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Die Wahrheit · 1904-05-13 · Heft 19 (13.5.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 19 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 19. werde sich damit ein großes Verdienst um die ganze Menschheit erwerben. Es gebe gewiß viele Dinge, die einer höheren Dotierung würdig wären, aber solange die entsprechenden Einnahmen hiesür nicht vorhanden sind — und an eine Steigerung der Steuereingänge sei in absehbarer Zeit nicht zu denken — müsse man sich eben einschränken. Am wenigsten gehe es aber an, durch derlei vage Behauptungen den Appetit anzuregen und wenn der Hunger sich einstellt, nichts -zu essen zu geben. Baurat Wilhelm S t i a ß n y gibr die von kais. Rat Weil gewünschten Aufklärungen bezüglich der Adaptierungen im israelitischen Spital. Dr. Spitzer konstatiert, er habe nicht von faktischen Ersparungen am Kultusbudget gesprochen, sondern nur bedauert, daß im Präliminare eingestellte Posten nicht zur Ausführung gelangten. Bezüglich des Armenwesens sei er der Ansicht, daß mit Unterstützungen von 2—3 sl. aufgeräumt und nurgrößere, wirksame Unterstützungen gegeben werden. Im übrigen anerkenne er gerne, daß der gegenwärtige Vorstand in außerordentlich konservativem Sinne wirke und auch dessen Verwaltung eine tadellose sei. Dr. Maximilian Steiner rektifiziert wegen des öffentlichen Charakters der Sitzung die Bemerkungen des Herrn Oberfinanzrat Dr. Rappaport bezüglich der Schulinspektion, die in den Volks- und Bürgerschulen auch im abgelaufenen Jahre tadellos durchgeführt wurde. Auch Herr Ritter v. Taussig scheine die Ausführungen Dr. Spitzers bezüglich des Armenwesens mißverstanden zu haben. Letzterer plaidierte nur für die präventive Armenpflege, auf welcher ja das moderne Armenwesen basiere. Zum Studium dieser Frage sei wohl vor drei Jahren ein Komitee eingesetzt worden, doch habe dasselbe bisher keine Sitzung gehalten. Nach durchgeführter Debatte wird der Rechnungsabschluß pro 1903 einstimmig angenommen und hierauf über Antrag des Herrn Salo Cohn dem Finanzreferenten, Herrn H. Vizepräsidenten kais. Rat Moriz Hirsch, der Dank des Vorstandes votiert. Auch dem Buchhalter Ruff wird Anerkennung ausgesprochen. Ueber Mitteilung der Chewra Kadischa werden die Herren Moritz B r ei tn e r, Salo Cohn, Jakob Kann und S. Skeiner zu Vorstandsmitgliedern der Chewra-Kadischa ernannt. Kais. Rat Dr. Lieben referiert über die Verleihung der Ignaz Blumenfeld-Stiftung, deren Zinsencrträgnis per K1980 nach dem Vorschläge des Vertreterkollegiums dem Musiker Heinrich Schalit verliehen wird. Hierauf wird die öffentliche Sitzung geschlossen. Mährische und böhmische Inden. Jeder Strich Landes hat seine Eigentiimlichkeiten, und so ist es nicht zu verwundern, daß auch die Juden Mährens und Böhmens sich außerordentlich von denen Ungarns unterscheiden. In Ungarn ist, wie männiglich bekannt, das Judentum in mehrere Lager geteilt, die sich anfangs aufs bitterste befehdeten. Späterhin nahm wohl die Anfeindung ein wenig ab, doch noch bis zum heutigen Tage krankt das Judentum an den Folgen, die erst in unabsehbarer Zeit ihr Ende erreichen dürften. In Böhmen und Mähren hingegen sind die Juden wohl nicht geteilt, und man würde glauben, daß die alte, traditionelle Religion hier blüht und gedeiht; doch bei klarer Einsicht bietet sich uns ein gar trauriges Bild. Die Gleichgültigkeit, mit dem man hier allem Jüdischen begegnet, ist geradezu zum Verzweifeln. Da wächst eine Generation heran, die zwar noch mit einigen Fasern an dem Judentume hängt, aber für die Dauer eine leblose Mumiengestalt zur Schau tragen wird. Während in Ungarn das Schwergewicht der jüdischen Gemeinden, nebst dem Gotteshause, vorwiegend auf die konfessionelle Schule gelegt wird, ist heute in Mähren und Böhmen und besonders in letzterem Kronlande fast nirgends mehr eine jüdisch-konfessionelle Schule anzutreffen,' und wie traurig hierdurch die Zukunft des Judentums sich gestaltet, weiß nur derjenige, der Fühlung mit der hiesigen Jugend gehabt hat. Da geschieht es oft, daß die Juden selbst nicht wissen, weß' Glaubens sie sind, denn Betbuch und Bibel sind ihnen ebenso fremd, wie etwa chinesische Bücher. Es gibt wohl prächtige Tempel, doch wie spärlich sind diese besucht! Nur noch einige alte Männer, die vom Hause und von besseren Tagen die Brosamen des jüdischen Glaubens aufgelesen, sieht man dort beten, aber die Jugend betritt das Gotteshaus nur selten, weil sie eben nicht zu beten versteht. Man täuscht sich sehr, wenn man behauptet, daß die Rabbiner und Religionslehrer den Religionsunterricht vernachlässigen. Das ist keineswegs der Fall. Alles wird in dieser Beziehung strikte eingehalten, aber was nützt es, die Geschichte der Juden vorzutragen, wenn die Jugend das Alpha ihrer Religion nicht kennt, wenn ihr das Beten und die heilige Schrift fremde Objekte sind. Für Alles hat der mährische und böhmische Jude Sinn, nur für keine konfessionelle Schule. Seine Gotteshäuser sind prachtvoll, seine Beamten gut besoldet, doch Lehrer und Erzieher der Jugend sucht man vergebens. Wer hier am Sabbath das Gotteshaus besucht, gilt als orthodoxer Jude' und nun gar, wer täglich den Tempel aufsucht, für einen „jüdischen Gelehrten". Wie sehr ist es zu bedauern, daß man in Ungarn kleinlicher Dinge willen, den Fehdehandschuh ausgenommen! Kommet aber und sehet, wie traurig es hier bestellt ist, und Ihr werdet die goldene Straße in Ungarn loben, die auch im fortschrittlichen Lager anzutreffen ist. Eines muß zugestanden werden: Der Opfersinn für Not und Elend ist in diesen Ländern in größerem Maßstabe vorhanden, als in Ungarn; es bedarf hier nur einer kleinen Anregung und die Summe ist auf dem kürzesten Wege zusammengeschafft, um für arme, verlassene Glaubensgenossen reichlich zu sorgen. Da ist es allerdings zu verwundern, daß die Herren Amtskollegen so wenig tun, um diesem Uebel des Schulmangels abzuhelfen. Wo der Opfersinn in so reichem Maße vorhanden ist, da wäre es ja ein Leichtes, die fehlenden konfessionellen Schulen zu errichten. Wenn wir bei Zeiten nicht Vorarbeiten, wird die Zukunft von Israel nur noch Trümmerreste aufzuweisen haben, und die jüdischen Gemeinden werden ein Dasein führen, daß es zum Erbarmen sein wird Darum rufe ich meinen verehrten Kollegen zu: Bietet alles Mögliche auf, um die fehlenden jüdischen Schulen in Bälde erstehen zu lassen, damit der jüdische Glauben festen Boden gewinnt, zum Ruhme Gottes, zum Preis unserer altehrwüdigen Religion! Prag. Rabb. Dr. Samuel Partos aus D -Földvür. Koiifesston oder Nationalität? Nach einer Kabelmeldung hat das amerikanische Repräsentantenhaus vor einigen Tagen eine Resolution angenommen, wonach die amerikanische Regierung aufgefordert wird, dafür zu sorgen, daß amerikanische Staatsbürger israelitischer Konfession, die nach Rußland kommen, dort nicht anders behandelt werden als amerikanische Staatsbürger christlicher Konfession. Wenige Tage vorher war im Deutschen Reichstage dieselbe Frage zur Verhandlung gelangt. Herr Kämpf hat sich das Verdienst erworben, daran zu erinnern, daß die notorische Zurücksetzung der Deutschen jüdischen Glaubens in Rußland gegen die Bestimmungen des Handelsvertrages zwischen Deutschland und Rußland verstoße und schon deshalb deutscherseits nicht geduldet werden könne. Die Antwort des Staatssekretärs des Aeußern war charakteristisch. Sie lief darauf hinaus, daß zwar die Verträge mit Rußland keinen Unterschied zwischen Deutschen christlicher und Deutschen jüdischer Konfession enthalten, daß aber die russische Regierung nie ein Hehl daraus gemacht habe, daß sie die Juden fremder Nationalität ebenso schlecht behandeln würde, wie die Juden eigener Nationalität. Was der Vertreter des Auswärtigen Amtes bei uns in Deutschland danach für ganz begreiflich hält, wollen die Ameri-

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