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Die Wahrheit · 1904-05-20 · Heft 20 (20.5.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 20 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit Leite 5. mit ihrem Kinde zurück. Mit diesem Pfand ihrer Liebe, das sie mit aller in ihrem Herzen aufgespeicherten mütterlichen Zärtlichkeit umhegt. Dieses ihr von Gott anvertraute Kleinod will sie selber behüten. Ihre Mutterpflichten dünken ihr heiliger, als selbst das Gebet vor dem Altäre Gottes. Und Elkanah läßt sie gewähren. Es ist, als habe der Gatte dieser mit so reichen Tugenden ansgestatteten Gattin gegenüber keinen Willen. Ihr Wille ist ihm das Gesetz, dem sich zu fügen, ihn beglückt. Ob es nicht gerade in unserer Zeit der Frauenbewegung von mancher Frau vielleicht auch so aufgesaßt uud verstanden würde, als bedeute diese Bewegung eine Hintansetzung weiblicher Pflichten, der Mutter- und Hcmssrauenpflichteu, als sei dieses ideale Ziel zu erringen, der Bewegung alleiniger Zweck, des Schweißes edler Frauen wert. Ob es da nicht statthaft und angebracht sei, Töchter aus dem Stamme Juda — welche solcher Auffassung nicht ferne stehen — auf die einst so hochgeschätzten liebens'.verten Eigenschaften der Töchter ihres Stammes in uralter Zeit hinzuweisen? Tugenden zu beleuchten, um derentwillen einer Tocher Judas in solch überschwänglichem Maße Liebe geweiht war, wie Elkanahs Worte es bekunden?.. . Die Jnnigkeir des jüdischen Familienlebens ward nicht in allen Tonarten gepriesen. Wie kam das? Warum? Welche Ursachen lagen dieser einst unbestrittenen Tatsache zugrunde? Erstreckt sich diese Tatsache auch noch aus unsere Zeit? War der Jude von damals als Mensch, als Mann anders geartet, als die Mänmer anderer Stämme? War er Versuchungen weniger ausgesetzt? Im Gegenteil sollte man meinen! Der Jude, seit jeher und immer, er wurde gestoßen und getreten. Die Sorge um die Familie, um das tägliche Brot hat ihn schon früh hinausgejagt, im Leben sich umzusehen, im Weltgetriebe sich zu bewegen. Sollten gerade ihm, die in mancherlei Gestalt auftretenden Lockungen weniger sich genaht, sein Herz den tausend sogenannten Freuden tapferern Stand gehalten haben? Freuden, denen Männern aus anderem Stamme unterliegen und sie auskosten — oft bis auf die tiefste Neige. Freudeu, die ein böses Saatkorn bergen, das allmählich sich entfaltend, das Herz des Mannes mit trüber Frucht überwuchert, für jene reinen hehren Freuden des Familienlebens abstumpft. Was wars, das jenen Mann aus Judas Stamm, dem draußen umherirrenden, hastenden, im Schweiße seines Angesichts arbeitenden den Sinn klar erhielt, und solchen Freuden ihn abgeneigt machte? Was wars, das den reichen Schatz seiner Empfindungen fürs Familienleben ihn aufsparen ließ? Was wars, das ihm voranleuchtete auf seiner dornigen, steiligen Lebensbahn, seinen Mut immer von neuem erfrischend, ihn aufrecht erhaltend? . . . Was dem in dunkler Nacht auf sturmbewegtem Meer befindlichen Schiffer das blitzartig aufleuchtende Licht des Leuchtturmes, das ihm die angsterfüllte Seele in der Aussicht auf nahes Land beruhigt, das war jenem Manne der Gedanke an sein friedliches Heim, in dem die treue Hüterin waltete, die Schützerin des häuslichen Herdes, unter deren Obhut er das schwer Erarbeitete und Erkämpfte, ihrem Sparsinn vertrauend, wohl aufgehoben wußte. .. . Der Gedanke an das Weib, dessen Denken und Fühlen der Wohlfahrt der Familie geweiht war, von dem er wußte, wie es sich für ihn sorgte, schaffte und sich mühte früh und spat. Die beglückende Gewißheit, das Heim wohnlich und geschmückt zu finden, freudig empfangen zu werden, . wohliges Ausruhn ihm verheißend, wo der schönste Lohn seiner Mühen ihm winkte! ... Der Gedanke an das Weib, so würdig seines reinen Herzens. Es ändern sich die Zeiten. Es ändern sich Gebräuche. Doch es ändern sich die Sitten nicht. Die Sitte vielleicht — aber nicht Sitten im hehren Sinn! Alles Hohe, Reine, Verehrungswürdige. Es bleibt ewig bestehn! . . . So wars auch nicht allein der Eltern Segen, auch nicht allein des geweihten Priesters weihevolle Segnung, die das Leben im jüdischen Familienhause zu einem innig glücklichen gestaltete. Es waren die hohen, stillen, nicht prunkenden Eigenschaften des jüdischen Weibes, wert heut und immerdar geschützt, gepflegt und behütet zu werden, gleich bescheidenen Blümlein im Hausgarten, die aber ausdauernder, kräftiger, voll intimeren Reizes sein können, wie die weithin in Farbenpracht leuchtende Rose! . . . Eigenschaften, die zwar nur im engen Kreise zu wirken, zu beglücken vermögen, die Nächsten, die Familie in wohliges Empfinden hüllend. Kein Aufsehenmachen, kein Berühmtsciuwolleu. Ein echt jüdisches Weib, das einen Schatz Tugenden gleich Channah sein Eigen nennt, ist ein begehrenswertes Gut zu allen Zeiten. ..Wer ein gutes Weib gesunden, hat etwas Gutes gefunden," oder „Ein gutes Weib ist dem Gatten ein hohes Glück!" lauten die Aussprüche unserer Weisen. Bon den Männern unserer Zeit — heißt's zwar — daß sie einen Schatz goldener oder selbst auch nur papierener Münze höher veranschlagen. Indes, wie der Numismatiker, der echte Kenner, den Wert einer alten tausendjährigen Münze höher schätzt und bewertet, als die in leuchtendem Golde frisch geprägte, so dürste es vielleicht auch heute noch einsichtige Kenner auch unter den Männern geben, die einen Schatz stiller bescheidener Tugenden, diese unscheinbaren, außer Kurs gesetzten alten Münzen, — kanm noch beachtet von einer unverständigen Menge — vorausgesetzt, daß sie auffindbar mären — von dem glücklichen Entdecker um den Preis ihres ganzen „Jchs" zu erwerben suchen würden.. . . Einen Preis, den die zur Schau ausgestellte glänzende, nagelneue, kaum je erzielt! .. . Dieser einsichtige Kenner aber würde dann wahrscheinlich — nur in etwas anderer, unserer Zeit angepaßtereu Form sprechen: „Bin ich Dir denn nicht besser als zehn Goldsäcke? oderauch: als zehn Romanbände? Zehn Kinder Deiner Muse!" ... Die Kedrntnng der babylonischen Ansgrabnngen für Israel. In der leidenschaftlichen Diskussion, die von beiden Seiten über die „Bibel- und Babel-Frage" geführt wurde, hebt sich ein objektiv und maßvoll gehaltener Aufsatz höchst vorteilhaft ab, den lie. theol. Stadtpfarrer P. Bolz in der „Zeitschrift für Theologie und Kirche" unter dem Titel „Was wir von den babylonischen Ausgrabungen lernen" veröffentlicht. Ter nachfolgende Auszug dürfte unseren Lesern willkommen sein: Die Babylonologie hat eine mächtige Flut erlebt und ist nun im Begriff sich wieder zu beruhigen. Es war, wie wenn die Unzahl der ausgegrabenen Funde, das Kolossale der babylonischen Denkmäler, die Riesenhaftigkeit der Ruinenhügel das maßvolle Denken der Forscher verwirrt hätten, wie wenn der babylonisch-assyrische Geist selbst, der Geist der Quantität, des Massenhaften sich wieder erhoben hätte, um alles, auch den Sinn für die inneren Werte und sür die unsichtbaren Größen zu verschlingen. Die Erreger der Flut sind vor allem Winckler und Delitzsch gewesen; daß sie eine Flut erregen konnten, belveist für ihre wisfenschaftliche Bedeutung. Die beiden haben indes in ganz verschiedener Weise getrieben und übertrieben. Winckler hat uns das Auge geöffnet sür die große Kulturmacht Babyloniens und für die kulturellpolitische Bersch lungenheit des winzigen Israels mit der damaligen Weltbeherrscherin: er hat darin übertrieben, daß er neben dem babnlonischen Ungeheuer nirgends mehr selbständiges Leben sehen wollte und insbesondere die religiösen Bewegungen in Israel mit dem reinmenschlichen, ja mit dem politischen Maße gemessen hat. Delitzsch hat die weite Welt auf die Abhängigkeit biblischer Stoffe von Babylonien auftnerksam gemacht und hat es laut ausgesprochen, daß in der Bibel rein menschliche Bestandteile liegen; er bat darin übertrieben, daß! er den Geist des Alten Testaments für babylonisch erklärte.

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