Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 21. Argument „auf den Tisch des Hauses" nieder, nämlich die gesammelten Aufsätze von F. Weiffer, in denen die Schmähaufsätze gegen Kleist als Abdruck aus dem „Morgenblatt" enthalten sind, also ein Buch, in dem sich Weiffer so offiziell wie möglich zur Autorschaft dieser gehässigen Nekrologe bekennt. Dr. Saul Ascher, ein Philosoph aus der Schule Kants und literarischer Verteidiger der Emanzipation seiner jüdischen Glaubensgenossen, ist derselbe, desien Heinrich Heine in seiner „Harzreise" mit folgenden humoristischen Worten gedenkt: „Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstände oder aus dem Gemüt? Ueber diese Frage disputierte ich so oft mit dem Doktor Saul Ascher, wenn wir in Berlin im Cafe Royal, wo ich lange Zeit meinen Mittagstisch hatte, zufällig zusammentrafen. Er behauptete immer: wir fürchten etwas, weil wir es durch Vernunstschlüsse für furchtbar erkennen. Nur die Vernunft sei eine Kraft, nicht das Gemüt. Während ich gut aß und gut trank, demonstrierte er mir fortwährend die Vorzüge der Vernunsr. Gegen das Ende seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr zu sehen und immer schloß er daniit: „Die Vernunft ist das höchste Prinzip". Wenn ich jetzt dieses Wort höre, so sehe ich noch immer den Doktor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seiuem engen, trandeszentalgrauen Leibrock und mit seinem schroffen, frierend kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Knpfertafel dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Fünfzigern, war eine personifizierte gerade Linie, und bildete dadurch einen Gegensatz zu mir, der ich damals in der Hogarthschen Wellenlinie lebte. In seinem Streben nach dem Positiven hatte der arme Mann sich alles Herrliche aus dem Leben herausphilosophiert, alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen und es blieb ihm nichts übrig als das Kalte. Er hat überhaupt eine ganze Menge Bücher geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenen Vortrefflichkeit renommiert, und wobei es der arme Dokror gewiß ernsthaft gut meinte und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin aber bestand ja eben der Hauptspaß, daß er ein so namhaft mürrisches Gesicht schnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind begreift, eben weil es ein Kind ist. Einigemal besuchte ich auch den Vernunftdoktor in seinem eigenen Hause, wo ich schöne Mädchen bei ihm fand; denn die Vernunft verbietet ihm die Sinnlichkeit. Als ich ihn einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mir sein Bedienter: Der Herr Doktor ist eben gestorben. Ich fühlte nicht viel mehr dabei, als wenn er gesagt hätte: der Herr Doktor ist ausgezogen." Seine literarische Thätigkeit war reichhaltig, seine wichtigsten Schriften sind : Bemerkungen über die bürgerliche Verbesserung der Juden, veranlaßt bei der Frage: Soll der Jude Soldat werden? Berlin 1788 Die Germanomanie Skizze zu einem Zeitgemälde. Berlin 1815. Ideen einer Preßfteiheit und Zensurordnung den hohen Mitgliedern des Bundestages vorgelegt. Berlin 1818. Leviathan oder über Religion in Rücksicht des Judentumes. Berlin 1793. Napoleon oder über die Fortschritte der Regierungen. Berlin 1808. Die Wartburgfeier. Berlin 1818. Fritzchen, eine kleine Geschichte für Freunde schöner Mädchen. Berlin 1810. Die Nonne von Diderot übersetzt. Zürich 1811. Eisenmenger der Zweite nebst Sendschreiben an Fichte. Berlin 1794. re. Was W e i s s e r anbelangt, begegnen wir folgender intereffanter, Reminiszenz in einem Briefe Börne's an Madame Jeanette Wohl (Strauß), die bekannte Adreffatin der „Briefe aus Paris" unter Stuttgart den 14. September 1821. Daselbst heißt es: „Vor einigen Tagen lernte ich einen gewiffen Weiffer kennen, einen bekannten Dichter. Wir sprachen über Goethe und die falschen Wanderjahre. Er nickte mir Beifall zu und war sehr aufmerksam. Ich geschmeichelt, gerate in Feuer und rede eine ganze halbe Stunde über und gegen Goethe. Er gab mir in allem recht. Endlich merke ich, daß er stocktaub ist, er hatte mich kein Wort verstanden." Friedrich Christoph Weiffer (Schriftsteller und Dichter, geb. 7. März 1761 in Stuttgart, Oberfinanzrat, 1807, Redakteur des „Morgenblattes" gest. 9. Januar 1836), gehört neben Haug zu den fruchbarsten und witzigsten Epigrammdichtern, aber er ist, wie Herm. Fischer (Beiträge zur Literaturgeschichte Schwabens. 1891 S. 53 ff.) treffend von ihm sagt, „eine durchaus auf prosaische Verständigkeit, moralische Lehrhaftigkeit und scharfen Witz gerichtete Natur, von Gemütstiefe und Jdeenschwung wie vom Humor im eigentlichen Sinne darf man nichts bei ihm suchen, moralisierende Betrachtungen müffen die ersten, barocke Paradoxe jbeit letzten ersetzen. Seine Prosaschriften, deren Sprache glattfließend und korrekt ist, bestehen meist aus Anekdoten, harmlosen Plaudereien und Aphorismen, die manchen guten Einfall, aber auch viel gesuchtes Witziges enthalten und viel Schwatzhaftigkeit über alle möglichen Gegenstände zeigen. Sie erschienen gesammelt in den Werken: Scherz- und ernsthafte Ansichten 1808, Satirische Bilder. 2 Bände 1813. Sämmtlicke prosaische Werke. 6 Bände 1818—1820. Neueste poetische und vrosaische Werke. 3 Bände 1820—1822. Neueste Sammlung auserlesener prosaischer Schriften. 3 Bände 1826. Die Kederrtrmg der babylonische» Ausgrabungen für Israel. II. Was erfahren wir nun durch die Ausgrabungen über Israel und über die Bedeutung Babyloniens für Israel im einzelnen? Zunächst geben uns die Keilinschriften dankenswerten fit s ch lu ß über dieGeschichteJsraels. Wir bekommen z. B. als feste Zahlen pon den Denkmälern die Zahlen 854 (Schlacht bei Karkar zwischen Salmanassar II. und seinen syrischpalästinensischen Gegnern, worunter Ahab) und 842 (Tributleistung des Jehu an Salmanassar II), wodurch unsere bisherige biblische Chronologie um einiges geändert wurde; wir ersehen, was für ein bedeutender. König politisch betrachtet der König Ahab war, der in der religiösen Betrachtung der Bibel wegen seines Götzendienstes verdammt und durch die Persönlichkeit des Elia verdeckt wird; wir lernen den großen Tiglat Phileser kennen, der Damaskus stürzte, das Nordreich Israels bis auf das Stadtgebiet von Samaria einzog und der äußere Anlaß der großen prophetischen Bewegung in Israel wurde; wir lesen den hochtönenden Bericht des Sanherib über seinen Siegeszug in Judäa, über die Einnahme von Lakisch und seinen unverrichteten plötzlichen Abmarsch von Jerusalem; wir verstehen, warum Merodach (Marduk) Baladan, der Babylonier und Rivale der Assyrer, mit dem König Hiskia und anderen Kleinkönigen einen Bund schließen wollte, um die assyrische Vorherrschaft zu brechen. Ganz besonders interessant ist es, nach den Keilinschriften zu verfolgen, wie diese Großmächte, die babylonische und im Wechsel mit ihr die assyrische, genau so wie die heutigen Großmächte, Rußland oder England, den Charakter des Fressenden an sich haben; so lag es in der Natur der mesopotamischen Großmacht, immer weiter nach Westen und nach Süden vorzudringen, zunächst nach Syrien, dann nach Kanaan und über Kanaan nach Aegypten. War die Großmacht irgendwie im Innern mit sich sebst beschäftigt, so gab das für die kleineren Reiche, Damaskus, Israel u.. s. w., eine Zeit der Ruhe und des Blühens; so konnte das israelitische Königreich unter Saul, David und Salomo um das Jahr 1000 entstehen, weil Assur damals gerade durch innere Aufstände genug mit sich selbst zu tun hatte. Der nächste Rivale für Israel war Damaskus, und wenn der Großherr außer Sicht war, so machte sich Damaskus auf den Sprung, tim Israel zu verschlingen, wie z. B. in der Zeit Ahabs; sobald der assyrische Löwe herannahte, blieb den kleineren Staaten nichts anderes übrig, als gegen den stärkeren sich zu verbünden. Damaskus wart zugleich das Bollwerk, das Israel gegenüber Assyrien vorgelagert, war; als dieses Bollwerk im Jahre 732 fiel, da dauerte es nur noch zehn Jahre und das Nordreich Samaria verschwand gleichfalls aus der Geschichte. Weiter ersehen wir aus den Keilinschriften, wie die kleinen Reiche des Südens in der Not naturgemäß nach Aegypten blickten, denn dieses und die mesopotamische Großmacht stritten um die Weltherrschaft und Aegypten war der ständige Gegner des größeren Kulturstaates im Norden; da aber das Nilland ein zu schlaffer Organismus war, so versagte es immer im entscheidenden Moment. Die Politik der Propheten, die Ermahnung zum Süllesein und gottvertrauenden Stillebleiben, erweist sich auch nach den Keilinschriften als die politisch einzig richtige für den religiösen Zweck Israels; gegenüber dem Ungeheuer Assyrien mar eine politische Selbständigkeit absolut ausgeschlossen, hätten sich nun Jsrael-Juda freiwillig unterworfen, so hätten sie als assyrische Provinz wie in der nachexilischen Zeit eine ruhige und sichere Existenz haben und der Religion leben können. Aber der Patriotismus, mit dem das israelitische Völklein für seine Selbständigkeit kämpfte und starb, ist menschlich betrachtet auch eines Mitleids wert. Endlich dürfen wir wohl noch die Ergebnisse des Tel-el-amarna-Fundes für die Kenntnis der israelitischen Geschichte anführen. Wir erfahren daraus, daß schon ums Jahr 1400 die Stadt Urusalim (Jerusalem) eine bedeutende Fürstenresidenz war, eines der Stadtkönigtümer, in die das Land Kanaan zerfiel und die unter der Hoheit des Pharao standen; außerdein hören wir von den Chabiri, schwärmenden Nomaden und Halbnomaden, die immer von Zeit zu Zeit von Ollen oder Süden her in das Kulturland der kanaanitischen Stadtkönige einfielen und sich von den letzteren als Söldner in dem beständigen Bruderkrieg anwerben ließen. Dieses Wort Chabiri wird mit dem Wort Hebräer identifiziert und man nimmt an, daß auch die Hebräer, aus denen die Israeliten hervorgingen,