Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 18 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2?ic 25cil)r()eit Nedaktiön u. Admiiiistratiou: Wien, II/i Novaragasse-27. Telephon Nr. der Druckerei 15302 Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonneineiirsu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Möhängige Aeitfchrifi für jüöische Ankere^en. Erscheint jeden KreiLag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Gezugsppeis: Ganzjährig . . fl. 12.— Halbjährig ... fl. 6.— Für Cultnsbeamte: Ganzjährig ... fl. iv.— Für Ausland: Ganzjährig . . . 6 Mark. 6 Rubel oder 16 J-cS. Ur 18. Wien. 6. Mai 1SV4. Inhalt: Aus der Woche. — Tempora mutantur. — Zur Bibel- und Babel-Frage. — Lesterreichisch-Jsraelitische Union. — Berschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton. — Kantoren-Zeitung: Obertantor Gerson Weiß. Ans der Mache. Die Juden in Rußland dürften, wenn sie durch die gräßlichen Leiden und Verfolgungen nicht auch scllon die Fähigkeit Zu hoffen eingebüßt haben, der Zukunft mit einigen Illusionen entgegensetzen. Es mehren sich die Zeichen, daß die Machthaber sich den Juden gegenüber menschlicher erweisen wollten als bisher. Die russischen Ostern,, denen die Juden mit zitternder Angst entgegengingen, weil sie eine Wiederkehr der Kischenewer Greuelszenen befürchteten, haben keine Ritualmorde an — Juden zur Folge gehabt. Der Ukas an die Geistlichkeit, diese möge das Volk belehren, daß die Juden während des Krieges ihre patriotische Pflichten treu erfüllten und daß die von Hetzern ausgestreuten gegenteiligen Behauptungen verleumderische Lügen seien, hat gewirkt. So wohltuend diese Erfahrung ist, so schmerzlich ist die hieraus mit zwingender Gewalt sich ergebende Folgerung, daß es auch im Vorjahre nur eines Winkes seitens der Staatsbehörden bedurft hätte, um das Blutbad von Kischinew zu verhindern .... Beruhigend auf die Gemüter der unglücklichen Juden wird auch der Umstand wirken, daß in den jüngsten Tagen der Czar selbst mit freundlichen Worten ihre patriotischen Opfer und Manifestationen anerkannte. Vielleicht darf man hienach in der Petersburger Nachricht des „Berliner Tagblattes", daß Minister P l e h w e die angekündigte Revision der russischen Judengesetze in einer dem Geiste der Menschlichkeit und Gerechtigkeit entsprechenden Weise durchführen wolle, mehr als einen frommen Wunsch erblicken. Zeit wäre es wahrlich, denn das Elend und die Not unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland ist ein unsägliches. Viel ist an ihnen gesündigt morden und vielleicht hat diese Ueberzeugung in das Herz eines der maßgebenden Machthaber Eingang gefunden, nachdem dieses Herz durch die die Niederlagen der russischen Armeen für mildere Gefühle empfänglich wurde. Vielleicht aber auch sind die harten Männer, welche die Wirkungen der russischen Judengesetze teilnahmslos verfolgten, durch die Beobachtung erschüttert worden, wie sehr diese mißhandelten Juden trotz alledem und alledem das Land lieben, in welchem sie geboren, wo die Wiege ihrer Kinder stand, das Grab ihrer Eltern sich befindet. Vielleicht erkennen selbst einen Augenblick die grausamen Judenfeinde, daß es genügt, wenn die jüdischen Soldaten — die auch in diesem Kriege ihre Tapferkeit bewähren —' auf den Schlachtfeldern ihr Blut vergießen. So bewunderungswürdig die russischen Juden das Martyrium für ihre Religion tragen, einen so beschämenden und betrübenden Eindruck muß die Tatsache Hervorrufen, daß in Oesterreich-Ungarn in den letzten Jahren die Zahl der Fahnenflüchtigen, die dem Judentum den Rücken kebren, in erschreckendem Maße sich mehrt. Wir wollen sicherlich nicht Milderungsgründe für die Renegaten suchen, die unter dem Drucke ganz außerordentlicher Verhältnisse zur Taufe schritten. Aber was soll man erst von Jenen sagen, die in Wohlstand und unabhängiger gesicherter Lebensstellung, weder von Gefahr und Not noch von brennendem Ehrgeiz nach sonst unerreichbaren Stellen getrieben, die Religion ihrer Väter verlassen, lediglich aus dem Grunde, weil ihnen der Name „Jude" lästig ist? Dieses Renegatentum ist so empörend und niedrig zugleich, daß man es kaum begreifen kann, daß es nicht überall, bei Juden wie bei Christen, die tiefste Mißachtung erfährt. Das Wort Heiners, der Abfall bedeute immer eine Charakterschwäche, ist für diese Abtrünnigen viel zu milde: Ihr Abfall verrät eine Charakterlosigkeit, für die keine Züchtigung, keine Brandmarkung zu hart wäre. Speziell in Wien und in Budapest haben kürzlich Träger jüdischer Namen ihren Austritt aus dem Judentum angemeldet, die in der „Gesellschaft" auch bisher eine große Rolle spielten. Die wahrhaft vornehmen Juden und Christen, in deren Gesellschaft die Erwähnten verkehren, sollten über diese Gesinnungslumperei, die den Religionswechsel wie einen Wechsel der Toilette ansieht, nicht so gleichgiltig hinweggehen. * A propos Taufe! Das bringt uns die nachstehende, vollständig auf Wahrheit beruhende Anekdote in Erinnerung, welche ein trauriges aber kennzeichnendes Licht auf gewisse Kreise in Budapest wirst. Nach dem Tode Hirschlers, der Mitglied des Magnatenhauses war, wurde im Ministerrate die Frage ventiliert, wer an dessen Stelle, sozusagen als Vertreter der ungarischen Judenheit, in das Herrenhaus berufen werden sollte. Mehrere Namen wurden genannt, aber bei jedem bemerkte bald der eine, bald der andere Minister: „Aber der ist ja schon getauft!" Da rief der Ministerpräsident halb lachend, halb ärgerlich: „Na, wir werden wirklich erst bei den Oberrabbinern Kohn und Kaiserling anfragen müssen, ob sie nicht Jemanden wissen, der noch nicht getauft ist." Einen Einblick in die Gesinnungslumperei, welche das ureigenste Wesen der christlich-sozialen Partei bildet, ermöglicht das Duell, welches zwischen Lueger und Gr eg orig nun schon seit längerer Zeit cor am publico ausgefochten wird.