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Die Wahrheit · 1904-06-03 · Heft 22 (3.6.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 22 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dis Wahrheit Redaktion u. Administration: Wien, II/j Novaragasie 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeite. Abonnementsn. Jnsertionsbeträae sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heiifchrifl für jüöifche Antere^en. Erscheint jeden Ireitag. litotto: „Das LieZel Gottes ist Wahrheit!" Berngsp^eis: j Ganzjährig . . ff. 12.— j Halbjährig ... ff. 6.— I i Für CultuSbeamte: j Ganzjährig . . . ff. lv — j Für Ausland: Ganzjährig . . . * Mark. 6 Rubel oder lt> Fcs. Ur. 22. Inni 1904. Inhalt: 2(u» der Woche. — „Was sind die Juden?" — Wohltätigkeitssinn der Juden gegenüber den christlichen Mitbürgern. — Neue Beschränkungen für die rumänischen Juden. — Die Bedeutung der babylonischen Ausgrabungen für Israel. — Literatur. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. Wir ersuchen um freundliche Einsendung des Abonnementsbetrages und bitten gleichzeitig jene geehrten Abonnenten, welche Sommerfrischen oder Kurplätze aufsuchen, uns rechtzeitig die genaue Adresse anzuzeigen, damit ihnen das Blatt dorthin regelmäßig zngesendet werden kann. Die Administration. Ans der Woche. Oft wurde schon — von jüdischer Seite allerdings — die Frage ausgeworfen, wie es möglich sei, daß der Papst als der erste Vertreter der Religion der Liebe, schweigend gegenüber den Greueln verharren könne, die angeblich im Namen des Christentums von frevelhaften Fanatikern gegen Juden verübt werden. In der italienischen Kammer hat nun der geistvolle und beredte Deputierte Guerzi in einer ironischen Form diesen Gedanken gestreift, indem er in einer Auseinandersetzung über die bekannte Protestnote des Papstes u. a. sagte: „Mein Gott, der Papst muß doch seinem Herzen irgendwie Luft machen. Laßt ihn fluchen! Es ist nicht bös gemeint! Gönnt ihm die Kurzweil, da er zu so furchtbar ernsten Dingen schweigen muß. Er schweigt zu armänischen Greueln, zur Ermordung des Königs Humbert, zur Menschenjagd auf dem Balkan, zu den Greuel taten von Kisch in ew, so laßt ihn doch in Italien wenigstens frei reden." Er hätte aber noch hinzufügen können, daß Rom nicht nur zu den Greueln von Kischinew schweige, die bekanntlich ihren Ursprung in einer infamen Ritualmord- Beschuldigung hatten, sondern daß Rom es auch schweigend duldete, daß katholische Priester in blöden Machwerken, die sich als wissenschaftliche Arbeiten gerieten, und auch in aufreizenden Reden von der Kanzel herab für diese Ausgeburt der Lüge und der Böswilligkeit eimreten. Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir nachstehende interessante Zuschrift: „Ihr g. Blatt hat erst kürzlich Klage und Anklage gegen den leider so überhandnehmenden Abfall vom Judentume erhoben und hiebei insbesondere betont, wie doppelt schmachvoll und empörend es sei, daß unter den Fahnenflüchtigen so viele seien, die aus den geringfügigsten Ursachen dem Glauben ihrer Väter den Rücken kehrten. Aus ganzem Herzen unterschreibe ich auch die Bemerkung, die Sie bei dieser Gelegenheit machten, daß die große Gleichgiltigkeit zu verurteilen sei. mit der man von allen Seiten diese eine arge Charakterlosigkeit verratende Fahnenflucht beurteile. Ich bin heute in der Lage, Ihnen über einen Vorfall zu berichten, der wohl den Schluß zuläßt, daß die Brandmarkung des Abfalles dazu beitragen könnte, die Zahl der Judentausen zu verringern. Kürzlich war ich bei dem Begräbnisse eines Mannes anwesend, der, obwohl er als Jude in seiner künstlerischen Karriere große Hindernisse und Schwierigkeiten zu begegnen hatte, treu seiner Religion blieb, in der er lebte und starb. Der Prediger rühmte dem Toten diese Treue nach und würdigte die Charakterstärke des Verblichenen, der lieber auf manchen Erfolg verzichtete, bevor er den Glauben seiner Väter verleugnete. Unter den Trauergästen befand sich mehr als Einer, der der Karriere zuliebe seinen Glauben verlassen. Der Prediger mochte wohl dies nicht gewußt haben, aber ich, der ich die betreffenden Betroffenen kannte, sah, wie schmerzlich sie von den ergreifenden Worten des Redners beriihrt wurden, wie sie in dem traurigen Momente, der ihnen die Vergänglichkeit und Nichtigkeit alles Irdischen vor Augen führte, das Gefühl der Beschämung nicht überwinden konnten. Ich hatte aber auch die Ueberzeugung gewonnen, daß die Worte des Predigers, der in schönen, innigen und eifrigen Worten die Treue zur Religion pries und denAbsallverdämmte, ihre Wirkung aus alle Anwesenden übte. So mancher dürste in dieser Stunde erkannt und empfunden haben, was der Abfall bedeute . . ." * Die gesinnungs- und charakterlose Bewunderung, die wahl- und urteillos denen entgegengebracht wird, die gerade Erfolg und Macht haben, darf wohl keinen Anspruch aus Respekt erheben. Ein Gefühl der sittlichen Empörung und Verachtung muß es jedoch Hervorrufen, wenn man Zeuge des Schauspieles ist, wie dem Bürgermeister Dr. Lueger, dem Chef der antisemitischen Partei, von Politikern Weihrauch gestrem wird, die sich so gerne als Träger des Freisinnes, als Hüter der fortschrittlichen Ideen gerieren. Die Festlichkeiten anläßlich des Semmering-Jubiläums haben traurige Belege dafür gebracht, daß in Oesterreich auch vorgebliche Fortschrittsmänner sich nicht schämen, dem Dr. Lueger, weil er der Führer einer mächtigen Partei ist, ihre Huldigungen zu Füßen zu legen. Die Semmering- Feste, die zu Ehren eines schönen und stolzen österreichischen Werkes gefeiert wurden, haben dadurch auch traurige beschämende Erinnerungen geweckt. I , v - - '»■■ff "L t UHIJ *1 1 I» 1 Mi >,»> MIM » » 1» " I 11 f ■ HHWiB Ml i) <i Uli' ll| 'I 11 M' I i II - .'.»fc'aM'

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