Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 23 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 23 Juden benutzt werden. Wir hegen die volle Zuversicht, daß die wahren Mörder noch entdeckt werden; wir wünschten aber, daß dies noch geschehe, so lange Hülsner, d e r s ch w e r k r a n k i st, l e b t. Die christlich-soziale Presse verfolgt Dr. Kohn, den Ex- Fürsterzbischof von Olmütz, noch immer mit infernalischem Hasse und vermag die Geldsorderungen, die dieser anläßlich seiner Verzichtleistung stellt, nur mit dem Worte zu erklären : „Jud bleibt Jud." Wir halten demgegenüber eine Bemerkung für höchst beachtenswert, die in der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" ausgesprochen wird. Da heißt es: „Diese Haltung gegen einen hohen Kirchensürsten ist bei einem „christlichen" Blatte um so bemerkenswerter, als man gerade in diesen Kreisen ganz nervös wird, wenn andere den Standpunkt ..Jud bleibt Jud" gegenüber den e r st e n B e g r ü n d e r n d e s C h r i st e n 1 u m s e i n n e h m e n." Der Hieb sitzt und er trifft die Christlich-Sozialen umso heftiger, als gerade jetzt auch bekannt wird, daß der Nachfolger Kohns, der Fürsterzbischof Dr. Baue r, gleichfalls aus einer jüdischen Familie stammt, die seit gar nicht langer Zeit dem alttestamentarischen Glauben angehörte. Dem Fürsterzbischof Dr. Bauer, de-r sich klar ist, daß die Begründer des Christentums, Jesus und die Apostel, jüdischen Ursprungs waren, wird die Enthüllung „Jud bleibt Jud" nichts Neues sagen, aber die katholische Kirche dürfte kaum dabei gedeihen, wenn in „christlichen" Blättern solche Tatsachen in gehässiger und aufreizender Weise kommentiert werden. £ * Wir lesen im „Deutschen Volksblatt": (Juden haben keinen Zutritt.) Aus Karlsbad wird berichtet: „Der Pächter einer Restauration in Karlsbad gab seiner antisemitischen Gesinnung in der Weise Ausdruck, daß er an den Türen, welche zu seiner Gastwirtschaft führen, Tafelu mit folgender Inschrift anbriugen ließ: „I u d e n h a b e u k e i n e n Z u t r i t t!" Für den Fall aber, daß jüdische Kurgäste trotz dieser Tafeln ins Lokal kommen, gab der Pächter seinen Angestellten den Auftrag, an diese Gäste Getränke nur in solchen Gläsern zu verabreichen, welche die Inschrift trugen: „Nur für Juden." Als dieses Vorgehen zur Kenntnis der Behörde kam, wurde ihm seitens der Bezirkshauptmannschaft Karlsbad folgender Präsidialerlaß zugemittelt: „Durch die gepflogenen Erhebungen erscheint sichergestellt, daß Sie über mehreren Türen Ihrer Gast- und Schanklokalitäten Tafeln mit der Aufschrift „Juden haben keinen Zutritt!" angebracht haben und in Ihrem Gewerbebetriebe Gläser mit der Aufschrift: „Nur für Juden!" bereithalten. Der Inhaber eines Gast- und Schankgewerbes ist vermöge seiner Konzession gehalten, Speisen und Getränke au Gäste ohne Unterschied der Nationalität und Konfession zu verabreichen, die Verweigerung normiert sogar nach § 482 des Strafgesetzes eine Strafsanktion. Ihre Geschäftsgebahrung erscheint daher in den angegebenen Punkten unzulässig und geeignet, das für den Betrieb des konzessionierten Gewerbes gesetzlich normierte (§ 23 G.-Lrdg.) Erfordernis der Verläßlichkeit zu beeinträchtigen. Sie erhalten deswegen hiermit im Grunde des ß 138e Gew.-Ordg. die erste Warnung, mit dem Aufträge, die eingangs erwähnten Tafeln und Gläser sofort aus Ihrem Gewerbebetriebe zu beseitigen. Der k. k. Statthaltereirat Dr. Maurig." Das „Deutsche Volksblatt" knüpft hieran die Bemerkung: „Ueber die Berechtigung dieses Erlasses ließe sich streiten." Hübsch gesagt. Besonders von einem Blatte, welches Tag für Tag die Berechtigung der Staatsgrundgesetze nicht nur bestreitet, sondern direkt verhöhnt. Zionistische Klnten. Ob die Tätigkeit der politischen Zionisten ein Ruhmesblatt in der jüdischen Geschichte füllen wird, ist ebenso fraglich als wünschenswert. Fraglich wegen der Kühnheit des in der Welthistorie einzig dastehenden Projektes, die in allen Zonen seit vielen Jahrhunderten zerstreuten und auf fremder Erde bodenständig gewordenen Glieder eines Stammes wieder zu einer kompakten Einheit verschmelzen zu wollen; fraglich, weil die Bedeutung des metaphysischen Bandes, welches die in aller Welt versprengten Volkstrümmer seit Jahrhunderten geistig zufammenhält, wenn nicht rundweg geleugnet, so doch vielfach unterschätzt wird; wünschenswert, weil die Gründung eines Judenafyls dem von Generation .zu Generation sich fortpflanzenden Judenelende voraussichtlich ein Ende bereiten würde. Der Judennot/in Ende! Wessen Herz schlüge bei diesen Worten nicht hoher!' Und dennoch, dennoch stehl ein großer Teil des Judentums dieser erlösungverheißenden Bewegung nicht blos skeptisch,. sondern, was noch viel schlimmer ist, ganz kühl gegenüber. Warum? . .. ■ Der polnische Zionismus ist eine ganz moderne Erscheinung; modern deshalb, weil er, dem Zeitgeiste Rechnung tragend, das religiöse Moment ganz in den Hintergrund schob, und das Hauptgewicht auf das Nationalitätsprinzip legte. Die Zionistenführer gingen von der Erwägung aus, daß sie, um dem westeuropäischen Judentume nicht als Reaktionäre und religiöse Schwärmer zu erscheinen, den nationalen Gedanken als Mittel des Zusammenhanges und Zusammenhaltes der heterogenen jüdischen Volksmasfen wählen müssen. Und tatsächlich ist es diesem Umstände zu verdanken, daß sich jetzt Personen frei und offen als jüdische Juden deklarieren, die vorher nur durch die Hepp-Hepp-Rufe in unangenehmer Weise an ihr Judentum erinnert wurden. Das ist auch ein Erfolg, sogar ein großer Erfolg. Hebung des nationalen Bewußfeins ist ein Faktor, der nicht unterschätzt werden darf. „Unglücklich ist derjenige, der keine Nationalität hat," sagte der große Rechtsgelehrte Brinz, er fügte aber gleich hinzu: „unglücklich ist auch derjenige, der nichts als Nationalität hat." Nun, die politischen Zionisten haben nur Nationalität, und das ist der Grund, warum sich soviele konservative Juden dieser Bewegung nicht angeschlossen haben. Der konservative Jude kann sich nicht zu dem Gedanken emporschwingen, daß all sein Heil in dem nationalen Prinzipe zu suchen und zu finden sei; er ist davon überzeugt, daß die Religion allein das Judentum erhalten hat und erhalten wird, es ist ihm zum Axiom geworden, daß der ewige Bestand des Judentums an die Kenntnis und Beobachtung des Gesetzes geknüpft und gebunden ist; er ruft denjenigen, die ihm weismachen wollen, daß das wankende Judentum nur durch einen Judenstaat gerettet werden kann, entrüstet zu, daß man mit dem Judentum keine Jndianerpolitik ' treiben dürfe, daß man ihm nicht erst ein Territorium zuweisen müsse, um es vor dem sicheren Untergange zu bewahren. Der konservative Jude hat die richtige Vorstellung, daß das Judentum mehr als eine Nationalität, daß es eine Idee sei. Nationen können untergehen, aber Ideen sind unsterblich. Dies hat schon der große Heinrich Ewald erkannt, indem er sagte: „Israel bleibt im ganzen unzerstörbar und unbesiegbar; denn es ist kein mit Händen greifbares Ding, keine sterbliche Person und Nation. Es ist so gut wie eine Idee, ein unsterbliches Wesen, welches Menschen aufs tiefste verachten und mit Wut verfolgen können, das aber durch nichts zu verrilgen ist." Die politischen Zionisten haben die Bedeutung der Religion für das jüdische Volkstum nicht erkannt, oder wenigstens nicht gewürdigt. Diesen Vorwurf müssen sie sich schon gefallen lassen, wenn ich ihn auch auf ein Minimum reduziere, weil eben die Zionistenführer eine gebundene Marschroute hatten, um die westeuropäischen Juden für ihre Ideen zu gewinnen. Als religiöse Schwärmer durften sie nicht auftreten. „Das Judentum ist eben ein Volk, das die größten Gegensätze aufweist," sagte einmal Eduard Sueß, „bodenlosen Freisinn und bodenlosen Fanatismus, Pfaffen des Unglaubens und Pfaffen des Glaubens. Die goldene Mitte fehlt." Ueber eine Biographiensammlung, dessen Autor mir momentan nicht präsent ist, äußerte sich der große Hellenist Ernst Curtius deshalb so sympathisch, weil er in derselben die Verdienste von Eduard Losker und Moriz Lazarus mit feinem Verständnisse gewürdigt sah, welche gleich ihm die Bedeutung der Religion für das Volkstum voll und ganz erfaßt halten. Wer wollte deshalb an dem Freisinn dieses großen Historikers zweifeln, der seinem hohen Zöglinge,' dem nachmaligen Kaiser Friedrich, nach eigenem Geständnisse, vor allem die Lehre beizu-