Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 18 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Die Wahrheit Sette ö. Wenigen noch gehaltenderen Ursprung war den Wenigsten noch bekannt. Unsere Gotteshäuser waren leer, weder Jung noch Alt unserer Reichen, sogenannter Aufgeklärter, war da zu sehen, unsere Frauen und Mädchen aller Religion, jeder geistigen Erhebung bar. Und warum dies Alles, woher diese Entfremdung, diese Abwendung? Weil der jüngeren Generation, die das alte in seinen unzeitgemäßen Formen, lächerlich anstatt ehrwürdig, anstatt erhebend fand, nichts Besseres geboten wird, ja aller mögliche Widerstand entgegen gehalten wurde, um die Bestrebungen zur Erzielung einer würdigen Reform niederzudrücken." Nun denn, die „jüngere Generation" ist seitdem alt, sehr alt geworden, ja sie lebt überhaupt nicht mehr und hat schon längst einer neuen noch jüngeren Platz gemacht; auch sind seitdem alle damals angestrebten Reformen und - äußern Verschönerungen (vielleicht noch mehr) verwirklicht worden — aber das Bild ist das gleiche, ist unverändert geblieben, nach der Richtung hin, haben die Reformen die an sie geknüpften Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt, und gilt leider nicht der Spruch: tempora mutantur! Und warum das? Weil mit Aeußerlichkeiten allein, und mögen sie noch so sehr die Sinne erfreuen, nichts getan ist, nichts Dauerndes und fürs Judentum wahrhaft Heilsames erreicht werden kann. Das Judentum ist eben von Haus aus anders geartet als andere! Religionen — es verlangt Verinnerlichung und geistige Vertiefung, Erkenntnis. Diese aber haben eine gründliche und weitgehende Thorakenntnis zur unbedingten Voraussetzung. Die Sorge für Thorakenntnis hätte also mit der Sorge für Verschönerung des Gottesdienstes wenigstens Hand in Hand gehen müssen. Was aber ist in Wirklichkeit geschehen, wie ging man im allgemeinen zu Werke? Je mehr und schöner jüdische Gotteshäuser gebaut wurden, desto mehr jüdische Schulen hat man aufgelassen; je mehr in den Synagogen gesungen wurde, desto weniger hat man gebetet und haben die Kinder Hebräisch gelernt; je größer die Zahl der angestellten Rabbiner und Prediger wurde, desto mehr nahm die Zahl der Thorakundigen ab, desto seltener ist rabbinisches Wissen geworden. Möge bald ein wirkliches tempora mutantur eintreten! Möge derjenige, der mesclianeli ittim, den Wechsel der Zeiten schafft, recht bald die Juden zum Bessern sich ändern lassen. Stark. Zur Sibel und Sabel-Frage. Als die Babel- und Bibel-Frage nach dem ersten Vortrage Delitzsch' auf der Höhe der öffentlichen Diskussion stand, wandte sich eine in hervorragender sozialer Stellung besindliche Persönlichkeit in Oesterreich an einen ihm bekannten jüdischen Gelehrten mit der Bitte, ihm seine Ansicht über diese Frage mitzuteilen. Das diesbezügliche Antwortschreiben wollen wir im Nachstehenden wiedergeben. Nach einigen einleitenden Bemerkungen persönlicher Natur heißt es daselbst: „Was aber die Sache selbst betrifft, fällt es mir sehr schwer, mich hierüber zu äußern; denn, wie Sie wissen, habe ich mich nie mit Politik beschäftigt, und wenn ich hier meiner Meinung Ausdruck gebe, laufe ich Gefahr, mit manchen Zeitungsschreibern von den Fachgelehrten als Laie betrachtet zu werden, wie es einem gewissen Artikelschreiber in dem Grenzboten passiert ist. Die Bibel- und Babel-Frage ist jetzt, da sie von den Spatzen auf den Dächern, von dem Throne bis zu allen Zeitungslesern und Müßiggängern herunter besprochen wird, eine politische geworden; daher sollte ich schweigen. Aber ich werde doch versuchen, diese Frage rein wissenschaftlich, wie es ein Bücherwurm — wie ich einer bin — soll, zu beantworten, und nur von. diesem Standpunkt aus sollen Sie meine Ansicht erfahren. Als ich den Vortrag des Herrn Professor Delitzsch über Bibel und Babel las, habe ich etwas zwar daran auszusetzen gehabt, aber nur, daß er zu wenig und nicht zu viel gesagt hat, und auch das Wenige ohne Ursache in häßlichem Tone gegen die Bibel. Sie können daher, hochgeehrter Herr, begreifen, wie erstaunt ich war, als ich gleich darauf die große Aufregung der Theologie-Professoren und allerhand Zeitungsschreiber über diesen Vortrag erfuhr. Alle taten so, als hätte Delitzsch eine neue Offenbarung verkündet, und darum fühlten sie sich veranlaßt, ihn zum falschen Propheten zu stempeln. Aber weil — wie gesagt — diese Frage eine politische geworden, werde ich über alles, was darüber in diesem Sinne geschrieben wurde, mit Schweigen hiuweggehcn. Ich werde Ihnen nur eine Erinnerung aus meiner Studienzeit erzählen, die in mir beim Lesen des Protestes der Berliner Inden wachgerufen wurde. Als sich einmal bei der philosophischen Gesellschaft in Krakau nach einem naturwissenschaftlichen Vortrage eine heiße Diskussion darüber entspann, ob Pferde eine Seele haben, habe ich vorgeschlagen, darüber abstimmen zu lassen, was auch mein Freund, der Vorsitzende, der jetzt ein berühmter polnischer Dichter ist. tun wollte. Natürlich ist erst jetzt den Streitenden die Lächerlichtett der Sache klar geworden. Ich will daher mit den Protestlern, mit für und wider, hier nicht zu tun haben und werde nur rein wissenschaftlich sagen, was ich denke. Den Fachgelehrten und den Laien, die sich mit der Bibel beschäftigen, ist es schon längst bekannt, daß die Bibel nicht so, I wie wir sie besitzen, vom Himmel herabgefallen sein kann, daß unser Herrgott sich nicht der Mühe unterzogen hat, die ganze Thora selbst niederzuschreiben. Ja, daß nicht einmal Moses der Verfasser des Pentateuch ist, ist schon lange den Gelehrten kein Geheimnis mehr. Auch daß viele Völkerlegenden, egyptische, babylonische, arabische, persische, natürlich ganz anders und wirklich meisterhaft umgearbeitet und religiös umgeftaltet, in der Thora enthalten sind, ist schon lange bekannt. Nach alledem, weiß ich nicht, was uns eigentlich Delitzsch Neues gesagt hat. Was speziell die Juden anbelangt, hat ihnen Delitzsch besonders sehr wenig Unbekanntes verkündet. Ich möchte nur an die Stellen im Talmud erinnern, daß Moses nie im Himmel gewesen und daß die Schechina — Gott — nie ans Erden, daß die Juden die Engel aus Babylonien mitgebracht, daß die Noachiden sieben Gebote von den zehn schon besessen haben u. s. w. Auch wissen wir aus der Bibel selbst, daß Abraham ein Babylonier und Malki Zedek ein Monotheist war. Rüttelt das alles an unserer Religion? Gewiß nicht! Noch mehr! Wir werden sehen, daß ein jüdischer Gelehrter aus dem 18. Jahrhundert, Reb Aron al Rabbi, in seinem Kommentar zum Raschi-Kommentar zur Thora wesentlich andere Dinge als Delitzsch gesagt hat, wie wir weiter sehen werden. Und er war doch frömmer als alle Hildesheimer und Berliner Judenprotestler. Derselbe Rabbi schreibt in seinem Kommentar, der im Jahre 1720 (?) erschienen sein soll, daß Moses die Thora aus dem Arwi (Keilinschriften oder arabisch) ins Hebräische übersetzt hat und immerwährend betrachtet er Moses als verantwortlichen Redakteur der Thora und kritisiert ihn, wenn er es für notwendig hält. Den Charakter Mosis schildert er folgendermaßen: „Warum hat Moses seinen Kindern bei den Juden keine Stellungen gegeben, während er seinen Bruder Aron und dessen Söhne zu Priestern, seinen ganzen Stamm Levi zu Gottesdienern, seinen Schüler Josua zu seinem Nachfolger bestellt hat. Warum hat er nichts für seine Kinder getan? Ich glaube daher, daß Moses die Zukunft der Juden voraussah, nämlich daß sie sich nur kurze Zeit als Staat werden halten können, und daß bei ihnen auch innerhalb dieser kurzen Zeit ein großes Chaos herrschen wird, wie wir es jetzt wissen. Darum har er seine Kinder von den Juden abgesondert und hat ihnen mit einer Schar Auserwählter unter ihrem klugen Großvater Jethro zur Herrschaft verholsen, wo sie vielleicht noch heute herrschen. Auch glaube ich, daß er Aron nur deshalb nie Prophet genannt hat, damit er nicht einen Rivalen in der Prophetie erhalte. Und Nadab und Abiu, die es wagten, selbstständig zu urteilen, sind gestorben. Und darum .schweigt Aron'. Sie waren kluge und erfahrene Leute." Solcher und ähnlicher Stellen gibt es in diesem Kommentar gar viele. Und doch ist der Verfasser für die Thora ganz eingenommen. Und war er auch