Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 23 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 23. es daher für nützlich, einmal über die Bibelforschung im allgemeinen zu sprechen. Allmonatlich gedenken wir einenAussatz über dieses Thema zu bringen. In denselben wollen wir-die Entstehung der biblischen Schriften (altes und neues Testament), die Quellen derselben, die kritischen Strömungen und endlich den Wert der Bibel für die Menschheit behandeln. Bevor wir aber zum eigentlichen Thema übergehen, möchten wir noch Delitzsch' letzten „Rückblick und Ausblick"*) besprechen. Professor H. Gunkel hat sich soeben in der Deutschen Rundschau, Juni-Heft, über Delitzsch' Schrift wie folgt geäußert: Die Bibel-Babel-Sensation ist jetzt schon lange vorüber; das Publikum ist — wie ich seit etwa drei Vierteljahren aus den verschiedensten Kreisen und Teilen Deutschlands gehört habe — unlustig geworden, mit diesen Dingen immer wieder behelligt zu werden, über die nun doch einmal, nicht zum wenigsten durch Delitzsch' eigene Schuld, unter den Nichtfachleuten die hoffnungsloseste Verwirrung besteht. Nur Professor Delitzsch wird nicht müde; er will es nicht glauben, daß auch diese von ihm entfachte Bewegung, wie alle solche Sensationen, nach einiger Zeit sanft einschläft. Diesmal kommt er mit einem „Rückblick und Ausblick" — ohne Wortspiel geht es ja bei ihm nicht ab und noch einen ..dritten Vortrag" will er halten, auf den er auch jetzt wieder zu verschiedenen Malen hinweist. Der „Rückblick" enthält eine Auseinandersetzung mit einigen gegnerischen Aufstellungen. Es ist ja gegen Professor Delitzsch und seine beiden ersten Vorträge eine Fülle von Anklagen erhoben worden, und man hat einen großen Teil seiner Aufstellungen bestritten. Darunter ist sehr vieles gewesen/worin ich Professor Delitzsch recht geben muß, z. B. wenn er, nach dem Vorgang anderer, den babylonischen Ursprung gewisser biblischer Urgeschichten behauptet. So enthält auch der vorliegende Aufsatz mancherlei, was ich mit Zustimmung lese, sei es, daß er sich gegen einige übereifrige und nicht gut orientierte theologische Gegner wendet, sei es, daß er sich mit solchen Vertretern des Judentums auseinandersetzt, die in ihrer nationalen Verblendung z. B. die'Ableitung des Sabbats aus Babylonien (die übrigens nach dem' neuesten Funde mehr als zweifelhaft geworden ist) für eine Beleidigung des Judentums erklären. Wenn Delitzsch darauf dringt, daß man die Schattenseiten der altisraelitischen Sittlichkeit ja nicht übersehe, oder wenn er das glühende Bestreben zeigt, die erkannte religionsgeschichtliche Wahrheit nicht in der Studierstnbe zu verschließen, sondern sie auch weiteren Kreisen bekannt zu machen, so hat er mich dabei — wie er selbst weiß oder wissen könnte — zum Bundesgenossen. Und doch kann ich wie gegen Delitzsch' ganze populäre Schriftsteüerei so auch gegen diesen Aufsatz die schwerstwiegenden Bedenken nicht verschweigen. Die Anklagen, die ich in meiner Schrift ..Israel und Babylonien" gegen seine beiden ersten Vorträge erhoben habe, sind, soweit ich sehe, durch diese Broschüre nicht widerlegt, sondern ich muß sie aufs neue verschärft aussprechen." Gunkel weist nun ins Detail eingehend nach, daß es Delitzsch keineswegs gelungen ist, seine früher aufgestellten 6 Punkte zu entkräften und schließt dann seine Ausführungen in folgender Weise: „Noch einige Bemerkungen zum Schluß. Der Aufsatz enthält eine ziemlich heftige Polemik gegen Delitzsch' Gegner; die ..Ruhe", deren er sich selber rühmt, kann man darin mit dem besten Willen nicht gewahren; wohl aber könnte man ein herzhaftes Bukett von allerlei zum Teil auch das persönliche Gebiet streifenden und recht temperamentvollen Worten daraus zusammenstellen. Mcht selten polemisiert er gegen die „liberalen Theologen", denen er besonders vorwirft, daß sie nicht genügend für die Aufilärung der Gebildeten gesorgt hätten (S. 6). Delitzsch zeigt sich auch hier nicht genügend orientiert. Es gibt schon gegenwärtig eine sehr umfangreiche populäre Literatur, speziell auch über das Alte Testament; wir haben ferner schon einige Zeitschriften, die sich diesem Dienste widmen; und wenn *) Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick. Von Friedrich Delitzsch. Stuttgart, Deutsche Berlagsanstalt, 1904. Delitzsch nur einen Blick in den Vortragskalender der „Christlichen Welt", unserer besten populären, kirchlichen und theologischen Zeitschrift, werfen wollte, könnte er sehen, wie viel populär-theologische Vorträge in j e d e r W o ch e überall im evangelischen Deutschland gehalten werden. Auch der Unterzeichnete, den Delitzsch auf Grund eines mißverstandenen Wortes anklagt, daß er dieser Arbeit abgeneigt sei, hat einen Teil seiner Arbeitskraft dieser Propaganda gewidmet; und wenn Delitzsch etwas besser in der theologischen Literatur Bescheid wüßte, so könnte er die Titel seiner bisherigen, allgemein verständlich geschriebenen Werke kennen. Delitzsch beachtet aber nicht die entgegenstehenden Instanzen, die uns beim Publikum um den besten Teil unserer Wirkung bringen. Es sind wahrhaftig nicht nur kirchliche ..Oberwie Unterhirten", die uns entgegenwirken (S. 6). Die kirchlichen Laienkreise suchen vielfach den Schutz vor unserer Wissenschaft dadurch, daß sie uns ignorieren und totschweigen; die Tagespresse kümmert sich seit alters wenig um Theologisches; die Vereine oder Vortragsinstitute scheuen die theologische Diskussion, und gerade das gebildete Publikum zeigt dem Theologen zumeist Interesse- und Verständnislosigkeit. Und ferner: kennt Delitzsch die Geschichte des Bonner Ferienkursus und den Fall Meinhold, sowie neuerdings den Fall Weinel? Gern wollen wir anerkennen, daß es Delitzsch unter den besonderen Umständen, unter denen er sprach, gelungen ist, an weitere Kreise zu kommen; aber sehr ungerecht ist es von ihm, die ganze Arbeit, die wir vor ihm geleistet haben, für nichts zu erachten. Schließlich noch ein Wort über, den Vorschlag, den Delitzsch macht, ein neues, geläutertes Altes Testament herauszugeben, in dem alles unserer Gemeinde Wertlose oder nicht recht Verständliche ausgelassen ist. Auch hier erweist sich Delitzsch als unorientiert; solcher Versuche von ..Schulbibeln" oder „Volksbibeln" gibt es schon mehrere, und diesen Versuchen wünsche auch ich alles Glück! Wenn Delitzsch aber das Alte Testament als „Bibel", d. h. als Religionsbuch", als „Kanon (S. 36 f.), geläutert wissen will, so ist das ein so verwegener, in sich haltloser Plan, wie ihn nur ein gänzlich unhistorischer Sinn aufsteüen kann. Ein Buch von solcher welthistorischen Art, das nunmehr zwei Jahrtausende existiert, kann man nicht ändern! Man mag eine Ausgabe davon fiir Kinder oder für historisch Ungebildete veranstalten, das Buch selbst soll man wohl stehen lassen. Denn es wird uns und unsere Kinder und Kindeskinder, ja, es wird unser Volk überdauern! Vor solchen großen historischen Mächten soll man Ehrfurcht haben. Was würde Goethe sagen, wenn er hören könnte, ein moderner Aufklärer wolle das Alte Testament „läutern'! Und welche Instanz gäbe es wohl in der evangelischen Kirche, die es wagen könnte, eine neue, geläuterte Bibel herauszugeben? Was für eine kirchenpolitische Idee! Nicht das Buch soll man ändern, aber seine Betrachtung. Wir sollen unser Volk lehren, daß dies Buch eine große Geschichte enthält, die von Niederem zu Höherem emporsteigt, und wir sollen das Geringerwertige oder ganz Weltliche in diesem Buche mit Pietät, aber mit Freimut als solches bezeichnen. Mit diesem Vorschlag, den Kanon zu ändern, hat Delitzsch noch einmal gezeigt, wie wenig historisch er denkt; darum, wenn ein großes Publikum ihm zugejubelt hat, so wundern wir uns darüber keineswegs, denn es ist ebenso unhistorisch gestimmt wie er-selbst; solchem Volke ist er der rechte Prophet. Wir sind auf seinen dritten Vortrag nicht gespannt." So weit Gunkel. Was aber uns Juden in diesem Schriftchen nicht sehr angenehm berührt, ist der gereizte Ton gegen das alte Testament allein, nicht aber. gegen das neue Testament. Trotz Delitzsch' Versicherung (Seite 30): „Wer aber wie ich auf monumentalem Boden steht, der verliert selbst Hunderten von theologischen Angreifern gegenüber, ja selbst wenn alle (deutschen) Assyriologen gegen ihn wären, auch nicht einen Augenblick seine Freudigkeit und Ruhe", hat er immer, wenn er über das alte Testament spricht, seine Ruhe verloren. Delitzsch meint (Seite 42), „daß die biblische Geschichte für die abendländische Christenheit