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Die Wahrheit · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 18. Seite 10. Die - Wahrheit und Menschen", Berlin 1876, II, 120—463) in Rahel das unzünftige Schriftstellertum. Ihr Verhältnis zum jungen Deutschland fand ausführliche Würdigung bei G. Brandes („Die Literatur des XU. Jahrhunderts", Leipzig 1891,'VI, 311—326) und Johann Prölß („Das junge Deutschland", Stuttgart 1892, S. 454—534). „Rahel. Varnhagen und die Romantik behandelte in ihrer gleichnamigen Berner Jnaugural-Dissertation Emma Graf (Berlin 1903). In seiner bekannten überscharfen Manier beurteilte Heinrich Treitschke („Deutsche Geschichte", IV.—V. Band) das junge Deutschland und ihre Wortfnhrerin und gab damit seinen Jüngern das Signal zu einer Flut von Schmähungen und Verdächtigungen. Eine sogenannte vermittelnde Stellung nimmt O. F. Walzel in der „Allgemeinen deutschen Biographie" (XXXIX, 780—789) sowie „Euphorion" (VIII, 417—419) ein. Das außerordentlich reiche Material, welches uns bereits seit Jahrzehnten für eine Biographie zur Verfügung stand, zusammenfaffend, wenn auch nicht abschließend verwendet zu haben, ist das Verdienst des leider zu früh verstorbenen Otto Berdrow in seinem auch in diesen Spalten (vgl. „Wahrheit", 1900, Nr. 10, 1902, Nr. 24) ausführlich gewürdigten Buche: „Rahel Varnhagen. Ein Lebens- und Zeitbild von Otto Berdrow. Stuttgart. 2 Aufl. 1902." Leider hat das letztere Werk bei dem sogenannten gebildeten Lesekreise, für den es in erster Linie berechnet war. nicht die erwartete große Verbreitung gefunden. Wir begrüßen daher mit doppelter Genugtuung das'Erscheinen der neuesten wohlfeilen Rahel-Schrift; einer Auswahl aus dem großen, drei Bände starken Werke: „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde. Berlin 1834." Der Herausgeber war bestrebt, alles für Rahels Persönlichkeit und das Kulturleben der Zeit wesentliche zu erhalten, unbekümmert um die augenfällige Interestantheit eines jeden Briefes. Vorangeschickt ist dem Ganzen em äußerst stimmungsvolles Vorwort, in welchem Rahel nur allzusehr als Repräsentantin der äußersten Linken der Frauenbewegung gefeiert wird. Unwillkürlich erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit des Verfassers der „Diätetik der Seele", Ernst Feuchtersleben, welcher seine Anzeige des Gesamtwerkes in der Beilage zur Oesterreichischen Zeitschrift für Geschichte/ Staatskunde vom 25. und 28. März 1835, mit folgenden Worten schloß: „So gewährt uns diese merkwürdige Briefsammlung von neuem die Ueberzeugung, daß unabhängig vom Einflüsse geschlechtlicher Verhältnisse, wenngleich durch sie eigentlich gefärbt, sich die Blüte veredelter Menschheit — sowie, unabhängig von gesellschaftlichen Einwirkungen und Doktrinen, in der Stille eines gereinigten Gemütes, sich das Gefühl und die Eintracht der höchsten menschlichen Interessen entfalten könne. Wenn jeder Einzelne mit strenger Beharrlichkeit, wie diese Frau, über sich wachend, diese Pfade ginge, so würden alle auf dem Gipfel zusammentreffen und das Ganze würde den unvergänglichen Segen der schmerzlichen Bemühungen empfinden." D’2inn D’K’33 mm Wissenschaftlicher Bibel-Kommentar in Ver- - bindung mit namhaften Gelehrten herausgegeben von Abrah am Kahanü. Gitomir 1903. Besprochen von Dr. F. Perles, Königsberg: Orientalische Literatur-Zeitung. — Der vorliegende hebräische Bibelkommentar kann fast als eine kulturhistorische Tat bezeichnet werden. Denn er ist der erste und hoffentlich erfolgreiche Versuch, die osteuropäischen Juden, die mit jedem Tage der Bildung und Wissenschaft mehr zustreben, mit den Resultaten der modernen Bibelforschung vertraut zu machen. Es stellt sich immer deutlicher heraus, daß die in wissenschaftsfeindlichen Ländern lebenden, unter rusfischer oder rumänischer Knute blutenden Massen nicht etwa in der betreffenden Landessprache, sondern nur in der eigenen, wohlvertrauten und für den wissenschaftlichen Ausdruck längst ausgebildeten hebräischen Sprache zu modernen Menschen erzogen werden können. Diese von ihnen aus vielen Gründen als „heilig" bezeichnete Sprache stellt das natürliche Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart dar und läßt sie den Uebergang zu einer neuen Weltanschauung weniger jäh empfinden. Der in fließendem Hebräisch abgefaßte Kommentar, von dem bisher zwei Teile (Psalmen L Teil von Chajes, Genesis von Kahanü) vorliegen, erschließt seinen Lesern eine ganz neue Welt, indem er sich völlig von der traditionellen jüdischen Exegese ftei macht, sich auch nicht nur auf die grammatischen und lexikalischen Erkenntnisse der neuesten Zeit stützt, sondern ohne jedes dogmatische oder sonstige Vorurteil auch die Resultate der höheren Kritik unbefangen mitteilt. Wir erhalten hier ebenso Auskunft über die Quellenscheidung wie über den babylonischen Sintflutbericht, über die Varianten der alten Versionen wie über die Textänderungen modernere Forscher, und mancher gelehrte deutsche Profeffor würde vielleicht seinen Namen in der hebräischen Transskription nicht wiedererkennen. Der Kommentar enthält übrigens nicht nur eine Zusammenfaffung der bisherigen Leistungen, sondern bietet auch manche neue Erklärungen und Textänderungen, vor denen auch die abendländische Wissenschaft nicht achtlos wird vorübergehen dürfen. Hoffen wir, daß es dem rührigen Herausgeber, und seinen Mitarbeitern gelingen möge, ihr Werk glücklich zu Ende zu führen und daß trotz des gewiß nicht ausbleibenden Widerspruches von Seiten der Anhänger der Tradition das wiffenschaftliche Bibelstudium auch im Volke der Bibel immer mehr berufene Pfleger finden möge. KöniginEftHer. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) Die große Szene zwischen Ahasver und Esther ist vorüber. Man hat im Auditorium seine Meinungen ausgetauscht, und das Spiel, insbesondere Esthers, belobt. — Nach einer größeren Pause tritt: Hamau auf. Wer stellt den Haman dar? Haman flucht weidlich über den Juden Mordechai. Er hält einen längeren Monolog, stellt sich als den allmächtigen Vezier des Königs vor, vor dem sich alle bückennur der Jehudi Mordechai nicht. Man lauscht gespannt dem Spiele Hamans, bewundert es, aber wer stellt diesen Haman dar, der eine verzerrte Gesichtsmaske trägt und um sich schlägt, als wäre er besessen. Wo hat nur Esther ihre Schauspieler aufgetrieben? Ein Mordsfrauenzimmer, diese Esther, denkt Mayer wieder. Sinnend wiegt er sein Haupt, ist es ein Spuck oder nicht, auch dieser Hamau gleicht seinem Doktor. Der muß also mehrere Rollen erhalten haben. Wo hat er die Zeit sich genommen, diese zu studieren, da er doch so viel zur strengen Prüfung zu lernen hatte? Hamans Szene ist vorüber, und heute würde Man sagen, die piece de resistance, soll nun kommen, die große Mordechaiszene. Und siehe, jetzt erscheint er, der große Mordechai, eine herrliche Gestalt. Und diese treffliche Gesichtsmaske, dieser ernste, säst prophetische Zug im Antlitze, dieser glänzende schwarze Bartl Die Zuschauer sind entzückt. Und wie er deklamiert! Ja, das ist der Doktor Eduard, so spricht er, so peroriert er. Das ist seine Pose, das ist seine Handbewegung, Mayer möchte aufjauchzen und seinen Freund umarmen. Und nun das Zwiegespräch mit Esther! Freilich in der Megillah wird die Sache anders dargestellt, aber der Dichter darf sich vieles erlauben. Das Stück hatte seinen Höhepunkt erreicht. Die folgende Szene fand schon weniger Beachtung, wie Esther wieder Ahasver über Hamans Tücke aufklärt, wie sie Haman als Betrüger, als falschen Berater hinstellt; nur Rosl horchte auf, sie ahnte es, jetzt erfüllte sich ihr Geschick. Und wieder erscheint, nach längerer Pause, Haman, er weiß es, sein Schicksal ist besiegelt, er ist gestürzt. Esther hat ihm sein Todesurteil verkündet. Gebrochen wankt Haman vom Schauplatze. Ein lauter Jubel erhebt sich; alles ruft nach Esther, alles ist voll ihres Lobes. Nun aber möchte man doch die Schauspieler kennen lernen. Wer spielte den. Ahasver, wer den Haman und wer den Mordechai?' Es muß sich doch endlich die ganze Komödie enthüllen. So meint Mayer, jetzt werde er seine Triumphe feiern, Eduard werde erscheinen, der Doktor, der große Schauspieler; Awrom werde ihn als seinen Schwiegersohn umarmen, und auch Rosl werde sich nicht länger sträuben; Mayers und des Doktors Sieg sei nun gewiß. Und nun öffnet sich die Türe mrd an der Spitze einiger purimmäßig angeheiterter Gesellen, erscheint Eduard, mehr angetrunken, wie es schien, als bloß angeheitert. . Mayer starrt, wie geistesabwesend, den Freund, den Doktor, an. Ist dies ein Geisterspuk? denkt er bei sich. Ist der Junge verrückt? Die ganze Zuhörerschaft hat sich erhoben, Eduard aber schwankt, zu Rosl hin, und der Freche wagt es, sie zu umarmen. Sie aber stößt den üblen Weindunst von sich Ausströmenden zurück, der lallend beginnt: ..Mein Täubchen, mein Bräutchen, warum so spröde? Heute ist ja Purim, so heißt ja das Fest, heute ist alles erlaubt, heute feiern wir unsere Verlobung. Ich bin Ahasver und Du bist meine Taube, meine Esther. So komme und küsse mich, Deinen König. Wir wollen glücklich sein. Kennst Du mich nicht, Mayer, Geselle?" wandte er sich an diesen, der nie so nüchtern war, wie in diesem Augenblicke, ..kennst mich nicht, alter Schwede?' Wenn ich verheiratet bin, sollst Du keinen Hunger mehr leiden. Dann habe ich Geld genug, der Schwiegervater gibt es ja her. Nicht war Awrom Politzer?" Der stand da, starr vor Schreck' und Scham zugleich. Dieser betrunkene Schwätzer sollte sein Schwiegersohn werden! Der alte Mann schämte sich vor seiner Tochter, Mayer aber drängte sich an Eduard heran und es gelang ihm, wenn auch mit vieler Mühe, den völlig Trunkenen, aus dem Gemache zu führen. Draußen erfolgte, so weit dies möglich war, eine ganz gründliche Aussprache zwischen den Beiden. (Fortsetzung folgt.)

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