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Die Wahrheit · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 18 Leite 7 Die Wahrheit Wege der Zentralbehörden die strafgerichtliche Verfolgung auf Grund des § 302 Str.-G. durchzuführen. So in R z e s z ö w, Innsbruck, Bozen, Eger, Linz. Zwittau, Tetschen- Bodenbach, Budweiö, Eibenschitz rc. Gegen die Urheber der noch immer/ wenn auch in geringerem Maße, praktizierten Entführungen Minderjähriger in galizische Nonnenklöster wird über unser Andrängen schon seit geraumer Zeit mir der vollen Strenge bes Gesetzes vorgegangen. /Auch bei sogenannten Weg laufen unmündiger Kinder ist die Taufe mehrfach für ungiftig erklärt worden. Auch auf Wirtschaft s - politischem Gebiete haben wir wiederholt eingegriffen, namentlich bei gesetzwidrigen Steuervorschreibungen, bei ungerechtfertigten Konzessionsverweigernngen und Konzessionsentziehungen. Erst in den letzten Tagen haben wir gegen die Benachteiligung der kleinen jüdischen Salzhändler in Galizien seitens der dortigen Salinenverwaltungen beim Finanzminister schriftlich und mündlich Beschwerde erhoben. Die Heimatsrechtsaktion hat uns auch in dem ab gelaufenen Jahre stark in Anspruch genommen. Jnsolange die Rechtsfragen, das inzwischen sanktionierte Taxgesetz betreffend, nicht erledigt sind, ist derzeit eine Fortsetzung der Aktion bezüglich der unbemittelten Ausländer untunlich. Hingegen empfehlen wir nach wie vor den bemittelten Ausländern die Erwerbung der österreichischen Staatsbürgerrechte, den Inländern die Erwerbung der Zuständigkeit in ihrem Aufenthaltsorte. Der Bericht beschäftigt sich im weiteren mit dem Ansbaue der Organisation, konstatiert, daß die „Union" gegenwärtig 6283 Mitglieder hat und in 402 Kültusgemeinden und Ortschaften vertreten ist. An namhaften Spenden sind der „Union" im abgelanfenen Jahre u. a. zugeflossen: Bon Herrn Moriz und Frau Anna Steiner in HoraLdiowitz K 2000, Gustav Freiherrn von Springer L 2000, S. M. von Rothschild K 2000, Herrn Albert Landau K 500, Herrn Kommerzialrat Eduard Doctor K 200, Herrn Bankier Arnold Schwarz in Feldkirch L 200, 'Herrn Felix Epstein K 100 und Herrn Alexander Engel de Jünosy L 20. Wir haben diesen hochherzigen Förderern der „Union" unseren Dank in entsprechender Form zum Ausdruck gebracht und wir ersuchen die geehrte Generalversammlung, sich diesem Danke durch Erheben von den Sitzen anzuschließen. Der „M onatsschrift" und dem „U n i o n k a l e n d e r" haben wir auch im letzten Jahre unsere eifrige Sorge zugewendet. Das Vereinsorgan hat vitale Fragen des österreichischen Judentums, sowohl in Bezug auf seine äußere Stellung, iuie auf seinen inneren Zusammenschluß mit Freimut und Offenheit behandelt und erfreut sich als Mittel der Verständigung zwischen der Vereinsleitung und den Mitgliedern wachsender Beliebtheit. Der Bericht gedenkt sodann der verstorbenen Vorstands¬ und Vereinsmitglieder und fährt in folgender Weise fort: „Zum Schluffe sagen wir innigsten Dank allen Jenen, welche durch Rat und Tat die Rechtsschutzbestrebungen der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" unterstützt haben, namentlich den jüdischen Abgeordneten, ferner den Anwälten, Beiräten und Vertrauensmännern, die in vielfach uneigennütziger Weise ihre Kräfte in den Dienst unseres gemeinnützigen Werkes gestellt haben. Ebenso zollen wir der jüdischen Presse, insbesondere der „Oesterreichischen Wochenschrift" und der „Wahrheit'^ für die Förderung unserer Tätigkeit herzlichsten Dank. Geehrte Generalversammlung! Nicht rasten und nicht rosten — das muß auch in Zukunft unsere Devise bleiben! Wenn auch im Schoße der antisemitischen Parteien sich manche Zeichen beginnenden Zerfalles bemerkbar machen, wenn auch . die blutrünstige Judenhatz nach Schneiderffchem Muster ihre Zugkraft auf die Massen allmählich einzubüßen beginnt und das Geschäft der Ritualmordfabrikation langsam in Mißkredit kommt, so droht uns doch aus der immer weiter um sich greifenden wirtschaftlichen und sozialen Ausschließung eine weitaus ernstere Gefahr, als sie der lärmende Radauantisemitismus bedeutete. Der Boykott ist strafgesetzlich verpönt, aber in praxi wird er nicht nur gegen die jüdischen Hausierer, Agenten, Gewerbetreibenden und Kaufleute, sondern auch schon gegen die jüdischen Aerzte, Advokaten, Lehrer und Techniker geübt. Mehr .und mehr müssen wir den Rechtsschutz auch auf das wirtfchastspolitische Gebiet ausdehnen und das primitivste Recht, das Recht zu leben, verteidigen. Nicht minder ist es für die Juden von höchstem Interesse, daß der Handel und die Etablierung in demselben freibleiben, daß nicht dem Geschrei der Christlich-Sozialen nachgegeben und, wie im Gewerbe schon geschehen, so auch im Handel der zünftige Befähigungsnachweis eingeführt wird, daß nicht auch im Gewerbe selbst, wie die Reaktionäre es verlangen, der Befähigungsnachweis eine weitere Ausdehnung und Verstärkung erhält. Auch an der Handhabung der Steuergesetze haben die Juden, namentlich in Galizien, ein besonderes Interesse und sie sollten daher der Zusammensetzung der Steuerkommissionen eine größere Aufmerksamkeit widmen als bisher. Sie sehen also, daß man sehr politisch sein, d. h. realere, wirklichere Politik treiben kann als durch den Lärm auf dem politischen Markte. Allerdings ist die Wahrung unserer wirtschaftlichen Rechte weitaus schwieriger als jene der politischen Rechte, und die hier gezeichneten Aufgaben können nur gelöst werden, wenn alle jüdischen Organisationen jeden Zwiespalt, jede Eifersüchtelei unter sich begraben und mit vereinten Kräften dem übermächtigen Gegner gegenüberireten. Hier öffnet sich ein weites Feld ernster und praktischer Arbeit, zu der wir alle unsere Glaubensgenossen, mögen sie zu welcher Partei und Nationalität immer sich bekennen, aufrufen. Die Notwendigkeit solcher spezifisch jüdischer Tätigkeit wird leider noch lange andauern. Es macht sich zwar, speziell in Wien, eine leise Abschwächung des Antisemitismus bemerkbar; das Fieber ist nicht mehr so heftig, die Krankheit fängt an, den seuchenartigen Habitus zu verlieren, aber sie nimmt einen chronischen Charakter an, sie verbreitet sich, wenn auch milder, sozusagen geographisch noch immer. Und solange diese Zustände und namentlich deren Voraussetzung, der nationale Kampf, andauern, sind Organisationen, wie deren eine die „Union" darstellt, eine Notwendigkeit. Der nationale Hader ist zwar in Oesterreich nicht die ausschließliche Ursache des Antisemitismus, aber er ist doch der Sumpfboden, auf dem er besonders gedeiht. In diesem Hader für den einen oder anderen Streitteil Partei zu ergreifen, liegt nicht im Interesse der Juden. Das ist der Grund, warum wir uns der aktuellen Politik, die bei uns sich kaum noch um etwas anderes als um den Machtanspruch der nationalen Parteien dreht, auch im letzten Jahre fernhalten mußten und vorwiegend auf den Rechtsschutz unsere Tätigkeit konzentrierten. So wollen wir auch im nächsten Vereinsjahr und noch weiter hinaus fortarbeiten zum Nutzen und zur Förderung aller Juden, innerhalb deren wir von unserem Standpunkte aus keine Parteiunterschiede kennen wollen. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Nur durch Einigkeit und Brüderlichkeit können wir der Gefahr entgehen, wieder in die dumpfe Enge des Ghettos zurückgeschleudert zu werden, aus der uns Intelligenz, Bildungsdrang und Tatkraft befreit haben." An den Bericht knüpfte sich eine längere Debatte, in welcher Herr Dr. Ehr ent heil den Antrag stellte, daß der Rechenschaftsbericht, der einen überzeugenden Beweis für die rastlose und erfolgreiche Rechtsschutzarbeit des Vereines bilde, an alle Wiener Kultussteuerzahler versendet werde. (Dieser Antrag wird angenommen.) Herr Ehrlich und Herr Markus urgierten neuerdings die Organisation von Bezirkskommissiouen in Wien. Herr Brill erklärt sich für eine regere Tätigkeit der „Union" in Wien, für die öftere Abhaltung von Versammlungen, für das Eingreifen des Vereines bei Wahlen und in gewerblichen Angelegenheiten. Herr Dr. Liftczis spricht sich gegen die Beteiligung! der „Union" an politischen Wahlen aus.

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