Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063230--03042-3069767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Sette 6. Die Wahrheit Nr. 18. Rabbi. Und, wie wir sehen, hielt ihn nichts ab, einen Kommentar zum Raschi-Kommentar zur Thora zu schreiben. Auch hat er durch seine Schrift unter den Juden gar keine Aufregung verursacht. Ich glaube, daß, wenn man wirklich religiös ist und in der Thora lebt und webt, man sich wissenschaftlich alles erlauben darf, nicht aber, wenn man die Thora als Schmuck, in den Bücherschränken betrachtet. Da darf man, Gott behüte, nichts anrühren, damit der Band' nicyt beschmutzt werde. Auch Maimonides schreibt einmal, als er die Frage des Aristoteles, ob Gott vor Erschaffung der Welt existiert, besprach, daß, wenn es vernünftig und philosophisch bewiesen wäre, daß die Welt vor Gott vorhanden, er sich gar nicht abschrecken ließedie Bibel auch in demselben Sinne zu deuten. Was mich am meisten wundert, ist, daß ich aus dem gewissen Briefe erfahre, daß es wirklich bis jetzt ein auserwähltes Volk gegeben habe und daß der Nimbus dieses Volkes vielleicht einbüßen werde, was natürlich nicht schaden wird. Hochgeehrter Herr! Sie sind älter als ich, haben Sie von diesem auserwählten Volke während Ihres langjährigen praktischen Wirkens je etwas zu hören bekommen? Ich habe nur von einem Volke, das auf Schritt und Tritt verfolgt ist, gehört. Ich glaube daher, daß es für die Juden viel besser wäre, wenn man sie menschlich behandelte, obzwar auch ihre Bibel als menschlich gestempelt wird, als, wie es bisher geschehen ist, sie unmenschlich zn behandeln, wenn auch ihre Bibel als übermenschlich (göttlich) — wie es scheint — angesehen wurde. Und wie es den Anschein hat, ist die Zeit, in der die Juden wie die Bibel menschlich werden behandelt werden, nicht mehr fern. Vielleicht! Gebe es Gott! Zum Schluffe möchte ich noch folgendes bemerken: Schon der Altmeister Goethe hat in einem ausgezeichneten bibelkritischen Auffatze anseinandergesetzt, daß die zehn Gebote, - die wir besitzen, nicht aus der Tafel Mosis gestanden sein können. Ich selber habe mir schon im Jahre 1893 in einem Aufsatze, „Geschichte Israels", denselben Zweck wie Delitzsch gesetzt und über die Offenbarung nicht ein Wort geschrieben, was mir allerdings von den Juden viele Unanehmlichkeiten eingetragen hat. Ich möchte noch erinnern, daß der erste Bibelkritiker xar excellence ein — Jude war, namens Baruch Spinoza, der die gewöhnliche kritische Methode auch auf die Bibel, altes und neues Testament, angewendet hat, was allerdings beim neuen Testamente nicht gewagt wird, und so wird Christus als Arier gestempelt, als daß man ihn als Juden doch göttlich anerkenne. Die Gelehrten haben aber die Pflicht, in ihrem Kämmerlein die stteng wissenschaftliche Methode gegen alle, auch gegen Gott, zu wahren, und so auch gegen die keilinschriftlichen Funde und ihre Ausgrabungen anzuwenden und ihre sicheren, aber nur sicheren Resultate, vor der ganzen Welt zur Geltung zu bringen. Der Siegel Gottes ist nach dem Talmud: Die Wahrheit. Und so war, am Anfang, und wird in Ewigkeit sein, die Wahrheit." Oesterreichisch-Israelttische Union. Donnerstag, den 28. April d. I., fand im großen Saale des „Hotel Guth" die neunzehnte ordentliche Generalversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder und in Anwesenheit des ersten Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, sowie der Herren Kultusvorsteher Dr. Markus Spitzer, Hermann Eltbogen und Sigmund Kauders statt. Der Vorsitzende, Vizepräsident Sigmund Mayer, eröffnete die Versammlung mit einer herzlichen Begrüßung und machte sodann Mitteilung von der Resignation des Präsidenten, Herrn Maximilian Paul-Schiff. Auf die Anfrage eines Mitgliedes, welcher Art die prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten gewesen seien, welche Herrn Paul-Schiff zum Rückttitte veranlaßt hätten, gab der Vizepräsident, Prof. Dr. E h r m a n n, folgende Aufilärung: Unmittelbaren Anlaß zum Rückttitte gaben Differenzen wegen eines Memorandums über verschiedene Fragen der Kultusgemeinde, mit welchen! der gesamte Vorstand nicht einverstanden war. Eine wettere Differenz hat sich daraus ergeben, daß der Vorstand für die Einberufung von Versammlungen eingetteteu ist, während Herr Paul-Schiff Präsidialsitzungen, weil kürzer und einfacher, für zweckentsprechender hielt als Beratungen mit großen Körperschaften. Sekretär Fleischer verliest sodann den Rechenschaftsbericht, der sich zunächst mit den Rückwirkungen der Kischenewer Mässakres auf Ostgalizien, mit den Exzessen in Uhnow und Zablotow und den von der Union" diesbezüglich eingeleiteten Aktionen beschäftigt. Die erfolgreiche Intervention der „Union" für die Glaubensgenossen in Galizien zeigte sich in besonders eklatanter Weise in der Affaire des jüdischen Postbeamten Jakob Leistyna, der bei seiner in der zweiten Verhandlung erfolgten Freisprechung ausdrücklich erklärte: „Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß ich dies nur einer löblichen ..Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" zu danken habe, wie auch unsere Glaubensgenossen in Tarnow lobend anerkennen, daß die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" aufs erfolgreichste uns Juden zu schützen trachtet und segensreiche Hilfe leistet." (Lebhafter Beifall.) Ein zweiter Justizfall, der vor wenigen Monaten berechtigtes Aufsehen in der Tages- und Fachpresse erregte und in welchem gleichfalls unsere Intervention in Anspruch genommen wurde, steht unmittelbar vor einer günstigen Entscheidung. Es ist dies die Angelegenheit des jüdischen Tierarztes Philipp Mechlowicz, den die Rzeszower Geschwornen trotz der Ueberzeugung an seiner Unschuld verurteilten, weil sie befürchteten, daß sonst der christliche Denunziant bestraft würde. Es wurde dies bei der Geschwornenberatung ausdrücklich ausgesprochen und von zwei Mitgliedern des Schwurgerichtes zeugeneidlich bestätigt. Wir erhielten nun heute die Mitteilung, daß die Wiederaufnahme des Prozesses bevorstehe. (Beifall.) Entsprechend unserem Grundsätze, daß der von uns geübte R ech tsschutz allen Juden ohne Unterschied der nationalen oder politischen Parteizugehörigkeit zugute kommen müsse, haben wir auch im abgelaufenen Jahre jede Stellungnahme für irgend eine polittsche oder nationale Partei vermieden. Der völlige Stillstand des parlamentarischen Lebens, die trostlose Zerfahrenheit unseres gesamten Parteiwesens läßt ja auch ein Hervortreten aus jener politschen Reserve, die wir seit Jahren für geboten erachten, durchaus nicht rötlich und wünschenswert erscheinen. Die Verteidigung unserer verfassungsmäßigen Rechte mit allen gesetzlichen Mitteln gegen jede Unbill und Willkür ist nach wie vor der sichere Boden, auf den wir uns aus der allgemeinen Wirrsal retten, auf dem wir geeint einer besseren Zukunft entgegenharren können, in der unsere intellektuellen und materiellen Kräfte in Staat und Gesellschaft wieder Wert und Geltung gewinnen werden. Bis dahin ist es die Aufgabe unserer großen Schutzgenossenschaft, die bürgerliche und physische Existenz jedes einzelnen unserer Glaubensbrüder nach Möglichkeit zu sichern und die auf Schwächung oder gar Vernichtung des österreichischen Judentums abzielenden Anschläge unserer Gegner zu vereiteln. Unser Rechtsschutzbureau hat im Berichtsjahre in 232 Fällen interveniert. Auch heuer mußten wir auf die künstliche Erzeugung von sogenannten Ritualmorden durch die gegnerische Presse sorgfältig acht haben. Es ist ja bekannt, daß fast jeder Leichenfund den antisemitischen Hetzern Anlaß gibt, durch die Blutlüge die christliche Bevölkerung zu erregen. In jedem solchen Falle ist es geboten, durch die rasche Feststellung und Veröffentlichung des wahren Tatbestandes die Verleumdung unwirksam zu machen. Das ist uns denn auch bei den Vorfällen in O s s e k bei Rokycan, in S m e t a n a L h o t a bei Pisek, in I ä g e r n d o r f, in H u m p o l e tz, in C h y r o w und in Jakobfalu gelungen. Die Aufreizung zum Boykott gegen jüdische Geschäftsleute wurde in den antisemitischen Blättern der Reichshanptstadt und der Provinz sowie auch in Versammlungen schwunghaft betrieben. Wir waren bemüht, in jedem derartigen Falle im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.