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Die Wahrheit · 1904-05-27 · Heft 21 (27.5.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 21 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration: Wien, Il/i Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeue. Abonnemenlsu. Jnserlions' betrage sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heikfchrift für jüöische Interessen. Erscheint jeden Kreitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Gerngsprxers: Ganzjährig . . K. 12.— Halbjährig . . . K. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig . . . Ä. lv — Für Ausland: > Ganzjährig . . . s Mark.! 6 Rubel oder lei Fes. Ur. 21. Wien. 27. Mai 1904. Inhalt: Ans der Woche. — „Was sind die Juden?" Die Bedeutung der babylonischen Ausgrabungen für Israel. — Literarische Richtigstellung. — Ulrich Frank. — Literatur. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Kantoreu-Zeitnng: Jnstruineutalinusik in der Synagoge. — Ueber die Richtung beim Gebet. Ans der Woche. Die Frage, ob der Kampf der Antisemiten gegen die Juden mir mehr Ungerechtigkeit oder mit mehr Albernheit geführt wird, ist schwer zu entscheiden. Wenn ein Antisemit sich auch nur einen Funken von Ehrlichkeit und Vernunft in der Beurteilung der Judenfrage bewahren könnte, müßte er empört sein, angesichts der Tatsache, daß in der antisemitischen Presse und in den antisemitischen Versammlungen das Schlagwort von der „Verjudung" ertönt, möge von welchem Gebiete der öffentlichen Tätigleit immer die Rede sein. Wenn man den Wort- und Schriftführern der Antisemiten glaubte, dann muß man die Juden hassen: weil sie erstens alle Schacherer und Trödler seien; zweitens, weil sie nur darnach streben, in der Kunst und der Literatur eine Rolle zu spielen; drittens, weil sie samt und sonders nur hohe Stellungen im Staate und in der Wissenschaft erobern wollen; viertens, weil sie alle Banquiers und Finanzmänner sind; fünftens, weil sie in der Armee eine dominierende Stellung einnehmen . . . rc. re. Daß die eine dieser Behauptung die andere aufhebt, die eine Beschuldigung die andere aus der Welt schafft, liegt klar auf der Hand, aber einen echten Antisemiten darf das nicht anfechten. Er muß also auch entzückt davon sein, wenn er in einer und derselben Nummer des „Deutschen Volksblattes" in einigen Notizen ausgesührt sieht, daß die Juden nur schädliche Mitglieder der Gesellschaft sind, weil sie sich ausschließlich dem Handelsstande widmen, und an der Spitze des Blattes einen Brandartikel „Zum Kapitel Hochschulverjudung" finden, in welchem Zeter und Mordio geschrieen wird, daß die Juden an der ersten Hochschule des Reiches ..eine Lehrkanzel nach der andern erobern . Anlaß zu diesem Artikel gab der Umstand, daß die juridische Fakultät der Wiener Universität in der Sitzung vom 17. d. M. den Beschluß faßte, als Nachfolger des aus dem Lehrfache scheidenden Hofrates Dr. Karl Ritter v. Czyhlarz einen Juden, nämlich den Straßburger Professor Lewel primo loco, vorzuschlagen. Das „Deutsche Volksblatt" weiß von. dem Straßburger Professor nur Eines: daß er ein Jude ist, und es ist so hirnverbrannt, den Mitgliedern der juridischen Fakultät, die mit allen gegen vier Stimmen sich für ihn aussprachen, zu unterschieben, daß sie bei ihrem Beschlüsse gleichfalls nur von dem Gedanken geleitet waren: der Jude muß gewählt werden, damit unsere Universität ihres deutschen und christlichen Charakters entkleidet werde. Diese infame Beschuldigung wird nicht nur gegen die paar jüdischen Mitglieder der Fakultät, soudern auch gegen die zehn arischen, deutschen Professoren, die sich für Professor Lewel aussprachen, geschleudert! Von der wissenschaftlichen Bedeutung des Straßburger Professors hat das ..Deutsche Volksblatt" natürlich keine Ahnung, es vermag sich in seinem blindwütigen Judenhasse auch nicht einen Moment zu der Auffassung emporzuschwingen, daß die hervorragenden Männer der Wissenschaft, die Sitz und Stimme in dem Prosessorenkollegium haben, durch andere als niedrige und verwerfliche Motive zu ihrem Beschlüsse veranlaßt seien. Sie alle müssen sich von dem „Deutschen Volksblatt" die gehässigsten und beschimpfendsten Verdächtigungen gefallen lassen; die ganze deutsche Studentenschaft wird gegen sie ausgehetzt und mit einer geradezu aufreizenden Deutlichkeit wird es herausgesagt, daß die „deutsche Studentenschaft diese Provokation nicht ruhig hinnehmen" dürfe. Kurzum: die Antisemiten haben über die Ernennung der Professoren zu entscheiden und nicht die Fakultät, nicht das Unterrichtsministerium. Wenn das so fortgeht, wird es angezeigt sein, das Staatsgrundgesetz: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei", dahin zu ändern: ..Die Wissenschaft und ihre Lehrer sind — vogelfrei. Frei allein ist die antisemitische Presse." * * * Für unsere Behauptung, daß die antisemitische Presse in einer geradezu unsinnigen Weise die Prinzipien des Antisemitismus vertritt, sind wir in der Lage, einen gewiß klassischen Zeugen vorzuführen: Theodor F r i t's ch, den Begründer und vieljährigen Herausgeber der „Antisemitischen Korrespondenz". Der Mann, dem kaum die intime Kenntnis der antisemitischen Presse abgesprochen werden kann, äußert sich über dieselbe im „Hammer" unter anderem folgendermaßen: „Heute hält sich jeder unreife Bursche berufen, den antisemitischen Redakteur und Schriftsteller zu spielen, denn nach seiner Meinung gehört ja weiter nichts dazu, als daß man tüchtig aus die Juden schimpft. Dadurch ist der antijüdischen Sache der allergrößte Schaden zugefügt worden." Wir sind objektiv genug, die Richtigkeit dieser Bemerkungen zuzugeben. Dafür möge uns Herr Fritsch die Bemerkung gestatten, daß die ..wissenschaftliche" Gründlichkeit der Eisenmenger, Dühring, Rohling rc., die er so rühmend hervorhebt, ebensowenig vom Geiste der Wahrheit erfüllt ist, wie das Geschimpfe der „unreifen Bursche . Antisemitismus und Wahrheit sind eben unvereinbar.

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