Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 23 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DieZFahichsit Diebatliou n. Slbmiuiftratiou: I Wien, II/! Novaragaffe 27J Telephon Nr. der Druckerei! 15302 Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonneineulsu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Aertschrift für jüöische Intere^en. Erscheint jeden Ireitag. Uotto: ,,I)as 8i6K6l Oottes ist Wahrheit!" Vezugspyeis: Ganzjährig . . ff. 12.— Halbjährig ... ff. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig ... ff. 10 — Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark, ü Rudel oder 16 FcS. |tv. 33. Wien. 10. Juni 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Zionistische Blüten. — Die Bibel am Seziertisch. — Verschiedene Nachrichten. - Feuilleton. — Kantoren-Zeitung: Pensionsversicherung der jüdischen Kultusbeamten. Wir ersuchen um freundliche Einsendung des Abonnementsbetrages und bitten gleichzeitig jene geehrten Abonnenten, welche Sommerfrischen oder Kurplätze aufsuchen, uns rechtzeitig die genaue Adresse anzuzeigen, damit ihnen das Blatt dorthin regelmäßig zugesendet werden kann. Die Administration. Ans der Woche. Es ist seltsam, aber selbst die auf die Lage der Inden in Rußland sich beziehenden freundlichen Nachrichten rufen zugleich ein Gefühl der Wehmut mach: denn sie stellen uns lebhaft zwei Tatsachen vor Augen. Erstens enthüllen sie die tückische. Verlogenheit, mit welcher in Rußland bisher so erfolgreich die Judenhetze betrieben wurde, und' zweitens erfahren wir, wie leicht es den so allmächtigen russischen Behörden bei einigem guten Willen fiele, dem Recht und der Menschlichkeit zum Siege zu verhelfen. Der Brief eines russischen Polizeichefs ist es, der Anlaß zu diesen Betrachtungen gibt. Man erinnert sich, wie die judenfeindliche Presse in Rußland durch die lügnerischen Beschuldigungen, daß die russischen Juden die Armee beschimpfen und den Sieg der Japaner herbeiwünschen, die Volksleidenschaft aufstachelte. Niemand hinderte sie daran, im Gegenteil, die Polizei stand auf Seite der Hetzer. Seitdem die russischen Machthaber, Herr v. Plehwe mitinbegriffen, sich vor Europa ein wenig zu schämen anfingen, ist hier eine Wandlung eingetreten. Der „Swjet", ein Hetzblatt im Geiste Kruschewans, brachte kürzlich eine ähnliche gehässige und aufreizende Korrespondenz bezüglich einer Jüdin aus Kertsch. Und nun erklärt der Polizeiminister von Kertsch, Janow, m einem offenen Schreiben u. a. Folgendes: „Ich stellte in Bezug auf den Inhalt der in der Zeitung „Swjet" veröffentlichten Korrespondenz über die Jüdin eine genaue Untersuchung an. Ich habe dabei feststellen können, daß die Nachricht der Zeitung „Swjet" vollkommen aus der Luft gegriffen und nichts anderes ist, als die Frucht böswilliger Erfindung, die anständiger Leute unwürdig ist und die nur den Zweck hat, zwischen den Vertretern verschiedener Nationalitäten Haß und Zwietracht zu säen und das ungebildete Volk irrezuführen. Ein derartiges Verfahren der Redaktion ist eine einfache böswillige Hetze, die der Presse unwürdig ist." Wie viel Elend wäre den armen russichen Juden erspart worden, wenn die böswillige Hetze der Presse nicht durch die russischen Behörden patronisiert worden wäre? Der „Swjet" ist ein russisches Blatt, welches sich gleich Kruschewans „Bessarabetz" in der Iudenhetze ein Beispiel an der Wiener antisemitischen Presse, insbesondere an dem „Deutschen Volksblatt" nahm, dessen Herausgeber Bergani sich selbst mit Stolz der Kruschewan von Wien nannte. Wann werden sich österreichische Behörden aus eigener Initiative veranlaßt sehen, sich ein Beispiel an dem Polizeiminister der Stadt Kertsch zu nehmen? Verlogene und ausreizende Lügen bilden den Hauptinhalt des „Deutschen Volksblattes" und man sollte meinen, daß „die böswillige Hetze" nicht nur der russischen Presse unlvürdig ist. * Die Mitteilungen eines Berliner Blattes über neue Spuren zur Aufklärung der K o n i tz e r M o r d a f f a i r e haben großes Aufsehen erregt und haben den freisinnigen wie den antisemitischen Zeitungen Anlaß zu lebhaften Erörterungen gegeben. Es ist kein Zweifel, daß die Staatsanwaltschaft alle Spuren, die auf einen bestimmten Täter Hinweisen, unablässig verfolgt und es ist auch sicher, daß die Indizien gegen eine bestimmte Person sich in letzter Zeit mehrten. Aber es ist auch Tatsache, daß die Verhaftung Maßloffs, von welcher in dem Berliner Blatte die Rede war, nicht erfolgte, und die antisemitische Presse jubelt. Bei der ungeheueren Wichtigkeit und Bedeutung, welche die Entwirrung der Konitzer Mordaffaire Hütte, die von der antisemitischen Presse mit ausdauernder Böswilligkeit zu einem Ritualmord gestempelt wird, muß es doppelt beklagt werden, wenn derlei irrtümliche Mitteilungen, wie die von der Verhaftung Maßloffs, in die Oeffentlichkeit gelangen. Gewiß sind Jrrtümer nicht zu vermeiden, aber in einer Angelegenheit, wie die Konitzer Affaire, wo eine v e r f r ü h t e M i t t e i l n n g dahin führen kann, daß d i e A n t i s e m i t e n Z e i t f i n d e n, d i e W a h rheit zu verdunkeln und zu vertuschen, ift bie streng st e Vorsicht, die weite st gehende Reserve doppelte Pflicht. Apropos Könitz. Denkt in Oesterreich niemand daran, daß die P o l n a e r Mordaffaire, die von der antisemitischen Presse unausgesetzt zur Ritualmordbeschuldigung ausgebeutet wird, dringend der Entwirrung bedarf. Wer den Polnaer Prozeß mit unbefangenem Blicke verfolgte, kann sich der Ueberzeugung nicht verwehren, daß der unglückliche Hülsner das Opfer eines Justizirrtum es ist, der umso furchtbarer ist, als seine Folgen zu Angriffen gegen die Gesamtheit der