Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20. Die Wahrheit Lette 9. voraus, daß er 'ein hervorragender, musikalisch gebildeter Kantor, sondern daß er auch ein-tadelloser Charakter ist, wie es die Stellung eines Kantors erfordert. A. Königsberg i. Pr. In überaus auszeichnender und ehrender Weise wurde Samstag, den 30. April und Sonntag, den 1. Mai, das 25jährige Amtsjnbiläum unseres verdienstvollen und allgemein verehrten Oberkantors Birnbaum im Gotteshause und außerhalb desselben gefeiert. Samstag wurde der Jubilar in der Synagoge durch eine Predigtansprache des Herrn Rabbiners Dr. Vogelstein ausgezeichnet. Am Sonntag mittag brachren in der Wohnung des Jubilars die Vertreter der Sunagogengemeinde, zahlreicher Bereinigungen und sonstige Freunde ihre Glückwünsche dar. Ueber die schöne Feier, die weitere Kreise interessieren dürfte, werden wir in nächster Nummer ausführlich berichten. LeniUeton. Aas Amulet. Preisgekrönte Novelle von Frau Babvtte Fried-Prag. Das Gewitter, welches während des ganzen heißen Nachmittags gedroht hatte, kam immer näher. Dumpfes Donnerrollen tönte aus der Ferne und einzelne schwache Blitze durchzuckten in längeren Pausen das Firmament. Sich vorsichtig auf seinen derben Knotenstock stützend, stieg oder vielmehr kletterte ein einzelner Wanderer von dem Berge herab, welcher sich kegelartig über der nur leicht gewellten Ebene erhob. Unten angelangt, nahm der noch so ziemlich jugendliche Mannxseinen leichten Strohhut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Zu Füßen des mit einzelnen hohen Bäumen und niedrem dichten Gestrüppe bedeckten Berges hob sich eine Gruppe alter hoher Tannen malerisch von der mit welkem Grase bedeckten Ebene ab.! Der Wanderer, wir wollen ihn gleich mit seinem vollen! Namen und Titel nennen: Dr. Rafael Bernstein, Professor der! Naturwissenschaft an der Universität zu Prag, ließ sich müde! unter einem dieser Bäume nieder, sich mit dem Rücken an dessen! Stamm lehnend. Nachdem sich Rafael durch einen kräftigen Zug j aus seiner Feldflasche gestärkt hatte, öffnete er die Botanisieri büchse und schüttete deren Inhalt vor sich auf die Erde nieder,! um denselben einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Mit * Hilfe der Lupe untersuchte der Professor Pflanze für Pflanze, . einige Stücke wurden gleich als unbedeutend weggeworfen, gar! viele aber fanden Gnade vor den Augen des strengen Gelehrten! und wurden behutsam wieder in die Büchse gelegt. Im großen , und ganzen war der Professor mit der Ausbeute des heutigen ' Tages zufrieden, denn auch seine Kleidcrtaschen bargen gar * manchen kostbaren Schatz, Mineralien nämlich, die bisher in; seiner Sammlung fehlten und zu deren Auffindung er den; heutigen Ferialtag benützt hatte. Zufrieden mit sich selber und! mit dem Ergebnisse des heutigen Ausfluges, lehnte er sich be-! haglich an den Baum, und nicht achtend des heranziehenden! Unwetters, versuchte er, von Müdigkeit übermannt, ein Weilchen zu schlafen. So in Halbschlummer versunken, zog die Vergangen-; heit des jungen Mannes vor seinem geistigen Auge vorüber. j Ein geborener Pole, der Sohn eines wegen seiner Frömmigkeit i und Gelehrsamkeit hochberühmten Rabbiners, hatte er von seiner; frühesten Jugend an sich mit allem Eifer dem Bibel- und dem; Talmudstudium hingegeben. Hinaus zog es ihn mit allmächtiger j Gewalt in die weite Welt, wo er die Fesseln abstreifen konnte,! welche die streng religiöse Lebensweise, die in seinem Elternhause : herrschte, um ihn legte. Hinaus in die Welt, wo die Gelegen-; heit winkte, die Geheimnisse der allschaflenden Natur zu belauschen, : deren Kräfte und Walten zu ergründen. Da war es vor allem! die Universität Prag, deren Ruf auch bis zu ihm in das welt-! verlorene polnische Städtchen gedrungen, die ihn lockte. i Schwer, nur sehr schwer, war von seinem Vater die Erj laubnis zu dieser Reise zu erlangen. „Geh nicht nach Böhmen, mein Sohn! Dort in diesem Lande wirst Du bald die Grundsätze verlernen, in denen ich Dich; so sorgfältig erzogen habe. Wenn Dir schon die Heimat zu enge! ist und Dein Lerneifer Dich in die weite Welt hinaus drängt, j so gehe doch lieber nach Deutschland. Die dortigen Glaubens-! genossen sind uns stammverwandt; gehe, wenn nicht anders, nach Ungarn oder auch nach Mähren, auch dort ist das Gift der Neuerung nicht so üppig aufgeschossen wie im Böhmerland." Aber was halsen alle diese Vorstellungen? Rabbi Naftali Bernstein hatte es bei all seiner Gelehrsamkeit nicht gelernt, den Bitten seines einzigen Kindes zu widerstehen, und so zog eines schönen Tages Jung Rafael ans seinem Elternhause fort: der fürsorgliche Vater hatte seinem Liebling nicht nur seinen Segen mit aus die weite Reise gegeben, sondern auch eine wohlgefüllte Brieftasche, sowie einen Empfehlungsbrief an seinen Jugendfreund und einstigen Studiengenossen, den gelehrten R. Salomon Rappoport, Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde zu Prag. Dieser hervorragende Gelehrte und Menschenfreund nahm sich des jungen, ihm von so lieber Seile warm empfohlenen Landsmannes aufs beste an, umsomehr, als derselbe ein erstaunliches Wissen und geradezu immense Arbeitslust zu entfalten begann; bald wurde der junge Pole der Liebling seines Lehrers, welcher ihn allen anderen vorzog, und ihn allen Talmudbeslissenen zum Vorbilde empfahl. Nach einiger Zeit jedoch erlahmte dieser rege Wissensdrang aus merkliche Weise. Immer seltener erschien Rafael bei den Vortrügen des Meisters, bis er gänzlich ausblieb. Er hatte sich aus ein anderes Studium geworfen. So wie er sonst Erstaunliches geleistet hatte, wo es das Talmudstndinm galt, so hatte er in kurzer Zeit durch privates Studium all das profane Wissen nachgeholt, wozu andere junge Leute viele Jahre ununterbrochener Arbeit auswenden müssen, und welches für ihn unumgänglich notwendig war. Als er nun fertig war und alle Prüfungen mit Auszeichnung abgelegt hatte, da stellte sich ihm znr Erlangung seines vorgesteckten Zieles ein unerwartetes großes Hemmnis in den Weg: sein Religionsbekenntnis. Rafael sah ein, daß, wenn er seinen Glauben nicht wechsle, an die Erlangung einer Professur nicht zu denken war. Seine Freunde und Kollegen setzten dem noch immer Zaudernden eifrig zu — im Grunde handelte es sich ja nur um eine bloße Form, denn tatsächlich hatte er den Glauben seiner Väter schon längst über Bord geworfen, wie einen schweren Ballast, der ihn am Vorwärtsdringen hinderte, und so beging er das Letzte, Schwerste — er legte den Glauben, in dem er geboren und erzogen wurde, ab. Nun stand ihm nichts mehr im Wege, frei und uneingeschränkt durste er lernen und lehren, forschen und vorwärtsdringen. Ein neuerlicher, diesmal heftigerer Donnerschlag weckte den jungen Gelehrten aus seinen wachen Träumen. Er blickte auf. Bor ihm lag der Berg, von dem er vor einer Stunde etwa herabgestiegen war. Doch welche Wandlung war mit dem Berge selbst oder mit ihm vorgegangen. Wie kam es, daß er vorhin die seltsame Form desselben gar nicht beachtet hatte, wie sie ihm jetzt ausgefallen ist? Schon einmal hatte er aus einer seiner Forschungsreisen, es war, so schien es ihm, bei Gelegenheit seiner großen Orientreise, einen ähnlichen Berg bestiegen, nur konnte er sich aus nichts Näheres besinnen. Rafael bedeckte mit der Hand seine Augen, um durch Verdunklung seines äußeren Auges dem innern einen weiteren Spielraum zu verschaffen. Ein heftiger Blitz, dem ein furchtbarer Donnerschlag folgte, ließ ihn aussehen. Der Berg, der seine Gedanken soeben beschäftigte, stand in Flammen. Ununterbrochen niedersahrende Blitze mischten sich mit den Flammengluten, Donnergeheul mit Stnrmesbrausen. Ja, jetzt wußte er, was das für ein Berg sei. Das war ja der Horeb, der rauchende, flammende Sinai, jetzt war ihm die Erkenntnis gekommen. Und aus diesem Flammenmeer löste sich eine Menschengestalt, welche, unbeirrt durch die sie umzingelnden Feuersgluten, denselben Weg hinunterschritt, den er vorhin gegangen war. Wer mochte dies wohl sein? Wer? Er fragte noch, wer anders als Moses, der da oben als Hausgenosse seines Gottes aus- und einging? (Fortsetzung folgt.)