Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-05-20 · Heft 20 (20.5.1904) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 20 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063232--03070-3069797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seile 8. Die Wahrheit rtr. 20. Die konstituierende Versammlung des österreichischen Kolonisationsvereines fand am Freitag, den 13. Mai 1904 über Einladung des Präsidenten Dr. Alfred Stern im großen Sitzungssaale der Wiener israelitischen Kultusgemeinde statt. Die hervorragendsten Repräsentanten aller im öffentlichen Leben hervortretenden Gruppen der jüdischen Bevölkerung waren dem Ruse gefolgt und es war ein Augenblick voll Feierlichkeit, als der Vorsitzende diese Versammlung, die für die Palästinaidee alle Parteizwistigkeiten zurü>>treten ließ, zur formellen Gründung des Kolonisations- Vereines ausfordcrte. In beredrcn, mit allgemeinem Beifall aufgenommenen Worten setzte Dr. Stern auseinander, wie schon während der unlängst geschloffenen Palästina-Ausstellung der Gedanke, einen solchen Verein in Wien ins Leben zu rufen, ausgetaucht wäre. Er wies auf das große Ziel hin, welches Vereinen dieser Art. wie etwa der in Deutschland bestehende „Esra," vorschwcbt und sprach die bestimmte Erwartung aus, daß alle Parteien der jüdischen Gemeinden Wiens und anderer österreichischen Städte an diesem Werke in voller Einigkeit und in regster Weise sich beteiligen werden. Hierauf erteilte der Vorsitzende das Wort an Dr. Alfred Nossig, der als Vertreter des Pariser Zentralkomitees und der Berliner Provagonda-Kommission der Kolonisationsvereine im wesentlichen Folgendes ausführte: Seit kurzer Zeit macht sich ein mächtiges Aufblühen der Arbeit an dem palästinischen Siedlungswerke bemerkbar. Es entstehen neue Gesellschaften zu genossenschaftlichem Bodenkauf in Palästina. Zwei große Organisationen, die sich früher, allerdings aus verschiedenen Gründen, an der Kolonisationsarbcit in Palästina nicht beteiligten, die len und der politische Zionismus, greifen nun mit erheblichen Mitteln ein. Die Palästina-Kommission hat die Erforschungstätigkeit ausgenommen, es werden Schulsarmen, Handelsgesellschaften und neue Kolonien gegründet. Die Kolonisationsvercine endlich erwachsen zu neuem, kräftigen Leben. In den letzten sechs Monaten ist für das Palästinawerk mehr geschehen, als in den letzten sechs Jahren. Diese erneuerte Tätigkeit ist darauf zurückzuführen, daß die jüdischen Kolonien nach einer langjährigen Krise, welche durch mannigfache Fehler in der Anlage und der Führung derselben veranlaßt war, endlich zu wirtschaftlicher Blüte gelangt sind und das Siedelungswerk demnach gute Aussichten bietet. Wenn nun heute an die Bildung neuer Kolonisationsvereine geschritten wird, so muß schon das Statut derselben so versaßt sein, daß jene verhängnisvollen Fehler der ersten Bersuchsperiode vermieden werden. Dem österreichischen Verein fällt die Aufgabe zu, ein derartiges, auf den bisherigen Erfahrungen und auf gesunden wirtschaftlichen Prinzipien basiertes Musterstatut zu entwerfen. Das alte Unterstützungssystem, welches Schnorrerbauern züchtete, muß durch das der wirtschaftlichen Selbständigkeit vertreten werden. Die Kolonisation soll nicht nur eine landwirtschaftliche, sondern auch eine industrielle sein, nicht nur Palästina, sondern auch die Nachbarländer umfaßen. Alle mit einer rationellen Kolonisationstätigkeit zusammenhängenden Maßnahmen, wie Erforschung des Landes, Versuchsstationen, Auskunft für bemittelte Emigranten, Bildung von Siedelungsgenossenschaften, Erwirkung günstiger Ansiedelungsbedingungen bei den Landesverwaltungen u. s. w müffen in das Programm der Kolonisationsvereine ausgenommen werden. Hierbei müffen die Vereine mit dem früheren System, kleine, vereinzelte, lebensunfähige Schöpfungen auf eigene Hand zu gründen, prinzipiell brechen und in ständiger Zusammenarbeit mit allen verwandten Institutionen an dem großen, planvollen Siedelungswerke nach Maßgabe ihrer Kräfte sich beteiligen. Die Diskussion eröffnete Dr E. F. Weisl, Vizepräsident der allgemeinen österreichischen Kolonialgesellschaft, mit fachmännischen Bemerkungen über die erwünschteste Methode der Kolonisation in Palästina. Er warnte vor überstürzter Großkolonisation und verlangte vorsichtige Kleinkolonisation auf wachsender Stufenleiter. Auch sollte die Kolonisation nicht reine Ackerbaukolonisation, sondern eine gemischte, also auch gewerbliche sein Schließlich betonte der Redner die Unerläßlichkeit der Kooperation, da nur mit großen Mitteln wirklich Bedeutendes geschaffen werden könne. Hieraus erhob sich Architekt Oskar Marmorek, Mitglied des Aktionskomitees der zionistischen Organisation, um im Namen seiner Parteigenossen den neuentstehenden Kolonisationsverein aufs wärmste zu begrüßen. Er gab die Erklärung ab, daß die Leitung des politischen Zionismus, unter Wahrung ihres abweichenden Standpunktes und ihrer weiter reichenden Ziele, die Förderung der Palästinakolonisation durch andere wichtige Gruppen der Judenheit nur als hochwillkommene Unterstützung ihrer eigenen Bestrebungen auffaffen könne und demzufolge dem österreichischen Kolonisationsverein die gewiß nicht zu verachtenden Kräfte ihrer Partei voll zur Verfügung stelle. Ueber Antrag des Rabbiners Dr. David wurde nun, angesichts der Einhelligkeit, mit der alle Anwesenden der Idee der Gründung eines Kolonisationsvereines zustimmten, eine Kommission gewählt, welche sich mit dem Entwürfe der Satzungen und den Vorbereitungen zur Organisierung des Vereines zu beschäftigen hat. Die Kommission setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Präsident Dr. Alfred Stern, Dr. Rudolf Auspitz, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Baurat Stiaßny, Architekt Oskar Marmorek, Rabbiner Tr. Bloch, Rabbiner Dr. David, Dr. E. F. Weisl, Dr. Wilhelm Pappenheim. Hierauf schloß Präsident Dr. Stern die Versammlung mit der Aufforderung, daß alle Anwesenden für die Entwicklung des Vereines, der in Bälde seine Tätigkeit aufnehmen dürfte, wirken mögen. Wien. Zu Beginn des Sommers, namentlich im Hinblick auf die Saison der Ferienkolonien, stellt sich das lebhafte Bedürfnis heraus, für, die verwaisten Kinder, die armen Pfleglinge der Kultus gemeinde, entsprechende Kleidung zu beschaffen. Sicherlich tun wir keinen vergeblichen Schritt, wenn wir an die wohlhabenden Familien die Bitte richten, sie mögen uns durch freundliche Zuwendung von Kleidungsstücken jeglicher Art in den Stand setzen, die Not dieser Aermsten in dieser Hinsicht zu lindern. Daß hiedurch auch in moralischer Hinsicht ein Gutes geschieht, bedarf keiner besonderen Erwähnung, geht ja gewöhnlich mit der äußeren die innere Vernachlässigung Hand in Hand. Gefällige Zuschriften und Sendungen wollen gerichtet werden an Direktor I. Mautner, II., Leopoldsgasse 3. Wien. Montag den 16. d. M. fand im Tempel Josefstadt ein Requiem für das jüngst verstorbene Vorstandsmitglied Herrn Abraham Adler statt. Außer der Familie hatten sich der Gesamtvorstand des Tempelvereines mit dem Präses Herrn Hermaiiii Beck an der Spitze, ferner die Rabbiner Dr. Gelbhaus, Dr. Bach, Dr. Mandl, Dr. Abeles, die Kantoren Bauer, Dünmann, Fuchs, Pekarnik, Srnotritzky u. v. A. eingefunden. Die Trauerandacht begann mit dem Vortrage des Minchagebetes durch Kantor Edelinann, woraus Oberkantor Quartin den Psalm Sehim’u sos mit Chor- und Orgelbegleitung höchst wirkungsvoll exekutierte und Rabbiner Dr. Bauer in gehaltvoller Rede die mannigfachen Verdienste des dahingeschiedenen Vorstehers schilderte Mit dem geradezu großartigen Vortrag des Mariwgebetes nach alt traditioneller Weise durch Oberkantor Quartin schloß die erhebende Feier. Wien. Letzten Samstag feierte Alexander Roth, der Sohn des bekannten Zahnarztes Dr. I. Roth, im Brigittenauer Tempel die Barmizwa, aus welchem Anlasse Herr Rabbiner Dr. David eine sehr sinnige Ansprache an den Confirmanden hielt, der die Hastora verständnisvoll vortrug. Das Gotteshaus war sehr gut besucht und die kantorale Funktion versah Herr Oberkantor Oesterreicher. Herr Tempelvorsteher Schreiber überreichte dem Konfirmanden, wie üblich, ein schön ausgestattetes Gebetbuch, dabei an denselben einige Worte richtend. Mifflitz. Der neugewählte Oberkantor unserer Gemeinde, Herr Isidor Zlotczenko, wurde am 1. Mai d. I. feierlich in das Amt eingesührt, wobei die Vertreter der Jsraelitengemeinde und Knltnsgemeinde in ihren Begrüßungsansprachen dem Wunsche Ausdruck verliehen, daß das Wirken des Herrn Oberkantors Zlotczenko ein im Sinne des modernen Judentums ersprießliches werden möge. Herr Oberkantor Zlotczenko dankte in warmen Worten für die herzliche Begrüßung und versprach seine Kräfte zur Veredlung unseres Gottesdienstes einzusetzen. Prag. Unter dem Vorsitze des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Dr. A Rosenbacher hat sich am 4. d. M. in Prag ein Komitee zur Veranstaltung einer Palästina-Ausstellung gebildet, dem die hervorragendsten Mitglieder der Kultusgemeinde beigetreten sind. Die Ausstellung wurde am 6. Mai vom Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Dr. A. Rosenbacher unter Anwesenheit des Polizeipräsidenten Hofrat Kkikava, des Vizepräsidenten der deutschen Sektion des Landeskulturrates Herrn Dr. Edler v. Kirchtreu sowie vieler geladener Gäste und der Vertreter der Tagespresse im Prunksaale des Hotel Zentral in Prag eröffnet. In tiefempfundener und außerordentlich sympathisch äufgenommener Rede schilderte Herr Dr. A. Rosenbacher den Werdegang der jüdischen Kolonisationsbewegung in Palästina und empfahl die Ausstellung der Förderung aller Palästinäfreunde, da sie den unwiderleglichen Beweis dafür erbringt, 4>aß wir auf die Kulturarbeit, die unsere Brüder als Pionniere im heiligen Lande geleistet haben, stolz sein können. Alsdann ergriff Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld das Wort zur Festrede, in der er die Originalität dieser Ausstellung, welche sie von allen anderen Expositionen unterscheidet, hervorhob und die Behauptung, daß der Jude der körperlichen Arbeit aus dem Wege gehe, zurückwies. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser wurde sodann vom Herrn Dr. A. Rosenbacher die Ausstellung eröffnet. Dann fand eine Besichtigung der exponierten Gegenstände statt, bei der der Direktor der Ausstellung, Herr Hartmann, von der Karmelgesellschaft in Wien die Führung übernahm. Mit großem Interesse besichtigten die Gäste die landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnisse der Kolonien und ließen sich über die Herstellung der einzelnen Produkte Erläuterungen geben. Sonntag wurde die Ausstellung den weiteren Kreisen des Publikums zugänglich gemacht und erfteut sich derselbe eines starken und regelmäßigen Besuches. Auch Seine Durchlaucht Herr Fürst Ferdinand Lobkowitz beehrte samt seinen Söhnen und Töchtern die Ausstellung mit seinem Besuche. Seine Durchlaucht nahm die exponierten Gegenstände mit großem Interesse in Augenschein und probierte die von der Kärmelgesellschaft importierten Palästinaweine, deren Qualität die volle Anerkennung Seiner Durchlaucht fand. Von den Olivenholzschnitzereien kaufte der Fürst einige Gegenstände als Andenken. Die Ausstellung hat den Zweck, die Möglichkeit Palästina mit Erfolg zu kolonisieren, darzutun. In den Kolonien, die von der „Jewish Colonisation Association" geleitet werden, beginnen sich langsam gewisse Zweige der Kunstindustrie zu entwickeln. Beweis dafür liefern die reichlich ausgestellten kostbaren Webereien und Holzschnitzereien. Dieselben sprechen auch für den Fleiß und Tüchtigkeit der Kolonisten, und entkräften die Behauptung, daß der Jude für die Arbeit nicht geschaffen sei. Die ausgestellten Früchte der Kolonien, mit deren Gründung erst vor 25 Jahren begonnen wurde, beweisen die außerordentliche Fruchtbarkeit des heiligen Landes, sowie auch die Worte der Bibel, Palästina sei ein Land, wo Milch und Honig fließt. PoLega (Slavonien). Nachdem wir gezwungen waren, unseren Funktionär Herrn Simon Trompeter plötzlich zu entlassen, wurde Herr I. Weißmann, Oberkantor in Diakovar, einstimmig zum Oberkantor unserer Gemeinde gewählt. Herrn I. Weißmann geht nicht nur der gute Ruf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.