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Die Wahrheit · 1904-04-22 · Heft 16 (22.4.1904) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 16 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Oesterr-ungar. Cantoren -Zeitung. Snruch Schor. Eine unabsehbare Menschenmenge, deren Zahl aus mehr denn zehntausend angegeben wird, begleitete am Freitag (8. Ilpril) um 5 Uhr trotz des ununterbrochenen Regengusses den Sangmeister jüdischer- Melodien, Baruch Schor, zu seiner letzten irdischen Wohnstätte. Ein tieses Schmerzgefühl ergriff alle Mitglieder unserer Gemeinde, als die traurige Kunde sich verbreitete, daß der so beliebte Kantor der städtischen Hauptsynagoge während des Mussafgebetes und zwar bei der Stelle, wo er so insbrünstig um die glückliche Zukunft Israels und der Menschheit flehte (gerade beim Satze .->^51:2^2 ->2-2x) von einem Schlaganfall betroffen worden. Groß war daher die aufrichtige Teilnahme beim Leichenbegängnis. Wehmut war das stille Losungswort, welches in der feierlich ernsten Stunde auf den Lippen Aller schwebte, Wehmut das Gefühl, welches alle ergriffen, Wehmut die Empfindung, die Alle erfaßte. Wehmut die Stimmung, die Alle beherrschte, . wehmütig die Erinnerung an einen Mann, der ein halbes Jahrhundert durch seinen Gottesdienst die Harzen bezauberte und die Gemüter entzückte. Besonders waren es die ernsten Melodien, welche der nun Verblichene mit gründlicher Kenntnis der hebräischen Sprache und mit tiefer Empfindung vorzutragen verstanden hat, so daß das. Innere der Zuhörer wie in einem heiligen Bann gefesselt war. Und auch außer seinem Berufe war der Heimgegangene eine liebenswürdige Erscheinung.' Sein Gefühl zeigte stets den weichen, verträumenden Ausdruck, welcher ihn so wertvoll machte; sein Auge suchte gleichsam ein Stückchen Himmel auf Erden und seine Uneigennützigkeit und sein Wohlwollen verschaffte ihm Anerkennung und Ächtung bei allen seinen Bekannten. Nun ist der liederreiche Mund geschlossen, die verständnisinnige Stimme verklungen, die überwältigende Stimme, die bei den Gebeten so eindringlich und nachhaltig wirkte, ist verhallt, verklungen mit ihrer Zartheit, Feinheit und Weiche, sein treues teilnahmsvolles Herz hat zu schlagen aufgehört, seine innere Stimme, [ seine Herzensmelodie ist anch verhallt. Diesen Gedanken brachte unser trefflicher Oberkantor, Jsak Halpern, wenn auch mit andern Worten znm Ausdruck, indem er seinem Berufsgenossen einen recht würdigen Nachruf widmete. Mit tiefempfundenen Worten schilderte derselbe den Heimgegangenen als Meister des Sanges und als Muster tugendhafter Lebensführung. Er betonte den großen Wert und die hohe Bedeutung des Verstorbenen, welcher im vollen Sinne des Wortes „Bote und Vertreter der Gemeinde" (-nnxrr^) genannt zu werden verdiente. Er zitierte das Wort unserer alten Weisen, daß der Heilige die Tränen, die vergossen werden für das Andenken eines würdigen Mannes, in seine Schatzkammer aufnimmt, und diese dienen auch zur Sündenvergebung. Und der Allmächtige zählt die Millionen Tränen, die da für Baruch Schor fließen in gerechter Würdigung seiner Bedeutung. Dabei hob er hervor, daß es ein dreifaches günstiges Zeichen für die Wertschätzung der Verblichenen anzusehen ist, daß dieser mit offenen Antlitz (rbynb 1-22) gestorben und am Rüsttag des Sabbat an einem Regentage zu Grabe getragen wird, mithin ein dreifaches Anzeichen für die Frömmigkeit des Heimgegangenen. Es war in der Tat ein doppelter Regen; denn alle weinten gar sehr. Der Redner schloß mit den hebräischen Worten -p&2 'Ti'inrr Mm, möge mein Ende dem deinigen gleich werden. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß der Herr Oberkantor Halpern auf allgemeines Verlangen der Beteiligten den Nachruf gehalten hat, da sonst keine Rabbiner beim Leichenzuge zugegeu waren; denn der hochbetagte Oberrabbiner Schmelkes war damals unwohl, der Rabbiner der Tempelgemeinde glänzte anch durch seine Abwesenheit und der Schreiber dieser Zeilen wußte, da er infolge des ununterbrochenen Regens sein Studierzimmer nicht verlassen hat, gar nichts von der Sache. Daß der Stadtrabbiner Alexander Halpern von der städtischen Synagoge nur einige kurze Bemerkungen machte, ist wahrscheinlich deswegen geschehen, um mit dem rituellen Usus nicht in Collision zu kommen (es war ja Erew-Schabbes und dazu am Nissan), wobei es aber nicht überflüssig ist, bekannt zu machen, daß der rühmlichst bekannte Oberrabiner Ez. Landau in Prag ausdrücklich erklärte, daß es gestattet ist, selbst an den Tagen, an denen keine Trauerrede gehalten werden darf, einen Nachruf abzuhalten, worin die guten Eigenschaften des Verstorbenen hervorgehoben werden mögen. Wir schließen den Bericht mit dem Zusatze, daß gestern (am 14.) sich ein Komitee gebildet hat, welches sich die lobenswerte Aufgabe gestellt hat, für die Witwe und die hinterlassenen unversorgten Kinder des Heimgegangenen ausgiebig zu sorgen. Möge es ihnen gelingen! Rabb. Dr. Kodak. Bestimmungen über die Teilnahme an den im Frühjahr 1904 vom D.). G. B. veranstalteten Fortbildungskursen für Rantoren. Die Fortbildungskurse werden am 11. April durch Herrn Hauplkantor Friedmauu beginnen. Herr Musikdirektor William Wolf beginnt seinen Unterricht vier Wochen später, wird aber gleich 311 Anfang mit den Teilnehmern eine Anzahl täglich zu machender Uebungen in Harmonielehre, Gesang und Klavierspiel verabreden. Der Kursus dauert bis znm Beginn der Sommerserien im Juli.' Zuznlassen und nur solche Herren, die an einem Seminar bie Lehrerprüfung bestanden haben. Die Aufnahme hängt außerdem von einer Prüfung der nlufikalischen und stimmlichen Befähigung, sowie von den bisher gewonnenen liturgischen Kenntnissen ab. die vor den beiden Herren Dozenten — Hanptkantor Aron Friedmauu, N., Gr. Hamburgerstr. 88 und Chordirektor William Wolf, W., Lutherstr. 47 — (in den Wohnungen der betreffenden Herren) jederzeit abgelegt werden kanu, spätestens jedoch bis zum 10. April erfolgen muß. Die Unterrichtsstunden werden, je zwei an den fünf Wochentagen Montags bis Freitags im Chorübungszimmer der jüdischen Gemeinde, Oranieuburgerslr. 29, abgehalten. Um die Zeit der jüdischen und christlichen Feiertage finden kurze Unterbrechungen statt. Regelmäßiger Besuch der llebungsstunden ist unerläßlich, auch muß der größte Teil der freien Zeit den entsprechenden Studien gewidmet werden. Jeder Teilnehmer muß ein Klavier zur Verfügung haben. Die Bewerbungen um Teilnahme sind an das Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin W., Steglitzerstr. 85. zu richten. Ein kurzer Bericht über Stndiengang und gegenwärtige Lebensstellung, sowie die Erklärung, den vorliegenden Bedingungen zu entsprechen, ist beiznfngen. Die Teilnahme an den Kursen ist kostenlos, doch muß es den Teilnehmern überlassen bleiben, für ihren Unterhalt und Lehrmittel selbst zu sorgen. Nur in ausnahmsweisen Fällen ist der D. I. G. B. in der Lage, auf besonderes Gesuch, Stipendien in kleinem Betrage zu bewilligen. Nach Beendigung des Cnrsus wird den Herren Teilnehmern auf Wunsch ein Zeugnis über die dabei erlangten Kenntnisse und Fähigkeiten ausgestellt. vis geehrten Herren Kollegen werden dringendst ersucht die Sammlungen in ihren Gemeinden mit den ihnen 2ugesandten Sammelbögen eitrigst zu betreiben und die gesammelten Beträge an den Vereinskassier einzusenden. Die Veröffentlichung der bisherigen Spenden erfolgt in nächster Nummer. Der Vorstand des österr.-uogar. Kantoren-Vereines.

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