Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 20 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration: j Wien, H/, Novaragasse 27J Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Möhängige Aeitschrifl für jüöische Interessen. Erscheint jeden Ar eilag. I^otto: ..Das 8iegel Gottes ist Wahrheit!* Grrusspreis: Ganzjährig . . K. iS — Halbjährig . . . K. 6.— Für Cultusbeamre: Ganzjährig . . . K. 10 — Für Ausland: Ganzjährig . . . S Mark. 6 Rubel oder 16 Fcs. Mr. 20. Wier», 20. Mai 1904. Inhalt: Aus der Woche. — „Channah". - Die Bedeutung der babylonischen Ausgrabungen für Israel. — Organisation der jüdischen Statistik in Oesterreich. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Kantoren-Zeitung: Musikalische Gedenkfeier für Salomon Sulzer. Was uns die Sulzer-Feier lehrt. Sulzer-Feier in Brünn. Sulzer-Feier in Berlin. Ans der Woche. Die englischen Staatsmänner haben seit jeher der Ansicht gehuldigt, daß die Sprache nicht dazu sei, die Gedanken zu verbergen. Der gegenwärtige Premierminister Balfour hat dies kürzlich in der glänzendsten Weise bestätigt. Das neue englische Fremdengesetz hat in den entgegengesetzten Kreisen die Ansicht erweckt, es habe seine Spitze gegen die Juden gerichtet. Balfour hat es mit den Prinzipien eines wahrhaft freisinnigen Mannes unvereinbar gefunden, dieser Ansicht in einer so lauen schwächlichen Weise entgegenzutreten, die anderwärts so beliebt ist, wenn es sich um Juden handelt. Der Premierminister hat vielmehr die Gelegenheit benützt, um sozusagen den Ochsen bei den Hörnern zu fassen und seine Meinung über den Antisemitismus klipp und klar bekaimtzugeben. In einem zur Veröffentlichung bestimmten Briefe sagt der Premierminister, daß England von der Epidemie, die überall gegen die Juden grassiert, nicht angesteckt sei und er setzt hinzu, daß er ..in dem Entstehen und dem Anwachsen der antisemitischen Gesinnung in England ein äußerst ernstes nationales Unglück erblicken würde." Diese Sprache läßt wohl an Offenheit nichts zu wünschen übrig ' und sie verrät eine Vornehmheit der Gesinnung, ein Höhe der Auffassung, die würdig des leitenden Staatsmannes eines mächtigen Kulturstaates ist. Balfour, der in dem Antisemitismus eine geistige Epidemie erkennt, hat damit den Charakter und das Wesen des Antisemitismus auf das treffendste bezeichnet. Er begegnet sich bei dieser Charakteristik mit Mommsen, dem berühmten deutschen Historiker, der gleichfalls zu der Erkenntnis gelangte, daß der Antisemitismus eine geistige Erkrankung bedeutet. Der englische Premierminister hat sich aber nicht damit begnügt, mit wissenschaftlichir Objektivität das Wesen des Antisemitismus festzustellen; mit einer Wärme, die aus einem edlen Herzen, aus einem edlen, patriotischen Gefühl strömt, erklärt er, daß er es für ein großes nationales Unglück betrachten würde, wenn England von dieser geistigen Pest erfaßt würde. So spricht ein Staatsmann, der in einem gesunden, freien Geiste der Bevölkerung die Garantien für die Größe und Macht des Staates findet. * * * Mit wahrer Betrübnis und Beklemmung mußte man beinahe zur selben Stunde, in der Balfours Brief erschien, die Erklärungen vernehmen, in welchen der österreichische Premierminister v. K o e r b e r einer Kennzeichnung des Antisemitismus und der christlich-sozialen Partei — aus dem Wege ging. Herr v. Koerber hatte in der letzten Parlamentssitzung Gelegenheit genommen, sich über das neue Heimatsgesetz und die unter dem Drucke der christlich-sozialen Machthaber erfolgten Gemeiuderatswahlen in Wien zu äußern. Man ivürde Herrn v. Koerber. der ein Mann von Bildung und Geschmack ist, einen Schimpf zufügen, wenn man einen Moment die Vermutung aufkommen ließe, daß er mit einer politischen Richtung, der die Gregorig, Schneider und Biehlolawek den Stempel ihres Geistes aufgedrückt haben, innerlich sympathisieren könnte. Herr v. Koerber kann aber unmöglich übersehen haben, daß die christlich-soziale Partei bisher in Oesterreich nur eine destruktive, die Autorität des Gesetzes, die Grundlagen des Staates unterminierende Tätigkeit entwickelt habe. Der österreichische Premierminister kann auch gewiß keinen Zweifel darüber hegen, daß die traurigen, nuferen Staat diskreditierenden parlamentarischen Verhältnisse ihren Ursprung in der infamen, Sitte und Anstand verhöhnenden Kampfweise der Antisemiten hatten. Aber trotz alledem konnte sich Herr v. Koerber nicht dazu aufraffen, mit einem klaren, unzweideutigen Worte die Ziele und Bestrebungen der christlichsozialen Partei zu verdammen; er fand keinen Ausdruck, um den das öffentliche Leben vergiftenden Antisemitismus zu stigmatisieren. Vergebens sucht man in der Jnterpellationsbeantwortung des österreichischen Ministerpräsidenten auch nur eine zarte Andeutung, daß er, gleich Balfour, den Antisemitismus als eine geistige Epidemie, deren Entwicklung und Ausbreitung als ein nationales Unglück betrachte. Gewiß, Herr v. Koerber hat sich auch davor gehütet, den Antisemitismus als solchen zu preisen, ihn als ein nationales Glück zu verherrlichen. Aber die eine Wendung in seiner Antwort, „daß man einer Partei es nicht verübeln darf, wenn sie bei den Wahlen alles anwendet, um ihre Macht zu erhalten ', verrät deutlich den ungeheueren Abgrund, der die Auffassung österreichischer Staatsmänner von jener englischer trennt Herr v. Koerber irrt sich: der Ministerpräsident eines Rechtsstaates dürfte es wohl verübeln, wenn eine Partei zur Erhaltung und Stärkung ihrer Macht solche jedem Rechts- und Sittlichkeitsgefühl hohnsprechende Mittel anwendet, wie es die christlich-soziale Partei seit jeher tut. Das dürfte er nicht blos — das sollte, ja das müßte er. * * Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger ist nicht so ohneweiters geneigt, die Mißbilligung über einen Magistratssekretär auszusprechen, der in einer öffentlichen Ausstellung alle Juden als Schwindler und Betrüger beschimpft. Dr. Lueger kann sich