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Die Wahrheit · 1904-05-27 · Heft 21 (27.5.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 21 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21. Sette A. Die Wahrheit zielbewußten Führung seines Obmannes, des Herrn Solomon Meisels, bedeutende Erfolge zu verzeichnen. In dem Hause, II., Nestroygasse 4, ist das Vereinslokal untergebracht, das bestimmt ist, einen neuen Mittelpunkt echt jüdischen Lebens in der Großgemeinde Wien zu bilden. An den Wochentagen versammeln sich während der schulfreien Zeit jüdische Kinder, um einen gründlichen Unterricht in der hebräischen Sprache zu empfangen, welcher nach den Grundsätzen der modernen Methodik erteilt wird. Die Leitung dieses Unterrichtes hat in dankensmerter Weise Herr Rabbiner Dr. Daniel Fink übernomnien, daneben hat die Bereinsleitung die Gründung eines Beth-hamidrasch in Vorbereitung genommen. Es soll damit eine Pflegestätte für jüdisches Wissen geschaffen werden, deren es hier verhältnismäßig nur wenige gibt. Außer den beiden Sederadenden hat der Verein an allen 8 Tagen des letzten Pessachfestes täglich zwischen 30—40 Personen einen festlichen Tisch ein traulich gastliches Heim geboten. Welch eine Unsumme menschlichen Elends wurde auf diese Weise gelindert und mit dem bitteren Geschick der Erde wieder versöhnt! Um das Gelingen dieser Veranstaltungen, die keinen geringen Aufwand von Kosten und Mühe heischten, haben sich besonders die Herreu Osias März. Jakob März und S. Komet verdient gemacht. Wenn auch dieser'Verein in seiner Tätigkeit sich der Anerkennung weitester Kreise bereits erfreut, so sollte doch keiner, der für unsere heilige Religion sich noch ein Herz bewahrt hat, es unterlassen, demselben als Mitglied beizutreten. Wien. Donnerstag den 19. d. M. fand das Leichenbegängnis der Frau Franziska Medak geb. Beck, Gattin des Hoflieferanten Herrn Adolf Medak, und Schwester der Hof- und Kammerlicferanten Herren Hermann & Adolf Beck, unter großer Beteiligung statt. Im Trauerhause hatten sich Abordnungen verschiedener Vereine, Vorsteher Steiner von der Chewra- Kadischa, Oberkantor Bauer u. v. A. eingefnuden. Die kantorale Funktion versah erster Kantor Fuchs, den Nachruf hielt Rabbiner Dr. Bach. Wien. Der Obmann des „Ung. Ostraer Wohltätigkeitsvereines in Wien", Herr Bernhard Reif, beging Dienstag den 24. d. M. in außerordentlicher körperlicher und geistiger Rüstigkeit seinen 80. Geburtstag. Dem in weitesten Kreisen beliebten Jubilar kamen aus diesem Anlasse mannigfache Sympathiebeweise zu, und unter anderem überreichte der Vorstand des genannten Vereines als Ausdruck der Verehrung und Wertschätzung für seinen Obmann, demselben eine prachtvoll ausgestattete Adresse, wobei Herr Rabbiner Dr. Taglicht und Herr Obmannstellvertreter S. Hofmann herzliche Worte an den Jichilar richteten. Ung.-Oftra. Unter zahlreicher Beteiligung fand am ersten Schewuosfeste das Leichenbegängnis des nach langem, quallvollem Leiden verstorbenen Alt-Bürgermeisters Herrn Salomon Kien statt. Der Rabbiner war infolge des Festtages nicht in der Lage, dem dahingeschiedenen verdienstvollen Manne einen Nachruf zu widmen. Der Verblichene war eine sehr geachtete und populäre Persönlichkeit in der hiesigen Gemeinde und hat sich um dieselbe hervorragende Verdienste erworben, n '2 's'r, Szenicz Am 18. d. M. veranstaltete die Kultusgemeinde eine solenne Jökai-Gedenkfeier. Aus diesem Anlasse erschienen in der festlich beleuchteten Synagoge die Honorationen unserer Stadt ohne Unterschied der Konfession, und hielt Se. Ehrw. Herr Rabbiner Marmorstein eine ausgezeichnete ungarische Gedenkrede, die mit außerordentlichem Beifalle aufgenommen wurde. Den gesanglichen Teil besorgten Herr Kantor Schreiber und die Zöglinge der Staatsbürgerschule. Budapest. (Kossuth in der Bibel.) Eine interessante, doch wenig bekannte historische Reminiszenz über Ludwig Kossuth, den großen ungarischen Freiheitskämpfer, auf ihre Wahrheit zu prüfen, hat jüngst Herr Sekretär Schwarz in Essek versucht. Die Reminiszenz lautet folgendermaßen: Der Vater Ludwig Kossuths wirkte in Mono! im Zemplener Komitat als Advokat und in dieser Eigenschaft setzte er sich einst in irgend einer Prozeßsache mit dem dortigen Rabbiner, der ob seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemein gleichsam als Wunderrabbi verehrt wurde, in heftigen Gegensatz. Geängstigt durch die Spannung, versuchte die fromme Mutter Kossuths, die in ihrem Mysticismus wahrscheinlich das Walten überirdischer Mächte fürchtete, das frühere gute Verhältnis wieder herzustellen. Zu diesem Behufe begab sich die gläubige Christin, begleitet von ihrem kleinen Sohne Ludwig, eines schönen Tages in die Wohnung des Rabbi. Mit der ganzen Wärme der guten Gattin entschuldigte sie dort die Handlungsweise ihres Mannes, um die Verzeihung des Rabbi zu erlangen. Der fromme Rabbi hörte die Advokatensgattin milde an und versicherte ihr schließlich unter freundlichen Worten, daß er nun nicht mehr zürne. Doch die Mutter Kossuths begnügte sich nicht mit der Versicherung sondern erbat vom Rabbi als Beweis vollkommener Versöhnung dessen Segen für ihr Söhnchen Ludwig. Nachdenklich blickte der Rabbi auf den kleinen Knaben, stellte an ihn sodann einige Fragen, welche der Junge klug beantwortete, worauf der Rabbi seine Hand auf dessen Haupt legend, ihn mit den Worten segnete: „Hvssuto nss lirsnedo l'tnssnosssZ mipne Koschet, selah!" Du hast Deinem Freunde ein Panier gegeben, sich zu erheben für die Wahrheit, Selah! (Psalmvers 60, 6.) — Tiefbewegt dankend entfernte sich die Mutter Kossuth's. Die späteren Ereignisse ließen den ahnungsvollen Segen des Rabbi sich verwirklichen. Kossuth schwang das Panier der Wahrheit und wurde seinem Volke der Paladin des Rechtes und der Gerechtigkeit. Herr Sekretär Schwarz teilte diese Sage dem Sohne Ludwig Kossuth's, dem hervorragenden Parlamentarier Frartz Kossuth, mit der Anfrage mit, ob sich in seinen Familientraditionen hierüber Anhaltspunkte finden. Hierauf antwortete der Abgeordnete Herr Franz Kossuth dem Fragesteller, daß ihm und seinen Angehörigen diese biblische Beziehung auf das Leben seines Vaters bisher völlig unbekannt war, er fei erfreut und überrascht, daß der Name „Kossuth" sogar in der Bibel vorkomme und dankte ihm für die Mitteilung dieser ebenso sinnigen, wie interessanten Reminiszenz. Berlin. (Der fromme Bäcker.) Ein Bäckermeister in Erfurt versendet folgendes Zirkular: „Meiner geehrten Kundschaft mache ich die ergebene Mitteilung, daß ich von jetzt ab jeden Freitag Abend bis Sonnabend Abend mein Geschäft geschlossen halten werde. Der Grund ist folgender: Da jeder Mensch weiß, daß der Sabbat (Sonnabend) der siebente Tag, der von Gott eingesetzte Ruhetag ist. und ich die volle tteberzeugung bekommen habe, daß nicht nur die Israeliten, sondern alle Menschen diesen Tag zu beobachten haben; da der Sabbat nicht erst, wie viele glauben, auf dem Berge Sinai dem israelitischen Volke gegeben wurde, sondern der von Gott im Paradiese für alle Menschen eingesetzte Ruhetag ist, und ich als wahrer Christ gesonnen bin, meinen Glauben in der Tat zu beweisen. Indem ich für das mir bisher geschenkte Wohlwollen meinen aufrichtigen Dank sage, werde ich mich bemühen, auch fernerhin gute Backwaren pünktlich zu liefern. Hochachtungsvoll u. s. w." Berlin. Professor Haman veröffentlicht eine Arbeit über die gegenwärtige Verteilung des Judentums und kommt zu folgendem Schlüsse: Es gibt 11 Millionen Juden, davon leben in Europa gegen 8 Millionen, in den Bereinigten Staaten von Amerika 1 Million. In Rußland wohnen 5,500000, in Oesterreich 1,860.000, in Deutschland 568.000, in Rumänien 300.000, in England 200.000, in der Türkei 120.000, in Holland 97.000, in Frankreich 77.000, in Italien 50.000, in Bulgarien 31.000, in der Schweiz 12.500, in Griechenland 5800, in Serbien 4700. in Dänemark 4000, in Schweden 3400, in Belgien 3000, in Spanien 2500, in Portugal 300 Inden. Bukarest. (Eine Enquete in der Judenfrage.) Der Generalsekretär der Stadtverwaltung von New-Iork Herr Reynolds, der eine Reise nach Rumänien und Rußland unternommen hat, um sich über die Verhältnisse der dort lebenden Juden aus eigenem Augenschein ein Urteil zu bilden, hatte sich nach mehrtägigem Aufenthalte nach Kischenew begeben, woselbst er eine Enquete über die gegen die Juden verübten Greuel unternahm. Wie uns aus Jassy mitgeteilt wird, ist Herr Reynolds bereits aus Kischenew zurückgekehrt und wird noch einige Zeit in der moldauischen Hauptstadt bleiben. Feuilleton. Aas Zmrrlel. Preisgekrönte Novelle von Frau Babetle Fried-Prag. (Fortsetzung.) „Komm nur herab, alter Knabe!" so rief er in übermütigem Scherze; „längst schon gelüstete es mich, Dich zu sprechen und über so manches, was mir dunkel schien, auszufragen. Bist ein guter Politiker gewesen, der die entflohene Sklavenherde so schön zu gängeln verstandest, hast Deine Kenntnisse der Staatskunst, Medizin und Taktik in ein theokratisches Mäntelchen gehüllt und dadurch unsterblich Großes geleistet. Die ganze zivilisierte Menschheit bis auf heute hat an die Göttlichkeit Deiner Lehre geglaubt, nur einer nicht: Rafael Bernstein!" Indessen war die Gestalt näher gekommen, so daß Rafael ihre Umrisse, ja sogar Einzelnes aus dem Gesichte deutlich erkennen konnte. „Wie?" rief er erstaunt aus, „Moses trägt eine Brille? Er, von dem die Schrift sagt, daß sein Auge nicht trübe ward. Wozu denn eine Brille?" Doch bald verstummte dieser frevle Spott. Den Freigeist, der vor nichts zurückschrack als vor geistiger Finsternis, den kühnen Forscher, der kein Hemmnis kannte als die Grenzen der Wissenschaft, den Denker, der sich über alle Vorurteile hinweggesetzt hatte, überfiel ein Zittern. Fort wollte er, fliehen vor der unheimlichen Erscheinung, welche in gleichmäßigem Schritte immer näher und näher kam. Denn die Gestalt, die ihm da entgegentrat, war nicht der Gottesmann, dessen Lehren er im Unglauben von sich gewiesen, es war sein eigner, leiblicher Vater! Der pflichtvergessene Sohn wollte fliehen, um den zürnenden Blicken des alten frommen Vaters nicht zu begegnen; doch umsonst! Wie angewurzelt an dem Boden, wo er stand, waren feine Füße. Bebend am ganzen Körper, den Angstschweiß aus der Stirne, mußte er notgedrungen denjenigen erwarten, den er so fürchtete, trotzdem derselbe stets so liebreich, so nachsichtsvoll gegen ihn gewesen, ihn in überquellendem Baterstolze: „Beni bechori!“ Du mein erstgeborener Sohn genannt hatte.

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