Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Die Wahrheit Seite 7 auch alle an die jüdische Statistik sich knüpfenden Befürchtungen als unj begründet werden weichen müssen. Eine streng wissenschaftlich, vorausj setzungslos geleitete jüdische Statistik müsse sich in kurzer Frist das volle Vertrauen der staatlichen statistischen Aemter und des gebildeten Publikums aller Konfessionen erwerben und damit sei der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit gegeben, nicht nur sich selbst zu erkennen, sondern auch durch die erwiesene Wahrheit manches Vorurteil aus dem Wege zu räumen. Dr. Egon Zweig beleuchtete die große Bedeutung der Statistik vom Standpunkte der zionistischen Bewegung, betonte mit Nachdruck die dringende Notwendigkeit statistischer Untersuchungen und sprach die zuversichtliche Erwartung aus, daß die zionistischen Kreise, welche bis jetzt die statistischen Arbeiten in Oesterreich geführt hätten, sich nun auch an dem neuen, größer angelegten Werke aus das lebhafteste beteiligen würden. Dr. Bloch. Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", bezeichnte sich ebenfalls als entschiedenen und bedingungslosen Freund jüdisch-statistischer Feststellungen und machte die interesiante Mitteilung, daß die österreichische Regierung seit einigen Jahren spezielle, die jüdischen Gemeinden und ihre Institute betreffende Erhebungen veranstalten lasse, welche sie dem Bureau für jüdische Statistik zweifellos nicht nur zur Einsicht, sondern auch zur Veröffentlichung zu überlassen geneigt sein würde. Auch der Herausgeber der „Wahrheit", Dr. Löwy. setzte sich ohne Einschränkungen für die Statistik ein. Als letzter ergriff Dr. E. F. Weisl das Wort, um auf den Zusammenhang zwischen der jüdischen Statistik und der jüdischen Kolonisation hinzuweifen. Die Statistik wäre die unerläßliche Vorbereitung jeglicher kolonisatorischer Tätigkeit, speziell aber der großkolonisatorischen, welche sich der Zionismus zum Zwecke setze. Als Kolonialpolitiker und als Zionist müsse er demnach die Statistik aufs wärmste empfehlen. Nach dieser fast einstimmigen Befürwortung der Eröffnung statistischer Arbeiten trat man an die Organisierung des jüdisch-statistischen Bureaus für Oesterreich im Sinne des Referates von Dr. Nossig heran. Die oberste Leitung sowie die finanzielle Basierung desselben wurde einem Küratorenkollegium anvertraut, welches sich vorläufig aus folgenden Persönlichkeiten zusammensetzt: Oesterreich: Präsident Dr. Alfred Stern, Hofrat Siegmund Taussig, David R. v. Gutmann, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Hosrat Prof. Dr. Politzer, Dr. Edmund Kohn, Baurat Stiaßny, Prof. Dr. Ehrmann, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, Prof. Dr. F. Pribram, Doktor Wilhelm Löwy. Galizien: Reichsratsabgeordneter Dr. Emil Byk, Reichsratsabgeordneter Dr. Heinrich Kolischer, Samuel R. v. Horowitz, Direktor Moritz Lazarus, Dr. Natan Loewenstein, Pros. Dr. I. 'Rosenblatt, Dr. I. Horowitz Böhmen: Dr. Hammerschlag, Prag. In den Vorstand des Bureaus, welchem die Exekutive und die wissenschaftliche Leitung der Arbeiten obliegt, wurden auf Grund einer von Dr. Siegm. Werner vorgeschlagenen Liste nachstehende Herren gewählt, resp. eingeladen: Dr. Edmund Kohn, Dr. Wilhelm Löwy, Doktor A Ascher, kaiserl. Rat Dr. Lieben, Professor Dr. Ehrmann, Baurat Stiaßny, Dr. Adler, Dr. P. Weisengrün, Dr. A. Kaminka, S. Fleischer, Dr. N. Birnbaum, Dr. Weißenstein, Rabbiner Dr. Grnnwald, Professor Dr. Feilbogen, Dr. I. Sadger, Dr. Frankfurter, Dr. Holzmann, Doktor Wilhelm Pappenheim, Dr. E. F. Weisl, Dr. Salpm. Krenberger, Gabriel Engelsmann, Dr. I. Bloch, Dr. E. M. Zweig, Dr. Siegm. Werner, Dr. M. Löwy. Der Vorstand, welcher die Vertreter sämtlicher jüdischer Organisationen Wiens und aller jüdischen Parteien sowie eine Reihe wissenschaftlich qualifizierter Kräfte umfaßt, wird sich in Sektionen teilen. Für die Arbeitsgruppe von Volontären liegen bereits zahlreiche Anmeldungen vor, da eine Sektion für jüdische Statistik unter Leitung von Dr. S. Werner schon seit zwei Jahren in Wien tätig ist. Auch für ständige Funktionäre und ein Arbeitslokal dürfte dank dem Entgegenkommen der Wiener Kultusgemeinde und des Verbandes der österreichischen Gemeinden bald gesorgt werden. So erscheint denn die Erwartung, welche der Vorsitzende Dr. Edmund Kohn am Schluffe der Sitzung aussprach: daß das Bureau für jüdische Statistik in Oesterreich unter der Leitung so maßgebender Persönlichkeiten und so tüchtiger Kräfte eine wirklich bedeutsame Tätigkeit entfalten werde, vollauf berechtigt. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 15. Mai 1904 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr.) Im Präsidiatberichte bringt der Vorsitzende ein Telegramm der Kultusgemeinde Krakau zur Verlesung, mit welchem von dem plötzlichen Hinscheiden des Präsidenten der Kultusgemeinde Herrn Hirsch Landau Mitteilung gemacht wird. Der Präsident bemerkt, daß er dem Beileide des Wiener Kultusvorstandes anläßlich des Hinscheidens des hochverdienten Mannes in einem Telegramme Ausdruck gegeben habe. (Zur Kenntnis.) Weiters nimmt der Vorsitzende Anlaß, der „Gesellschaft für Sammlung und Conservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums" ftir die Veranstaltung der in der abgelausenen Woche unter überaus zahlreicher Beteiligung stattgehabren musikalischen Sulzer-Gedenkfeier den wärmsten Dank und die Anerkennung auszusprechen, desgleichen allen Jenen, welche zu dem glänzenden Gelingen der Feier beigetragen haben, j (Lebhafte Zustimmung.) Zur Tagesordnung übergehend, wird beschlossen, die Ersatzwahl für das durch das Ableben des Vorstandsmitgliedes Heinrich Teltscher sreigewordene Mandat gleichzeitig mit den im Herbste dieses Jahres stattsindenden Neuwahlen 'vorzunehmen. Es gelangen hieraus über Referat des Sekretärs kais. Rat Dr. Lieben folgende Stiftungen zur Verleihung: Die Elise Herz-Ausstattungs-Ltistung im Betrage von X 760.— an eine arme verwaiste Braut; die Cohen da Sylva-Handwerker-Stistung im Betrage von K 760.— behufs Etablierung an einen vom Handwerkervereine in Vorschlag gebrachten Bewerber; die Dr. Adolf Sacks-Stiftung für Herz- und Aortakranke an 26 Petenten im Gesammtbetrage von K 8016.—. Die Erträgnisse des Hajum S. Goldschmiedsichen Legates für das Jahr 1904 im Betrage von K 48.3000.— werden an die bereits im Vorjahre beteilten Vereine und Anstalten aufgeteilt, u. zw.: Talmud Tho a-Verein, Bibelschulen und Talmud Thora-Vereine, Unterstützung verlassener Kinder, Unterstützung armer Schulkinder, Israelitisch-theologische Lehranstalt behufs Errichtung einer Religionslehrer-Bildungsanstalt. Präsidialsond für Rigorosanten, L. D. Königsberg-Stiftung, Lehrerverein ..Palme", Kinderbewahr-Anstalt, Speise-Anstalt, Wöchnerinnen-verband, Beth Hamidrasch-Verein, Handwerkerverein, Theresien-Kreuzer- Berein, Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Jüdisches Museum. Lehrmädchen-Hort, Verein für Brustkranke, Mädchen- Unterstützungsverein. Dem jüdischen Schulvereine im IX. Bezirke wird eine Subvention bewilligt. — Ueber Ansuchen des Vereines zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder der Bezirke XII bis XV wird beschlossen, den genannten Verein auf die Spendentafel des Fünfhauser Gemeindebethauses aufzunehmen. — Entsprechend dem Anträge des Fünshauser Bethausvorstandes wird der ehemalige Sberkantor der Fünshauser Gemeinde, Herr Leopold Stern s. A., in die Haskarah des genannten Bethauses ausgenommen. — Der Nanette Schlesinger-Stiftung zur Verpflegung armer Kranker in Baden wird eine ordentliche Subention von K 400 und eine außerordentliche Subvention von K 400 bewilligt. Nach Erledigung einer Reihe von Personal-Angelegenheiten wird die Sitzung geschlossen. Wien. In den beiden letzten Wochen haben in den meisten Wiener Gemeinde- und Vereinssynagogen Mädchenkonfirmationen startgefunden. Mit Rücksicht auf die immerwährende Ueberfüllung bei dieser Feier im Stadt- und Leopoldstädter Tempel wurde heu»r für diese beiden Synagogen die dankenswerte Einrichtung getroffen, daß an die Eltern und Verwandten der Mädchen vom Kultusvorftande Einladungen ergingen und für sie die Sitze in den Bethüusern reserviert waren. Hiedurch herrschte eine bisher nicht gewohnte Ordnung in den genannten Gotteshäusern. Wien. (Ein neuer Verein zur Kolonisation Palästinas). Das Werk der Besiedelung Palästinas durch Juden hat durch eine neue Organisation, die eben in Wien geschaffen wurde, eine bedeutsame Förderung erfahren. Ist schon die Tatsache, daß zu den bestehenden Kolonisationsgesellschaften eine neue hinzugetreten ist, an sich von großer Tragweite, so lassen die Umstände, unter denen die österreichische Organisation entstanden ist, gerade diese Neuschöpfung als einen wesentlichen und von allen jüdischen Parteien mit gleicher Sympathie zu begrüßenden Fortschritt der Palästinabewegung erscheinen. Die Initiative zur Gründung des Kolonisationsvereines ging in Wien von den an der Spitze der Kultusgemeinde stehenden Kreisen aus. Der allverehrte, auch als politische Persönlichkeit hervorragende Präsident des Wiener Gemeindevorstandes, Dr. Alfred Stern, hatte, von Oberrabbiner Güdemann und Baurat Stiaßny aufs wärmste unterstützt, trotz seiner absorbierenden Amtstätigkeit die Zeit gefunden, alle organisatorischen Vorarbeiten persönlich durchzuführen und sich dadurch um das Gelingen des neuen Werkes ein hohes Verdienst erworben. Ein zweites bedeutsames Moment liegt darin, daß die offiziellen Führer des Zionismus in voller Würdigung einer so verdienstlichen Förderung des Palästinawerkes durch die einflußreichsten Kreise sich dem Kolonisationvereine freudig und rückhalt-los anschlossen und so für ein gemeinsames Wirken aller jüdischen Parteien aus dem Gebiete der Palästina- Kolonisation die Basis schufen. So reicht denn die Bedeutung des eben entstandenen Vereines weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus.