen? Ist hier nicht das neue Testament wie das alte zu behandeln? Und ist trotz Jesu schöner Lehren auch jetzt nicht der christliche Glaube, daß nur der Christ selig wird und die Anderen Gottes Gericht erwartet? Hat denn Paulus über die Frauen besser geurteilt als das alte Testament (Seite 60, 61)? Wir verlangen mit Delitzsch gleiches Recht für Alle und mit ihm sagen wir: „Die Wissenschaft muß sortschreiten." Aber auch die Wissenschaft der neutestamentlichen Forschung. Nicht nur das Judentum soll seziert werden durch das wissenschaftliche Messer, sondern auch das Christentum. Und wir verlangen wie Delitzsch: ..Gerechte Würdigung der einzig und allein auf Ergründung der Wahrheit abzielenden christlichen alttestamentlichen Forschung." Aber dasselbe soll auch für das neue Testament gelten. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Predigten.) Samstag, den 11. d. M. finden Predigten im Stadttempel sowie im Währinger und Fünfhanser Tempel statt. Wien. (Waisenhaus-Stiftung.) Im „Waisenhause sür israelitische Mädchen Charlotte Merores Jtzeles" in Wien werden ab September 1904 ausgenommen: a) 20 mittellose, ganz oder halb verwaiste oder verlassene, gesunde israelitische Mädchen im Alter von 6 bis 12 Jahren, b) fünf mittellose, ganz oder halb verwaiste oder verlassene, gesunde israelitische Mädchen im Alter von 14 Jahren. Aufnahmsgesuche sind namens der Bewerberinnen von deren gesetzlichen Vertretungen unter Beilegung des Geburtsscheines, des Heimatsscheines, des Nachweises der Verwaisung oder der Verlassenheit, des Mittellosigkeitszengmsses und eventuell Schulausweiscs, des. Jmp^eugnisses, eines Gesundheitszeugnisses, sowie im Falle der überstandcnen natürlichen Blattern eines besonderen ärztlichen Zeugnisses hierüber, bis 30. Juni 1904 an das gefertigte Kuratorium zu Händen des Herrn Dr. Felix Katzau, Wien, I.. Schottenbastei 3, zu richten. Näheres im Inseratenteile Nr. 21 d. Bl. Wien. Mittwoch den 1. Juni, 12 Uhr mittags fand im Sitzungssaale der israel. Kultusgemeinde eine Vorstandssitzung des in Bildung begriffenen Bureaus für jüdische Statistik statt, in welcher nach Wahl der provisorischen Vorsitzenden (Baurat Wilh. Stiaßny und Dr. Edm. Kohn) und des Schriftführers (Dr. Werner» hauptsächlich über Beschaffung der für die Arbeiten des Bureaus nötigen Geldmittel beraten wurde. Nach mehr als einstündiger Debatte, an welcher auch der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern und der I. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn teilnahmen, wurde beschlossen, ein Komitee einzusetzen, das sich behufs finanzieller Fundierung des Bureaus mit den maßgebenden Korporationen und Persönlichkeiten in Verbindung setzen solle. Wien. Unterrichtsminister Dr. Ritter v..Hartel besuchte am 7. d. M. die Ausstellung von Schülerarbeiten des Zeichenkurses im Bolksheim. Er wurde vom Maler David Kohn, dem Leiter des Kurses, geführt und äußerte sich in schmeichelhafter Weise über dessen Lehrtätigkeit, Seite 7 indem er insbesondere die Schwierigkeiten der Aufgaben anerkannte, Personen der verschiedenartigsten Vorbildung zu fördern, welche die ganze Woche in Werkstätten und Bureaux beschäftigt sind, noch dazu durch einen Kurs, der nur einmal in der Woche abgehalten werden kann. Auch die ausgestellten Arbeiten fanden den Beifall des Ministers. Wien. Am 6. d. M. ist unter sehr zahlreicher Beteiligung aus dem Wiener Zentralfriedhose der Prosessor an der Wiener Handelsakademie und Advokat Dr. Theodor Theumann zu Grabe getragen worden. Es waren der gesamte Lehrkörper der Handelsakademie mit Direktor Regiernngsrat Sonndorfer, eine Schülerdeputation der Anstalt, eine Abordnung des Ansschusses der Advokarenkammer, zahlreiche Advokaten, viele Industrielle, Künstler rc. erschienen. Namens der Kollegen sprach Dr. Karl Rausch. Er wies aus die Verdienste hin, die sich Professor Theumann als Rektor der Wiener Handelshochschule in den Siebzigerjahren um dieses Institut erworben, und wie eifrig er nach Reorganisation der Anstalt an der Seite des Regierungsrates Sonndorfer an der zur Wiener Handelsakademie umgewandelten Lehranstalt gewirkt. Professor Theumann war eine überaus sympathische Persönlichkeit. Sein schlichtes und überaus herzliches Wesen sicherten ihm bei allen, die ihm nüherzutreten Gelegenheit hatten, allseitige Verehrung und Wertschätzung und sein Hinscheiden wird allgemein tiesbetrauert werden. Wien. Kürzlich erschien in der Wohnung des Herrn Oberkantor Bauer eine Deputation, bestehend aus dem Präses der Kultusgemeinde in Stampfen, Herrn Em. Inst und den Herren Dr. Braun und Schaffer, um ihm für die ausgezeichnete Funktion, anläßlich der 100 jährigen Tempelseier im Nanien der Gemeinde und der Stampsener in Wien Dank und Anerkennung abznstatten. Gleichzeitig überreichte Knltusvorsteher Just einen wertvollen Pokal mit entsprechender Widmung. Bielitz. Donnerstag, den 2. Juni fand über Einladung der israelitischen Knltusgemeinden von Bielitz und Biala im hiesigen Zunfthaussaale eine Versammlung statt, die den Zweck hatte, in Bielitz-Biala eine Filiale der „Israelitischen Allianz" zu gründen. Der Vorsteher der israelitischen Kultnsgemeinde in Bielitz, Herr Salomon Pollak, eröffnere die überaus zahlreich besuchte Versammlung mit einer kurzen Ansprache und stellte hieraus den anwesenden Sekretär der „Israelitischen Allianz," Herrn Rabbiner Tr. A. Kaminka, vor, der in zirka cinstnndigem, mit großem Interesse und Beifall anfgenommenen Bortrage ein Bild der Tätigkeit der „Israelitischen Allianz in Wien" in Verbindung mit der Lage der Juden in Rußland und Rnniänien entwarf. An den Vortrag, der mir dem Ausdrucke der Hoffnung schloß, daß sich in Bielitz-Biala eine Filiale der „Israelitischen Allianz" bilden werde, knüpfte sich eine längere Debatte an, die Herr Dr. Blum mit einer zionistischen Rede erössnete. Dessen Ausführungen wurden jedoch von den folgenden Rednern, den Herren S. Tugendhat, Dr. Klein und Salomon Pollak als nicht dem Zwecke der Versammlung dienlich, znrückgewiesen. In dieser Debatte, an welcher sich auch noch die Herren Rabinowiez, Tr. Kaminka und Rittermann beteiligten, wurde allgemein die Förderung der „Israelitischen Allianz" als notwendig anerkannt und die Gründung einer Filiale sympathisch begrüßt. In das Komitee für die Arbeiten zur Errichtung dieser Ortsgruppe wurden Salomon Pollak, Moritz Kohn, die Rabbiner Dr. Steiner und Tr. Glaser, Dr Ludwig Reich, Samuel Tugendhat gewählt. Der Antrag des Vorsitzenden auf Gründung der Filiale wurde angenommen, ein Teil der Versammelten nieldete sofort seinen Beitritt an, für welchen ein Jahresbeitrag von 6 Kronen zu entrichten ist. Budapest. Die Pester Chewra Kadischa hielt am Sonntag ihre Jahres-Generalversammlung unter großer Beteiligung der Mitglieder ab. Den Vorsitz führte Präsident Jakob Boschün. Laut dem vom Vereinsanwalt und Sekretär Dr. Franz Mezei vorgelegten Jahresbericht kostete das Siechenhaus im Stadtwäldchen, an dessen Spitze Karl Gomverz steht, im vergangenem Jahre 42.667 X. Die Anstalt wurde mit einem Kostenaufwand von 147 500 X vergrößert, in Folge dessen nunmehr viermal so viel Personen darin Ausnahme finden als ehedem. Zur Erhaltung des isr. Spitals trug der Verein 48.000 X, zu der des Adele Brody-Spitals 10.000 X bei, während die Stiftung bei dem Stevhanie-Kmderjpital aus 4000 X ergänzt wurde. Ueberdies ließ der Verein zahlreiche Kranke in ihren Wohnungen pflegen, woraus 4000 X Ausgaben entstanden. Unter die Armen wurden etwa 115.000 X verteilt. Es wurden vom Verein iin abgelaufenen Jahre 2660 Leichenbegängnisse veranstaltet, nach denen bei 472 blos ein Bruchteil der Selbstkosten entrichtet, während 1583 Arme überhaupt unentgeltlich beerdigt wurden. Die großangelegte humanitäre Wirksamkeit des Vereins wird durch die Tatsache charakterisiert, daß er im Jahre 1903 insgesammt 564.709 X zu überwiegend wohltätigem Zwecke verausgabt. Der Bericht wurde angenommen und das Absolutorium erteilt. Die Generalversammlung nahm den Antrag des Vorstands hinsichtlich Errichtung einer Anstalt sür unheilbare Kranke an Im Fried- Hofe auf der Kerepeserstraße werden neue Grüfte, im Centralsriedhose aber Arkadengräber und Grüfte erbaut. Ter Kostenvoranschlag mit einem Ausgabenetat von 550.489 X, welchem Einnahmen in der .Höbe von 528.980 X gegenüberstehen, wurde unverändert vocierr. Die Generalversammlung nahm das Hinscheiden des gewesenen eifrigen Vorstandes Samuel Münz mit Teilnahme znr Kenntnis. Für diese Funktion wurde einstimmig Moriz Lindenbaum, zu Mitgliedern des Rechnnngsrevisorenkomitees Robert Auer, Samuel Eisler, Berthold Herzmann, Joseph Hüvös de Botsa, August Kohner, Ludwig Kraus de Megyer und Josef Wolfner. an Stelle der verstorbenen Äusschnßmitglieber Philipp Bach, Paul Sandor und Wilhelm Freund gewählt. Schließlich wurde der Bereinsleitung Dank und Anerkennung votiert.

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