Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21. Seite 10. Die Wahrheit ..Endlich habe ich Dich gefunden, mein armer, verirrter Sohn!"' tönte die wohlbekannte, sanfte Stimme an das Ohr des Sohnes. Dieser suchte den Schauer, der ihn bei diesen Worten überkam. abzuschütteln und raffte sich zu der mit bebenden Lippen vorgebrachten Frage auf: „Wo kommst Du her? Was willst Du hier?" „Mein Sohn! Wenn Du auch Deines alten Vaters vergessen hast, soweit vergessen, daß Du an meinen Jahrzeitstagen nicht einmal den üblichen Kaddisch sagtest — ich habe doch Deiner nicht vergessen und Dich ausgesucht, um Dich heute, an Deinem Geburtstage zu segnen." „Du irrst, alter Vater! Heute ist erst der 23. Mai, während mein Geburtstag meinem Zeugnisse nach der 3. Juni ist." „Doch, mein Sohn! Heute ist Seman matan Taurossenu, der Vorabend des heiligen Tages, an dem Gott die hehre Himmelstochter, seine Tora, herniedergesendet hat, um allen Völkern der Erde eine Leuchte zu sein in alle Ewigkeit. An diesem Tage wurdest Tu, mein Einziger, mir geschenkt, und in meiner dankbaren Vaterfreude gelobte ich dem gütigen Vater im Himmel, daß ich diesen meinen Erstgeborenen erziehen werde zum Lernen der Tora und zur Erfüllung aller der uns von ihr auferlegten Pflichten. Auch Deine Seele, mein Kind, ist einstmals am Fuße des heiligen Berges gestanden und hat die bedeutungsvollen, auf ewig bindenden Worte gesprochen: ,Wir wollen befolgen und anhören!- Leider, leider hast Du nur einen Teil Deiner Zusage gehalten. Du hast gehört alles das, was Moses am Berge Horeb aus göttlichem Munde vernommen, und das dann als Jahrhunderte gehende von Mund zu Mund sich fortpflanzende Ueberlieferung den Grundstoff unseres Talmud bildet. Du hast von Kindheit alles das fleißig erforscht und gelernt. Doch als es zum Erfüllen der erlernten Gebote kam, da hat der böse Trieb bei Dir die Oberhand gewonnen und Du bist ein Apikores geworden!" Der sprachgewandte Professor, der glänzende Redner, der seine Zuhörer im Hörsaale zu staunender Bewunderung hinzureißen gewohnt war, er fand kein Wort der Erwiderung auf die Anklage des zürnenden Vaters. Nervös spielten seine zitternden Hände mit der goldenen Uhrkette. „Was hast Du da?' frug der Greis und tastetete nach einem an der Kette befestigten Anhängsel. . „Ei," sagte Rafael sich fassend, „das ist noch ein Ueberbleibsel alten Aberglaubens. Es ist dies die kleine Mesusa, die Du mir beim Abschiede mitgegeben. Ich habe jedes Vorurteil abgelegt, welches mich von früher her umfangen hielt, doch von dem Ding da konnte ich mich nicht trennen; es scheint mir so, daß ein Stück meiner selbst mir damit gleichzeitig abhanden käme. Ich trage es als ein Amulet, ein Mittel gegen aller Art von Unglücksfällen." „Aberglauben nennst Du es, Vorurteil, das Blatt, worauf unser Glaubensbekenntnis, das „H ö r e, I s r a e l, d e r E w i g e, unser Gott ist ein einzig, ewiges Wesen" niedergeschrieben ist? Als Amulet also dienen Dir diese Worte, gleich einer Zauberformel, wie sie götzendienerische Menschen an ihrem Körper tragen?" Wehmütig schüttelte der Greis das edle, von weißen Locken umrahmte Haupt: „Ein solcher Mißbrauch lag damals nicht im meiner Absicht, als ich Dir diese Mesusa gegeben, nicht als ein abergläubischen Zwecken dienendes „Amulet", wie Du Gottloser es nennst, sondern als Symbol der reinen, echt jüdischen Gottesidee. Ich bin heute gekommen, Dich zu segnen, Dir zu vergeben. Die Worte aber, die Du jetzt gesprochen, haben mir bewiesen, daß Du meiner Verzeihung und meines Segens unwürdig geworden bist. Unwürdig ebenso, wie Du Dich erwiesen hast, der Träger dieser Gottesidee und ihres Symboles zu werden." Bei diesen Worten langte die schmale, dürre Hand des Vaters nach dem Anhängsel. Mit einem raschen Ruck war es abgerissen und in der zur Faust geballten Hand verschwunden» Verschwunden war auch die Gestalt des alten Bernstein. Rafael wußte nicht recht, wie ihm geschehen. Schwindelnd griff er nach seinem Kopfe — der saß noch fest, auf feinem alten Platze, zagend wollte er das Amulet fassen, das aber hieng nicht mehr an der Kette — mit der Erscheinung des Vaters war es verschwunden. Voll Entsetzen rief der Unglückliche: „Vater, Vater, vergieb mir! Ich will ein Anderer, Besserer werden!" Und wieder tauchte der ehrwürdige Kopf des Vaters aus dem gespenstischen Zwielichte auf, welches das noch immer lodernde Gestrüpp des Berges in die eingetretene Dunkelheit warf, und Rafael hörte ihn die Worte sprechen: „Dir zu vergeben steht nicht mehr in meiner Macht. Doch, wenn Du noch vor Torschluß die Mauern Prags erreichst und noch heute von Deinem schnöde verlassenen Lehrer, dem großen Schlomeh Hakoheu Rappaport, wieder unter seine Schüler wieder ausgenommen wirst, dann wird auch Dir, ein so großer Sünder Du auch bist, der Weg zur Buße und Gnade gebahnt werden!" Nachdem die Erscheinung des Vaters, und diesmal für immer, verschwunden war, beherrschte Rafael nur der eine Gedanke, daß er zurück müsse nach Prag, um sich zu Füßen des großen Rabbi niederzuwerfen und um Aufnahme zu bitten. Dem Skepliker, dessen alles zersetzendem Hohne nichts heilig gewesen war, kam es nicht einen Moment zu Bewußtsein, daß die Erscheinung des Vaters und seine strafenden Worte ein Gebilde seiner erregten Phantasie sein konnten, welches er durch die vor dem Entschlummern gepflogenen Erinnerungen an seine Heimat und Jugendzeit machgerufen habe. Es regte sich in ihm auch nicht für einen Augenblick der Gedanke, daß es ein ganz gewöhnlicher Blitzstrahl gewesen sein konnte, welcher die Bäume des in seiner Phantasie dem Horeb gleichenden Berges in Flammen fetzte, und daß er endlich sein Amulet ganz einfach verloren haben könne, nachdem er in seiner Verlegenheit unabläßlich daran gezerrt hatte. Nein, nichts von alledem! Durchdrungen von der Wahrhaftigkeit des soeben Gesehenen, Gehörten und Erlebten, führie er sich das Verdammenswerte seines Abfalles vom Glauben seiner Väter vor Augen und seine zagende Seele wurde von dem einen heißen, intensiven Gefühle erfüll:: Verzeihung für sein begangenes Verbrechen zu erlangen, alles von sich zu werfen, was er noch jüngst so heiß erstrebt hatte, Namen und Ruhm, Existenz und Zukunft. Der Bann, welcher soeben den jungen Mann noch an diese Stelle gefesselt hatte, löste sich, und in Sturmesschritt, trotz des strömenden Regens, der dem mit elementarer Gewalt ausgebrochenen Gewitter gefolgt war, eilte der junge Mann deu Toren der Hauptstadt zu. Wohl ging der Weg an einzelnen Häusern und Gehöften vorüber, welcher dem durchnäßten Wanderer Schutz gegen die Gewalt des Unwetters geboten hätten; doch achtlos eilte dieser an allen diesen Gebäuden vorüber und zügelte nicht eher seine unsinnige Eile, als bis er durch die Tore der Prager Festungswerke hindurch war. (Schluß folgt.) KONKURS. Beim Tempel-Verein in Oderfurt (Mähren) gelangt ah 1. August 1904 die Stelle eines Kantors der gleichzeitig mip und am» sein muss, mit einem Jahreseinkommen von zirka Kronen 2200.— zur Besetzung. Bewerber, welche nicht über 40 Jahre alt und der! deutschen Spache in Wort und Schrift mächtig sein müssen,, wollen ihre Offerte mit beigelegten Zeugnisabschriften (die nicht retourniert werden) bis längstens 20. Juni 1904 an den gefertigten Obmann richten. Der Obmann: Filipp Förster. Oderfurt im Mai 1904.