Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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:eite 4. Die Wahrheit 'Nr. 20 nicht einmal dazu haben, die Aeußerung des Magistratssekretärs, der die jüdische Abkunft Jesus als eine Erfindung „jüdischer" Zeitungen hinstellte, zurückzuweisen. Aus eine Interpellation im Gemeinderate sagte Lueger nicht, welche Erhebungen er über diesen seltsamen Magistratssekretär gepflogen, sondern, daß er! über den Juden, der als Ankläger gegen denselben aufgej treten, Erkundigungen eingezogen habe. Das ist echt antisemii tische Logik: Herr Dr. Lueger hält es nicht für angezeigt, den > skandalösen Magistratssekretär zu verdammen, aber er schnüffelt! nach, um eventuell dem Juden eins am Zeug flicken zu können, | den der Magistratsbeamte beschimpft hat. Ueber Daniele Manin, der zu den größten Männern Italiens gezählt wird und dessen Andenken insbesondere in Venedig noch heute von geradezu legendarischem Glanze umstrahlt wird, sind sehr viele Publikationen erschienen, die alle seiner jüdischen Abkunft ein besonderes Kapitel widmen. Auch Dr. Adolf Jcllinek hat eine sehr interessante Abhandlung über den genialen Mann veröffentlicht, in welcher er mit der ihm eigenen psychologischen Schärfe manche Eigenschaften Manins aus dessen Abstammung erklärt. Merkwürdig ist es nur, daß trotz der vielen Studien und Nachforschungen über Daniele Manin erst in jüngster Zeit der Name seiner Voreltern entdeckt wurde, den sie vor ihrem Uebertritte zum Christentum annahmen. Wie der „F. Z." aus Venedig geschrieben wird, hat der dortige Rabbiner Luzzatto kürzlich folgendes festgestellt: Im Register des venezianischen Priorats der Katachumenen findet sich verzeichnet, daß der 24jährige Samuel Medina und die 2Ojährige Moravia Medina Allegra den 3. April 1759 getauft wurden und den Zunamen Manin annahmen. Im Jahre 1770 ward ihnen ein Sohn Peter geboren, welcher der Vater Daniele Manins wurde. Samuel Medina hatte den Namen Manin sich beigelegt, weil der Bruder des letzten Dogen gleichen Namens sein Taufpate gewesen. „Channah". Ein Charakterbild von E. G Hamburg. (Schluß.) Eli, der Priester, der hier ja oft genug Gelegenheit hat, betende Frauen zu sehen und zu beobachten, Frauen, die in ihres Herzens Nöten, fast stets in lauten Worten sich ergehn, in hasten Geberden, Seufzern und Gestikulationen sich Luft machen. Eli gerät durch Channahs Art zu beten, durch dieses gänzliche Abweichen von der altgewohnten, meist geübten Regel, in den so begreiflichen Irrtum, er habe eine Betrunkene vor sich. ... In solcher Form wie Channah, hat er nie vordem eine Frau in Schiloh beten gesehn. Channahs edler Sinn die Güte und Liebenswürdigkeit ihres Charakters, die ihr innewohnende Demut dokumentiert sich auch wieder darin, wie sie diese grundlose, beleidigende Verdächtigung des Priesters aufnimmt, bei der jede andere Frau — ihrer strengen Nüchternheit, ihres klaren Denkens sich voll bewußt — zu einer empfindlich stolzen Abwehr sich berechtigt gefühlt. Auch da bleibt Channah freundlich und ehrbietig. Geziemend ist ihre Anrede ..Mein Herr!" und erbarmungswürdig wie sie spricht: „Sie fei ein Weib belasteten Gemütes, das sein Herz vor Gott ausgeschüttet habe!" Elis Worte, da er sagt: „Geh in Frieden und der Gott Israels gewähre Deine Bitte, die Du erbeten von ihm!" drücken unverkennbar auch etwas wie Reue, beinahe wie Beschämung aus, ja sie klingen wie abbittend. So warm, so herzlich kämen sonst nicht Worte von den Lippen, die vor wenigen Augenblicken noch einen bösen Argwohn leichthin auszusprechen vermochten. Ein untrüglicher Beweis von dem Zauber, der von dieser Frau ausgeht. Nicht allein einem vergifteten Pfeil die Spitze abzubrechen, nicht nur Bosheit zu entwaffnen, gelingt ihr; ihre wahrhaft rührende Sanftmut, ihre Milde ist so unwiderstehlich, daß Elis Geringschätzung, plötzlich wie durch Zauberschlag, in Achtung, in Freundlichkeit, ja in Segen sich wandelt. Demnach ists auch unschwer zu deuten, unschwer zu verstehn, daß Elkanah, der beide Frauen täglich, stündlich nebeneinander sieht und Gelegenheit hat, sie in ihrem Tun, ihrem Verhalten zu beobachten, unwillkürlich dazu gelangt, Vergleiche anzustellen. Und wie Peninahs kleinlicher, niedriger Charakter in ihrer Handlungsweise, in ihrer ganzen Virt auffällig in die Erscheinung tritt; ebenso auch wieder die Großzügigkeit des Charakters der edlen Channah! Denn nur eine große Seele, eine wahrhaft vornehme Natur, vermag soviel Selbstverleugnung zu üben, so still alles Leid über sich ergehen zu lassen, wie Channah es tut. Und Elkanah errät, begreift, was in dieser Frauenseele Vorgehen muß. Er weiß es aber auch voll und ganz zu würdigen. Gerade durch die Gegenüberstellungbeider Frauen ist auch der Gewinn für Channah umso größer, umso reicher! So mag Elkanah, der Mann hoher Denkungsart, der Gelehrte — er wäre sonst auch nicht der angesehene Bürger — wie es von ihm heißt — zu Beginn vielleicht nur in einer Art unbestimmten Rechtsgefühls seine Sympathie und Wertschätzung derjenigen zugewendet haben, deren Charaktereigenschaften dazu angetan waren, Bewunderung einzuflößen. Die edle Frau bewundern und lieben, ist dann aber für Elkanah nur noch eins! Und sich bewußt geworden, Channah zu lieben, wäre es ihm wie Frevel an ihr gewesen, es sie entgelten zu lassen: .,Ki sngar Adonai es Raclimali!“ Ist sie auch nicht die Mutter seiner Kinder; so ist sie ihm doch mehr. Er sühlt es. Er weiß es.-- Sie ist ihm das Weib seines Herzens. Und dieses Weib sieht er in Schiloh eine Beute ihrer Verzweiflung, in Schmerzen sich winden. Da überquillt sein Herz von so tiefem, innigem Mitlied, von einer so allmächtigen Liebe, von einer Liebe, die man lange, lange in sich verschlossen und unausgesprochen getragen hat um endlich überwältigt zu lverden. Da überfließt auch sein Mund und in Worten, unvergleichlich, groß und herrlich, so, als habe er gar keinen Maßstab für das, was er empfindet, als könne er seine Gefühle nur durch das Höchste, das er sich auszudenken vermag, genügend erklären und ausdrücken. Worte, deren hehrer Bedeutung er sich voll und ganz bewußt ist, da er von ihnen die Wirkung, die Kraft eines lindernden heilenden Balsams auf ein verwundetes Gemüt erhofft— jene Worte: „Bin ich Dir denn nicht besser als zehn Söhne!" Das wahrhaft echte Frauengemüt Channahs findet indeß kein volles Genügen an dieser edlen Liebe des Gatten, die sie wahrscheinlich mit dem feinen Instinkte des Weibes auch schon längst erraten, in seinen Augen gelesen hat. ... In Channah lebt auch noch jenes hohe Muttergefühl, das nach Befriedigung sich sehnt und lechzt. Jene Sehnsucht nach dem Wesen, von dem sie erhofft, daß es einst zu ihr emporblicken würde in Liebe und Vertrauen, von dem sie sich vorstellt, daß es ihr in den Tagen, von denen der Psalmist sagt, daß sie uns nicht gefallen, wie ein Licht sein soll, das die Dämmerung dieser späten Tage erhellen wird. . .. Unsere modernen Frauen würden sagen — wie auch der Titel eines jüngst erschienenen Buches lautet — der Schrei nach dem Kinde wars. Aber dieser Schrei! In welch herzerquickender Weise unterscheidet er sich von dem oft maßlos verworrenen, das Ohr verletzenden «Geschrei" der Modernen. Zugegeben, es ist nicht der Schrei der Ehrlosen. Doch gerade deshalb nur umso bewundernswerter — wie rein, wie keusch, wie beseelt von dem edelsten Gefühl, das die Brust des echten Weibes erfüllen soll. ... Das Kind! Gott will sie es weihen. Und nachdem ihr inbrünstiges Flehen Erhörung gefunden, wie da ihre Seele jauchzet, die Güte Gottes preisend und verherrlichend. . .. Später, da ihr Mann und sein Haus wieder nach Schiloh sich begeben, zu opfern die jährlichen Opfer, bleibt Channah