Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Die Wahrheit;eite 7 (denn der Begriff Hebräer ist weiter als der Begriff Israeliten) ln der gleichen Weise schwärmend in Kanaan eindrangen, sich allmählich gruppenweise da und dort festsetzten, bis sie schließlich das Land in ihren Besitz bekamen. Man hat auch darauf aufmerksam gemacht, daß wir in unserer Ansicht über den Urständ des Volkes Israel seit dem Amarnafnnd bezw. überhaupt seit den babylonischen Ausgrabungen recht bedeutend umlernen müssen; hatte man sich früher das Volk Moses allzusehr in einem anfänglichen Nomadenzustand gedacht, aus dem es sich politisch und religiös allmählich zu einem bäuerlichen Kulturvolk entwickelt hätte, so sehen wir jetzt dasselbe von Haus aus in dem Bereit einer umfassenden Kultur ansässig. Das ist wichtig für die Geschichte Israels und für die Geschichte der Religion Israels. Und endlich bekommen wir durch die Ausgrabungen Anlaß, über die Geschichtlichkeit der ersten Anfänge des biblischen Volkes und der Persönlichkeit des Mose etwas zuversichtlicher als bisher zu denken; seitdem jene graue Vergangenheit wieder aufgestanden ist, können mir es wohl nicht mehr für unmöglich halten, daß mehr als tausend Jahre später ein kleiner Rechtsstaat aus der Hand Moses hervorging. Die Politiker Israels und Judas haben einstens bald nach Aegypten bald nach Assyrien und Babylonien ansgeschaut; dementsprechend ist für die Kenntnis der israelitischen Geschichte unbedingt wertvoll, die Geschichte jener Kulturstaaten auch in den Einzelheiten zu wissen. In der Tat wird uns der Lebensgang des kleinen Völkleins in Kanaan erst recht plastisch und in vielen Zügen erst recht verständlich, wenn das Licht der Keilinschriften darauf füllt und wenn wir ihn in dem Buch der Weltgeschichte verfolgen, das auf den babylonisch-assyrischen Denkmälern geschrieben ist. Es ist dies m. A. nach der größte Nutzen, den die K e i l i n s ch r i f t e n uns bezüglich des A. T. geleistet haben und noch leisten werden, der Nutzen im Gebiet der P r o f a n g e s ch i ch t e Israels. Verwandt damit ist der Dienst, den die Keilinschriften der alttestamentlichen Forschung dadurch leisten, daß sie geographische und archäologische Bestimmungen, die die hebräische Bibel gibt, kontrollieren, bestätigen oder erklären; ebenso steht die hebräische Sprachwissenschaft in einem lebhaften Wechselverhältnis mit der assyriologischen Grammatikkunde und Lexikographie. Im bisherigen hat uns das beschäftigt, was die Keilinschriften uns von Israel erzählen; im folgenden suchen wir zusammenzustellen, was von dem großen Kulturland in das kleinere Volk hinübergeflossen ist. Ohne Zweifel haben wir ein! Recht zu sagen, das; Israel seine Kultur in weitem Um-! fang den Babyloniern verdankt. Der babylonische! Staat ist um Jahrtausende älter als der Anfang des israelij tischen Volkes; als Israel geboren wurde und an der Hand! Moses die ersten Schritte tat, hatte das Gesetz Hammurabis (um 2250) schon tausend Jahre in der Welt sein Wesen gehabt. Als daher das junge Volk sich in Kanaan ansiedelte, traf es dort eine ihm überlegene Zivilisation an, die gewiß mit vielen babylonischen Elementen durchsetzt war. Im eigentlichen Gebiet der Kultur ist Israel wohl überhaupt lebenslänglich abhängig geblieben, das kleine Volk war nicht imstande, als selbständiger Faktor in die Geschichte der Kultur einzugreifen; es war numerisch zu schwach und zu ungünstig gelegen und doch andererseits nicht abgeschlossen genug, um für sich zu bleiben und sich für sich zu entwickeln, sondern mitten hingesetzt auf die Straße zwischen Babylonien und Aegypten. Nun ist es ja doch überall so im Leben der Völker, daß die Zugehörigkeit zu dem politischen Verband eines großen Reiches auch die kulturelle Abhängigkeit von dem betreffenden Großstaat in sich schließt, wie das gewaltige römische Reich die Formen seiner Zivilisation überall hintrug, oder daß ein kleiner, der Nationalität nach verwandter Stamm in kultureller Hinsicht mit dem größeren Bruder marschiert, wie die deutsche Schweiz und das deutsche Reich sich kulturell zusammenrechnen. Dementsprechend wird auch Israel eben ein Zweig an dem großen Baum der babylonischen Kultur gewesen sein. Zweifellos hat Israel die Fundamente der rein äußerenKultur, deswirtschaftlichen Lebens und des kommerziellen Verkehrs von dem älteren und bedeutenderen Staatswefen übernommen. Maß, Gewicht und Geld haben die Israeliten bei ihrem Eintritt in Kanaan, bei ihrem Austritt aus der Barbarei in die Zivilisation, als babylonisches Gemeingut angetroffen und fortgeführt, die hebräischen Namen für das Goldgewicht (Schekel) uno für das Silbergewicht (Mine), sowie das Wort für Silber z. B. stammen aus dem babylonischen Lexikon, und wie der Babylonier mißt auch der Jsraelite nach den vom menschlichen Körper genommenen Maßen (Elle, Spanne, Finger). Auch die Vorliebe für bestimmte Zahlen (heilige Zahlen, wie besonders die Zahlen 7 und 12), sowie für die ganze schematische Chronologie scheinen die israelitischen Geschichtschreiber nicht von selbst gefaßt, sondern im letzten Grund von der babylonischen Wissenschaft und von der astronomischen Weltanschauung jener Priestergelehrten entnommen zu haben. Die Entdeckung des Kodex Hammurabi sodann hat natürlich zu einem Vergleich zwischen dem a l t babylonischen Recht und der Tora Israels lebhaft aufgemuntert. Insbesondere gibt das sogenannte Bundesbuch eine Reihe merkwürdiger Parallelen zu dem Gesetz des Hammurabi. Die buchstäbliche Aehnlichkeit besteht zwischen dem israelitischen jus talionis (Auge um Auge. . .) und dem entsprechenden Paragraphen des Hammurabi: wenn jemand einem anderen das Auge zerstört, so soll man ihm das Auge zerstören; wenn jemand die Zähne von einem andern seinesgleichen ausschlägt, so soll man ihm die Zähne ausschlagen. Da und dort erscheint allerdings die Tora sowohl in der Form als in der Anschauung primitiver, älter als das babylonische Recht, doch hat dies seinen Grund wohl nicht darin, daß beide Rechtsfysteme auf ein gemeinsames älteres zurückgingen, von dem die Tora die frühere Fassung darstellen würde, vielmehr vertritt die Tora in mancher Hinsicht, wie z. B. im Gebot der Blutrache, den roheren Kulturzustand, in dem das Heranwachsende Israel noch war. Daß das israelitische Gesetz vom Kodex Hammurabi abhängig ist, kann kaum geleugnet werden, jedenfalls ist sicher, daß die Tora auf dem durch das Hammurabigesetz gebildeten Kulturboden aufbaut, andererseits läßt sich nicht bestreiten, daß die Israeliten auf dem gegebenen Boden sich ein selbständiges Recht geschaffen haben. Insbesondere weist der religiöse Charakter des israelitischen Gesetzes auf eine prinzipielle Verschiedenheit des Geistes der beiden Rechtssysteme. (Fortsetzung folgt.) Ulrich Frank. Von Max Racher, Wien. O, dieser Nietzsche! Ist er der schaffende Geist, welcher der harrenden Menschheit die ersehnten Wege weist, oder ist er ein Irrender, der auf halsbrecherischen Pfaden dunklen Zielen zustrebt? Zarathustra steigt von den Bergen herab, um den Menschen zu lehren, aber die Weisheit, die er auf dem Markte predigt, ist so geheimnisvoll wie seine Persönlichkeit selbst. Er mißachtet die Niedrigen und höhnt den Respekt vor den Hohen. Er geißelt die Unwissenden und übt scharfe Kritik an denen, die zu wissen glauben; er verlacht die Gläubigen, aber auch die Skepsis der Zweifler gefällt ihm nicht. Große Gedanken treten in den Werken Nietzsches ans, aber nicht wie erwärmende Sonnenstrahlen, die vom blauen Morgenhimmel herunterleuchten, sondern wie grelle Blitze, die aus nachtschwarzem Gewölk augenblendend hervorzucken, um nachdem sie die Szenerie mit fahlem Lichte erleuchtet, in anderen chaotischen Wolkenmassen wieder zu verschwinden. Es ist eine Art wollüstigen Egoismus des Geistes, der in den Aussprüchen Zarathustras seine Orgien feiert. Wie alles Mysteriöse und Schwermütige zieht Nietzsche die Geister an sich heran, und dieser moderne „Heraklit der Dunkle" hat bereits seinen Meister, seinen Klassiker auf jüdischem Gebiete gefunden, der seine Ideen aus dem Leben des Ghettv