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Die Wahrheit · 1904-05-13 · Heft 19 (13.5.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 19 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 19 verbreiteten, die Juden und Polen seien Schuld an der Niederlage der Russen! Das arme, betörte Volk wird für die Ausschreitungen büßen müssen, die Hetzer werden wie immer frei ausgehen. Diesmal haben die christlichen Polen mit den Juden zugleich wegen der ebenso böswilligen als albernen Ausstreuungen leiden müssen. Aber nur unverbesserliche Optimisten werden sich der Hoffnung hingeben, daß die Christen in Galizien bei der nächsten Gelegenheit in entsprechender Weise jenen Hetzern und Vollsverführern enigegentreten werden, die das Volk mit böswilligen und albernen Lügen gegen die — Inden aufstacheln. Wie der Herr jo der Diener. (Zur Gerichtsverhandlung des Magistratssekretärs Dr. D e nr e l.) Die Gerichtsverhandlung in der Ehrenbeleidigungsklage des Herrn Löbl gegen den Magistratssekretär Dr. Demel hat wie ein greller Blitz in das tiefe Dunkel hineingeleuchtet, das die antisemitische Aera über die Millionen-, die Weltstadt Wien, die Residenz- und Hauptstadt, die auf das Epitheton Großstadt Anspruch erhebt, gebracht. Der Jnjurienprozeß hat aber auch nicht verfehlt, das allergrößte Aufsehen, die tiefgehendste Entrüstung wachzurufen, beides mit vollem — Unrecht. Man muß dieses Paradoxon schon verzeihen. Tag für Tag bringen Beschimpfungen und -Herabsetzungen der Juden seitens des Bürgermeisters Dr. Lueger und seines „würdigen" Stellvertreters S t r o b a ch, viele den in den Straßen Wiens während der jüngsten Gemeindewahlen plakatiert gewesenen Wahlaufruf, gezeichnet vom Vizebürgermeister Strobach, der mit dem Passus schloß: „Sozialdemokraten und Juden ift der Eintritt in das Versammlungslokale verboten." Darf man sich dann wundern, kann es dann befremden, wenn ein Beamter des Magistrates, dessen oberste Chefs die Lueger und Strobach sind, aus demselben Loche pfeift, in den Fußstapfen seiner Vorgesetzten wandelt und diesen in der Judenhetze nachzuahmen, ja sie' darin noch zu übertreffen sucht? „Wie der Herr, so der Diener — wesst Brot ich esse, desst Lied ich singe." Der Jnjurienprozeß hat für den sauberen Herrn Magistratssekretär mit einer zweitägigen strengen Arreststrafe geschlossen, die ihm von dem Jnjurienrichter zudiktiert wurde. Allein nicht darin darf die Genugtuung gesucht werden, sondern in dem Umstande, daß der Verhandlungsrichter den Akt an die Staatsanwaltschaft mit dem Anträge abgetreten hat, die Verfolgung Demels wegen Aufreizung gegen eine Religionsgenossenschaft einzuleiten. Unseres Erachtens hat der wackere Richter mit seinem Anträge den Nagel auf den Kopf getroffen. Es ist nun die große Frage, wie sich die Staatsanwaltschaft zu diesem Anträge, der einen deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl bedeutet, verhalten wird. Man gebe sich diesfalls keinen Illusionen hin. Die Anklagebehörde fände Tag für Tag, Stunde für Stunde genug Veranlassung, wider „Aufreizungen gegen Religionsgenossenschaften" involvierende Delikte einzuschreiten — wenn sie nur wollte. Werden nicht kontinuierlich offenbare Verletzungen der von Seiner Majestät sanktionierten Staatsgrundgesetze begangen, die man ruhig gewähren läßt, die ungeahndet bleiben? Man dürfte darauf Hinweisen, daß derzeit ja ein erleuchteter Staatsmann an der Spitze der Justizverwaltung steht, der modernen Anschauungen huldigt und Vernunftgründen zugänglich ist. Mag sein, in Betreff ..Judenpunkt befindet er sich jedoch in atavistischem Rückstände. Ein Machtwort des Ministerpräsidenten und Leiters des Justizministeriums würde genügen, mit diesen atavistischen Rückständigkeiten auszuräumen, sie mit Stumpf und Stiel auszurotten. Man zerbricht sich umsonst den Kops, was Dr. Ko erb er bestimmen mag, dem antisemitischeu Janhagel ein quos ego nicht zuzurufen und die beschämende Judenhetze zu tolerieren. Auch für Dr. Koerber gilt das Diktum: ..Wie der Herr, so der Diener", denn er ist auch Verwalter eines dritten Portefeuilles, des Ministeriums des Innern, demnach oberster Chef des Wiener Magistrates als politischer Behörde erster Instanz. Dr. Koerber darf es daher nicht übelnehmen, wenn er direkt für die Ausschreitungen der Herren Lueger, Strobach und Demel — tres faciunt collegium — verantwortlich gemacht wird. Will er diese Verantwortung aber nicht tragen, so entschließe er sich endlich, ein kräftiges Wort zu reden. Es bedarf nur des Mannesmutes zur Tat, den Anfang zu machen, die Wasserstiefel anzuziehen, des Dankes aller wahren Patrioten darf er sich vergewissert halten. Morst Iokai. Trauernd steht Ungarn an der Bahre eines seiner größten Söhne, des genialen Dichters und glühenden Patrioten Moriz Iokai. Die literarische Bedeutung dieses Mannes zu würdigen, der über seine Schöpfungen den Duft eines herrlichen Gemütes und den Goldglanz echter Poesie verbreitete, ist nicht Zweck dieser Zeilen, sondern darauf hinzuweisen, wie der begeisterte Freiheitsheld sein Verhältnis zu seinen jüdischen Mitbürgern auffaßte. Und diesbezüglich finden wir vollsten Aufschluß in einem Schreiben, das Moriz Iokai, damals Redakteur des „Hon ', im Jahre 1867 anläßlich seiner Ernennung zum Ehrenmitgliede des israelitischen Wohltätigkeitvereines „Concordia" an dessen > Präsidenten richtete und in welchem er seine Ansichten über, resp. für die Gleichberechtigung der Landeskinder mosaischen Glaubens ausspricht. Nicht blos politischer Liberalismus, poetische Schwärmerei, abstrakte Theorie veranlaßteu ihn, für diese Gleichberechtigung bei jeder geeigneten Gelegenheit seine Stimme zu erheben, — sondern dies gebot ihm, namentlich auch als Ungar, auch die richtige Auffassung des Lebens. Hierüber sich näher aussprechend, äußerte er sich in seinem, im „Hon" veröffentlichten Schreiben wie folgt: „Als Ungar mußte ich Pietät fühlen für das Volk, welches — der Unterstützung der Staatsgewalt beraubt — nur durch Geistesenergie seine ererbten Institutionen anderthalb Jahrtausende hindurch zu bewahren mußte, welches, auch nachdem es sein Vaterland verloren hatte, die Gesetze seines Vaterlandes auftecht erhielt und die Sitten seiner Vorfahren der Tradition getreu beobachtete, selbst als es deswegen lange Leiden erdulden mußte. — Als Ungar muß ich eine Lehre finden in dem Leben des Volkes, welches, seines Vaterlandes beraubt, vermögenslos hinausgestoßen in die Welt, und rechtlos in der Gesellschaft, — mit eiserner Geduld, mit scharfem Geist und rastloser Tätigkeit uns ein Beispiel gab, wie ein Volk sein verlorenes Leben neu beginnen muß, wie es nie verzweifeln und sich nie auf einen Anderen als auf Gott und sich selbst stützen darf. — Als Ungar muß ich einen Gewinn finden darin, daß wir zahlreiche Mitbürger haben, die mit vielseitiger Bildung, mit den Gaben der europäischen Kultur und großen Geistesfähigkeiten ausgestattet, ein großes geistiges Kapital unseres ungarischen Vaterlandes repräsentieren, und durch ihre ausgedehnten Verbindungen für unsere internationalen Verhältnisse wahrhaft unentbehrlich sind. — Und endlich muß ich als Ungar Liebe empfinden für den in unserem Vaterlande mehr als eine halbe Million Seelen betragenden Volksstamm, der in den schweren Jahren unserer Verfassungskämpse weder seine Zahl, noch seine Geisteskraft, noch sein Vermögen gegen die ungarische Nation in die Wagschale warf, — welches in den Jahren des Absolutismus seine Aeltesten nicht aussandle, um an den Versuchen zur Vernichtung Ungarns teilzuuehmen, — in den Tagen der Sprechfreiheit seine Stimme nicht erhob, um die ungarische Verfassung zu zertrümmern, ja vielmehr auf publizistischem Gebiete für deren Herstellung an unserer Seite kämpfte, — das sein Interesse stets mit dem des Vaterlandes verschmolzen erkannte — und nie etwas Anderes verlangte, als in Ungarn ungarische Bürger zu sein. Um zu diesem Wunsche „Amen" zu sagen, brauche ich nichts Anderes zu sein als ein Ungar, und zur Ergänzung dieses Wunsches brauche ich nur hinzuzufügen, es mögen unsere israelitischen Kompatrioten als „ungarische Bürger" bei Betätigung des zweiten Epithetons ebeuso viel Bereitwilligkeit finden, wie

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