Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 22 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063234--03094-3069823- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit Nr. 24. eingänge bei 182 Vereinen in Süddeutschland und im Regierungsbezirk Wiesbaden berücksichtigt. Nicht nur ist der eingangs erwähnte den Juden gemachte Vorwurf unberechtigt, sondern es wird umgekehrt geklagt, daß Juden sich in großer Zahl und mit erheblichen Beiträgen sogar an spezifisch christlichen Wohltätigkeitsveranstaltungen und Sammlungen beteiligen, mährend es Christen fast niemals einfalle, für jüdische Zwecke auch nicht konfessioneller Natur etwas beizusteuern. Daß sich an den Sammlungen für die Juden in Kischinew Christen mehrfach beteiligten, erregte fast Aufsehen und findet jedenfalls nur seine Erklärung in den Ungeheuerlichkeiten, die damals das allgemeinste und tiefste Mitleid erregten. Auch kommt es nicht selten vor, daß aus christlicher Seite die Beteiligung der Juden an Sammlungen für kirchliche Zwecke hier und da beanstandet wird, so daß, wenn das nicht der Fall wäre, die Beteiligung der Juden eine noch größere wäre. Aus allem dem geht jedenfalls so klar als nur irgend möglich hervor, daß die Juden, obwohl sie für die Armen und sonst Unterstützungsbedürftigen aus ihrer Mitte fast ganz allein zu sorgen haben, doch noch ein weites Herz haben für die Not von Nichtjuden. Die Bedeutung der babylonische« Ausgrabungen für Israel. (Fortsetzung.) Ebensowenig wie das israelitische Recht darf der israelitische Kultus zum bloßen Plagiat aus dem Babylonischen gemacht werden. Aber wir finden bei einer Durchsicht des keilinschriftlichen Materials, daß im kultischen Leben Israels, in der äußeren Handhabung der Religion, eine vielfältige Verwandtschaft mit den babylonischen Formen war. Mehrere Bezeichnungen^ von Opfern und rituellen Handlungen haben die Israeliten mit den Babyloniern gemein (sebach. nesek ketoret, kiddasck, kadesck, kipper furspr. — abwischenj, salach), weiter aber auch verschiedene Opferarten und Ine Auffassung derselben, die Idee des Tieropfers als eines stellvertretenden Opfers, die zwölf Schaubrote, die Bestimmungen über die Oualifikation zum Priesterdienst, Aehnlichkeiten im Orakelwesen und in den Trauerbräuchen. Die Verwandtschaft weist nicht immer auf Abhängigkeit und manches von dem Aufgezählten mag seinen Ursprung nach nicht bloß babylonisch, sondern allgemein menschlich sein, aber das natürlichste ist, daß die Israeliten es von der babylonischen Kulturwelt übernommen haben, denn auch der Kultus gehört zum ganzen äußeren Bestände der Kultur. Direkte Entlehnung kultischer Bräuche von Assyrien und Babylonien, wie sie in der Königszeit vorkamen und von den Propheten als Götzendienst bezeichnet wurden, brauchen wir hier nicht zu erwähnen. Der Sabbat sodann als Abschluß der siebentägigen Woche hat sich möglicherweise aus der ähnlichen Einrichtung des babylonischen schabattu herausentwickelt; die Neumondfeier wird von der Heimat der Mondverehrung sich verbreitet haben; der Name Jahwe findet sich auf den Tontafeln in außerisraelitischem Gebrauch, z. B. als Bestandteil von syrischen Fürstennamen und vielleicht auch von alten babylonischen Nanien, meist in der Form Jahu, aus der fich dann die hebräische Form Jahwe gebildet hätte. Ferner ist das hebräische Wort für Prophet, rrabi, höchstwahrscheinlich mit dem babylonischen nabu verwandt; nabu ist der Sprecher, der Verkündiger des Schicksals, Nabu (Nebo) der Gott der Schicksalsbestimmung, so daß also der nabi von Haus aus der Verkündiger des Schicksals wäre, was mit dem Wesen der israelitischen Prophetie vorzüglich übereinstimmt. Endlich ist die formelle Abhängigkeit der israelitischen Psalmen von den babylonischen kaum zu leugnen, wenn auch die Verschiedenheit des Geistes größer ist als die Aehnlichkeit des äußeren Gewandes. Der Autor versucht hierauf in eingehender Auseinandersetzung den Einfluß der astronomischen Weltanschauung Babylons auf die israelitische Gedankenwelt und die Aehnlichkeit der biblischen und babylonischen Urgeschichte betreffs des Schöpfungsberichtes, der Paradieserzählung und des Sintflutberichtes nachzuweisen, ohne jedoch zu leugnen, daß durch das Zeugnis der babylonischen Denkmäler die biblischen Erzählungen nichts von ihrer Größe verlieren. Dann fährt er in seinem Resumö in folgender Weise fort: Wir sehen, daß die biblischen Schriftsteller nicht etwa den babylonischen Geist übernahmen, aus dem die Urgeschichten entstammten, daß sie vielmehr jene babylonischen Traditionen in den Bereich ihres eigenen, durchaus verschiedenen Geistes hereinzogen. Und seitdem wir durch die Ausgrabungen diese menschlichen Traditionen kennen, wissen wir erst, wie groß und stark der prophetische, gottgegebene Geist Israels gewesen ist. Man hat mit Recht an Faust erinnert und darauf hingewiesen, was die massive Volkssage von Faust in der souveränen Hand Goethes geworden ist; man kann an Statuen der klassischen griechischen Kunst denken, die der äußeren Form nach ihre Abstammung von unbeholfenen antiken Vorbildern verraten, aber doch gegenüber den letzteren wie eine Offenbarung erscheinen. Der Geist, auch der Geist Gottes, schafft nicht aus dem Nichts, sondern er behandelt den gegebenen primitiven, rohen Stoff. Was hat der prophetische Geist der biblischen Geschichtsschreiber aus dem babylonischen Sintflutbericht gemacht! Die biblische Erzählung ist ja selbst in manchen Zügen eine kindliche Erzählung, aber sie steht hoch über der babylonischen da: die Auslieferung des göttlichen Beschlusses an Utnapischtim ist ein Verrat des einen Gottes an der Götterversammlung; Utnapischtim wird nicht wegen seiner Frömmigkeit bewahrt, sondern wider den Willen des Obergottes durch List errettet; als die Leute den babylonischen Noah fragen, warum er die Arche baue, muß er sie nach seines Gottes Rat hinters Licht führen, damit sie umso sicherer in ihr Verderben rennen; wie die Unwetter der Sintflut einherstürmen, wird es den Göttern selbst angst und bang, gleich dem Zauberlehrling, der die Geister rief; nach geschehener Flut streiten die Götter miteinander, daß so viel Unheil angerichtet wurde, und endlich wie der babylonische Noah sein Opfer zurichtet, da heißt es: die Götter rochen den Duft, die Götter rochen den guten Duft, die Götter sammelten sich wie die Fliegen um den Opferer. Ebenso wird die babylonische Schöpfungsdarstellung von dem Kampf zwischen Marduk und dem Ungeheuer Tiamat, bei dem die andern Götter voll Angst und Begier zuschauen, weil es sich für sie um Sein oder Nichtsein handelt, in der Bibel zu einem Preis auf die lautlose Allmacht Gottes. Schon die persische Religion, die diesen Mardukkampf übernimmt und daraus den Sieg des Lichtgottes über den bösen Satan macht, hat das babylonische Gefäß, die Natursage, mit ganz neuem sittlichem Gehalt gefüllt; in der biblischen Darstellung von Gen. 1 ist kein Kampf mehr zwischen zwei Gewalten, sondern das rein geistige Schöpfungswort des einen guten Gottes. Es ist also zwischen den beiderseitigen Berichten wohl etliche Aehnlichkeit in der Form, aber ein fundamentaler Unterschied des Geistes, und das was für uns religiös und sittlich wichtig ist, das finden wir nicht in der babylonischen, sondern in der biblischen Darstellung. Die Götter der keilinschriftlichen Erzählung sind nicht schlechter und nicht besser als die Götter und Göttinnen, deren Lebens- und Liebesgeschichten wir aus den griechischen Sagenbüchern wissen; sie leben in der Niederung menschlicher Leidenschaften und weisen sich dadurch als Gebilde der unfertigen Phantasie des Menschen aus. — Ebenso wie mit den urgeschichtlichen Berichten verhält es sich mit dem Sabbat; der Name und die allgemeine Form der Einrichtung mögen übernommen fein, der Sinn der Einrichtung ist ein ganz anderer geworden. In Babylonien ist der Sabbat ein Aberglaube, ein Unglückstag, an dem alle Geschäfte stillstehen, weil kein Segen darauf liegt, er ist ein Bußtag, an dem der Zorn der Götter versöhnt werden muß; in Israel ist er ein göttlicher Tag der Ruhe und des besonderen Segens geworden. Endlich ist das Vorkommen des Jahwenamens außerhalb Israels für die