Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 20. Soviel nun auch von den Uebertreibnngen gestrichen werden muß, es bleibt noch genug übrig, was wir von den babylonischen Ausgrabungen zu lernen haben. Nicht blos der Alttestamentler, der Religionsgeschichtler und der Freund der Bibel, sondern ebenso der Erforscher der Kultur, der Geschichte und des Rechts, ja der heutige Mensch überhaupt hat die babylonischen Funde mit Freude begrüßt und . mit Eifer betrachtet. Das Folgende versucht die Hauptsachen davon, ohne Anspruch auf Selbständigkeit, zusammenzustellen. Nach Auszählung der einzelnen keilinschriftlichen Funde von 1850 an bis in die neueste Zeit versucht nun Volz aus dem gegenwärtigen keilinschriftlichen Besitz I. die Kultur Babyloniens für sich H. ihre Bedeutung für die Weltkultur und III. ihre Bedeutung für Israel kennen lernen. Dieser letztere Punkt ist für uns von besonderem Interesse: Zu den Ländern, die im Schatten Babyloniens saßen, gehört auch Palästina, und zuweilen hat sich seine Geschichte mit der des Großstaates aufs engste verbunden. Die Ausgrabungen zvingen dazu, mit der Isolierung des biblischen Volkes ein Ende zu machen. Diese Isolierung war von Haus aus eine dogmatische, eine Isolierung der Offenbarung und der Religion Israels, sie hatte aber weiter zu der Meinung verführt, daß dieses Völkchen auch in. politischer und kultureller Hinsicht wie in einem Gottesgarten für sich gewachsen sei, indem sowohl die guten Früchte als das Unkraut ganz allein aus dem eingefriedigten Boden selbst hervorgekommen wären. Diese Anschauung widerspricht allem Leben, auch allem antiken Leben, sie widerspricht dem biblischen Bericht und sie wird durch die Ausgrabungen vollends unmöglich gemacht. Vielmehr erfahren mir aus den keilinschriftlichen Denkmälern, in welchen Lebensbedingungen und Zeitverhältnissen Israel ausgewachsen ist. Zwischen die großen Kulturstaaten des alten Orients, die unter sich durch Verkehrsstraßen verbunden waren und die ihre kleineren Nachbarn unter ihrem Einfluß hielten, lag das winzige Israel hmeingebettet und wir haben anzunehmen, daß nicht bloß der materielle Handel und Verkehr seine Plätze in Palästina hatte, sondern daß auch ein geistiger Austausch zwischen den großen Kulturländern und dem kleinen Kanaan bestand. Das Alte Testament bringt Israel hauptsächlich mit Babylonien und Aegypten in Verbindung; es ist der nationalen Abstammung nach ein Ableger von Babylonien, sofern Abraham aus Mesopotamien kam; ehe Israel sich sodann zu einem Volk zusammenschloß, stand es in der unmittelbaren Nähe der ägyptischen Kultur und bei der Organisation des jungen Volkswesens hatte der ägyptisch geschulte Mose außerdem einen Midianiter an seiner Seite. Uns interessiertim Augenblick nur die Beziehung Babyloniens zu Israel, die entsprechend der nationalen Verwandffchaft auch die engste gewesen sein muß. Aus diesem Punkt aber, auf dem die Flut der Babylonologie sich am mächtigsten ergossen hat, ist vor allem Vorsicht vor Uebertreibung nötig. Es ist nicht recht, dem Volk Israel, das freilich der Quantität nach eine Winzigkeit war, das aber z. B. eine eigene Schrift besaß, alle politische und kommerzielle Selbständigkeit, ja sogar die religiöse Eigenart abzusprechen, und außerdem darf die Beziehung Israels zu Arabien, Aegypten und anderen Kulturländern nicht verschwiegen oder wiederum babylonisiert werden. Andrerseits ist allerdings wahrscheinlich, daß im niederen Volksleben Israels manches babylonische Element war, von dem wir aus dem A. T. nichts oder nichts deutliches erfahren. Naturgemäß war die Berührung zwischen Babylonien und Palästina bezw. Israel nicht immer gleich stark; es gab Zeiten, wo der babylonische Körper nicht imstande war, weit über sich hinaus zu wirken, umgekehrt kamen Zeiten, in denen ein mächtiger Hauch von ihm ausging, oder Zeiten, in denen die Israeliten in die unmittelbare Nähe seines Einflusses gezogen waren. Die erste Berührung ist wohl damit gegeben, daß die Ahnen der Israeliten aus Mesopotamien kamen, zu einer Zeit, wo die babylonische Kultur längst ihre Entfaltung gehabt hatte; wir haben keinen Grund, an dieser Angabe der israelitischen Geschichtsschreiber zu zweifeln, wornach also von Anfang an babylonisches Blut in den Adern des biblischen Volks geflossen ist. Die zweite namhafte Berührung wird aus dem Tel-el-amarna-Fund ersichtlich, der die Zeit um 1400 beleuchtet und uns belehrt, daß Palästina mit seinen Nachbarn bis auf Aegypten sich zu jener Zeit der babylonischen Sprache als der Sprache des politischen Lebens bediente und daß es wohl auch sonst unter den Einfluß der babylonischen Kultur einbegriffen war; jedenfalls mußte es doch für das zwischenliegende Palästina seine Bedeutung haben, wenn der babylonische Großkönig mit dem Pharao im unmittelbaren politischen Verkehr stand. Darnach wäre also sowohl die Gegend, in der Mose sich mit seinem Völkchen zuerst einbürgerte, als auch das Land, in das später die verschiedenen Stämme Israels einzogen, in der Sphäre der babylonischen Weltherrschaft gewesen. Sehr beachtenswert ist, daß zwischen 1400 und etwa 900 ein direkter politischer Zusammenhang zwischen der Nordmacht und Kanaan nicht bestanden hat. In der israelitischen Königszeit ist dann die mesopotamische Großmacht dem kleinen Volk ganz nahe gerückt, so nahe, daß dasselbe von ihr politisch erdrückt wurde und es in seiner politischen Hilflosigkeit nach der Religion des starken Feindes griff, und daß die geistigen Führer des Volkes sich politisch und religiös beständig mit der Großmacht auseinanderzusetzen hatteu. Wieviel die Israeliten sodann in und nach dem babylonischen Exil vom fremden Land angenommen haben, ist nicht leicht zu sagen, wohl mehr auf dem Gebiet der äußeren als auf dem der inneren Kultur; besonders ist bezüglich gewisser religiöser Ideen des nachexilischen Judentums, denen man gerne einen babylonischen Ursprung gibt, schwer zu entscheiden, zu welcher Zeit sie in den israelitischen Besitz übergegangen sind. _ (Fortsetzung folgt.) Organisation der jüdischen Statistik in Oesterreich. Aehnlich wie die Judenheit anderer Länder, Deutschland und England voran, haben nun auch die Juden Oesterreichs unter Leitung maßgebender Kreise der Wiener Gemeinde die Organisation ihrer Statistik auf moderner Grundlage in Angriff genommen. Im Namen der österreichischen Mitglieder des Kuratoriums des allgemeinen „Verbandes für jüdische Statistik" lud Dr. Edmund Kohn die Vertreter der namhaftesten jüdischen Organisationen Wiens sowie alle Gruppen der jüdischen Bevölkerung zu einer Sitzung ein, welche Mittwoch, den 11. Mai im Zeremoniensaale der israelitischen Kultusgemeinde zu Wien stattfand und die Gründung eines Bureaus für jüdische Statistik in Oesterreich zum Zwecke hatte. Nachdem Rabb. Dr. Armand Kaminka zur Führung des Protokolles berufen worden war, schilderte der Vorsitzende in seiner Eröffnungsansprache die Entwicklung der erst seit kurzem bestehenden, aber bereits über die ganze Welt ausgedehnten Organisation für jüdische Statistik und forderte die Anwesenden auf, das so zeitgemäße und aus so vielen Gesichtspunkten unerläßliche Werk in Oesterreich aufzunehmen. Hierauf ergriff der aus Berlin eingetroffene Vorsitzende des Verbandes für jüdische Statistik, Dr. Alfred Nossig, das Wort zu einem Referat, in welchem er auf die praktische Bedeutung der jüdischen Statistik hinwies und den Organisations- sowie den Arbeitsplan des zu gründenden Bureaus entwickelte. Mit Nachdruck hob es der Referent hervor, daß die statistische Organisation nur im engsten Anschluß an die offiziellen Vertretungen der jüdischen Gemeinden sich wirklich gedeihlich entwickeln könne. In der darauffolgenden Diskussion legte zunächst der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, die Stellung der leitenden Sphären der jüdischen Gemeinde zur Statistik dar. Er deutete die Grenzen - an, in denen die Erhebungen und Veröffentlichungen des künftigen statistischen Bureaus sich bewegen sollten, begrüßte trotz gewisser prinzipieller Bedenken mit Freude das Entstehen der statistischen Organisation und sprach die Erwartung aus, daß die Mittel und Wege zur Realisierung der neuen großen Aufgabe sich finden würden. Rabb. Dr. Kaminka be-. sprach die Zwecke, welche sich die jüdische Statistik zu stellen hätte, und wies besonders auf die bereits von Zunz empfohlene historische Statistik hin. Baurat Stiaßny suchte die von Dr. Stern erhobenen Bedenken zu entkräften. Er stellte dem künftigen Bureau Erhebungen zur Verfügung, welche vor einiger Zeit von der Leitung des Museums für jüdische Altertümer veranstaltet, aber noch nicht bearbeitet wurden. Die beste Gewähr für den Erfolg der statistischen Arbeiten erblickte er in dem Umstand, daß eine so ausgezeichnete fachmännische Kraft, wie der Statistiker der Stadt Wien. Dr. Wilhelm Löwy, sich zur Leitung derselben bereit erklärt hätte. In längerer Ausführung entwickelte nun Magistratssekretär Dr. Löwy seine Auffaffung der Aufgaben der jüdischen Statistik und wies an dem Beispiele des langsamen Durchdringens der staatlichen Statistik nach, wie