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Die Wahrheit · 1904-04-29 · Heft 17 (29.4.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 17 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Die Wahrheit Leite 7 -Schlages. Denn wer sich der Untugenden schämt und nur nach dem Besten strebt und sich zusammennimmt, wer sich (mit anderen Worten, denn der Sinn bleibt doch derselbe) als ein wahrer Mensch — also ganz nach den Intentionen Lessings und Herders — beweist: den heißt unser Suezkint von Trimberg . adelig, wenn er auch nicht von hohem Namen stammt". Und als einen sehr edlen Mann kennzeichnet ihn auch die tiefergreifende Strophe über die Vergänglichkeit der Welt und ihrer Freuden. Sie klingt wie ein Jammerruf ans der Tiefe eines über die höchsten Fragen bekümmerten Herzens, welches nicht weiß, wohin die Seele komme, „wenn der Tod den Leib ermahnt, daß er vom Leben kehre"; er hofft aber auf den gnadenvollen Herrn, dessen Allmacht er in einer durch Großartigkeit bewunderungswerten Strophe preist. In seiner wortkargen Kürze ergreift der Dichter mehr als die vielen Sängerlein mit ihrem minniglichen Geklimper. Suezkint gehört überhaupt, wie ein Ihrem Berichterstatter nahestehender Freund (dem wir hier wörtlich folgen) behauptet,*) zu den frömmsten Dichtern des deutschen Mittelalters. Aus seinen leider nur wenigen uns überkommenen Strophen klingt derselbe elegisch ergreifende Schmerz wie aus Lord Byrons „hebräische Melodien'. Ebenso schön ist das Lob einer reinen Frau, „die ihres Mannes Krone ist und ihn werter macht; mit der er seine Jahre glücklich verbringt und sich der Sünde und Schande erwehrt; ihr hohes Lob nimmt es wohl mit der Menge auf!" Doch muß es ihm oft schlecht ergangen sein: Er bittet die Milden um Abhilfe gegen den bösen Wicht, der ihn an Speisen und Kleidern schädige. Er stellt seine dürftige Haushaltung in derselben ironischen Weise dar wie der historische Tanhäuser: „Heb a u f und Fiu.denichts tun ihm viel .Leides, Herr Bigenot von Darbia n ist ihm feindlich und Herr Dünnöhabe schafft ihm Ungemach, seine Kinder weinen oft, da sie böse Schnabelweide haben. So muß er sich seiner Haut wehren!" Unangenehm ist hier eine Anspielung auf den „gesuoch“ zu finden (den Geldwucher um hohen Zins). „Es ist gut (fügt er dann unverblümt bei), daß der Esel kein Horn hat und daß das Krokodil nicht alle Leute beißen kann; käme es auf die Diebe an, so dürfte keine Türe verschlossen sein." Und dann folgt eine sehr deutliche Fabel, „worin der Wolf sich entschuldigt, daß er durch Raub den Hunger stillen muß. weil er kein Geld hat, Speise zu kaufen: er sei nun einmal dazu geboren und mcht so schädlich als die Falschen in ihrer Weise" — er hätte auch sagen können, wie fiene, die in Schafskleidern einhergehen u. s. w. — Der Maler der sogenannten Manasse-Handschrift hat den Suezkint von Trimberg in einem durch Dompropst Otto 1225 geschlichteten 'Prozeß dargestellt, der sich über ein von dem Dichter erworbenes Grundstück erhob. Daß der Maler sonst gar nichts anderes von Ihm wußte, als denselben in einer Gerichtssitzung erscheinen zu .lassen, wozu seine Lieder gar keinen Anlaß bieten? Suezkint ist abgebildet wie alle diese minnesingerlichen Genossen in jugendlichem Alter, in ein mit zobelhaftem Pelzwerk gefütterten Mäntelchen gekleidet, dazu trägt er den obligaten spitzen Judenhut, der in allen möglichen Farben zeitweise wechselte; sind ja sogar die großen Propheten auf den ältesten, aus dem 10. Jahrhundert stammenden, im Dome zu Augsburg befindlichen Glasgemälden mit blauen, roten, gelben und grünen Hüten als echte Hebräer gekennzeichnet. Es ist geradezu lächerlich, welch wechselnde Vorschriften immer neu beliebt wurden**): bald sollten sie spitze Hüte tragen, dann eine runde Scheibe auf der Brust und die .Frauen auf dem Haupte, tragen, später einen Ring am Gelände und solche weitere Lappen und Lappalien. Mit Recht warnt unser Kulturhistoriker vor Ueberschwänglichkeiten in Betreff der Zahlenangaben bei den greulichen Massakres. „So schmerzlich es die Humanität unserer Tage be¬ *) Vgl. H. Holland: Geschichte der altdeutschen Dichtkunst in Bayern. Regensburg 1862. S. 494. **) Vgl. Wacker nage!: Kleinere Schriften. 1872.1. 187. Ueber Hie Farben der Judenhüte. dauern muß, daß verletztes Rechtsgefühl und Verzweiflung über wirtschaftliche Notlage sich zu Verbrechen hinreißen ließ, so steht jetzt doch fest, daß wohlwollende Sradtchronisten und Historiker mir Zahlenaugaben großen Luxus trieben. In einer Zeit, wo die wissenschaftliche Statistik noch im Verborgenen blühte, war es eine Leichtigkeit, bei einem einzigen Krawall mehr Opier anzngeben, als Juden überhaupt irgendwo lebten. Da dergleichen unverzeihliche Nothilfe vielen eine Gott wohlgefällige Tat däuchte, so nahm man überhaupt den Mund gleich recht voll. „Tie Angaben über die Zahl der in einer Stadl Erschlagenen pflegen aber durchschnittlich mit 10 zu multiplizieren nnd es ist eine Torheit ohne Gleichen, von 100.000 Opfern des Jahres 1298 zu sprechen — so viel Juden gab es noch viel später in ganz Deutschland nicht." Als Analogie dazu mag man an die ungeheueren, weit auseinandersallenden Zahlen der Bartholomäusnacht erinnern, wobei nicht jeder Historiker das rationelle Verfahren des gewissenhaften und bedächtigen „Martyrologisten beobachtete, wodurch die angeblichen Hunderttausende von Opfern auf 768 nachweisbare Namen reduziert wurden. Auch bei vielen der verrufensten Autodafes, welche durch eine rege Phantasie mit menschenröstenden spanischen Kannibalen zu umlagern liebt, brannte oft nichts als die Kerze, welche der frühere Renegat beim Abbeten des Credo als Symbol des wiedergefundenen Glaubenslichtes in der Hand trug. So fingierte man auch Judenschlächtereien, die in Wahrheit gar nicht existierten: ..Wir. wissen, daß eine solche für das Jahr 1290 in Nördlingen im 16. Jahrhundert direkt erfunden wurde, um eine (angeblich als Buße) an die Grafen von Oettingen entrichtete Kornabgabe zu erklären. Welch kolossale Verluste verkündete Alexander über die gegen ihn fechtenden Perser und Inder! Und Bonaparte - gab oft die Zahl seiner Gefangenen höher an als überhaupt Oesterreicher ihm gegenübergestanden hatten. In den Schwänken, im unflätigen Volkslied, in der Posse und Witzliteratur ist den Juden immer eine hämische Rolle zugeteilt und man konstruiert eine lächerliche Type, die dann, wie überall, als objektiver Tatbestand erklärt und verspottet wird. Neuer Nachwuchs und Auswuchs ergab sich nur zu leicht mit Kipper und Wipper, mit Finanzgrößen, Physiokraten und Schwindlern a la Süß-Oppenheimer. Mit der Neprodnktion von häßlichen Spott- und Hohnbildern ist hier des Notwendigen mehr als genug geleistet. Tempi passati! Man sollte nicht allen Sauerteig immer wieder auswärmen. Das Sprichwort „Iliacos intra muros peccatur et extra“ ist wie ein doppelköpfiger Janus. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Bibliothekferien.) Einem in jüdischen Gelehrtenkreisen mehrfach laut gewordenen Wunsche Rechnung tragend, möchten wir dem Vorstände der Wiener Kultusgemeinde nahelegen, im Monate August bis zum 15. September, während welcher Zeit die anderen Wiener Bibliotheken (Universitäts-Bibliothek und Hof-Bibliothek) geschlossen sind die Bibliothek der Kultusgemeinde, wenn auch mit beschränkten Lesestunden, zwei- bis dreimal in der Woche den Lesern zugänglich zu machen und einen eventuell notwendigen Ersatz der Bibliothekserien im Monate Juli anzuordnen, wo die Schließung der Gemeindebibliothek minder schwer empfunden würde. Durch eine derartige Verfügung würde den jüdischen Gelehrten nnd Studierenden, die während der Sommermonate von allen literarischen und wissenschaftlichen Hilfsquellen abgeschlossen sind, eine große Förderung zuteil werden. Wien. (Ehrung in der Chewr a-K a d i s ch a). In der am 26. d. M. stattgehabten, vollzählig besuchten Vorstandssitzung der Chewra- Kadischa wurde der Vize-Präsident derselben, Herr Dr. Markus Spitzer, in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Chewra-Kadischa einhellig zum Ehrenmitglieds ernannt. Wien. (Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischenDen kmä le rn des Judentums.) Donnerstag, den ö. Mai 1904, 7 Uhr abends präzise, findet im kleinen Musikvereins-Saale eine musikalische Gedenkfeier zur Erinnerung an die. hundertste Wiederkehr des Geburtstages von Salomon Sulzer unter der Leitung des Herrn k. und k. Hofmusikers Prof. Josef Sulzer, Chormeister der Wiener israel. Kultusgemeinde, statt. Mitwirkende die Herren: Konrad Loewe, k. u. k. Hofschauspieler, Obercantor Bsla Guttmann, Erster Cantor Don Fuchs und Orgel-Virtuose S. Storch, ferner die vereinigten Chöre der beiden Wiener Haupt-Synagogen.

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