Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 23 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063235--03104-3069834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 23. Die Wahrheit Sette 5. bringen suchte, daß die Griechen die Psyche deshalb geflügelt I abbildeten, weil der menschliche Geist zum Fliegen und nicht zum Kriechen bestimmt sei? I Nun, die Zionistenführer hatten blos die modernen, westeuropäischen Juden im Auge und deshalb mußten sie das religiöse Moment desavouieren. Daß der politische Zionismus eine Notwendigkeit ist, bewiesen die Kischenewer Greueltaten, daß aber auch das religiöse Moment ein gar mächtiger Faktor im jüdischen Volkstum ist, bewies die Kischenewer Genisa. Ueber zwanzigtausend Juden gaben den von srevlerischen Händen zerrissenen Thorarollen unter Stöhnen und Weinen das Geleite zum Friedhofe? Wo so eine heilige Scheu vor der Tradition besteht, wo der biblische Geist noch so im Volke lebt, da muß man sich sagen, daß das religiöse Moment bei der zukünftigen Gestaltung des jüdischen Volkes eine gar mächtige Rolle spielen wird. Der Antisemitismus hat den politischen Zionismus gezeitigt, ersterer ist der Realgrund sür diese ganze Bewegung. Wer bürgt dafür, daß mit dem Wegfallen dieses Realgrundes nicht auch seine Folgeerscheinung zusammenstürzt? Ist es denn gar so ausgeschlossen, daß die Juden in absehbarer Zeit bessere Tage sehen werden? Wäre der politische Zionismus auch religiös fundiert, dann wäre sein Bestand unter allen Umständen gesichert. Kann man es also den Zionistenführern nicht nachsägen, daß sie der Religion in ihrem Programme diejenige Stelle einräumten. welche ihr vermöge der geistigen Konstitution des Judentums gebührt, so muß mau es ihnen — und das ist auch ein Ehreuzeugnis — nachrühmen, daß sie wenigstens bestrebt sind, das religiöse Gefühl des konservativen Juden nicht zu verletzen. Dies hat aber meiner Meinung nach der jüdisch-nationale Schriftsteller A. Coralnik in einem lesenswerten Aufsatze: „Das jüdische Kulturproblem und die Moderne" (Ost und West, Heft 5, Mai 1904) getan. Coralnik bewegt sich ganz im Nietzscheschen Fahrwasser. Als Aufgabe des modernen Judentums bezeichnet er die Züchtung eines höheren Judentypus, wozu die völlige Unabhängigkeit des jüdischen Volkes unerläßliche Voraussetzung ist, denn Sklaven können sich unmöglich zu einer Herrenmoral emporschwingen. Ob wir je jüdische Michelangelos und jüdische Goethes haben werden, das ist eine Frage der Zukunft; das Streben darnach, die Heranbildung eines höheren Typus ist und bleibt die Hauptaufgabe der Gegenwart. Dagegen wäre nichts einzuwenden. Wir zwar begnügen uns mit der Goetheschen Forderung: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Und dazu ist nur gute Erziehung erforderlich, welche geordnete ökonomische und politische Verhältnisse zur Voraussetzung hat. Coralnik unterscheidet aber — und das ist das Verletzende, zwischen dem toten Judentum, wie es in den biblischen, talmudischen und rabbinischen Schriften uns vorliegt, und dem von modernen Ideen erfüllten westeuropäischen Judentum, in dessen Händen allein die Zukunft, die voraussichtlich glorreiche Zukunft des jüdischen Volkes liegt. Das traditionelle Judentum ist tot, hat keine Lebenskraft und keine Lebensbefähigung mehr, aber im modernen Judentume lebt die jüdische Psyche fort, deren Grundzug der Wille zum Leben ist, jener starke Wille, welcher der Persönlichkeit starke Individualität verleiht. Und das Streben nach starker Individualität ist das Sehnen unserer Zeit, möglichst gesteigerte Individualität, Uebermenschentum, die Aufgabe der Zukunft. Das Judentum ist vermöge des Grundzuges feiner Psyche besonders dazu befähigt und berufen, dieses Ziel zu erreichen. Aber welches Judentum? Auch diese Frage beantwortet Coralnik. Nicht das traditionelle, welches wir in den alten Schriftdenkmälern vor uns haben und die den Tummelplatz der Pfaffen bilden, sondern das moderne Judentum, dessen Modernität eben darin besteht, daß es das Alte, Herkömmliche, Traditionelle, Herdenmäßige von sich abgeschüttelt hat. Und so liegt die Zukunft unseres Stammes nach dem Geständnisse Coralniks in einem Judentum, welches das Judentum überwunden hat, welches das Judentum negiert. Carolnik ist so inkorrekt, uns zu verheimlichen, von wem er diese Weisheit her hat. Nun ich will es meinen Lesern verraten; sie stammt von dem unglücklichen jungen Philosophen Otto Meininger, der die Konsequenz aus dieser Lehre gezogen hat und aus dem Judentume schied. Der alte Moser schrieb einmal an Heinrich Heine, daß in einer alten jüdischen Mumie mehr Leben stecke, als im ganzen modernen Judentume. Was würde er erst von so manchen heutigen jüdischen Schriftstellern sagen? „Das Judentum wird konservativ sein oder es wird überhaupt nicht mehr sein," sagt der geistvolle Adolf Jellinek in seinem sehr lesenswerten Buche „Der jüdische Stamm". Diese These wird vielfach auf Widerspruch stoßen. Denn wer wollte dem Judentume Entwicklungsfähigkeit und Entwicklungsberechtigung absprechen wollen. Jellmek war der letzte, der diesen geistigen Tod dem Judentume zugemutet hätte. Er hatte den Bestand des jüdischen Volkes im Auge und meinte, daß der Fortschritt sich nicht in einer dem jüdischen Geiste entgegengesetzten Richtung sich bewegen dürfe. Und darin hatte er vollkommen Recht. Muß man, um modern zu sein, das geistige Judentum von sich abschütteln? Hat denn das Judentum nicht Ewigkeitswerte geschaffen, die die Grundlage zu einer modernen Weltanschauung bilden können? Muß denn die Philosophie heterodox sein? Wie sagt nun Lazarus? „Ter Philosoph in seinem Sinnen und Denken denkt nichts anderes, als was die Substanz des Volksgeistes ist.' Und sollte sich gerade der jüdische Volksgeist der Gegenwart unfähig zeigen, eine jüdische Weltanschauung zn schaffen, welche Verstand und Gemüt in gleicher Werse zu befriedigen vermag. Ich glaube, daß besonders das Judentum vermöge seiner geistigen und moralischen Konstitution berufen und befähigt ist, einer Weltanschauung zum Siege zu verhelfen, welcher unsere Zeit nicht günstig ist, ich meine der idealistischen. Die Zeit^ ist uns Juden hiezu günstiger denn je. Wir haben einen Pfandfinder und Wegweiser in Hermann Cohen. Dieser Name bürgt dafür, daß man dem alten Judentume treubleiben und dennoch an der Ausgestaltung der modernen Kultur tätigen Anteil nehmen kann. Folgen wir seinem Beispiele; dadurch ehren wir ihn am besten. „Ja, der alte Gott lebt noch," ist 'ein geflügeltes Wort. Möge der Satz, „das alte Judentum lebt noch", es auch werden. Jakob Robinsohn. Kilrei am Seperlifch. i. In der letzten Zeit ist es Mode geworden, über Bibel und Babel zu sprechen. Durch den Umstand, daß ein Mann von der Bedeutung des Herrn Professor Delitzsch den Anstoß dazu gab, und ein erhabener Monarch sozusagen sein Siegel darauf drückte, ist die Bibel zuni wahren Volksgespräch geworden. Wir sagten: „Volksgesprüch" und nicht „Volksbuch", trotzdem viele die Bibel irrtümlich so nannten, weil unserer Meinung nach nur ein solches Buch, das das Volk wirklich liest und kennt, diese Benennung verdient. Leider aber können wir die Bibel nicht zu diesen Büchern zählen. Lob wird der Bibel viel zu viel zuteil, aber gekannt wird sie nicht einmal von den, gebildeten Kreisen. Auf kein anderes Buch kann so mit Recht Lessings Ausspruch: „Wir möchten mehr gelesen als gelobt werden" angewendet werden, wie auf die Bibel. Sie ist nur in Theologen- und Rabbinerkreisen bekannt, vtelleicht auch hier nicht, wie es sein sollte. Goethe sagte einmal: „Die Juden haben ein Bibel und gehen doch — auf die Börse." Dies kommt daher, weil die Juden ihre Schätze nicht kennen, geschweige denn nach ihnen handeln. Wie dem aber auch sei: Gsiit Volksgespräch ist doch die Bibel geworden. „Die Wahrheit" ist, wie immer, auch hier bestrebt, Ordnung und Klarheit in das Chaos zu bringen, und hie und da hat sie ihre Sümme über Babel und Bibel erhoben. Wir betrachten