Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 21. herausschälte. Ulrich Frank ist sein Narne.*) Unzweifelhaft — das sei schon vorweggenommen — ein echter Dichter. Gustav Karpeles ist das Werk gewidmet. Das Pseudonym birgt eine. Dame, welche ihren oberschlesischen Landsleuten manch guten, lesenswerten Roman bietet. Nun hat er in den reichen Schatz seiner Jugenderinnerungen gegriffen und in Form von Tagebuchblättern Lebensbilder gezeichnet, die — wenn der Ausdrück gestattet — von Wahrheit triefen, die volles Lob rückhaltlos verdienen. Simon Eichelkatz, der alte, kranke Ghettojude aus Tarnow, „wo man kein Französisch spricht", denkt ebenso unbewußt im Geiste Nietzsches, wie es sein Sohn Friedrich Eichner, der getaufte, berühmte Philosoph und Professor an der Universität' Berlin bewußt tut. Und da kommt eines Tages ein denkender, junger Arzt und ernster Beobachter, ein Schüler Friedrich Eichners, m das kleine ostschlesische Städtchen seiner Heimat. Er behandelt den kranken Eichelkatz. Und in den traulichen Dämmerstunden, wenn draußen die Herbststürme das Häuschen umbrausen, erzählt der alte Graubart von fernen Zeiten, glücklichen und unglücklichen, lustigen und tieftraurigen Stunden. Und all diese Töne wecken auf dem Grunde der Seele des Juden, der versonnen am Herdfeuer sitzt und lauscht, ein zitterndes Echo, ein sehnsuchtsvolles, banges Klagen.... Individualitäten führt der alte Eichelkatz aus dem Ghetto hervor, zaubert sie aus der Vergessenheit heraus, volle, freie Persönlichkeiten, wie er und — sein Sohn es sind. Dies ist der kurze Inhalt. Vorbei die Zeit der zuckerwassersüßen Ghettoerzählungen mit dem breitspurigen Raisonueur und der Moral am Schlüsse. Hier ist zum ersten Male, seit Zangwill, die Judengasse, ihr Leben und ihr Treiben vom modernnationalen Gesichtspunkte aus geschaut. Modern ist das Buch, da es im Sinne Nietzsches geschrieben ist; gar zarte Fäden spinnen sich vom tiefen Grübeln über Talmudweisheit bis zur Umwertungstheorie Nietzsches. Warm-national gefiihlt ist es, wenn der alte Eichelkatz einmal sagt: ..Das ist bitter, Herr Doktor, sehr ... aber es ist ämal so, und daran ändert sich nichts, trotzdem die Welt soll sein so gebildet und fortgeschritten und human. .. Jud bleibt Jud l In ihren Augen etwas Extras, etwas Schimpfliches! Und darum muß der Jude zum Juden halten, denn die Anderen tun's nicht und habend nie getan und werden's nie tun. Und wir haben von ihnen nichts zu erwarten und nichts zu hoffen .. . wir brauchen sie auch nicht zu fürchten, wenn wir zufammenhalten ... wir Juden!" Unrichtig scheint es mir, wenn der sonntägliche Kritiker der „N. Fr. Presse" meint, die Konstruktion, der Vater ein Schacherjude — der Sohn Berliner Philosophieprofessor eine Konstruktion „ex post" sei. Das Leben bietet hundert Beispiele für eines für die Richtigkeit der Konstruktion. Im übrigen wird auf bestehende Tatsachen der Berliner Kreise angespielt, die der Eingeweihte billigt. Welch furchtbare Tragik liegt in dem Schrei, den Simon ausstößt, als er erfährt, daß sein Sohn sich getauft hat. Doch ich will ihn hier selbst sprechen lassen: „Ich weiß nicht, Herr Kreisphysikus, damals, als ich es erfuhr, war es ein Schmerz, als ob man ein Stück Fleisch mir rausgeschnitten hätt aus meinem Körper. Weh hat es getan, weh! Und Weh Hab ich geschrien! Und eine Krie Hab ich mir geschnitten und aus die Erd Hab ich mich geworfen und Schiwe Hab ich mich gesetzt. Mein Sohn war tot. . . . Unser einzig Kind hat sich geschmadt! Getauft hat er sich, Herr Kreisphysikusleben! Uebertreten heißt das auf Deutsch! Uebertreten! Aus einem Glauben in den andern . . . wie man Übertritt von der Straß übern Rinnstein aufs Trottoir; vom beschwerlichen staubigen Weg auf den seinen, schönen Bürgersteg! ..." Alles in Allem: es ist ein Meisterwerk. Die zweite Novelle, ..Die Geschichte zweier Sabbathnachmittage", fällt weit vom Künstlerischen ab, sie ist zu konstruiert. „Simon Eichelkatz* ist das prächtige Geistesprodukt eines ganzen Dichters, der sein Volk liebt; denn der nur vermag die alten Ghettogestalten vor *) Ulrich Frank, „Simon Eichelkatz und anderes". Breslau. S. Schottländer. 1904. uns aufleben lasten, sie uns sichtbar werden lasten in faßbarer Gegenständlichkeit. Wir sehen sie schreiten und gestikulieren, wir hören sie streiten und jubeln, die Vorsteher und Tempeldiener, die Rabbiner, Gemeindemitglieder und Totengräber. Es ist ein musikalisches Werk, bei dessen Berührung in uns eine Melodie aufsteigt. Sie singt von einer jetzt schier vergessenen, unglücklichen Welt, aber auch von der Morgenröte einer neuen Zeit, in der Judas Dichter und Sänger ruhig ihre trauten Verse anstimmen werden, ohne jeden Mißton von Judenschmerz, der heute wie ein roter Faden ihre Produkte durchzieht. Literatur. Deutsch-Hebräisches Wörterbuch von Dr. M. Margel. I. und II. Heft. — .Hebräisch wird schon über dreitausend Jahre geschrieben uns es wäre daher ein Wunder, wenn die hebräische Sprache immer dieselbe geblieben wäre. Wie alles in der Welt, ist auch die Sprache im ewigen Werden begriffen. Einzelne Worte, ganze Wendungen ändern ihre Gestalt oder bekommen mit der Zeit eine ganz andere Bedeutung, at§- sie ursprünglich hatten. Man muß daher bei wissenschaftlicher Behandlung einer Sprache immer die Zeit und den Schriftsteller angeben,, der dieses und jenes Wort, diese und jene Wendung in diesem und jenem Sinne gebraucht hat. Im Hebräischen namentlich müssen drei Perioden scharf von einander getrennt werden: 1. Die älteste, wo die heilige Schrift entstand, also die biblische Sprache. 2. Die rabbinische Zeit, wo Talmud und Midrasch abgefaßt wurden, also die neuhebräische Sprache. 3. Die allerneueüe Zeit, also die Sprache der jetzigen hebräischen Literatur. Für die heilige Schrift besitzen wir klassische Wörterbücher in genügender Anzahl, für das rabbinische Hebräisch zwar nicht so tadellose aber immerhin gut brauchbare Wörterbücher von Levy und Dalman. Eni Wörterbuch für das neueste Hebräisch fehlt uus noch ganz. Es ist nun klar, daß fast nur mechanische Arbeit dazu gehört, um je ein deutschhebräisches Wörterbuch der biblischen und rabbinischen Literatur anzufertigen, während von der jüngsten Zeit erst ein hebräisch-deutsches Wörterbuch geschaffen werden muß, um ein deutsch-hebräisches möglich zw' machen. Herr Dr. Margel scheint anderer Meinung zu sein. Aus dem Titel seines Werkes könnte man glauben, daß er sich auf das Biblisch-hebräische beschränkt. Aber er hat, wie namentlich seine Lobredner hervorheben) das ganze Gebiet einbezogeu, ohne jedoch je anzugeben, welcher Periode der angebliche Ausdruck augehört. Dieser Umstand allein würde schon die Brauchbarkeit seines Wörterbuches ziemlich in Frage stellen. Aber darüber ließe sich noch streiten. Mancher würde vielleicht sich zufrieden geben, wenn ihm für jedes deutsche Wort ein hebräisches geboten wäre, gleichviel aus welcher Zeit. Nur müßte der Verfasser nicht nur das Hebräische, sondern auch das Deutsche vollkommen beherrschen und für Worte mit verschiedener Bedeutung die entsprechenden hebräischen Ausdrücke gesondert geben. Das ist aber nicht der Fall. Ja, leider muß es gesagt werden, der Verfasser besitzt augenscheinlich weder das nötige Wissen, noch das Verständnis, um ein solches Riesenwerk schaffen zu können. Von seinem deutschen Sprachgefühl seien folgende Proben angeführt: Aberwitz gibt er mit lezanuth, d. h. Gespött. Er hat offenbar Aberwitz mit Witz verwechselt! Aberwitz heißt scbiggaon. Unter abfallen bringt er den Satz: ich habe mir einen Nagel vom Finger abgefallen! Unter ab legen bringt er: seine Augen haben abgelegt (— trübe, starr werden)! Abarbeiten gibt er mit schabed haabid, d. h. jemanden arbeiten lassen, ihn zum Sklaven machen! Sich abarbeiten heißt bei unserem Autor hisch-tabedb . Hat er da das Deutsche oder das Hebräische falsch verstanden? Der hebräische Ausdruck heißt einfach dienen, unterworfen sein — wie kann man damit sich abarbeiten übersetzen, wo gar kein Dienstverhältnis vorliegt? Jedes Kind weiß, was malkosch heißt, nämlich Spätregen, der kurz vor der Ernte fällt, gleichviel zu welcher Tageszeit. Aber Margel übersetzt damit — Abendregen! Jedes Kind weiß, was Abbild im Hebräischen heißt, nämlich temuua. Aber Dr. M. gibt es mit Djokan, das doch aus dem Griechischen kommt! Abscheulichkeit heißt nebala, M. schreibt nablutb, welches Wort in der ganzen heiligen Schrift nur einmal vorkommt und gar nicht „Abscheulichkeit", sondern „weibliche Scham" bedeutet! „Vom Amte absetzen" heißt has sir min.. . . M. schreibt has chib mikken, es kommt aber nur vor ha8ch. al ken ins Amt wieder einsetzen! Acht heißt schmone und sckmona, elfteres männlich, letzteres weiblich. Bei M. sind die beiden Formen falsch durcheinander geworfen. „A ck e r n" gibt er mit naro, es heißt aber — nir! Das ist wohl das Stärkste, was ein Lexikograph leisten kann! Nur noch ein komisches Beispiel: saphsal (vom Griechischen sypsellion) heißt im Talmud Bank, garar heißt s ch l e p p e u. Was heißen beide Worte zusammen? Bei Herrn Dr. Margel: „D i e Bank sprengen!" Ich bin neugierig, ob er der Erfinder dieser geistreichen Uebersetzung ist. — Dr. K a h a n, Znaim. Nerschiedene Nachrichten. Wien. (Verein .31 achsike hadatkr, II., Nestroygas s e 4.) Trotzdem erst kurze Zeit verstrichen, seitdem der gedachte Verein seine Tätigkeit ausgenommen hat, hat derselbe bereits, dank der