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Die Wahrheit · 1904-05-13 · Heft 19 (13.5.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 19 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 19. Alles dies erfuhr Mayer Bochur von seinem etwas nüchternen Freunde Eduards. Meyer sah, sein Spiel war verloren. Das harte die listige Esther wunderbar ausgeführt. Was nützte ihm sein Talmudverstand gegen die Klugheit dieses Weibes? Nun ahnte auch Mayer, wer den Mordechai gespielt und wer den Ahasver und den Haman. Das war alles von Esther' so eingerichtet worden, daß drei Rollen von Einem gespielt werden konnten, und wer dies war? Mayer flüsterte den Namen fast ängstlich für sich hin, es war Mordechai, der junge Lehrer der Gemeinde, jetzt vielleicht schon der Verlobte Rosls. .. . Dieser Purim endete für Mayer nicht gut. Schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager, bis der graue Morgen anbrach. V. Inzwischen bereitete sich in Reb Awroms Purimstube Großes vor. Sehr bald hatte sich die Gesellschaft von dem Schreck erholt, in den sie durch Eduards Erscheinen versetzt wurde. Und jetzt erschien aus dem Nebengemache Esther in ihrer ganzen Größe, mit ihrem heitersten Lächeln auf den heute nicht einmal unschönen Zügen, und ihr zur Seite schritt Mordechai einher, der Lehrer, dessen Antlitz vor Freude förmlich erstrahlte. ..Simchas Purim," rief Esther heiter aus, als wäre nichts geschehen, als wäre diese Stube nicht soeben der Schauplatz einer ebenso wüsten wie häßlichen Szene gewesen. „Simchas Purim," scholl es ihr zurück. „Freuen wir uns des Festes, das uns soviel Schönes und Heiteres gebracht," rief Awrom aus. „Mayer aber soll mit seinem Doktor selbst fertig werden." ..Das sagt Ihr gut, mein lieber Awrom, daran erkenne ich Euer gutes Herz," erwiderte Esther. ..Jetzt wollen wir lustig sein, wir brauchen Gottlob keine Doktoren der Medizin, wir sind Alle gesund. Auf Euer Wohl, Awrom!" Indem sie das sagte, hatte sie ein Glas ergriffen, gefüllt mit goldigem Wein, und es auf einen Zug geleert. „Ja, so ein Spiel macht die Kehle trocken," rief sie lächelnd aus. . „A propos, das Spiel war vortrefflich, doch Esther, Königin, wo sind Deine Partner? Wo ist Ahasver und Haman und der vortreffliche Mordechai?" fragte Awrom. „Meine Schauspieler, hier sind sie," erwiderte rasch Esther, indem sie auf Mordechai zeigte. Dieser hätte sich in den Hintergrund gedrückt, aus dem ihn Esthers Hand hervorzog. Awrom aber sprach herzlich: „Junger Mann, Ihr habt Großes geleistet. Wahrlich, Ihr habt uns durch Euere Kunst entzückt. Dazu gehört schon etwas, mit solch einer Vollendung drei Rollen zu spielen. Freilich, wenn man eine Esther zur Seite hat, ist es leicht, ein Mordechai zu sein. Nun denn, auf Euer Wohl, Mordechai! ^aooüsr Koach!" Rosl saß tief erröteud neben dem Vater, in ihrem Herzen stürmte es, die mannigfachsten Gefühle regten es auf. Was hatte sie nicht schon an diesem Abende erlebt! Doch nun erhob sich Esther und einen Blick voll Liebe auf Rosl werfend, in deren Nähe sich Mordechai niedergelassen hatte, begann sie zuerst, etwas stockend, dann immer feuriger zu reden: „Lieber Awrom! Freundlicher Gastgeber und liebe, verehrte Festgenossen! Das Purimfest ist, wie schon der Name sagt, ein Losfest. In der Hand der Vorsehung sind die guten und schlechten Lose. Er wirft sie, der Allmächtige, und bestimmt jedem sein Geschick. Was er bestimmt hat, soll der Mensch nicht zu ändern trachten, was er verbunden, soll der Mensch nicht lösen. Nun sage ich Euch, dieser Lostag soll von uns nicht scheiden, ohne daß sich das Los zweier guter Menschen entschieden hat, zweier, die sich lieben, innig, treu und wahr. Awrom, Vater, willst Du das Glück Deiner Tochter? Sag es mir, ihrer geistigen Mutter, mir sag es, die Ihr alle kennet, die Ihr mich Euere Königin Esther nennet, willst Du, daß sie an der Seite eines geliebten, ihrer nicht unwürdigen Gatten durchs Leben wandte, sag es, Awromzärtlichster der Väter?" Awrom sah starr auf Esther hin. Er war wie betäubt. Zuviel war auch auf den alten Maun an diesem Abende eingestürmt. Er gedachte nun seines Gespräches mit Esther, das vor vier Wochen ftattgefunden. Damals hatte sie ihn gewarnt, das Glück seiner Tochter zu stören. Sie hatte ihn aber nicht den Mann genannt, der Rosl begehrte. Nur davon hatte sie stets gesprochen: ..Was Gott verbindet, soll der Mensch nicht scheiden." Und nun hatte ihn diese Esther überrumpelt und drängte ihn zur Entscheidung. Er erhob sich nun gleichfalls und begann mit zitternder Stimme: „Liebe Esther, ich bin heute Abend um eine Erfahrung reicher geworden. Ich habe erfahren, wie uns oft der Schein täuscht, wie nicht alles Gold ist, was glänzt; ich sehe ein, Du, Esther, bist meiner Tochter die beste, die mütterliche Freundin. Du hast ihr gewiß einen würdigen Mann ausgesucht, und, wenn ich nicht sehr irre" — und jetzt umspielte seinen Mund ein schalkhaftes Lächeln — „ist Dein Auserwühlter Mordechai, der so gut Theater zu spielen versteht." Mordechai erbleichte, aber errötete sofort. Zitternd saß Rosl da. Esther aber erhob nun laut ihre Stimme und ries: „Masol Tow“; dann zerbrach sie die Zuckerbüchse, die vor ihr stand. „Masol Tow!“ scholl es von allen Seiten. „Ein Hoch dem Brautpaare!" Mordechai wußte nicht, wie ihm geschah. War er wirklich so vielen Glückes würdig? Mit seinem zärtlichsten Blicke schaute er auf die vor Wonne erbebende Rosl. Und nun begann er, während tiefe Stille die ganze große Gesellschaft umfieng: „Teuerer Vater, so kann ich Sie ja jetzt nennen, Herr Pulitzer, nehmen Sie meinen Dank hin, für die Liebe, die Sie mir zuteil werden ließen. In mir sehen Sie jetzt den glücklichsten der Menschen. Sie sollen wahrlich keinen Unwürdigen zum Schwiegersöhne, sich erwählt haben. Ich verspreche Ihnen, Ihre Rose zu hegen und zu pflegen, ihr auf Erden das Paradies zu bereiten. Friede und Glück herrsche in unserem Hause, und Er, der die Lose lenkt, gebe seinen Segen dazu. Du aber, Esther, teuerste, Du, unsere Mutter und beste Freundin, Du sollst mit uns leben, in unserem Hause sollst Du Dein zukünftiges Heim finden. Und nimm den Dank hin von Deinen geistigen Kindern, den unaussprechlichen Dank für Deine Liebe!" Weiter konnte er nicht sprechen. Tiefe Rührung hatte ihn ergriffen und die ganze Gesellschaft. Esther wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge. Aber schon hatte sie wieder die Selbstbeherrschung gewonnen und sprach: „Das, liebe Kinder, bitte ich mir aus, daß Ihr mich in Euer Haus aufnehmet, ich habe eine so große Stube, daß in dieser wohl für mich und noch Andere Platz sein wird, in der bleibe ich für die Zeit, die mir zu leben noch gegönnt ist. Und was würdet Ihr mit meinen staubigen Büchern anfangen?" Ein helles Gelächter folgte diesen launigen Worten. Das war ein echtes und rechtes Purimfest, das noch bis zum Morgengrauen Awroms Gäste vereinigte. Und ehe man schied, machte Awrom einige Bemerkungen noch über Esthers schlaues Vorgehen. „Das muß ich Dir sagen, Esther, an Dir ist ein Minister, ein Diplomat, so nennt man die Leute ja, verloren gegangen. Du verstehst es, die Leute zu foppen. Da Hab ich gemeint, ganz wer anderer wird den Mordechai spielen. Du hast mich schön hinters Licht geführt. Der Mensch spricht alles der Vorsehung zu und er ist es oft, der die Lose wirft. Diesmal warst Du wirklich die Vorsehung, Esther, Königin, Schlaue, Kluge." „Ganz so wie meine große Namensvorgängerin in der Megillah," erwiderte ihm Esther. „Auch sie war das Werkzeug in Gottes Hand, sie hat ein ganzes Volk gerettet. Ich habe das Glück zweier Leute nur begründet." „Ich meine aber," entgegnete Awrom, „wer das Leb en sg l ü ck eines Menschen begründet, der hat oft mehr getan, als wer das Leben vieler errettet. So bist Du würdig Deiner großen Namensvorgängerin in der Megillah, Du unsere Königin Esther!"--

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