Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 22 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Nr. 12 reite 4. Ein wahrer Dichter, der auch ein wahrer Volkssreund ist,; kann sich unmöglich zum Schleppträger der antisemitischen Ideen erniedrigen. Darüber kann es keinen Zweifel geben. Nichtsdestoweniger muß der sittliche Mut gerühmt werden, der dazu; gehört, wenn ein Dichter, unbekümmert um Anfeindungen und Verdächtigungen laut und offen den Antisemitismus als eine Gefahr für Staat und Gesellschaft, als ein Schmach für die Menschhei kennzeichnet. Rosegger hat dies in einem vor j zwei Jahren erschienenen Briefe ..Mein Himmelreich" mit , überzeugender Klarheit und ergreifender poetischer Kraft getan. ' Die Ansichten, die Rosegger in diesem Buche über die anti-! semitische Bewegung aussprach, find Peitschenhiebe, die wuchtig auf die Häupter der Antisemitenführer niedersausen. Die > Antisemiten, die den Dichter Rosegger wegen seiner stets! laut und entschieden -betonten nationalen Gesinnung so gerne zu den ihrigen gezählt hätten, fühlten sich durch Roseggers! Buch empfindlich getroffen. Sie grollen ihm, sie hassen ihn,! aber sie fürchten ihn auch. Aus dieser Mischung von Gefühlen j heraus ist es erklärlich, daß der Bürgermeister Dr. Lueger die; haarsträubende Taktlosigkeit beging, anläßlich eines Festes, dem! auch Rosegger beiwohnte, in einer Rede zu sagen: „Wenn man; auch nicht mit allem einverstanden ist, was der Mann gej schrieben, so wird doch jeder zugeben, daß er im großen und j ganzen ein braver Mensch ist. Das war die Revanche dafür,! daß Rosegger den Antisemitismus im großen und ganzen als eine pöbelhafte, rohe Gesinnung, unwürdig eines wahren Kulturmenschen hingestellt hat. Wenn es eines Beweises dafür bedurfte, wie Recht Rosegger damit hatte, Luegers Rede hätte ihn erbracht. Nur Antisemiten werden es auch fassen können, daß ein Lueger, der stolz darauf fein mußte, von einem Rosegger auch nur eines Wortes gewürdigt zu werden, in so anmaßender, hochnäsiger Weise über ihn zu äußern sich erdreistet. * * * Ein Brief Iokais an den ungarischen Unterrichtsminister wurde anläßlich des Todes des Dichters neuerlich in den ungarischen Blättern reproduziert: In diesem Briefe heißt es u. A. „Ich fürchte, daß die Einbürgung des Antisemitismus zum Verderben unserer Nation führt." Die Aeußerung eines so großen Dichters und Denkers verdient an und für sich besondere Beachtung. Es scheint uns aber auch als bemerkenswert, daß denselben Gedanken vor wenigen Wochen der englische Premierminister B a l f o u r Ausdruck gab, als er in einem Schreiben, dessen Veröffentlichung er anordnete, buchstäblich sagte: „Ich bin überzeugt, daß das Entstehen und Anwachsen der antisemiüschen Gesinnung ein großes nationales Unglück für England bedeuten würde." In Oesterreich scheint man weder die Meinung des Dichters Jokai noch die des Staatsmannes Balfour zu teilen. Ganz im Gegenteil. „Mas ftud Jaden?" Von Lazar Schön-Würzburg. (Schluß.) Der Vorschlag des Herrn Dr. Stratz wäre also schon vom historischen Standpunkte aus zu verwerfen. Allein noch mehr! Er enthält eine krasse Ungerechtigkeit und führt zum Gegenteile dessen, was beabsichtigt werden soll. Dr. Stratz will die Juden vor dem Untergang retten, indem er sie vernichten will. Das ist die sonderbare Logik jener Leute, die einen armen Mann totschossen, damit er nicht verhungerte. Wenn die Juden sich mit den übrigen Völkern vermischen, hören sie eben allmählig auf, Juden zu sein. Mit den Mischehen ist es, wie mit den Schwämmen: Die besten taugen nichts. Jede Mischehe bricht einen Stein aus dem Fundament der Religion. Religiöse Gleichgiltigkeit ist die zur Ertragung des Lebens notwendige Folge. Die religiöse Gleichgiltigkeit aber ist nicht mehr und nicht weniger als der Anfang vom Ende. Das Rezept Dr. Stratz' ist aus jener modernen Weisheitskiiche hervorgegangen, in der Universitätsprofessoren Bazillen im Bazillus entdecken, Kathedersozialisten das Elend und die Not des Volkes mit Programmpunkten füttern, Astronomen den Untergang der Welt verkünden und Anthropologen auf Jahr und Tag die Lebensdauer der Völker berechnen.'Das Judentum wird über den Vorschlag, der nur ein Zeichen der Zeit ist, zur Tagesordnung übergehen. Er ist für das Judentum unannehmbar. „Alle nicht gemischten Geschlechter sterben schließlich aus," sagt Dr. Stratz. Das mag wohl wahr sein; ist ja auch der Erde kein ewiger Bestand zugesichert. Wenn man aber einerseits die wunderbare Tatsache sich vor Augen hält, daß das jüdische Volk nun schon fünf Jahrtausenden lebt, und immer wieder mit den anderen Völkern Schritt hält, oder sie überflügelt, und anderseits bedenkt, daß auch solche Nationen, wie die römische, die aus den beterogensten Elementen bestand und die verschiedenartigsten Stoffe in sich aufnahm, im Wirbel der Zeiten spurlos verwehten, dann wird obiger Satz viel von seiner bindenden Giltigkeit verlieren. Dr. Stratz fürchtet, bei den Juden möchten allmählig die Fehler die Vorzüge überwuchern. Das braucht man nicht anzunehmen. Schönheitsfehler verschwinden von selbst durch die Kultur, die bessere hygienische Verhältnisse schafft, wie durch die wirtschaftliche Entwicklung, die bessere leibliche Auswahl zur Ehe gestattet. Zudem werden körperliche Unschönheiten des, sagen wir männlichen Teiles, reichlich ausgewogen durch die im Lied gefeierte harmonische Bildung des anderen Teiles. Dr. Stratz sieht hierin etwas zu schwarz. Er hat auch Unrecht, wenn er anzunehmen scheint, daß die Vereinigung der jeweils besten Elemente die Uebermenschen der kommenden Perioden schaffen würde. Gerade Anthropologen von Weltruf führen den Beweis, daß die Mischlinge (Kreolen, Mestizen) überwiegend nicht die Vorzüge, sondern die Laster beider Rassen erben. Das wäre dann erst recht von Uebel. Nein, Herr Dr. Stratz! Der Haß gegen die Juden liegt tiefer, als Sie glauben. Er liegt nicht an der äußeren Erscheinung des sogenannten Normaljuden, sondern in den Grundanschauungen der Christen. Das ist der gesellschaftliche Antisemitismus. Der politische Antisemitismus benützt ersteren als Mittel zum Zweck, um den schlummernden Fanatismus der Massen zu entfachen. Kriegsvorwand ist für ihn stets drohender oder bereits eingetretener wirtschaftlicher Tiefstand, wie der Nationalsoziale v. Gerlach gezeigt hat. Die Waffen aber, mit denen er kämpft, sind alte und nur Lügen und jene fluchwürdige Gepflogenheit, Fehler eines Einzelnen der Gesamtheit aufzuladen. Die Kulturaufgabe eines Volkes besteht auch nicht darin, in einem anderen oder in mehreren aufzugehen, sondern im Gegenteile in der Entwicklung seiner eigenen Kräfte, in der Entfaltung seiner berechtigten Eigentümlichkeiten. Alles Große in der Welt ist nicht aus einem Völkerbrei hervorgegangen, sondern aus dem Kampf größerer und kleinerer Interessengruppen. So ist die Kulturaufgabe des jüdischen Volkes, seinen Anschauungen stets treu zu bleiben, und fußend auf dem heiligen Boden der Ueberlieferung, eng zusammengeschweißt durch das Band der göttlichen Gesetze, in einem Kreis, der das Enge und Weite, den Anfang und das Ende aller Dinge' umfaßt, weiterzuleben, zum Segen für sich und die Völker der Erde. Zum Schluffe wollen wir. damit wir nicht nur kritisiert, sondern auch Ausblicke auf eine bessere Zukunft eröffnet haben, nochmals darauf verweisen, daß der Antisemitismus durch die steigende Kultur erlöschen wird, das jüdische Volk, besser gesagt, das Judentum, für seinen Fortbestand nach Gottes Willen nicht zu fürchten hat, so lange es sich das Recht wahrt und die Pflicht beobachtet, was Recht und Pflicht jeder Nation ist, sich selbst und seinem Gotte treu zu bleiben. Treu seinem Gotte! Das muß die Losung sein, die als historische Notwendigkeit in der Geschichte Israels begründet ist. Gott hat sein Volk auserwählt unter allen Nationen der Erde als Hüterin des Heiligtums, des monotheistischen Gedankens. Dafür aber muß es auch leiden. „Denn je vollkommener jemand ist, umsomehr leidet er." Und'Jesaias ruft dem Volke Gottes halb tröstlich, halb schreckend