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Die Wahrheit · 1904-05-06 · Heft 18 (6.5.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 18 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 18 Jede Etappe dieses Kampfes ist lehrreich. Herr Gregorig ist von sittlichen Skrupeln ersaßt worden, weil er sich in seinem Ehrgeize gekränkt fühlt. Dr. Lueger hat die Sonne seiner Gnade über andere intensiver leuchten lassen als über den Pfaidler, der sich nicht begnügt, blos Landtagsabgeordneter zu sein. Der Stadtrat Z a tz k a ist ein solcher verhätschelter Schützling Luegers und gegen ihn wendete sich Gregorigs Sinnen, umsomehr als auch dieser sich erlaubte, den „ungebildeten" Gregorig zu verhöhnen. Die Enthüllungen Gregorigs über Zatzkas Geschäftsmoral hätten diesen unmöglich machen müssen, wenn Lueger die Moral höher als den Geschäftsantisemitismus schätzen würde. Lueger hält zu Zatzka, weil dieser sich unweigerlich der Disziplin fügt, und er verhöhnt weiter dessen Gesinnungsgenossen und — Feind Gregorig. Heute steht qlso fest: Herr Gregorig bekämpft die Korruption in der Partei, weil er unzufrieden mit dem ist, was er erreicht; Herr Zatzka bleibt trotz seiner Geschäfte der Partei als geschätztes Mitglied erhalten, weil er ein treuer Diener Luegers ist; Herr Lueger aber führt weiter den Kampf gegen die — „jüdische" Korruption. # * Und Lueger findet in diesem Kampf kein nennenswertes Hindernis mehr. Er befestigt seine Herrschaft immer mehr und seine Partei darf, wie dies wieder die Gemeinderatswahlen in der Leopoldstadt gezeigt haben, sich Dinge erlauben, die in einem Rechtsstaate geradezu unglaublich erscheinen. Seitdem es Wahlen in Oesterreich gibt, wurde — das ging ans der Beschwerde, welche die sozialdemokratischen Abgeordneten dem Ministerpräsidenten unterbreiteten, sonnenklar hervor — kein solcher Schwindel getrieben, wie bei dieser Wahl. Die Tobten,- die bei den vielverlästerten galizischen Wahlen zu stimmen pflegen, sind nichts im Vergleiche zu den Lebenden, die seitens der christlichsozialen Wahlmacher in der Leopoldstadt als Wähler zur Urne gebracht werden dursten. Daß einzelne mehreremale stimmten, war noch eine Kleinigkeit. Hunderte, vielleicht tausende von Stimmzetteln wurden von Leuten abgegeben, die überhaupt kein Wahlrecht besitzen, und es kamen sogar Fälle vor, daß Christlichsoziale im Besitze von Stimmzetteln waren, die auf Namen wie — Simon Schmeckeles lauteten! Diese Fälle wurden im .Deutschen Volksblatt" nicht verzeichnet. Und doch hätte diesmal der Name Schmeckeles gar wohl ein staunendes (!) verdient. Ivmpora miilaiiliir. m. In einem Hofdekret vom 23. Jänner 1820 wird ein Wunsch des Kaisers Franz I. mitgeteilt, daß „überall in Oesterreichs Staaten, wo Israeliten wohnen, die unartige Verwilderung, die sich leider in Bethäusern und' Synagogen eingeschlichen, ausgerottet, der rechte Geist in der öffentlichen Gottesverehrung mittelst eines anständigen Gottesdienstes eingeführt werden soll." Diese allerhöchste Willensäußerung hat nirgends mehr Beachtung und Beherzigung gefunden, als bei den Juden Böhmens, die ja seit jeher die gehorsamsten Untertanen waren. Noch früher als in Prag wurde in vielen Landgemeinden der Gottesdienst geordnet und geregelt und auf die Wahrung des äußeren Anstandes gesehen. Den Reigen eröffnete die Gemeinde Teplitz, wo der späterberühmt gewordene Seminar-Direktor Zacharias Frankl am Anfänge der Dreißigersahre Rabbiner war. Er führte gleich nach seiner im Jahre 1831 erfolgten Anstellung einen geregelten Gottesdienst mit Chorgesang in Teplitz ein. Das von Frankl Begonnene wurde, als er im Jahre 1836 als Oberrabbiner nach Dresden berufen wurde, von seinem Nachfolger in Teplitz, Herrn Kreisrabbiner Pick, fortgesetzt und erweitert. Bei einer von diesem am Schlußfeste des Jahres 1837 veranstalteten Konfirmationsfeier in der Synagoge waren der Landeschef Oberstburggraf Chotek und Fürst Clary anwesend, ein sprechender Beweis für dm warmen Eifer, mit welchem damals alle k. k. Behörden bestrebt waren, die im oben zitierten Hofdekret kundgegebene kaiserliche Initiative auszuführen. Graf Chotek, der damalige Statthalter, hat überhaupt bei jeder Gelegenheit, sein Wohlwollen für die Juden bekundet. Für eine musikalische Akademie, die am 12 März 1838 im Saale „zum Plattaus" zu Gunsten des israelitischen Spitals in Prag veranstaltet wurde, hat der Oberstburggraf nicht nur bloß mit vielen andern hohen weltlichen und geistigen Würdenträgern subskribiert, sondern der Akademie auch mit einer stattlichen Anzahl von Hof- und Statthaltereiräten beigewohnt. Nebst dem königlichen Kapellmeister Skraup haben zwei berühmte jüdische Komponisten, ein Dichter (Dr. Gottfried Schmelkes) und ein ausgezeichneter Klavierspieler (Ignaz Tedesco) bei dem Konzerte mitgewirkt. Auch der vor kurzem geschaffene Tempelchor trat bei dieser Gelegenheit zum ersten Male in die weitere Oeffentlichkeit Nach Teplitz waren es die Gemeinden von Neubidschow, Münchengrätz, Brandeis a. E., Libochowitz, welche noch vor Prag ihren Gottesdienst regelten. In ersterer Stadt, welche der Geburtsort des bekannten Schulmannes und religiösen Reformators P. Beer ist, wurde am 11. Oktober 1838 eine neue Synagoge eingeweiht. Der Feierlichkeit wohnten nicht bloß der Gubernialrat und Kreishauptmann, sondern auch die Gräfin Kinsky bei. Der Bürgermeister der Stadt, Johann Stranik, hielt nach der. Weiherede des Rabbiners, ebenfalls von der Kanzel herab eine Ansprache an die Versammelten, die von Toleranz. Bruderliebe, kulturellem Fortschritt u. s. w. überfloß, und durch welche die Juden sich wahrhaft beglückt und beseeligt fühlten. Alle Reden wurden in deutscher Sprache gehalten. Vor zwei oder drei Jahren hat in Neubidschow wieder eine Synagogeneinweihung (die Synagoge war bei einem daselbst ausgebrochenen Feuer eingeäschert worden) stattgefunden. Bei dieser wurde nicht allein kein deutsches Wort mehr gesprochen, sondern auch von Bruderliebe, kulturellem Fortschritt war nicht mehr die Rede, obwohl in der neuen Synagoge eine Orgel steht und bei der Einweihung zum ersten Male gespielt wurde. Es zeigt sich eben bei jeder Gelegenheit : Tempora mutantur! Wir haben es sehr weit gebracht! Wir haben den Gottesdienst reformiert, Orgel und gemischten Chor eingeführt, Kinoth, Selichoth und Pijutim auf ein Minimum reduziert, auch im Schwätzen beim Gottesdienste uns ein wenig eingeschränkt — aber Statthalter, Grafen und Fürsten kommen nicht zu uns, besuchen nicht jüdische Veranstaltungen, selbst nicht Synagogeneinweihungen. Wir haben die gesetzliche Gleichberechtigung erlangt, sie steht aus dem Papier und läßt sich nicht ohne weiteres von da wegwischen — aber mau meidet uns, läßt uns zu nichts zu, man will weniger denn je von einer Gemeinschaft mit uns wissen. Orgel und gottesdienstliche Reformen, Lässigkeit in der Beobachtung des Ritualgesetzes und das Aufgeben alter Gebräuche haben also, das läßt sich nicht bestreiten, die nichtjüdische Bevölkerung, wie seinerzeit viele erwartet hatten, uns nicht näher gebracht. Haben sie aber wenigstens im Innern heilsam gewirkt, ist unser Selbstbewußtsein erhöht worden, ist die Erhabenheit unserer Religion allgemein erkannt und die Anhänglichteit an und die Treue gegen sie gestärkt worden? Wird die jüdische Wissenschaft eifriger gepflegt und gefördert als früher, gibt es wenigstens noch talmudkundige Rabbiner? Man schaue auf die überwiegende Mehrheit der Gemeinden Böhmens und ihre Rabbiner, und man wird sich leicht die Antwort auf diese Frage geben können, wenn man das Einst mit dem Jetzt vergleichen wird. Doch nein! Ich will nicht zu jenen gehören, welche die alten Zeiten auf Kosten der neuen loben. Denn in ..der guten alten Zeit", wenigstens vor 70 Jahren, und das ist doch schon eine lange Zeit, scheint es nicht viel besser gewesen zu sein. Wer das nicht glaubt, lese einen Situationsbericht aus Prag in Nr. 28 der Allgem. Ztg. d. I. vom 6. März 1838. Dort heißt es unter anderem: „Unsere Jugend, einst eine der intelligentesten, im hebräischen Fache intellektuell gebildet, ging der Verflachung entgegen. Keine religiöse Erziehung, kein Studium der Bibel mehr. — Unsere Feste, unsere Bußetage wurden nur von

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