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Die Wahrheit · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Oberkantor Gerson Weiß. Am 23.. d. starb in Bukarest der letzte und hervorragendste Sproß einer durch zwei Generationen bestandenen Kantorenfamilie, der Oberkantor . der dortigen Kultusgemeinde Gerson Weiß. Derselbe wurde 1836 als der zweitälteste Sohn des Kantors der Miskolczer Orthodoxengemeinde, Mayer Weiß, geboren. Der junge Gerson war ursprünglich dem Kaufmannstande gewidmet, doch zeigten sich bei ihm bald außerordentliche Stimmmittel und nachdem er bei den berühmten Kantoren der tamaligen Zeit Unterricht genommen hatte, wurde er erst in seiner.Heimat-, gemeinde Miskolcz und dann in Großwardein Kantor. In letzterer Stellung heiratete er die Nichte des dortigen allverehrten Gemeindepräses, Leib Frankl, eine Temesvarerin, und wurde dann auch als Oberkantor der innerstädtischen Kultusgemeinde nach Temesvar berufen. Zur Vervollständigung seiner Ausbildung begab sich Weiß dann erst zum Altmeister Sulzer nach Wien und lauschte dort seinem Vortrage. Binnen kurzer Zeit machte er solche Fortschritte,/ daß er es in strenger Nachahmung seines Meisters zur höchsten Vollendung brachte. Bei den damaligen Verkehrsverhältnissen war Temesvar der Stapelplatz für rumänischen Außenhandel und wurde von den dortigen Großkaufleuten, wie heute etwa Wien, aufgesucht. Einer der hervorragendsten dieser Kaufleute und ein ebenso ausgezeichneter Mensch, der leider längst verstorbene Jakob Löbl, welcher als Regenerator des' .jüdischen Gemeindewesens in Bukarest anzusehen ist, drang nun so ' lange in Weiß, bis er einem Rufe als Oberkantor nach Bukarest Folge leistete. Was Weiß innerhalb der nahezu vierzig Jahre seiner Amtstätigkeit in Bukarest geleistet hat, darüber könnten Bände voll geschrieben werden. Vor allem war er ein Wohltäter in des Wortes edelster Bedeutung. Er gab mit vollen Händen, und von weit und breit pilgerten Notleidende zu ihm, wohlwissend, daß sie Trost und Hilfe bei ihm finden. In Aufsuchen von verschämten Armen leistete er ganz besonders Großes, weshalb tausende vom Schicksal Enterbte seinen Heimgang beweinen werden! Oberkantor Weiß war ein streng konservativer Mensch, er hielt an allem Hergebrachten, an Heimat und Religion unerschütterlich fest und da er sich in Bukarest ganz besonderer Wertschätzung erfreute, lehnte er mit Hintansetzung großer materieller Vorteile selbst Berufungen nach Paris, Petersburg und Philadelphia rundwegs ab. Eine treffliche Illustration der philantropischen Tätigkeit des Dahingeschiedenen bietet nachstehende im „Bukarester Tagblatt" veröffentlichte „Erinnerung an den Oberkantor Weiß". Das genannte Blatt schreibt: „Unsere Abonnentin, Frau Frederike Baum, welche als Nachbarin des verewigten Oberkantors des hiesigen ' Choraltempels, Gerson Weiß, in der Lage ist, über dessen Lebenswandel Genaues zu wissen, sendet uns folgende Zeilen, welche in ihrer Einfachheit ergreifend zu lesen sind: Wenn ein wahrhafter Wohltäter stirbt, so hört man erst nach seinem Tode von seinen Werken und Taten. Ich wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft des Verstorbenen und bin schon jahrelang mit der Familie Weiß, die ich hochschätze, innig befreundet und hatte keine Ahnung, daß der Herr Weiß, dieser einfache, schlichte Mann, der niemals ein Wort davon erwähnte, ein so großer Philantrop sei. Schon Samstag, als sich in der Stadt das Gerücht verbreitet hatte, Oberkantor Weiß liege im Sterben, war ich ganz erstaunt, wie viele Menschen mit ängstlichen und verstörten Mienen zur Familie Weiß kamen, um nachzufragen, ob sich das Gerücht bewahrheite. Während ich letzten Sonntag bei der trauernden Familie saß, hörte ich eine Frau schluchzend erzählen, sie sei im vorigen Jahre Herrn Weiß auf der Straße begegnet und habe ihm geklagt, ihr Mann sei soeben gestorben und sie mit ihrem Kinde sei hilflos ohne einen Centime geblieben. Sofort gab ihr Herr Weiß 20 Francs und versprach, für das Begräbnis und auch für sie weiter zu sorgen, was er auch getreulich tat. Ein gut gekleideter, intelligenter Herr erzählte mir: Was Herr Weiß mir getan hat, werde ich ihm nie vergessen. Ich kam vor mehreren Jahren aus Ungarn mit meiner Frau und meinen Kindern nach Bukarest, um mir hier eine Stellung zu suchen. Ich wohnte im Hotel nnd da ich keinen Posten finden konnte, waren meine Hilssmitrel bald erschöpft und ich war mit meiner Familie der bittersten Not preisgegeben. In meiner großen Verzweiflung wandte ich mich an den Oberkantor Weiß, und nicht vergebens. Schon den nächsten Tag kam er zu mir ins Hotel und bezahlte für mich 100 Francs Hotelschulden. Außerdem gab er mir für mich und meine Familie Reisegeld nach B. und eine Empfehlung an ein Haus, wo ich Stellung fand. Meine Existenz war gerettet. Noch viele ähnliche Geschichten erzählten mir Bekannte. Unzählige arme Leute standen im Hofe, aus der Straße und weinten und klagten. Wer wird uns jetzt den Hauszins bezahlen? Wer wird uns unterstützen? Ich war ganz verblüfft! Ich wußte ganz genau, daß Herr Weiß nicht über solch reichliche Mittel verfügte, um so Vielen Unterstützung angedeihen zu lassen, doch ich erfuhr bald, daß da, wo seine eigenen Mittel nicht mehr ausreichten, er Kollekten veranstaltete, weder Schnee, noch Regen,noch Sonnenbrand scheute, und seine Freunde und Bekannten anfsuchte und für die Armen sammelte. Und jeder gab ihm gerne und reichlich, wußte man doch, daß er das Geld ftir gute Zwecke verwende." Ueber das am 26. April stattgehabte Leichenbegängnis wird Folgendes berichtet: Der Trauergottesdienst wurde vom Herrn Dr. Beck, Prediger des Tempels, abgehalten. Der Tempel war vollständig schwarz ausgeschlagen. Es waren anwesend: Sämtliche Rabbiner und Kantoren der Hauptstadt, alle Vereine, die gesamte israelitische Elite, die israelitischen Schulkinder mit ihren Fahnen rc. Der Gottesdienst begann um ^3 Uhr nachmittags. Es sang zuerst ein Chor, gebildet aus sämtlichen Kantoren, dann der gewöhnliche Chor. Zu Beginn sang Herr Kantor Sommer ein Solo. Herr Dr. Beck sprach zuerst rumänisch, beschrieb den Lebenslauf des verewigten Oberkantors Gerson Weiß, schilderte seine 38jährige Tätigkeit in Bukarest, wie ihm die Gemeinde durch die solenne Feier seines 25jährigen Jubiläums Anerkennung zu zollen wußte, und konstatierte, daß Weiß der würdige Nachfolger der Großen im Tempelgesange, Sulzer und Levandowski, war. Zuletzt richtete Dr. Beck, in deutscher Sprache fortfahrend, Worte des Trostes an die Gattin, die Kinder und die Familie des Verewigten. Der Chor der Kantoren sang hierauf einen Trauer-Choral, woraus Herr Dr. Adolf Stern in seiner Eigenschaft als Gemeindepräses in ergreifender Weise sprach. Nach Beendigung des Trauergottesdienstes trugen die Mitglieder der Chewra-Kadischa den entseelten Körper aus Händen bis zum Leichenwagen. Die angesammelte Menschenmenge war so zahlreich, daß der gesamte Verkehr in der Tempelstraße vollständig stockte. Während des Leichenbegängnisses waren sämtliche jüdische aber auch ein großer Teil der christlichen Geschäfte gesperrt. In allen Gassen wurden Photographien des Verstorbenen, die reißenden Absatz fanden, feilgeboten. Auch in der evangelischen Schule wurde über Obercantor Weiß, über sein Wirken und Walten den Schülern ein Vortrag gehalten. Die Bukarester Jndenschaft beschloß, unter sich eine Sammlung zu veranstalten und ihrem geliebten Todten ein großartiges Denkmal zu setzen. Das Geld, das nach Bestreitung der Kosten übrig bleibt, soll für die Gründung einer. Wohltätigkeitsstiftung verwendet werden, welche den Namen „Gerson Weiß" tragen wird.

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