Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21. Die Wahrheit Seite 5. denselben Wunsch, der liberale Politiker sucht den ultramontanen zu überzeugen und umgekehrt, Philosophen, Künstler und Gelehrte kämpfen lebhaft lür-ihre Überzeugungen und freuen sich über jeden, der als Bekehrter zu ihnen stößt. Und nun sehen wir die seltene Tatsache, daß das Judentum weder Proselyten zu machen sucht, noch, falls es überhaupt noch Judentum heißen will, ein faules Uebereinkommen mit irgend welchen Religionssystemen schließt und geschlossen hat. Jedem Religionssystem wohnte die Tendenz inne, sich auszubreiten, jedes Religionssystem weist Entwicklungen, Veränderungen, Umdeutungen der ursprünglichen Ideen wie des äußeren Gewandes auf. Die Religion des Judentums dagegen ist heute noch exklusiv und konservativ, sie ist in Wahrheit: „der^ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht." Der Grund aber ist in Wirklichkeit die unumstößliche wunderbare Tatsache, daß das Judentum, woran auch die schwachen Hände des Assyriologen Delitzsch nicht zu rütteln vermochten, zuerst unter allen Völkern den Gedanken des einen persönlichen Gottes geboren und in seiner Reinheit die Jahrtausende hindurch bewahrt hat. „Alle Dinge sind in ihrem Anfang enthalten." Wir stimmen daher mit Stratz überein, wenn er sagt, die Inden brauchen bei der Kultur anderer Völker keine Anleihe zu machen, weil diese Nationen sämtlich aus der Kultur der Juden geschöpft haben. Dieses große Gesetz des Willens zur Macht erklärt uns auch mit die Abneigung gegen die Juden. Geistig und körperlich unnahbar, leben sie unter den Völkern des Erdballs seit Jahrtausenden. Versuche, in diese festgetürmten Mauern des Abschlusses Bresche zu legen, sind stets vereinzelt geblieben, da sie eben nur selten gelingen. Man . braucht sich dabei nicht durch den Umstand täuschen zu lassen, daß in neuerer Zeit augenscheinlich mehr Aus- und Uebertritte stattgefunden haben und eine größere Zahl von Mischehen geschlossen wurde. Das ist ein Auf- und Abwogen, das die Zeitströmung mit sich bringt. Ist nicht auf die Zeit des ödesten Nationalismus und „Gartenlaube"materialismus eine Periode gefolgt, wo religiöse Fragen in positivem Sinne mehr als je die Gemüter bewegen? Das ist ein ontologischer Trost auch für das Judentum. Wir können wohl Herrn Dr. Stratz darin Recht geben, daß einzelne körperliche Gebrechen, wie die erwähnten Schönheitsfehler auf Vererbung und Ghettodruck zurückzuführen sind; wenn er aber glaubt, die Juden damit trösten und die Antisemiten, die „hinter jeder sogenannten jüdischen Gesichtsbildung bei Nichtjuden den Tropfen semitischen Blutes wittern," vom Gegenteil überzeugen zu können, befindet er sich im Irrtum. Der jüdische Typus ist ja für jeden Antisemiten das Kennzeichen, das erwünschte Kennzeichen der ihm verhaßten Rasse. Da ist nichts zu machen, selbst wenn der Unglückselige ein waschechter Christ ist. Der Staatsanwalt in Kischinew baut auf die zukünftige Kultur. Das Judentum und die Judenheit können durch die Feststellungen Stratz's nichts gewinnen, wohl aber verlieren. Die Beweise, die er für jüdischen Typus bei Nichtjuden angetreten hat, stehen auf tönernen Füßen auch deshalb, weil sie nur Einzelfülle aus Millionen umfassen und ohne praktische Folgen sind. Genau so steht es mit der Umkehrung. Wir brauchen darüber nicht viele Worte zu verlieren. Wenn einzelne Fälle günstigen Einsiuß haben sollen, dann kommt er doch nur den betreffenden Individuen zugute. Abgesehen von diesen wohlgemeinten Ausführungen des Herrn Dr. Stratz, will er die Juden mit einem Danaergeschenk beglücken, das ihn mit seinen eigenen Behauptungen in Widerspruch bringt. Er schlägt den Inden als Radikalmittel vor, sich mit den sie umgebenden Völkern zu vermischen, in ihnen aufzugehen. Damit will er die Judenheit vor dem allen nicht gemischten Geschlechtern drohenden Untergang retten. Nach einem ehrlichen Loblied auf die hohe Kulturmission der Juden schreibt er: „Soweit sich nach menschlicher Berechnung die Zukunft Vorhersagen läßt und so weit wir auf Grund von Beobachtungen aus der Gegenwart zu weiteren Schlüssen berechtigt sind, können wir sagen, daß die Juden ihre Aufgabe als Hauptkulturträger der weißen Rasse erst dann erfüllt haben werben, wenn eine vollständige Mischung ihrer besten Elemente mit den besten Elementen der übrigen Stämme der weißen Rasse stattgefunden hat, wenn eine neue Rasse aus der Mischung hervorgegangen ist, die durch die Anhäufung und Vereinigung der guten Eigenschaften beider im Kampf ums Dasein durch allmählige Elimination der minderwertigen Elemente den endgiltigen Sieg errungen hat."-„Daß ohne diese Mischung auch die Juden, wie jeder Stamm, dem langsamen, aber sicheren Untergang geweiht sind, ist leicht ersichtlich."-„Alle nicht gemischten Geschlechter sterben schließlich aus." Herr Dr. Stratz begeht hier eine bemerkenswerte logische Inkonsequenz, die seine übrigen Bemerkungen ihrem Worte nach deklassieren. Die Hauptkulturaufgabe der Juden, zugleich ihre letzte, sieht er darin, daß sie sich mit den guten Elementen der umgebenden Völker vereinigen. Darauf braucht man nur zu erwidern, daß es dem Judentum nicht verziehen werden kann, dieser Kulturaufgabe nicht früher nachgekommen zu sein. Die Historie aber lehrt uns, daß die Inden, wenn sie im babylonischen Exil beispielsweise dieses Rezept befolgt hätten, sich in den Babyloniern sofort und vollständig aufgelöst hakten, somit heute weder das Christentum noch der Islam und mit ersterem nach Stratz nicht die moderne Kultur vorhanden wären. Im Gegenteil: die Kulturaufgabe des Judentums besteht eben in seiner Exklusivität. in seinem starren, unveränderlichen Festhalten an den Geboten, die Gott nicht auf Jahrhunderte, sondern für alle menschlichen Zeiten seinem anserwählten Volke gegeben hat. Und nur die Beobachtung dieser Gebote hat das jüdische Volk in den Stand gesetzt, eine so wunderbare, weil gottgegebene Lebensenergie zum Heile der Welt zu entfallen. Als zum zweiten Male der Tempel zu Jerusalem zerstört wurde, wanderten die Juden über den ganzen Erdkreis aus. Schon damals Hütten sie wiederum Gelegenheit gehabt, sich mit den übrigen Völkern zu vermischen und spurlos in ihnen zu verschwinden. Daß es nicht geschehen ist, daß sie noch heute kraft ihres Glaubens em Volk bilden, liegt und lag nicht m menschlichem Belieben, sondern in göttlichem Beschluß. Antisemitische Blätter schreiben oft, das Judentum wirke im Körper der Völker als ein Fremdkörper, der Reizzustände Hervorrufe. Das ist gewiß der Fall, aber nicht in dem Sinn, den jene Blätter dem natürlichen Vorgang beilegen. In sich selbst ruhend, eine kompakte Masse, Erbe einer vieltausendjährigen Kultur, hat die Judenheit die Kraft, an der Entwicklung der Menschheit in kultureller Beziehung tätigsten Anteil zu nehmen. Und wo sie selbst nicht aktiv auftritt, regt sie passiv an. Man denke nur an die Fülle großartiger Ideen und Gestalten, die die Weltliteratur den Juden zu verdanken hat. Und so können die Juden auch weiter ihre hohe Kulturmission auch im Stratzst'chen Sinn erfüllen, wenn sie ihre exzeptionelle Stellung beibehalten. Nur so können sie der Sauerteig der Völker bleiben. (Schluß folgt.) Eine literarische Richtigstellung. In der letzten Versammlung der „Gesellschaft für deutsche Literatur" in Berlin, sprach Dr. H. H. Hauben über das Verhältnis der Zeitgenossen zum Selbstmorde Heinrich v. Kleists und teilte am Schluß der Rede eine interessante literargeschichtliche Entdeckung mit. Kurz nach dem Tode des Dichters erschien eine Reihe gehässiger Aufsätze gegen Kleist in dem damals höchst einflußreichen „Stuttgarter Morgenblatt". Von antisemitischer Seite wurden diese Aufsätze dem Berliner Korrespondenten des „Morgenblatt", dem Journalisten Saul Ascher, einem Juden, zugeschrieben. Dieser tendenziösen Annahme setzte Dr. Houben in seinem Bortrage die Erklärung entgegen, daß Saul Ascher mit jenen Schmähaufsätzen nichts zu schaffen hatte und daß die letzteren von dem Redakteur und Hauptmitarbeiter des „Stuttgarter Morgenblatt", Weiffer, herrühren, einem Maun, der nicht nur von „reinster" christlicharischer Abstammung war. sondern sich auch mit Vorliebe in antisemitischen Angriffen und Spöttereien erging. Der Vorsitzende der Gesellschaft für Literatur, Professor Erich Schmidt, der die Debatte über diese Mitteilung einleitete, ersuchte den Vortragenden den Beweis für seine Behauptung zu erbringen. Dr. Houben erwiderte darauf, daß er das Beweisstück vorläufig in der Tasche behalten, aber durchaus keinen Grund habe, es vor der Versammlung zu verbergen. Und damit legte er — zur allgemeinen Ueberraschung — ein allerdings unwiderlegliches