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Die Wahrheit · 1904-04-29 · Heft 17 (29.4.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 17 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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©eue 6. Die Wahrheit Nr. 17. Zerrbilde fortgelebt- Seine mangelhafte Bildung und Einsicht auf historischem Gebiete, worauf er selbst in einem Briefe (an Abbt, vom 16. Februar 1765, Gef. Schriften, V., 342) so freimütig aufmerksam macht, der Mangel an intuitiver Erkenntnis antiken Wesens, die nach einem schlechten Vorbilde (f. M. Deffoir, Gefch. d. neueren deutsch. Psych., I., 98) stark verzeichnte, fast spießbürgerliche Gestalt des Sokrates in seinem' ..Phädon", seine bisweilen dithyrambischen Lobreden auf den heute mehr als nötig verachteten Dogmatiker Wolf, feine zuversichtlichen „Beweise vom Dasein Gottes", die naturgemäß keine Beweise, sondern nur Reflexe eines innigen Glaubens sind, endlich die Blößen, die sich sein Scharfsinn und seine Philosophie in dem vielbesprochenen Spinoza-Streit mit F. H. Jacobi gaben — all das hat dazu beigetragen, sein Gedächtnis in der modernen Wissenschaft zu verdunkeln, zumal geistvolle Männer darin vorangegangen sind, seine Schattenseiten zu offenbaren und seine Lichtseiten zu übersehen. Fichte und Hegel hatten nur ein geringschätziges Urteil über ihn. Letzterer spricht in seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie" (1836, IH., 482, 530 ff.) mit einer heute fast gar nicht mehr verständlichen Verachtung von ihm. Bei den Literarhistorikern erscheint Mendelssohn vielfach ausschließlich nur als Freund Lessings, Verfasser des „Phädon", oder als Reformator des Judentums. Wilhelm Scherer z. B. (Gesch. d. deutsch. Lit., 3. Auslage, 1885) berührt seine ästhetischen Bestrebungen mit keinem Worte. Auch die Aesthetiker hielten merkwürdigerweise mit dem Philosophen nicht Schritt. Es ist zu verwundern, daß die Gedanken eines Mannes, den Kant als tiefsten Denker Deutschlands bezeichnet und Herder bei dessen Tode ausrief: „Deutschland verliert immer im ästhetischen und philosophischen Fache an ihm den ersten Denker", bis jetzt so falsch beurteilt wurde». Es ist also das Verdienst L. Goldstein's, daß er in seinem obigen Werke wenigstens die Verdienste und den Einfluß Moses Mendelssohns, den er auf die Entwicklung der ästheüschen Kritik und Theorie in Deutschland geübt hat, klar gelegt hat. Das Werk zerfällt in drei Teile: 1. Einführung. 2. Die ästheüschen Lehren Mendelssohns. 3. Verdienste und Einwirkungen Mendelssohns. Mendelssohn als Stilist und Schriftsteller, Mendelssohn als Kriüker wider die schlechten Uebersetzer. Wider die Sprachverderber. Mendelssohns kritisches Urteil. Mendelssohns Verdienst um Shakespeare. Mendelssohn und Lessing (Freundschaft und geistiger Verkehr, „Laokoon", Hamburgische Dramaturgie 2c.). Mendelssohn und Herder (Herders Lob und Kritik, Fragmente „lieber die neuere deutsche Literatur", „Kritischen Wäldern"). Mendelssohn und Kant. Mendelssohn und Schiller. Es ist eine sehr fleißige und lehrreiche Arbeit, welche den bisher über Mendelssohn veröffentlichten Werken, einschließlich Kaiserling, vorangestellt werden kann. Wir werden auf diese ausgezeichnete Arbeit gelegentlich noch zurückkommen. Einstweilen möchten wir dieses Buch allen für Mendelssohn sich interessierenden Kreisen auf das wärmste empfehlen und sollte dasselbe in keiner jüdischen Bibliothek fehlen. _ Das Judentum in der deutschen Vergangenheit.*) Mit objektiver Umsicht hat Herr Archivar Dr. Georg Liebe den schweren Stoff bemeistert und zur klaren Darstellung gebracht. Daß die Juden frühzeitig in Deutschland austraten, ist wohl kaum fraglich, obwohl ihre festen Niederlassungen, z. B. zu Titus' Zeiten in Worms, der Sage angehören. Mit *) Georg Liebe: Das Judentum in der deutschen Vergangenheit. Mit 106 Abbildungen und Beilagen nach Originalien, größtenteils aus dem XV.—XVIIL Jahrhundert. Leipzig 1903, bei Eugen Diederich. 127 S. 8°. (Als XI. Band der Monographien zur deutschen Kulturgeschichte. S. Münchn. Allg. Ztg.) kurzen Strichen zeichnet unser Historiker ihre volkswirtschaftliche Bedeutung und Handelstätigkeit im frühen Mittelalter, ihr Eindringen in die Geldwirtschaft und den dadurch provozierten Umschlag in Haß und Verfolgung, die immer auf Grund von sehr phantastischen, auf Ritualmord, Hostienschäudungen und ähnliche Ungeheuerlichkeiten lautenden Anklagen durch die bis zum Ueberlaufen kochende damalige Volksseele losbrachen und inszeniert wurden. Merkwürdigerweise war es gerade der feurige Bernhard von Clairvaux, welcher bei den durch Kaplan Rudolf angesachten Massakers (1146) die bedrängten Opfer in Schutz nahm und die aufgeregten Massen durch sein Ansehen beruhigte. Sie brachen dann später, als die beiden Schwerter Gottes während des babylonischen Exils gegeneinander Hiebe und Schläge führten, neuerdings los und wurden mit dem schwarzen Tod, den Veitstänzen und anderen die halbe Welt im geographischen Taumel durchziehenden Landplagen aller Art zur elenden Tagesordnung. Auch der immer geldgierige Kaiser und König Wenzel unseligen Andenkens hatte seine helle Freude daran. Man privilegierte die goldene Eier legenden „liusners“, nahm ihnen „ir sacli“ und trieb noch Hohn und Spott mit den betrogenen Schützlingen. Außer in den im hohen Zins wuchernden, im sogenannten ..gesuoch“ arbeitenden kleinen, dem Großkapital zusteuernden Strebern finden wir die „ehrsamen Inden" in allen Branchen tätig, insbesondere in ärztlicher Praxis. Von Kaiser Karl dem Kahlen, der seinem Hofmedizinalrat Zedekias alles Vertrauen schenkte — und doch munkelte ..man" bei dessen im Oktober 877 zu Brias in Savoyen unversehens erfolgten höchstseligen Ableben, es sei nicht ganz richtig zugegangen — bis auf Kaiser Rudolf II. standen Judenärzte in Ehren, insbesondere auch bei den Statthaltern Christi. Eine Anzahl derselben schenkten den hebräischen Diagnosen und Rezepten das höchste Vertrauen, so z. B. Bonifaz VIII. und Benedikt XIII., der überhaupt den Juden wohlgeneigt war; sein Antagonist Jnnoeenz VII. (1404—1406). der den Juden von Trastevere das römische Bürgerrecht verlieh und Martin V. (1417—1431), dessen Leibarzt Elias gar aus dem römischen Ghetto stammte. Bis ins 16. Jahrhundert hatten jüdische Aerzte offenen Zutritt im Vatikan; so konsultierte Leo X. (1513—1521) den spanischen Rabbiner Samuel Sarfadi, einen grundgelehrten und wohlberedten Mann. Ueberraschend ist es auch, mitten unter den Minnesängern des angehenden 13. Jahrhunderts einen Juden, Suezkint von Trimberg, zu finden. In seinen jungen Jahren, die etwa mit Walthers Lenzestagen zusammenfielen, zog er wohl auch „der Thoren Fahrt" an den Höfen herum mit ^Irovslielrsn saue“, wendete ihnen aber später den Rücken. Er war nach F. H. von der Hägens Annahme sicherlich ein Arzt, ein „wizer meister von natura“, der, wie es in Wolframs „Parzival" (X, 517) anschaulich heißt, vielleicht als Landbader Arzneien und „buchsen veile trug“. Daraus deutet man die an das Gebiet der Raritäten streifende Strophe von der Bereitung der „Tugend-Latwerge", deren Büchse der Leib ist: Aus fünf Ingredienzien (Pigmenten) soll dieser Heiltrank (latwerie) gemenget sein, der heilsam (gut) ist „gegen die Wunden des Schimpfes und die Sucht der Schanden; Treue und Zucht, Milde und Mannheit gehören darein, die Mäßigkeit (mäze) soll es pülvern, dann gibt es einen Balsam (bals) über alle Speisen: Ehre genannt!" Das heißt wohl, daß die wahre Ehre aus Treue, Zucht, Milde, Mannheit und Mäßigkeit, den anerkannten „probitates“ des ritterlichen Lebens, zu bestehen habe! — Sehr schön ist gleichfalls seine Ansicht über adeliges Tun und edle Geburt: „Wer adelig tut, den will ich für edel halten, wenn auch sein Stammbaum ohne Brief und Siegel wäre; wo sich Untugenden zu dem Adel mischen, da wird das adelige Kleid zu Hadern." Daß solche Rede an vielen Burgen und Höfen, wo es, wie aus dem „Mair Helmbrecht" hervorgeht, von Schnapphähnen, Buschkleppern und Raubrittern wimmelte, keine beifällige Rede mehr fand und der Dichter keine gute Herberge erhielt, ist selbstverständlich. Der Trimberger aber blieb bei seiner Parole, darob er wirklich den ritterlichen Zusatz „Herr" verdient hätte, gleich den adeligen Minnerlein alten

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