Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Oesterr.-Ungar. Kantoren-Zeitung. Wufikatische Gedenkfeier für Salomon Sulzer. Mit der pietätvollen Huldigung, welche das Kuratorium des „Jüdischen Museums" durch die am 12. Mai im großen Btiisikvereinssaale veranstaltete musikalische Gedenkfeier dem Reformator des jüdischen Synagogengesanges darbrachte, bat sich diese Körperschaft und mit ihr der musikalische Leiter der Veranstaltung, Chormeister ProfessorJosef Sulzer, gleichzeitig auch den Dank des großen jüdischen Publikums in Wien erworben, dem zum ersten Male in großen Massen Gelegenheit geboten wurde, außerhalb des Gotteshauses synagogale Musik in wirklich kunstvoller, sein nüanzierter Ausführung zu hören. Es war vielleicht mit Rücksicht auf die im Verhältnis zum großen Raume schwache Besetzung der Männerstimmen, welche sich aus den vereinigten Chören der beiden Wieuer-Hauptsynagogen rekrutierten, etwas gewagt, einen so großen Konzertsaal zu wählen, in welmem man chorische Massenwiikungen zu hören gewohnt ist; allein abgesehen von der ersten Programmnummer (Hallelujah, Psalm 111), wo Chor und Solostimme gegen den ihnen ungewohnten großen Raum anzukämpsen schienen und zudem noch durch das zu wenig diskrete Orgelspiel beeinträchtigt wurden, muß man neidlos anerkennen, daß das Wagnis gelungen ist und Sänger und Dirigent eine vollkommen befriedigende und beachtenswerte künstlerische Leistung boten. Bei den Solostimmen (Bariton Obercantor Bela Guttmann, Tenor Erster Cantor Don Fuchs) trat übrigens eine merkwürdige Erscheinung zu Tage. Während gewöhnlich im Konzertsaale die Baritonstimme gegenüber der Tenorstimme im Nachteile ist, war hier die Wirkung eine umgekehrte. Wir wollen aus die Ursache dieser Erscheinung, die übrigens Jene, welche die beiden Sänger öfter zu hören Gelegenheit hatten, nicht überraschen konnte, nicht näher eingehen, sondern nur konstatieren, daß beide ihr bestes Können einsetzten und auch zahlreichen Beifall fanden. Wenn jedoch auch vom rein musikalischen Standpunkte betrachtet, die gesanglichen Darbietungen Lob und Anerkennung verdienen, so darf dennoch nicht verschwiegen werden, daß das religiöse Gefühl so mancher Zuhörer durch Piecen, wie waanacknu, koju kor:im, ttrosclüiaschonoh, eines, w’seorew, hajom karas olom, u. dergl., welche die erhabensten gottesdienstlichen Stimmungen wiedergeben, ziemlich stark alterirt wurde. Mag auch das Ohr hiebei seine Befriedigung gefunden haben, so mußte es doch demjenigen, dem die Erhebung im Gebete zum Allmächtigen als unantastbares Heiligtum gilt, wie eine Profanation erscheinen, den ganzen gottesdienstlichen Apparat im Wechselgesang zwischen Cantor und Chor direkt in den Konzertsaal zu verpflanzen. Es ist sehr zu bedauern, daß von der ursprünglichen Anlage des Programmes, welche diese Stimmungen der instrumentalen Reproduküon auf dem Klavier und dem Zello vorbehielt, Abgang genommen und dem artistischen Leiter, welcher blos den musikalischen Effekt im Auge behielt, seitens des Kuratoriums des „Jüdischen Museums" vollkommen freie Hand belassen wurde. Als eine unnötige und unpassende Störung der mit dem wirklich kunstvollen Vortrag des Festgedichtes vorbereiteten weihevollen Stimmung durch den k. u. k. Hofschauspieler Konrad Loewe wurde es auch empfunden, als zur 3. Programmnummer im typischen Ausruferton ein weder stimmlich noch inhaltlich befriedigender Kommentar gegeben wurde. Wenn derselbe vielleicht aus Rücksicht für etwaige nichtjüdische Zuhörer nötig erschien, so hätte ein diesbezüglicher Vermerk im Programme den Zweck besser erfüllt. Trotz der vorgebrachten Bedenken wollen wir jedoch gerne eingestehen, daß die vom „Jüdischen Museum" veranstaltete Gedenkfeier in ihrem Totaleindrucke Anerkennung verdient und namentlich betreffs der Gestaltung des jüdischen Synagogengesanges mannigfache Anregungen bot, die in Fachkreisen schon mit Rücksicht auf den nachfolgenden, uns von schätzenswerter Seite zur Verfügung gestellten Artikel Nachklang finden werden. Was uns die Sulzer-Ieier Lehrt. Die Sulzer-Feier im Musikvereinssaale hat überzeugend dargetan, welche Fülle von musikalischer und religiöser Erbauung in Sulzetis Gesängen enthalten ist. Von den etwa zweitausend Anwesenden dürfte keiner gewesen sein, der sich nicht wenigstens, an diesem Abend der Bedeutung des Syuagogengesanges bewußt geworden wäre. Dies ist zunächst der ausgezeichneten Leitung der Chöre und deren präzisen Ausführung zu danken, welche es ersehen ließ, wie viel darauf ankommt, daß Dirigent und Sänger die Absichten des Tondichters zu erfassen und auszudrücken suchen. Die Hörenden konnten den Unterschied nicht verkennen, der zwischen der seit Sulzer's Hingang rapid verfallenden Vortragsweise und jener besteht, welche am Festabend sich den Sulzerschen Intentionen wieder vollständig anzuschmiegen vermochte. Dieser Umstand enthält eine wichtige Belehrung, die für den Kultusvorstand, sowie für die fungierenden Sänger (Vorbeter und Choristen) nicht verloren gehen darf. Für den Vorstand sollte aus den Eindrücken des Festabends der Entschluß erwachsen, dem Syuagogengesang nicht nur administrative, sondern auch sachliche Aufmerksamkeit zu widmen. Zuvörderst wäre ein Neudruck des aüs dem Musikalienhandel verschwundenen „Schir-Zion" zu veranstalten — eine Grundbedingung, falls man ernstlich danach strebt, in unseren und in auswärtigen Gemeinden die Sülzetischen Gesänge lebendig zu erhalten. Ist doch der Wiener Kultusvorstaud vor Allem dazu berufen, diese edlen Kuustschöpfungen dem Judentum zu bewahren. . Sodann wäre dafür zu sorgen, daß diese Gesänge stets nur im Geiste ihres Schöpfers zum Vortrag kommen. Wie wenig dies in den Wiener Synagogen geschieht, ist gerade durch die einwandfreie Vortragsweise bei der Sulzerfeier so recht zur Klarheit gelangt Sache des Vorstandes wäre es, eine restitutio in integrum heb eizuführen. Nur glaube mau nicht, daß dies mittelst einfacher Instruktionen bewirkt werden könne.. Vielmehr bedarf es wenigstens anfänglich einer intensiven und verständnisvollen Tätigkeit, einer dauernden Belehrung der einzelnen Organe, vom Vorbeter bis zum letzten Chorknaben und einer wohlmeinenden, aber unerbittlich waltenden Kontrolle. Ohne Reform an Haupt und Gliedern wird der Synagogengesang auf der seit 20 Jahren eingeschlagenen schiefen Ebene unaufhaltsam niedergleiten. Ein ferneres Ergebnis der Feier im Musikvereine liegt in der Einsicht, daß die vielfach gepriesene Instrumentalbegleitung als ganz nebensächlich erkannt wurde. Der musikalische Leiter des Festabends hat die Orgel allerdings angewendet, jedoch mit Diskretion und wahrem Verständnisse. Für den gewaltigen Raum waren die 50 Stimmen der Chöre zu schwach, deshalb konnte er es nicht vermeiden, gewisse Akkorde durch die Orgel unterstützen zu lassen. Allein für den größten Teil der Vorträge reichten die Stimmen der Sänger aus; sie befriedigten in jeder Hinsicht das Ohr und den Geschmack. Daß die Orgel und zugleich sei es gesagt, daß die weibliche Stimme kein Bedürfnis für unsere Synagogen sei, ward im Musikvereinssaale unverkennbar erwiesen. Nächst dem Vorstande sollen aber auch unsere Vorbeter aus den Erfahrungen des Festabends Belehrung ziehen. Sie waren mittätig bei der Wiederbelebung der Sülze tischen Vortragsweise, welche sich jeder Künstelei und opernhaften Verzierung enthält und durch einfache Mittel auf das Gemüt zu wirken vermag. Darin liegt nicht gesuchte Stylisierung, auch nicht Prinzipienreiterei, welche die Freiheit des im Vorbeter waltenden künstlerischen Geistes ungebührlich beschränken will, sondern verständige Selbstbeherrschung, welche die Kunst als dem höheren Zwecke des Gebetes dienend behandelt. Die Synagogenmusik ist nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zur Erhebung des