Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 16 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Die Wahrheit Seite 7 anfänglich wegen seiner Religion Schwierigkeiten gemacht wurden, griff Prinz August von Preußen tatkräftig ein. Burg wurde Leutnant, wurde später Lehrer an der Artillerie- und Ingenieurschule, an deren Aufblühen er namhaften Anteil hatte, wurde von den Offizieren, auch den höheren, geschätzt und verehrt und wurde deshalb gerade gerühmt, weil er es ablehnte, sich aus Ehrgeiz oder Gewinnsucht taufen zu lassen. Seine Lehrbücher wurden in allen Artillerieschulen der preußischen Armee eingeführt und in einer Reihe fremder Sprachen übersetzt. Als ein Portepöe-Fühnrich, der ebenfalls Jude war, nicht zur Beförderung vorgeschlagen wurde, verfügte Prinz August, daß er sofort eingegeben werde. Es sei die Religion kein Hindernis zu seiner Beförderung „so wie solches bei dem Leutnant Burg, der auch ein Jude sei, nicht der Fall wäre, und es habe dieser Offizier sich so bewährt, daß er keinem seiner christlichen Kameraden nachstehe". Erst als Burg Hauptmann werden sollte, sträubte sich König Friedrich Wilhelm III. und ließ ihm mitteilen, „daß Sie durch Ihre Bildung, Stellung und religiöse Ueberzeugung wohl bereits diejenige Annäherung zum Christentum in sich fühlen, welche Sie dazu bewegen würde, durch förmlichen Uebertritt zur christlichen Religion zugleich jeden Anstoß zu Ihrer ferneren Beförderung aus dem Wege räumen". Burg lehnte dieses Ansinnen ab, und der König entschied, daß die Beförderung unterbleibe; er verspreche sich aber, „Burg werde noch zur Erkenntnis der Wahrheit und des Heils des christlichen Glaubens gelangen." Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, und zwei Jahre später wurde Burg gleichwohl Hauptmann. Er erhielt als erster Jude auch das Dienstauszeichnungskreuz, den Rothen Adler-Orden, die große goldene Medaille für Wissenschaft; er wurde endlich Major der Artillerie; er erntete die glänzendsten Beweise der Anerkennung von zwei Königen, von Prinzen, Generalen, und er verzeichnet in der Geschichte seines Dienstlebens, daß sein Glaube ihm in seiner Laufbahn niemals ernstlich geschadet habe. Das war vor 1848. Doch fügte er 1853, ..nachdem die ersehnte Emanzipation (der Juden) jetzt zu einer Wahrheit geworden ist", hinzu: Ungeachtet der jetzigen Gleichstellung wird der sich dem Staatsdienst widmende jüdische Jüngling noch manchen Kampf zu bestehen haben .... indem sich das leider noch hin und wieder zeigende Vorurteil doch nicht mit einem Male und urplötzlich beseitigen läßt. ..." In demselben Jahre, am 26. August, starb Major Burg an der Cholera. Er hatte nicht geahnt, welche Behandlung die Juden ein halbes Jahrhundert später in der preußischen Armee erfahren würden, erfahren, obwohl er selbst zeigte, wie Juden auch als Offiziere dem Vaterlande nützen können, und obwohl inzwischen tausende von Juden in Hingebung an König und Kaiser geblutet haben. Jetzt ist auch der Regierungsbaumeister Bendix heldenmütig den Opfertod gestorben. Vielleicht wiederholt auch jetzt Herr Liebermann v. Sonnenberg den Spott über die „Makkabäer". An dem Kriegsminister ist es, zu prüfen, ob die Dinge so bleiben dürfen und sollen, wie sie sind. Was aber auch die Zukunft bringe, die Juden werden, des sind wir gewiß, sich die Liebe zum deutschen Vaterlande von niemand vergällen lassen, sondern auch als Soldaten entschlossen sprechen: „Und wir tun dennoch unsre Pflicht." Generalversammtrmg der Wiener Ctzewra-Kadischa. Sonntag den 17. d. M. 10 Uhr vorm, fand im großen Saale des „Hotel zur Post" die außerordentlich gut besuchte Generalversammlung der Ehewra-Kadischa statt, in welcher Bericht über die Tätigkeit der Ehewra erstattet und die Wahl dreier Vorstandsmitglieder vorgenommen wurde. Durch die gedankenvolle Einleitungsrede des Vorsitzenden, Vizepräsident Dr. Marcus Spitzer, sowie die an dieselbe sich knüpfende Diskussion einiger prinzipiell wichtiger Fragen ward die diesjährige Generalversammlung auf ein höheres Niveau gestellt und im Verlause derselben wurden manche Anregungen gegeben, die die vollste Berücksichtigung seitens der Leitung der Ehewra-Kadischa und des Kultusvorstandes verdienen. Im nachstehenden der Bericht: Vizepräsident Dr. Spitzer begrüßt herzlich die zahlreich erschienenen Mitglieder, sowie den Delegierten des Kultusvorftandes, Herrn Kultusvorsteher Salo K o h n, den wohlbekannten Förderer aller humanitärer Institutionen, und gedenkt dann zweier im abgelausenen Jahre aus dem Leben geschiedener Männer, der Herren Jacob Moor und Aron Bondi, die sich hervorragende Verdienste um die Ehewra-Kadischa erworben haben. Dank gebührt auch den Herren Delegierten der Ehewra- Kadischa, die keine Mühe scheuen und bei allen Leichenbegängnissen, auch bei denen der ärmsten Glaubensgenossen, intervenieren. Bei Uebergang aus den Tätigkeitsbericht konstatiert der Vorsitzende, daß im heurigen Budget eine Post von 8000 K eingestellt sei, um die Leichenbegängnisse verarmter Mitglieder würdig zu gestalten. Sein Wunsch ginge wohl darnach, eine Reform des Bestattungswesens nach echt jüdischer Tradition im Sinne der Gleichheit Aller vor dem Tode durchzusühren, aber leider sei dies momentan mit Rücksich: auf die finanziellen Zustände in der Kultusgemeiude nicht durchführbar. Die Kranzspenden weisen einen immer höher werdenden Eingang aus und diese Tatsache sei nicht nur vom finanziellen Gesichtspunkte erfreulich, sondern auch noch mehr, weil sich in derselben die richtige Auffassung wahrer Pietät dokumentiert. Bezüglich der Krankenunterstützung werde im Vereine mit hervorragenden Aerzten eine Reorganisation angestrebt, daß würdigen Personen größere Beträge, unwürdigen jedoch keinerlei Unterstützung zugewendet werde. Der Vorsitzende spricht zum Schluffe die Erwartung aus, daß der Vorstand sich bei Verfolgung der hehren Ideale des Judentumes in Uebereinstimmung mit den Mitgliedern der Ehewra-Kadischa befinde, und bittet den Bericht des Vorstandes zur Kenntnis zu nehmen. (Lebhafter Applaus und Zustimmung.) Ueber Antrag des Vorsitzenden wird hieraus beschlossen, von der Verlesung des Berichtes abzusehen, sofort die Wahlen vorzunehmen und während des Skrutiniums die Diskussion zu eröffnen. Zu Skrutaroren werden die Herrn Jonas Abeles, König, Adolf Schrämet und Dr. Josef Winternitz befiellt. Dr. Ascher interpelliert wegen rechtzeitiger Zusendung der Einladungen und der Tagesordnung der Generalversammlung, worauf der Vorsitzende die diesbezüglichen Versäumnisse im heurigen Jahre mit ganz exceptionellen Zufällen begründet nnd diesbezüglich um Entschuldigung bittet. Kultusvorsteher Salo Kohn begrüßt die Versammlung namens des Kultusvorstandes, der jederzeit die Bestrebungen der Ehewra-Kadischa unterstützen werde und bereit sei, ihren Wünschen nach jeder Richtung entgegenzukommen. Hieraus gelangt ein Schreiben des Präsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, zur Verlesung, der lebhaft bedauert, in Folge einer gleichzeitig stattfindenden wichtigen Sitzung des Vertreter-Kollegiums an der Versammlung nicht persönlich teilnehmen zu können. Herr Moriz Baum bedauert, daß die Ehewra-Kadischa! noch immer keinen Präsidenten habe. Hierin zeige sich wieder die Abhängigkeit von der Kultusgemeinde und die Ehewra- Kadischa müsse warten, bis ihr vom Kultusvorstaude ein Präsident sozusagen dekretiert werde. Zu bedauern sei auch, daß das übliche Brudermahl heuer nicht abgehalten wurde, wiewohl in diesem Jahre ein besonderer Anlaß hiezu darin bestände, daß gerade! 140 Jahre feit Gründung der Ehewra-Kadischa (1764) verj flössen sind. Wenn man auf die ungünstigen Erwerbsverhältnisse! Rücksicht nehmen wollte, so Hütte man eben ein Mahl zu | billigerem Preise bestellen sollen. Redner verweist auf die! Budapester Ehewra, welche im letzten Jahre 2082 Neuanj Meldungen auszuweifen hat, während man sich bei uns mit i einer Gesammtzahl der Mitglieder von 1500 zufrieden gibt.! Auch die Uebelstünde auf dem Friedhofe sind nicht geschwunden,! besonders bezüglich des Trinkgeldweseus herrschen arge Miß-! bräuche, die nicht nur von den unteren Organen, sondern auch! von oberen Chargen begangen werden. Dem könne nur dadurch