Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 18 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit 'Seite 9. Nr. 18. t>er beiden Logen, .sowie des Bolksvereines an die Spitze der'Ausstellung gestellt. Ein Ehrendamen-Komitee ist ebenfalls in Gründung begriffen. Bei dem außerordentlichen Interesse, das nicht nur in Prag, sondern auch in ganz Böhmen den jüdischen und speziell den palästinaischen Fragen entgegengebracht wird, dürfte auch dort ein Erfolg zn erwarten sein. Auch diese Ausstellung wird von der Kommandit-Gescllschaft „Karmel", Wien, veranstaltet, deren Leiter auch in Prag derselben persönlich vorsteheu wird. Brody Am 23. April fand, wie alljährlich, in der hiesigen israel. Volksschule eine solenne Trauerandachr für das Seelenheil des unvergeßlichen verewigten Philantropen, Herrn Baron Moritz Hirsch, statt, dessen! Manen in diesen Räumen stets zur Dankbarkeit stimmen und zum Gefühle > der reinsten Verehrung für dessen edle Wohltaten und humanitäre Werke : anregen. Diese Anstalt, die bald ein halbes Jahrhundert zum Heil und j Frommen der jüdischen Bevölkerung besteht und rrotzdem leider keine gei sicherte Existenz hat, da die Fonde derselben viel zu gering sind und noch j obendrein von der niederen Schichte der betörten Fleischer, die zum Schul-! fonde beizusteuern haben, so oft und so sehr angefemdet wird, wird jährlich; von der Baron Hirsch-Stiftung in Wien subventioniert und ihr so die | Möglichkeit geboten, sich weiter zu erhalten. Leider aber ist diese Subj vention nickt nach den Intentionen des in Gott ruhenden, edlen Stifters, der dieser Anstalt bei seinen Lebzeiten stets als rettender Engel und Befreier von Not und Bedrängnis erschien, und ihrgewiß ein gesichertes Dasein verliehen hätte, wenn ihn nicht ein so plötzlicher, jäher Tod im Schaffen seiner vielen edlen Werke überrascht hätte. — Am Gottesdienste nahmen die Schuljugend, der Lehrkörper und die Schulinspektion teil. Der Schuldirektor hielt eine herzerhebende Ansprache an die Kinder, welche die Feier durch Gesang und Deklamation verherrlichten. M. Markstein Szenicz. Herr Karl Fischhof, der vor einigen Jahren aus Wien hierher in seine Geburtsstadt übersiedelte, verschied Dienstag nachts im Alter i von 76 Jahren. Seine irdische Hülle wurdelaut seiner letztwilligen Anordnung nach Wien überführt, wo er an der Seite seiner ihm im Tode vorausgegangenen Gattin zur ewigen Ruhe gebettet wurde. In Wien hat Herr Rabbiner Dr. Schmiedl die Leichenrede gehalten und auch hier wurde ein imposantes Leichenbegängnis veranstaltet, bei welchem Herr Bezirksrabbiner Dr. Marmorstein dem Verewigten treffliche Worte des Abschiedes widmete. Sein Andenken sei gesegnet! Budapest. (Die Juden und die Analphabeten.) Es ist eine erfreuliche, bisher noch nicht zur Genüge gewürdigte Erscheinung, daß! unter unsJuden eigentlich keine Analphabeten exi-! stieren. Ist es doch eine bekannte Tatsache, daß selbst im kleinsten polnischen öder russischen Neste der Jude sein Kind, so es kaum der Wiege entwachsen ist, hebräisch lesen lehrt. So kommt es, daß die Juden dem Analphabetismus gar kein Kontingent liefern, während die Nichtjuden in demselben — je nach der Kulturstufe des betreffenden Landes — .mehr oder minder vertreten sind. Drückend fühlbar macht sich der Analphabetismus bei uns in der Armee, wo er einen ziemlich bedeutenden Prozentsatz repräsentiert. Und dieses Uebel zu beheben, ist gerade ein ungarischer jüdischer Pädagoge berufen. Es ist bereits gemeldet worden, daß der hauptstädtische Kommunallehrer Julius Gabel auf Veranlassung des ungarischen Honvedministeriums vom Korpskommando der Budapester Honved eingeladen wurde, seine nunmehr allbekannte, geradezu Zauber wirkende Methode zum leichten und schnellen Erlernen des Lesens und Schreibens den dieser Kunst unkundigen Soldaten zu demonstrieren. Der treffliche Pädagoge hat denn auch am 11. d. M. dieser Einladung Folge geleistet und in Gegenwart des gesamten Offizierskorps der hiesigen Honvedfchaft eine glänzend gelungene Probe feines neuen Lehrsystems geliefert. Die dazu beigestellten 31 des Lesens und Schreibens unkundigen Soldaten tonnten nach — mit militärischer Akkuratesse — wohlgezählten acht Minuten einige Buchstaben lesen und schreiben. Zum vollkommenen Erlernen des fließenden Lesens und Schreibens jedoch, erklärte Herr Gabel für sie nur noch acht Stunden als notwendig. Demgemäß ordnete Herr Oberst Viktor F a b ri tiu s an, daß erwähnte Soldaten von nun an acht Tage hindurch je eine Stunde sich zu einem Vortrage des Lehrers Julius Gabel einzufinden haben. Alle beim Probevortrage anwesenden Offiziere, unter Anderen auch der Honved-Brigadier General Rupprecht de Vircsolog, drückten Herrn Julius Gabel ihre Bewunderung firr sein neues, epochales-Lehrsystem aus. Die uneingeschränkte Anerkennung von so unparteiischer Seite gereicht diesem Pädagogen zur hohen Ehre. Herr Kommunallehrer Gabel erhielt vom hohen Reichskriegsministerium folgende Zuschrift: „Präs. Nr. 2717. An Seiner Wohlgeb. den Herrn Julius Gabel, Kommunallehrer. Budapest. Wien, am 19. April 1904. Das gemeinsame Kriegsministerium nimmt Ihr von anerkennenswertem fachmännischen Interesse geleistetes Anerbieten, Analphabeten des gemeinsamen Heeres in Ihrer Methode im Schreiben und Lesen zu unterrichten, mit bestem Danke an und teilt mit, daß das k. und k. 4. Korpskommando in B u d a p e st unter einem angewiesen wurde, Euer Wohlgeboren die Gelegenheit zur Erteilung des Unterrichtes zu geben. Ihrem Wunsche gemäß wird von der getroffenen Vereinbarung auch Ihre Vorgesetzte Behörde durch das genannte Korpskommando verständigt werden. P i t r e i ch m. p., Feldmarschall-Leutnant." Bukarest Wie bereits mitgeteilt, wurde Oberkantor Gerson Weiß am 25. April unter außerordentlicher Beteiligung aller Kreise zur'ewigen Ruhe gebettet. Nachdem derselbe jedoch längere Zeit leidend war, hat der Vorstand schon früher den durch seine Tüchtigkeit in Fachkreisen bekannten Oberkantor M. Sonntag aus Temesvär berufen, welchem es auch gelang, einen modernen Gottesdienst mit Orgel einzuführen. Der verblichene Oberkantor schätzte seinen Vertreter hoch und war über dessen Erfolge sehr erfreut, und auch die Gemeinde findet an ihrem neuen Funktionär volle Befriedigung. Nicht unerwähnt bleibe, daß die Gemeinde beschlossen hat, der Witwe des Oberkantors Weiß eine entsprechende Pension zukömmen zu lassen, so daß die Familie sorgenlos leben kann. Berlin. „Der Verband deutscher Juden" ist Sonntag, den 24. April, in einer Zusammenkunft von Vertretern jüdischer Organisationen Deutschlands im Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde zu Berlin begründet worden. Der Verband bezweckt nach seinem Statut die Vertretung aller den Juden im Deutschen Reiche gemeinsamen Interessen; die Erörterung von Fragen der Religion und des Kultus sowie der inneren Verwaltung der Gemeinden ist nur insofern statlhaft. als es sicb um die Abwehr von Angriffen handelt. Die Leitung des Verbandes hat ein Ausschuß von 27 Mitgliedern; die alle zwei Jahre abzuhaltende Hauptversammlung wird von Delegierten aus den Gemeinden, verschiedenen Vereinen und anderen Personen gebildet. Der Ausschuß hat seinen Sitz in Berlin. Fünf Ausschußmitglieder, welche die Geschäfte zu leiten haben, müssen in Berlin und seinen Vororten wohnen. In den engeren Ausschuß wurden gewählt: Justizrat Fuchs, 'Justizrat Breslauer, Justizrat Edmund Friedemann, Rechtsanwalt Dr. Horwitz und Professor M. Philippson. Dresden. (Die Juden in Sachsen.) Im Königreich Sachsen, dem klassischen Lande des Antisemitismus, ist die Zahl der Juden eine verhältnismäßig sehr geringe. Unter 4,200.000 Einwohnern befanden sich 1900 nur zirka 12.000 Angehörige der 'mosaischen Religion, die, abgesehen von den beiden Großstädten Dresden und Leipzig, im ganzen Lande so zerstreut wohnen, daß es zur Bildung von israelitischen Religionsgemeinden nur vereinzelt gekommen ist. Nach einem dem Landtage schon im vergangenen Jahre vorgelegten Gesetzentwürfe sollen nun, einem Wunsche aus ihrer Mitte entsprechend, grundsätzlich alle jüdischen Glaubensgenossen des Königreiches zu Religionsgemeinden vereinigt und die Bezirke dieser Gemeinden auf das ganze Staatsgebiet erstreckt werden, wobei die Beitrittspflicht der Glaubensgenossen und das Recht der Anlagen- und Gebührenerhebung seitens der Gemeinden ausgesprochen wird. Bei Gelegenheit dieses organisatorischen Gesetzes wollte die Regierung auch einige andere Materien, wie den Religionswechsel und die religiöse Kindererziehung bei den Juden, die ebenfalls bisher gesetzlicher Normen entbehrten, geregelt wissen und schlug deshalb vor, auf den Austritt ans der israelitischen Religionsgemeinde sowie auf die religiöse Erziehung der Kinder aus israelitischen und Mischehen einfach die Vorschriften in § 20 des sogenannten Dissidentengesetzes vom Jahre 1870 anzuwendeu, wonach für den Austritt aus einer der „anerkannten" Religionsgesellschaften und Uebertritt zu einer anderen Religionsgesellschaft das erfüllte 21. Lebensjahr und vorherige Abmeldung bei dem zuständigen Kultusbeamten erfordert wird. Mit diesem harmlosen und natürlichen Vorschläge ist die Regierung in der famosen ersten sächsischen Kammer auf grimmigen Widerstand gestoßen. Unter Führung eines orthodoxen Kirchenrates hat die Mehrheit der mit dem Gesetz beschäftigten „Deputation" beschlossen, der israelitischen Religionsgesellschaft die Gleichstellung mit den „aufgenommenen" Religionen bezüglich des Aus- und Uebertrittes nicht zu gewähren, da angeblich die Stellung der christlichen Religionsgesellschaften hierdurch beinträchtiqt werde. Und die sächsische Regierung hat natürlich nachgegeben, obwohl sie vorher ihre bessere Einsicht nachdrücklich betont und begründet hatte. Es wird also auch künftig in Sachsen ein Jude schon vor dem 21. Jahre protestantisch oder katholisch werden können und eine Austrittserklärung bei dem Rabbiner ist auch nicht notwendig. Im umgekehrten Falle bedarf es nach wie vor einer gerichtlichen Erklärung. Nun ist es richtig, daß die Juden diese Stellung minderen Rechtes mit den anderen „nur bestätigten" Religionsgesellschaften, wie der griechisch-katholischen und anglikanischen, teilen. In einem modern regierten Staate wäre dies nur ein Grund, die Minderstellung sämtlicher Religionsgesellschaften anfzuheben. In Sachsen aber verzichtet man wegen der erheblichen Schwierigkeit der Materie auf eine Verfolgung dieses Gedankens. Geschäftliche Notiz. Die Witwe des jüngst verstorbenen Lberkantors Türk in Mähr.-Oftrau führt das gut eingeführte Geschäft zur Anfertigung von Gedenkblättern wie bisher fort. Etwaige Aufträge wolle man direkt unter Adresse Oberkantor Ad. Türk's Wtw., Mähr.-Ostrau, gehen lassen. Literatur. Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihreFreunde. Bearbeitet und eingeleitet von Dr. Hans Landsberg. Berlin. Leonhard Simion. N. F. 1904. (Mit 1 Porträt.) 3 Mark. Es fehlt nicht an Abhandlungen und eingehenden Monographien über Varnhagen's berühmte Gattin, aber doch schwindet ihr Andenken allmählich aus dem Gedächtnis der Gebildeten und bleibt mehr und mehr ausschließlich den Fachgelehrten. Den Reigen eröffnete der Mitstreber und Freund ihres Gatten, Wilhelm Reumann, in einer größeren vorerst im „Neuen Nekrolog" (IX, 155—156) veröffentlichten, in der Gesamtausgabe seiner „Schriften" (Leipzig 1935. I. 428—442) erweiterten liebevollen Studie. Ihm folgten Theodor Mundt, „Rahel und ihre Zeit" (in seinen „Charakteren und Situationen". (Wismar und Leipzig. 1837. I. 213 bis 271) sowie G. O. Marbach, „lieber moderne Literatur". In Briefen an eine Dame. Dritte Sendung. Leipzig 1638. Mit einem ziemlich phrasenhaftenwenn auch gut gemeinten Buche debütierte Eduard Schmidt- Weißenfels („Rahel und ihre Zeit". Leipzig 1857). Karl Hildebrand i feierte („Revue de deux mondes“, Mai 1870, sowie „Zeiten, Völker