Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-05-13 · Heft 19 (13.5.1904) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 19 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063231--03052-3069778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaktion u. Administration: Wien, II/i Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 153Ü2 Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Aeitschrift für jüöische Antere^sen. Erscheint jeden Ireilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!"! Berugsprxeis: j Ganzjährig . . K. 12.— Halbjährig . . . K. 6.— Für Cultusbeankte: Ganzjährig . . . K. 10 — Für Ausland:! Ganzjährig ... 8 Mark, l ü Rubel oder 16 Fes. Ur. 19. Wie«. 13. Mai 1994. Inhalt: Aus der Woche. — Wie der Herr, so der Diener. —Moriz Jokai. — Aus der Wiener Kultus gemeinde. — Mährische und böhmische Juden — Konfessionen oder Nationalität. — „Hannah". — Zur Organisation der jüdischen Statistik. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton. — Kantoren-Zeitung: Aus dem österr.-ungar. Kantoren-Bereine. Aus der Woche. Wir haben bereits vorige Woche die Beförderung zweier jüdischer Offiziere zu Generalen der österreichischen Armee registriert. In nuferen Tagen, wo das konfessionelle Vorurteil so viele Siege über Recht und Gerechtigkeit davonträgt, ist es doppelt erfreulich, daß in der Armee hervorragend?. Tüchtigkeit und Pflichtgefühl allein hinreichen, um die verdiente Anerkennung zu finden. Das Avancement der zwei ausgezeichneten jüdischen Offiziere kann als ein neuerliches Zeugnis für den erhabenen Sinn unseres edlen, hochherzigen Monarchen gelten, dessen Güte und Gerechtigkeit keinen Unterschied der Konfession kennt . . . Es dürfte nicht uninteressant für unsere Leser sein, wenn wir bei dieser Gelegenheit eine Mitteilung reproduzieren, die uns von verläßlichster Seite zukommt und die geeignet ist, die Persönlichkeit des nnnniehr zum Generalmajor beförderten Ritters von S chweitzer in ein überaus sympathisches Licht zu rücken. Der General hat kürzlich in einem Gespräche seine Stellung zur jüdischen Religion gestreift und hiebei u. a. bemerkt: Man habe in früheren Jahren öfter ihm nahe gelegt, seine Religion zu verlassen, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dies zu tun. Er hänge mit ganzem Herzen an dem Glauben seiner Väter, der ihn niemals gehindert habe, ein pflichttreuer Soldat zu sein, und er werde auch seine Kinder in seiner Religion erziehen. * * * Die Gemeinderatswahlen haben mit einem neuerlichen Sieg der christlich-sozialen Partei geendet, die die Zahl ihrer Mandate noch vermehrt sieht. Das Machtbewußtsein der antisemitischen Partei ist jetzt ein noch mehr gesteigertes und die Juden in Wien haben allen Grund, mit trüber Stimmung der Zukunft entgegenzusehen. Der frevelhafte Uebermut der Christlich- Sozialen in Wien zeitigt Blüten, die die Wahrheit des Wortes beweisen, daß der Antisemitismus dem Christentume in gewissem Sinne noch gefährlicher sei, als dem Judentume. Diese häßliche Bewegung bedroht und gefährdet die Juden in materieller Beziehung, aber sie untergräbt zweifellos die Grundlagen des Christentums. Die Aeutzerungen, mit denen neulich ein Wiener Magistrats-Sekretär seine Behauptung, daß alle Juden Betrüger und Schwindler seien, unterstützte, bieten einen neuerlichen Beleg hiefür. Als dem skandalmachenden Beamten entgegnet wurde, auch Jesus Christus sei ein Jude gewesen, meinte er beiläufig mit höhnischen Worten, daß sei eine Erfindung „jüdischer" Blätter. Der Mann, dessen Kopf von dem Evangelium des Judenhasses erfüllt ist, hat also keine Ahnung mehr davon, wer der Gründer seiner Religion gewesen, und seine Schmähungen machen vor nichts und vor Niemandem mehr Halt. Die Ideen Dührings und seines Jüngers Schönerer, daß das Christentum, welches ganz „verjudet" sei, bekämpft werden müsse, finden, dank der antisemitischen Flagge, unter der sie eingeschmuggelt werden, immer mehr Verbreitung. Auch die Wiener Magiftratsbeamten kämpfen schon für diese Lehre. * Die Juden können es den Antisemiten wirklich niemals recht machen. Das „Deutsche Volksblatt" füllt seine Spalten häufig mit den erbitterten Beschimpfungen der Juden in Wien, weil diese sich überall breit machen und durch ihren Luxus auffallen. Nach dem kläglichen Ausfall des unter christlich-sozialer Patronanz abgehaltenen Mai-Korso ergeht sich der Antisemiten- Moniteur in Schmähungen über die reichen Juden, die sich von dem Feste ferne hielten. Man kann sich vorstellen, wie diese auf das Schimpfen dressierten Federhelden die Aufdringlichkeit der Juden verhöhnt hätten, wenn diese der Einladung des Herrn Silberer Folge geleistet hätten. * * * Im Kampf, den der Bürgermeister Dr. Lueger gegen den Frondeur Gregorig führt, ist eine neue Etappe zu verzeichnen. Durch den Mund des Herrn Dr. Geßmann hat der Bürgermeister verkünden lassen, daß die Haltung Gregorigs aus „pathologischen- Motiven zu erklären sei. Die Tatsache, daß Gregorig den Versuch machte, der Korruption im eigenen Lager den Krieg zu erklären, mußte allgemein überraschen; interessant aber ist es, daß ein Dr. Lueger einen solchen Versuch nur aus einen krankhaften Geisteszustand zurückzuführen vermag. Ein vernünftiger Mensch, so scheint also Dr. Lueger zu argumentieren, müßte Korruption und Antisemitismus für untrennbar halten. Diese Ansicht ist allerdings einem Manne wie Lueger zuzutrauen, der einst geradeheraus bekannte: „Nur ein Schuft oder ein Esel kann ein Antisemit sein!" Es ist fürchterlich, immer wieder zusehen zu müssen, wie Hetzer und Volksversührer mit den blödsinnigsten Lügen die urteilslose Menge zu verbrecherischen Ausschreitungen verleiten können. In der Umgebung von Kolomea und Kostow haben fanatisierte Ruthenen grauenhasteExzessegegenPolen und Juden verübt, weil niederträchtige Schurken das Gerücht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.