Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 21 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063233--03079-3069807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eene 4. Nr. 21 Die Wahrheit Einen ' ebenso beachtenswerten als interessanten Beitrag zur Geschichte des Ex-Fürsterzbischofs Dr. Kohn bietet das Interview, welches kürzlich der Nachfolger desselben, Fürsterzbischof Dr. Bauer in Qlmütz, einem Journalisten gewährte. Als der Journalist an Dr. Bauer die Frage richtete: „Wieso glauben, Exzellenz, daß es zu jenen Verhältnissen gekommen ist, die die Absetzung des Fürsterzbischofes Dr. Kohn zur Folge hatten?" antwortete dieser nach einigem Zögern: „Vielleicht reicht der Ursprung der Verwirrung weiter. Was man dem greisen Kardinal F ü r st e n b e r g verzieh, günstiger auslegte, ü b e r s a h m a n u i ch t bei demFürste r z b i s ch o s D r. Kohn. Was sich ein im hohen — Alter stehender Mann erlauben darf, kann ein anderer nicht wagen." Aus der Art, wie Dr. Bauer den Unterschied des Alters betonte, ging deutlich hervor, daß er die anderen Unterschiede, die zwischen dem hochgeborenen Aristokraten Fürstenberg und dem simplen — Dr. Kohn bestanden, nicht besonders hervorheben wollte. In der Tat bedurften diese Unterschiede keiner besonderen Markierung. Aus dem erwähnten Interview möchten wir noch eine Stelle zitieren, aus welcher ein charakteristisches Licht ans den Umstand fällt, wie man selbst in katholischen Priesterseminarien über den Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament denkt, der wohl in dem Namen Kohn seinen prägnantesten Ausdruck findet. Auf die Frage: „Kennen Exzellenz den Fürsterzbischof Dr. Kohn auch persönlich gut?" antwortete Dr. Bauer: „Ich glaube schon. Es ist übrigens interessant, wie ich ihn kennen lernte. Im Priesterseminar hielt ich einst eine Vorlesung über das Synedrion und über die Einrichtungen des Staatslebens der Juden. Ich erläuterte den Begriff des Synedrion, behandelte dann das Priesterwesen und bemerkte, daß die den Namen Kohn führenden Personen Abkömmlinge jüdischer Priester seien. Ich hatte schon während der ganzen Zeit meines Vortrages eine gewisse unterdrückte Heiterkeit bemerkt; als ich den Namen Kohn aussprach, brachen alle in helles Gelächter aus. Nun erkundigte ich mich um den Grund dieser Heiterkeit und erfuhr, daß in der Klasse ein Seminarist namens Kohn sei. Man zeigte mir ihn, und dies war meine erste Begegnung mit dem späteren Fürsterzbischof von Olmütz, den ich nun ersetzen soll." „Sind Exzellenz," fragte schließlich der Interviewer, „inzwischen häufig mit Dr. Kohn in Berührung gekommen?" ..Wenig," antwortete Dr. Bauer. „Als Fürsterzbischof lebte er zurückgezogen, abgeschlossen von aller Welt und kam fast nie zu den allgemeinen Bischofskonferenzen. Dies dürfte auch ein Grund vieler Verwicklungen sein. Man darf sich nicht abschließen, man muß mit der Bevölkerung in Fühlung stehen, und mancher Zwiespalt wird so vermieden, manche Differenz friedlich gelöst." „Mas stad Jade«?"*) Von Lazar Schöu-Würzburg. Unter diesem Titel hat der bekannte Anthropologe Doktor C. H. Stratz eine Studie veröffentlicht, die allgemeinerer Beachtung wert ist und von jüdischer Seite nicht unerwidert bleiben darf. Stratz geht, wie er mit Glaubwürdigkeit versichert, ohne vorgefaßte Tendenz, weder in dem einen noch im andern Sinne an die Lösung dieser Frage; für die Wahrheit aber gilt der alte Spruch der goldenen Mitte und diese Mitte einzuhalten, ist Stratz wohl im allgemeinen, nicht aber in allen Punkten gelungen. Die beiden ersten Seiten seiner Studie, wie ihre letzten Zeilen hat der Verfasser den Antisemiten gewidmet. Er beantwortet demzufolge die Frage nach dem Wesen der Juden im *) „Was sind Juden?" Eine ethnographisch-anthropologische Studie von Dr. C. H. Stratz. Sinne eines wütenden Judenfressers: „Die Juden sind ein gehaßtes und verachtetes Volk .semitischer Rasse, und mosaischen Glaubens, das sich durch lange Nasen und zahlreiche körperliche Gebrechen, wie : runde Rücken, krumme Beine,, platte Füße u. a. auszeichnet." Die Judenfrage ist so alt wie das Volk der Juden selbst. Seit drei Jahrtausenden wandert sie von einem Geschlecht zum anderen, seit drei Jahrtausenden wird sie in einem für die Juden ungünstigen Sinne beantwortet. Alle Lösungen bargen und bergen unbewußte und bewußte Unwahrheiten, aber eine Lüge wird dadurch nicht zur Wahrheit, daß sie Jahrhunderte hindurch immer neu aufgelegt wird. Die dieser Frage gegenüber geübte kulturhistorische Brunnenvergiftung hat die bedauerliche Erscheinung gezeitigt, daß nur die edelsten Geister die Wahrheit über die Juden suchen und finden, während die ganze große Masse der Gebildeten, Halbgebildeten und Ungebildeten der Frage mit verletzender Gleichgiltigkeit, skeptischem Spott und tätlichem Hohn gegenübersteht. Man kann eine Frage, die nicht heute oder gestern aufgetaucht ist, nicht, wie es Stratz getan hat, mit Vorführung einiger Bilder, die jüdische Gesichtsbilduug bei Nichtjuden und umgekehrt zeigen, und daraus gezogenen Schlüssen der Nichtberechtigung, die Frage mit den Eingangsworten zu beantworten, kurzerhand abtun Es ist nötig, tiefer in die Dämmerung der Geschichte, zur Quelle hinabzusteigen. Wir werden dann zu anderen Schlüssen gelangen wie Stratz und schließlich auch das Rezept verwerfen können, das er den Juden als conditio sine qua non ihrer Weiterexistenz verschreibt: die leibliche Vermischung oder, wie er sagte, die somatische vollständige Assimilation mit den sie umgebenden Völkern germanischer und romanischer Herkunft. Der Haß gegen die Inden wäre seinem Ursprung nach leichter erklärlich, wenn er nur den ungebildeten Massen eigen wäre. Da er aber latent, wie eingeimpstes Gift, von votneherein auch in den höheren Schichten der Gesellschaft frißt und nur von edlen, geistig hochstehenden Naturen ausgemerzt wird, bevor er zu wuchern beginnt, ist es nötig, tiefer dem Grund dieser eigentümlichen Erscheinung nachzugehen. Eine gute Erklärung finden wir in dem Umstande, daß in der Geschichte der christlichen Religionen, beziehungsweise bei ihrer Abhandlung in den Schulen, die Juden als die Feinde des Stifters der christlichen Religion sehr schwarz gemalt werden. Man braucht darüber kein Wort zu verlieren. Schon in die so empfänglichen Kinderseelen wird der Keim zum Haß gesät. Dazu kommt noch etwas anderes. Die jüdische Religion mit ihren Festen, die religiösen. Gebräuche der Israeliten, die alle so ganz anders geartet sind, wie die Zeremonien der christlichen Religion, nicht zuletzt der Talmud umgeben die Juden in den Augen der Christen mit einem geheimnisvollen, schreckhaften Zauber. „Alles, was dunkel ist, fürchtet der Mensch." Jede Furcht aber ist mit Haß gepaart. Ein dritter Faktor, der das notwendige Ergebnis des zweiten ist, tritt noch hinzu. Der Nimbus, der das Leben der Juden umgab, als sie noch durch die engen Gassen des mittelalterlichen Ghettos wanderten, und sie noch heute umgibt, wo sie doch im Lichte der sogenannten aufgeklärten Zeit stehen, hat aus dem fruchtbaren Schoße des Geheimnisvollen die unsinnigsten Ausstreuungen über heimliche Freveltaten der Juden, wie das Blutmärchen u. a., deren Zusammenhang mit der jüdischen Religion überall angestrebt wird, geboren. Diese Märchen bilden das unverrückbare Erbteil der Jahrhunderte, die geistige Rüstkammer der Antisemitenblätter, aus der sie ihre giftigsten Waffen holen. Der letzte Grund aber ist der: die Wurzel alles menschlichen Handelns ist der Egoismus. Wir meinen dabei nicht den schrankenlosen Egoismus, die ungezügelte Selbstsucht, die das eigene Ich als Mittelpunkt der ganzen Weltordnung betrachtet wissen will. Unter dem verborgenen Egoismus verstehen wir das Bestreben des Menschen, des Individuums und der Völker, andere nach seinem Willen zu bilden, andere sich unterzuordnen. Der gute Katholik wünscht lebhaft, alle Protestanten möchten katholisch werden, der Protestant hegt von seinem Standpunkte