Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 16 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
- Tacitus 1× ep/1025676
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Serie 6. 9fr. 16. Die Wahrheit Ter Haß und die Verachtung, die sich in den abgej schmacktesten Märchen erging, selbst blutige Judenhetzen trafen das Volk, und dennoch sammelte sich um die jüdischen Synagogen allenthalben in der Diaspora eine immer größere Schar von Verehrern; außer denen, die das Gesetz Mosis ann ahmen, ohne zu seinem Stamme zu gehören, ein weiter Kreis von solchen, die in loser Verbindung mit der Synagoge nur gewisse Grundanschauungen von da übernahmen. Und auf der anderen Seite, auch diese Diasporajuden wollten zwar Juden bleiben, ob sie auch griechisch sprachen und „Hellenisten" waren; selbst ein Philosoph wie Philo setzte sich an die Spitze einer Gesandtschaft klageführend für die Rechte seines unter Caligula geplagten Volkes in Rom persönlich ein, er wollte Jude bleiben. Gewiß, für das Judentum trieb man Propaganda und Apologetik. Aber gerade durch diese Interessen der Mission und der Abwehr, was wurde aus diesem Judentum! Indem man diejenigen Punkte in den Vordergrund schob, bis zu denen heidnisches Verständnis oder Ahnen sich vorstreckte, indem man sodann sich eben jener idealistischen Philosophie bemächtigte, um die Heiden mit den eigenen Waffen zu schlagen und sie herüberzuziehen auf das eigene Gebiet, entschrankte man jenes Judentum, für dessen' nationale Schranken man sich kurz darauf im Heimatland Palästina anschickte zu sterben. Wenn aber der Jude Philo in einem Werke über das mosaische Grundbuch von Kosmopolitismus redet, so hat das ein anderes Gesicht und Gewicht als wenn der Stoiker Seneca von Weltbürgertum und Reich Gottes spricht. Denn hier war damit verbunden der ethische Monoteismus als eine historische Religion und als die älteste, aus dem Orient stammende Weisheit der Menschen, der gegenüber die großen Dichter und Denker der Griechen, Hesiod und Homer, Heraklit und Plato, Neulinge sind, abhängig von ihr in den besten Gedanken: das bewies die heilige Urkunde, wenn man sie recht verstand, d. h. ihren eigentlichen, geistigen Sinn ergründete in allegorischer Deutung, wie es die Sache verlangt. Rabbinische und stoische Auslegungskunst reichten sich dazu die Hand. So lehrte man Nichtjuden das Alte Testament ohne Anstoß lesen, darüber weg zu lesen über das, was daran jüdisch, zeitlich, beschränkt war, und es zu lesen als das Buch der Menschheit, in dessen ersten Genesiskapiteln eine allgemeine und ewiggültige Psychologie und Ethik in allegorischem Gewände steckt. Es springt in die Augen, daß hier, in den Kreisen, da aufgeklärtes, entschränktes, alexandrinisch geartetes Judentum und idealistisch gerichtetes, moralisch interessiertes Heidentum sich trafen, der Boden für die Aufnahme der Universalreligion am besten durchgepflügt war. Hier galt es vor allem, daß die Zeit erfüllt war — zumal noch das eine hinzunehmen ist, daß eben jenes heilige Buch, an das sich schließlich aller Anspruch knüpfte, doch noch über sich hinaus wies, selbst erst eine Zeit der Erfüllung verhieß und einen Messias, der sie bringen soll. Die Religion, die hier dargeboten war, lebte wie von dem Ruhme des Altertums so von der Hoffnung auf die Zukunft; sie war alt und doch jugendlich, viel, ja alles versprechend. Als sich die Hoffnung dann verwirklichte, konnte man organisch das Neue ans Alte, Erfüllung an Verheißung kuüpfen und all jenen Ruhm des Altertums auf dieses Neue übertragen. Diese Gedanken, von denen die jüdischen Urkunden zeugten, müssen auch in solche Kreise gedrungen sein, die sich fern von der Synagoge hielten. In seinen Historien (V 13) bekundet Tacitus die weite Verbreitung des Gerüchtes, daß iu alten Priesterbüchern geschrieben stehe, der Orient werde sich aufmachen und von Judäa aus sich der Welt bemächtigen. — So erkennen wir bei dieser Betrachtung über die Voraussetzungen des Christentums: den Quellort, da es entsprang, das heilige Land — das Meer, dahin die Flut münden sollte, das römische Weltreich, und auch die Wasserläufe, durch die es dahin geführt wurde, die jüdische Diaspora. Sluheirgen. Am 13. März ist im Gefecht bei Owikokorero mit anderen tapferen Söhnen Deutschlands der Regierungsbaumeister Josef Bendix gefallen. Die freie wissenschaftliche Vereinigung an der Universität Berlin hat ihrem früheren Mitgliede in der »Voss. Ztg." einen eingreifenden Nachruf gewidmet. Er war ein treuer Kämpfer inj Dienste für Kaiser und Reich; seiner Mutter ist der hoffnungsvolle Sohn, allen, die ihn näher kannten, ein lieber Freund entrissen worden. „Im Leben wie im Tode ist er uns ein Vorbild treuer Pflichterfüllung." So heißt es in dem Gedenkwort. In den jüngsten Wochen ist im deutschen Reichstag wie in Presse mannigfach von der Zurücksetzung der Juden in der Armee die Rede gewesen. In Preußen wird feit Jahrzehnten kein Jude, und sei er auch der vorzüglichste Soldat zum Offizier befördert. Es gibt keinen aktiven Offizier jüdischen Bekenntnisses im preußischen Heer; seit bald einem Vierteljahrhundert werden Juden auch nicht mehr Reserveoffiziere. Darob ist Herr Liebermann von Sonnenberg höchst erfreut, obwohl er zugestehen muß, daß er in seiner Dienstzeit ..einen ganz ausgezeichneten jüdischen Offizier kennen gelernt habe". „Der eine, den ich erwähnt, war wirklich eine wahre Perle von Soldat; er hatte sich auch schon im Feldzuge bewährt und trug mit Recht das Eiserne Kreuz." Wenn heute der eine in Preußen gedient hätte, wäre er nimmermehr Offizier geworden. Und Herr v. Liebermann wäre damit einverstanden. Freilich, er versichert, mit dem jüdischen Glauben habe diese Behandlung nichts zu tnn; aber man könne jedem Hauptmann nachfühlen, „daß man sich die Front nicht gern verderben lassen will". Das ist nicht ein Grund, sondern eine Ausrede. Es sind hunderte Juden Offiziere geworden, nachdem sie sich hatten laufen lassen. Ihr Aussehen in der Front wurde dadurch nicht geändert. Der gefallene Regierungsbaumeister Bendix war Offizier, nicht in Preußen, sondern in Bayern. Er gehörte der Reserve des ersten bayerischen Pionierbataillons an. Der Kriegsminister v. Einem erklärt, daß keinerlei Bestimmungen bestehen, wonach Juden von der Beförderung ausgeschlossen werden. Aber er hat nicht erklärt, woher es kommt, daß gleichwohl tüchtige Soldaten, die Juden sind, nur in Bayern, nicht in Preußen die Epaulettes erlangen. Und der Kriegsminister weiß, daß Bendix nicht der einzige Blutzeuge für das Pflichtbewußtsein und die Vaterlandsliebe der Juden ist. Er weiß, daß tausende Juden auf dem Felde der Ehre ihr Leben gelassen haben; er weiß, daß hunderte, die als Soldaten, als Offiziere, als Aerzte die Kriege Preußens und Deutschlands mitgemacht haben, wegen Tapferkeit vor dem Feinde mit Orden und insbesondere mit dem Eisernen Kreuz geschmückt wurden. Wenn nicht nur „der eine" des Herrn Liebermann v. Sonnenberg, sondern hunderte und tausende Juden sich im Felde bewährt haben, wenn die feindliche Kugel so wenig einen Unterschied zwischen Christen und Juden machte wie der oberste Kriegsherr bei der Verleihung der Auszeichnungen, muß nicht der Kriegsminister wie jeder billig denkende Mann als schreiende Ungerechtigkeit empfinden, daß heute Juden als Soldaten zurückgesetzt werden um nichts als ihres Glaubens willen? Der Kriegsminister kennt die Geschichte des Heeres. Er wird in ihr dem Namen eines Majors Burg begegnet sein. Es klingt heute unglaublich, daß in Preußen ein Jude Major wurde, ein leibhaftiger, ungetaufter Jude. In England, in Oesterreich- Ungarn, in Frankreich, dort freilich gibt es Obersten und Generale, die Juden sind, und der deutsche Kaiser hat einem jüdischen Offizier sogar das Großkreuz des Rothen Adlerordens verliehen; es war der damalige Kriegsminister Italiens und jetzige kommandierende General des ersten Armeekorps Ottolenghi. In Preußen aber kann kein Jude Leutnant werden, und man staunt, daß sich ehedem die Militärverwaltung die Rangliste verdorben hat, indem sie einen Juden bis zum Major beförderte. Als „der König rief und alle, alle kamen", im Jahre 1813, kam auch Burg als Freiwilliger nach Breslau, und als ihm