Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 16 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 16. zu Berlin, für diesen Schatz einen pietätvollen Hüter und Mehrer gefunden, der, auf alten erprobten Bahnen fortschreitend, für die weitere Ausgestaltung und Bereicherung des Werkes sorgt. Gar üppig hat sich im Laufe der Zeit das kleine dünne Bändchen entwickelt, in dem Buchmann im Jahre 1864 zum ersten Male die geflügelten Worte zusammensaßte. Es hat stetig zugenommen an äußerem Umfang und innerem Gehalt und ist zu einem stattlichen, mehr als 800 Seiten starken und über 3000 landläufige Zitate enthaltenden Baude herangewachsen, der in übersichtlicher Anordnung, geschmackvoller Darstellung und zuverlässiger Erläuterung die geflügelten Worte des deutschen Vnlkes verzeichnet, d h. Aussprüche, Ausdrücke usw-, deren historischer Urheber oder literarischer Ursprung nachweisbar ist, und die, gleichviel aus welcher Sprache sie stammen, Aufnahme in die deutsche Sprache gefunden haben und in weiten Kreisen gebraucht werden. Aus dem reichen Inhalte, Vermehrungen und Verbesserungen heben wir hervor, daß der erste Abschnitt: „Geflügelte Worte aus der Bibel" nicht weniger als 93 Seiten stärk ist und 633 Zitate bringt. „Da die Bibel unter allen Büchern der Erde das bekannteste ist, so sind die Sprachen mit volkstümlichen Ausdrücken aus ihr reichlich getränkt. So die deutsche Sprache." Von „jüdischen" (!) Autoren begegnen wir Heinrich Heine (S. 265 und 270—275) mit 28, Ludwig Börne (S. 260—261) mit 3, Karl Emil Franzos (S. 302—303), Fritz Mauthner (S. 303) und Baruch Spinoza (S. 490—491) mit je zwei Zitaten; mit je einem Zitate Karl Beck (S. 290), Adolf Glasbrenner (S. 284), Ludovic Halevy (S. 332), Johann Jacoby (S. 392), Ferdinand Lassale (S. 613—614), Hermann Bernhard Oppenheim (S. 611-612), Philo Judäus (S- 156) und Ludwig Robert (S. 253), den Bruder der Rahel Varnhagen von Ense und Urgroßvater des vorletzten Herausgebers der „Geflügelten Worte". Raum und Zeit hindern uns leider, auf den für Leser dieser Zeitschrift doppelt wertvollen Inhalt näher einzugehen. Möge das trotz seines Umfanges und der prachtvollen Ausstattung wohlfeile Werk die verdiente Verbreitung finden. „Der jüdische Arbeiter i n L o n d o n",von Halpern Georg. 60. Heft der Münchener volkswirtschaftlichen Studien, herausgegeben von Brentano & Lotz. Stuttgart und Berlin 1903. 84 S. 1*50 Mark. Besprochen von S. Ruppin im Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik. — Der Verfasser gibt nach einer kurzen Schilderung der Lage der Juden im russischen Ansiedlungsrayon und der Faktoren, welche seit 1881 die Auswanderung russischer Juden nach England und Amerika bewirkten, aus Grund der amtlichen englischen Statistik einen Ueberblick über den Umfang der jüdischen Einwanderung in London. Er erörtert die brennende Wohnungsfrage, d. h. die Verdrängung der christlichen Bevölkerung des East-End von London durch die einwandernden Juden, und bringt sodann Angaben über die Beschäftigung der Einwanderer, die bekanntlich zumeist als Hausindustrielle in der Konfektion, Schuhbranche und Möbelindustrie tätig sind. Den Schluß macht eine Betrachtung der jüdischen Gewerkvereinsbewegung in Londou und der Ursachen ihres Mißerfolges. Die Schrift bietet nach den amtlichen englischen Publikationen über die Einwanderungsftage von 1899 und August 1903 wenig Neues, gibt aber in deutscher Sprache unseres Wissens zum ersten Male erne wissenschaftlich gehaltene und bis auf die neueste Zeit sortgeführte Darstellung der Materie. Babel und Bibel. Randglossen zu den beiden Vorträgen Friedr. Delitzsch's von Dr. Jakob Horowitz, Frankfurt a/M. I. Kauffmann. Das Gebet im Judentum. Von Dr. Felix Perles, Rabbiner in Königsberg. Frankfurt a/M. I. Kauffmann. N a ch m a n K r o ch m a l, ein Hegelianer. Von I. L. Landau. Berlin S. Calvary & Co. N. W. 7 Neue Wilhelmstraße. Moses Mendelssohn und die deutsche Aesthetik. Von Dr. Ludwig Goldstein. Königsberg. Gruse & Ünzer. Spinoza. Bon Freudenthal. Stuttgart. Fr. Fromman. Ausführliche Besprechung sämtlicher vorstehender Werke Vorbehalten. Königin tzfther. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) Und doch, sehnsüchtiger noch sah man dem Spiele selbst entgegen, das, wie man sich zuflüsterte, Esther zur Verfasserin hatte, und in dem sie selbst und ein Unbekannter die wichtigsten Rollen darstellen sollten. Esther werde ihre große Namensvorgängerin die Königin Esther spielen. Was die Männerrollen anbelangt, so war man über die Darsteller nicht ganz im klaren. Wer spielt den tapfern Mordechai? Wer den unseligen Ahasverus? Und wer den verwünschten Haman? Das hatte die schlaue Esther im Dunklen gelassen. Die Leute sollten sich darob ein wenig die Köpfe zerbrechen, der Glückliche wird die Braut schön nach Hause führen. Mayer Bochur allein saß schmunzelnd an der Tafel. Er hielt sich für einen Wissenden. Während er unermüdlich aß und ttank, zwinkerte er mit dem Auge, schnalzte mit den Fingern, er war doch schlauer, als die kluge Esther gewesen, seine Leutchen hatten es ihm hinterbracht, und kurz und gut, den Mordechai, den spielt niemand anderer als, nun, wen meint Ihr? sein lieber Freund, der Doktor der Medizin, Eduard, Keles Sohn Freilich mär dieser, seit seiner Abreise nicht in der Killah zu sehen gewesen. Er hatte fleißig studieren müssen, um Doktor zu werden; aber -Mayer, was vermochte nicht alles der kluge Mayer, hatte es aus den besten Quellen erfahren, von Leuten,, die mit Esther verkehrten, sie hatte ihm die Mordechairolle in die Universitätsstadt geschickt, er solle sie studieren, solle ohne aller Vorwissen nach Hause kommen, hier den Mordechai spielen, und so zur Verherrlichung des Festes beitragen. Die schlaue Esther, hier wird sie mit ihrer Schlauheit keinen Sieg davontragen, denn ihr Mordechai wird — na, man weiß es schon, der Verlobte Rosls. Listig blinzelte Mayer mit dem Auge. Wer Ahasverus und ' wer den Haman spielen wird, war dem guten Mayer ganz gleichgiltig, genug Mordechai wird siegen, am Schlüsse feiern wir das Tnoim-Schreiben und zerschlagen mit Wucht die schönste Schale. — Sorglos und freudig gab sich also Mayer der Speisenvernichtung hin. Inzwischen war es spät geworden und das Purimspiel begann. — Aus dem Nebengemach kam die hohe Gestalt des Königs Ahasverus. Mit königlichen Gewändern mar er angetan, auf dem Haupte blinkte eine Krone, in der Hand hielt er ein mächtiges Szepter, schauererregend war seine Maske, der ein schwarzer Bart nicht zur Zierde gereichte. Ein Gruseln überlief die Zuschauer. Auch Amrom erbebte auf seinem Sitze. Der König klagte sein Mißgeschick an. Warum hatte er sich auch in so grausamer Weise seiner Königin entledigt, die ein Muster von Schönheit und Tugend gewesen. Jetzt sei er einsam und sehne sich wieder nach einer Gattin. Er habe den Befehl gegeben, die schönsten Jungfrauen seines Reiches in den königlichen Palast kommen zu lassen und aus ihrem Kreise sollte die neue Königin erwählt werden. Während noch der König also klagt, wird ihm Esther zugeführt. Ein Flüstern geht durch die Reihen der dichtgedrängten Gäste, das ist Esther, Ester ha Malkah. Aber wer ist Ahasver? Mayer senkt sein Haupt, nicht infolge der Schwere des Weines, nein, er denkt nach. Die Stimme kommt ihm so bekannt vor, auch das Deklamieren und Posieren, sollte dies sein Doktor sein? Er teilt seine Vermutung Awrom mit, der ungläubig mit dem Kopfe schüttelt. „Ist denn der Doktor in zwei Rollen beschäftigt?" flüsterte er Mayer zu, „meine Tochter hat mir ja etwas anderes gesagt, und die muß es wissen." Aha, denkt Mayer, also weiß die auch, wer den Mordechai spielt? Rosl aber sitzt mit fast gleichgiltiger Miene da, nichts verrät an ihrem Antlitze, wie bestürmt von den mannigfachsten Gefühlen ihr Herz ist. — (Fortsetzung folgt.) (Giselaverem.) Die Aussteuerversichernng soweit seit kurzem auch die Lebensversicherung betreibend, hat es diese Anstalt verstanden, in verhältnismäßig kurzer Zeit solche Resultate zu erzielen, daß sie, nach kaum 25jährigen Bestände, in Bezug auf Versichernngsstock, Jahresproduktion und Vermögen die Mehrzahl der Lebensversicherungsanstalten überflügelt hat und heute zu den größten derselben zählt. Im Jahre 1903 umfaßte die Produktion 17.450 Polizzen mit 21,100.000 X Versicherungs kapital. Für 2630 fällige Polizzen wurden 2,674.000 X verausgabt. Am Jahresschlüsse standen nicht weniger als 120.627 Verträge mit 148,672 000 X Versicherungskapital in Kraft. An Prämien flössen 6,549.000 14, an Zinsen 2,322.000 K ein. Die Prämienreserven betragen zum Jahresschluffe 48,762.000 X, die Schadenreserven 179.000 X, Superreserven 1,310 000 X. Die Aktiven umfassen 52,616.000 X und sind fast durchwegs in pupillarsicherer Weise angelegt. Die Bilanz schließt mit einem Reingewinn von 536.000 X, welcher es ermöglicht, wie in den letzten Jahren den Versicherten eine Dividende von 7V2 Prozent der Jahresprämie zuzuführen. In diesem Jahre gelangte die seit fünf Jahren angesammelte Dividende im Betrage von 1,443.000 X bar zur Auszahlung. Neben seiner Tätigkeit als Versicherungsinstitut übt der Giselaverein auch eine gemeinnützige Wirksamkeit aus, indem er Mädchen, deren Eltern die begonnene Versicherung wegen Verarmung ausgeben mußten, Aussteuerstipendien — 1903 wurden deren 31 ausbezahlt — zusührt. Der Ansstattungsfonds besitzt ein Vermögen von 496.000 X. Zum Zwecke der Alters- und Witwenversorgung seiner Agenten hat der Giselaverein einen Fonds geschaffen, dem pro 1903 statutengemäß 21.400 X zufließen. Diese Maßnahme wird die Berufstreue und Anhänglichkeit seiner Mitarbeiter sicherlich vermehren und dieselben zu erhöhter Schaffensfreudigkeit ermuntern, da ihnen nun die Sorge für die eigene Zukunft abgenommen wurde. Es dürste wenige Institute geben, welche nicht nur für ihre Beamten, sondern auch für die Acquisitionsorgane Altersvorsorge getroffen und eine rationelle Witwenunterstützung vorgekehrt haben.