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Die Wahrheit · 1904-04-29 · Heft 17 (29.4.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 17 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17. Die Wahrheit Seite 9. Ovationen dargebracht. Die von der Kaufmannshalle entsendete Deputation, welche vom Präsidenten Jellinek geführt wurde, bestand aus den Vizepräsidenten Franz Kunz und Ladislaus v. Fürst, Generalsekretär Dr. Jakob Schreyer und sämtlichen Mitgliedern des Ausschusses. Die Deputation des .Kreditorenvereines führte der Vizepräsident Berthold v. Fürst. Aus die an * ihn gerichteten Ansprachen dankre Breitner für die ihm gewordenen Beweise der Sympathie und gelobte, nach wie vor seine schwachen Kräfte in den heiligen Dienst der werktätigen Menschenliebe stellen zu wollen. v. H. 8.- Bukovar Unter allgemein großer Beteiligung wurde am 17. April die Gattin des Herrn Isidor Singer, Beamter der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschast, Frau Irene Singer, Tochter des Bajaer Cantors, Herrn Josef Braunfeld und Schwiegertochter des hiesigen Lehrers Herrn David Singer, in jugendlichem Alter von '23 Jahren zu Grabe getragen. Oberrabbiner Dr. I. Diamant widmete, selbst sehr ergriffen, der Verstorbeneil einen sehr ergreifenden Nachruf, wobei feilt Auge tränenleer blieb. Oberkantvr Adolf Schwarz, unter Assistenz des Cantors M. Turteltaub, versah die übliche Trauer-Zeremonie. Die Verblichene, ein blühendes Weib, die im Wochenbette starb, hinterlüßt zwei Kinder im zartesten Alter. Dem tiefgebeugten ■ Gatten, sowie den schwer geprüften Eltern wurden aus Vukovar und Baja * zahlreiche Beileidskundgebungcn zuteil. Bukarest. Der-allgemein beliebte uud verdienstvolle Oberkantor unserer Gemeinde, Herr Gerson W e i ß, verschied am 23. d. M. nach 36jähriger verdienstvoller Amtstätigkeit im 66. Lebensjahre. Der Verblichene war ein Muster seiner Berussgenossen, eiu tüchtiger Fachmann und wohltätiger Mensch. Er genoß in allen Kreisen die größte Verehrung.; Ueber das Leichenbegängnis werden wir in nächster Nummer berichten. Berlin. Samstag, den 16. April fand im Hotel Prinz Albrecht i die Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des Anri-; seinitismus statt. Der Vorsitzende Dr, Th. Barth (Berlin) bemerkte, j der Verein habe seit etwa zehn Jahren eine Generalversammlung nicht! gehabt. Der Vorstand habe sich darauf beschränkt, den geistigen Verkehr j mir den Mitgliedern aufrecht zu erhalten. Es solle aber von jetzt ab all- | jährlich eine Generalversammlung abgehalten werden. Der Verein sei von i Gneist und Nlckert ms Leben gerufen und bemüht, sowohl in jüdischen > als auch in christlichen Kreisen Mitglieder zu gewinnen, er, der ein deutscher j Verein zur Abwehr des Antisemitismus sei, und bezwecke lediglich, für i Gleichberechtigung der Konfessionen einzutreten, und an dieser Arbeit können 1 Juden und Christen gleichmäßig teilnehmen. Hauptaufgabe des Vereines! sei die.Bekämpfung des Antisemitismus in jeder Form, und zwar sowohl des Antisemitismus in gesetzgeberischer Beziehung, als auch des Radau- > Antisemitismus und des wohl gefährlichsten, weil leise schleichenden Anti-! semitiswus,. der in der Verwaltung zur Geltung komme. Nachdem den i Vorstand Entlastung erteilt war, nahm Dr. Barth das Wort zu seinem! Vortrag über die politischen Wahlen. Gesetzlich sei die konfessionelle Gleichj berechtigung gewährleistet, jeder Mensch wisse aber, daß dies nur aus dem j Papier stehe. Der Grundsatz der konfessionellen Gleichberechtigung werde; ganz offen verletzt. Ein Staat, in dem die konfessionelle Gleichberechtigung! nicht durchgeführt sei, habe kein Recht, sich einen sittlichen Kulturstaat zu j nennen. Aus diesem Grunde sei der Verein auch bemüht, Einfluß aus die > politischen Wahlen zu gewinnen. Der Verein sei kein politischer, er unteri stütze daher keine politische Richtung, sondern nur diejenigen Kandidaten, \ die sich verpflichten, für die konfessionelle Gleichberechtigung einzutreten! und deren Wahlkomitee die Erklärung abgab, im Fall einer Stichwahl i denjenigen Kandidaten zu unterstützen, der Gegner des Antisemitismus, j wenn auch Sozialdemokrat, sei. Eine Debatte oder Abstimmung über; diesen Grundsatz fand nicht statt. Auf eine Anfrage, weshalb der Verein nicht gegen das antisemitische Vorgehen des höchsten Staatsbeamten eine Protestversammlung einberufen habe, bemerkte Dr. Barth: Man müsse mit Protestversammlungen haushälterisch Vorgehen. Der Verein habe es nicht für angezeigt gehalten, aus Anlaß der Ausweisung einiger russischer Juden sogleich eine Protestversammlung emzuberusen. Archivdirektor Dr. Georg Winter-Osnabrück sprach dann über die Juden im Heere. Seit zwei Jahrzehnten sei kein Jude mehr zum Reserveoffizier ernannt worden: einen aktiven jüdischen Offizier gebe es überhaupt nicht. Das Schlimme sei, daß man nicht offen und frei bekenne, der Jude werde vom Offizierstand, von allen öffentlichen Berwaltungsämtern u. s. w. ausgeschloffen, weil er Jude sei; man weise den Juden ab mit der Angabe, daß er „sich nicht eigne". Wenn man schon den Grundsatz der konfessionellen Gleichberechtigung derartig mißachte, dann empfehle es sich doch, ein Gesetz zu machen, wonach Juden von gewissen Stellungen ausge-! schlossen seien. Dann wäre doch wenigstens Klarheit geschaffen. Dies tue man aber nicht, weil man wisse, daß sich alsdann ein Sturm der Entrüstung im ganzen deutschen Volke erheben würde, denn alsdann märe der Beweis geliefert, daß Deutschland nicht mehr das Recht habe, sich einen sittlichen Kulturstaat zu nennen. Es wäre dringend notwendig, daß ähnlich wie im Jahre 1880 alle wirklich liberal denkenden Männer in Deutschland ihre Stimme gegen die Verletzung des obersten Versassungsgrundsatzes erheben. (Lebhafter Beifall.) Reichstags- und Landtagsabgeordneter Prof. Dr. Eickhoff-Remscheid (freis. Volkspartei) wies in längerer Rede auf seine Ausführungen im Reichstage hin und ging des näheren auf die Polemik ein, die er im Reichstage mit den Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg und Böckler hatte. Tatsache sei, daß an dem Kriege von 1870/71 15000 jüdische Soldaten beteiligt gewesen seien Man mache den Juden zum Borwurf, deß sie sich gern vom Militärdienst befreien. Derselbe treffe aber doch in gleicher Weise die christliche Bevölkerung. Die gegenwärtigen Verhältnisse verlangen gebieterisch von jedem liberalen Manne, ganze Arbeit zu machen. Hoffentlich sei die Zeit nicht mehr fern, wo die Worte Kaiser Friedrichs: „Der Antisemitismus ist die Schmach des Jahrhunderts" zur allgemeinen Anschauung werden. Möge es endlich gelingen, das Vaterland von den konfessionellen Kämpfen zu befreien, damit alle Bürger aller Bekenntnisse gleichmäßig für das Heil und Wohl des Vaterlandes tätig sein können. Er schließe mit den Worten Scheffels: „Stoßt an! Ein Hoch dem Deutschen Reich, an Kühnheit reich, dem Adler gleich, mög's täglich neu sich stärken. Doch Gort behüt » vor Klassenhaß und Rassenhaß und Massenhaß und derlei Tcufelswerken." Die eingehende Rede, die reiches juristisches und statistisches Material enthielt, wurde mit allgemeinem Beifall ausgenommen. Es wurde hierauf folgende Erklärung beantragt: „Die Stellung der Juden im deutschen Heere entspricht in keiner Weise dem verfassungsrechtlichen Grundsätze konfessioneller Gleichberechtigung. Zunial in Preußen ist beute das Aufrücken unserer jüdischen Mitbürger in Offiziersstellungen tatsächlich ausgeschlossen. Da die Juden an den Heereslasten wie an allen anderen Staatslasten zum Bollen beteiligt werden, so erscheint ihre ans sachlichen Gründen schlechterdings nicht zu rechtfertigende Zurücksetzung im Heere als eine staatsbürgerliche Ehrenkränkung die eines Rechtsstaates unwürdig ist." Oberstabsarzt a. D. Dr. Rosenthal-Magdeburg hebt^besonders auch die Zurücksetzung der jüdischen Aerzte im Heere hervor. Sanitätsrat Dr. Neumann-Berlin bemerkte noch u. a, König Friedrich Wilhelm IV, habe 1841 die kommandierenden Generale angefragt, ob es sich empfehle, die Juden gänzlich vom Militärdienst zu befreien und ihnen dafür eine Steuer anfzuerlegen. Sämtliche Generale antworteten verneinend mit dem Bemerken, im Kriege gebe es zwischen Inden und Christen keinen Unterschied, die jüdischen Soldaten haben dieselben Fehler und dieselben Tugenden wie bte christlichen. Bor 60 Jahren habe es besser ausgesehen als leider heute (Beifall). Die beantragte Erklärung wurde einstimmig angenommen und darauf Dr. Th. Barth-Berlin, Archivdirektor Dr. Georg Winter-Osnabrück, Geh. Banrat a. D. Benoit-Karlsruhe i. Bad., Stadtrat H. Flinsch und Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M. wieder- und Abg. Prof. Dr. Eickhoff-Remscheid neu in den Vorstand gewählt London. Frl. Eve Cahen, Tochter des hochgeachteten Präsidenten der Finsbury-Park Synagoge, hat sich mit dem bekannten Advokaten (Barrister) Herrn B. Jacobs verlobt. London. (Ein „irisches K i i ch i n e w".) Man schreibt uns aus London: Eine eigentümliche Judenverfolgung ist in der irischen Stadt Limerick in Gang. Es wohnen dort 35 jüdische Familien und über sie hat die Bevölkerung zum Teil unter klerikaler Anstiftung seit einiger Zeit einen so vollständigen Boykott verhängt, daß sie nach letzten Nachrichten bis auf zwei oder drei völlig ruiniert sind und 15 der Familien nur durch die Mildtätigkeit einrger lokaler Protestanten vor dem Verhungern geschützt werden. Mit dem Boykott geht eine terroristische Behandlung der Juden, die sich auf den Straßen sehen lassen, Hand in Hand, und der Boykott selbst, gegen den die Behörden machtlos sind, dehnt sich auf die umliegenden Distrikte aus. Die Londoner Blätter sprechen von einem „irischen Kischinew". Ateratnr. Im Verlage von M. W. Kaufmann-Leipzig ist ein Werk unter dem Titel Schire jedidos „Synagogale Gegangen“ (Gesänge) von Herman Sitters, Oberkantor in Meppel (Niederlande) erschienen. Das Heft enthält acht Gesänge für Männerchor, und zwar sechs Originalkonipositionen und zwei Arrangements von Gesängen I. M. Japhets. Sitters beherrscht den Satz und die Liedform in geschickter Weise. Sympathisch berührt die ebenso einfache wie gemütvolle Art des musikalischen Gedankens, der sich stets mit dem Textinhalte deckt. Als eigenartige, interessante Arbeit ist die Keduschah besonders hervorhebenswert. Weniger gelungen ist der Schlußsatz des Mismör l’ssödoh, dem es an harmonischer Steigerung gebricht; auch scheint mir eine öfters wiederkehrende melodische Phrase in Hallelu.jah. bedenklich, da sie hart ans Triviale grenzt. Diese Mängel verwischen jedoch keineswegs den erfreulichen Gesamteindruck des Werkes, dem ich eine weitere Verbreitung gerne wünsche. Z. Schönberger, Oberkantor in Potsdam. Kommerzielle Hlachrichten. (Erster Mädchenausstattungs-Bereirr a. G.) Unter Vorsitz des Präsidenten Armin Schwarz und unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder hat die einundvierzigste ordentliche Generalversammlung dieser Anstalt am 25. März l. I. statrgefuuden. Der Generalbericht und die Bilanz über das Verwaltungsjahr 1903 wurde vorgelegt, und da dieselben nach jeder Richtung hin höchst befriedigende Resultate aufweisen, wurden sie unter Erteilung des Absolutoriums einstimmig zur Kenntnis genommen. Dem Generalbericht und der Bilanz sind folgende, bemerkenswerte Daten zu entnehmen: Än Ausstattungsprämien und Restituirungen wurden K 859.513 29 ausbezahlt, worunter 95 Waisenanteile mit K 59.550.— Die Neueinschreibungen brachten 14.854 Anteile, um 3.017 Anteile mehr als im vorhergegangenen Jahre. An Prämien wurden K 2,507.619’49 vereinnahmt, was eine Steigerung von X 221.754-56 bedeutet. Mit der Authentikation des Protokolles wurden betraut die Herren: Anton I. Blazek und Jzor Löbl. In den Aufsichtsrat wurden gewählt die Herren: Dr. Bernhard Alexander, Dr. Sigmund Simonyi, Josef Heger,

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