Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 16 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16. Die Wahrheit Lette o. und Gemeinden, dieselben, in dieser Hinsicht hängt vieles von Erziehung, Umgebung und Gewohnheit ab, der Religionskodex ist überall der gleiche. So z. B. ist in Wien die Mädchenkonfirmation offiziell eingeführt, während die Orgel offiziell noch perhorresziert wird; in Prag hingegen hat die Orgel schon vor mehr als 50 Jahren Eingang in die Synagoge gefunden und wird seit mehr als 30 Jahren auch am Sabbath und den Festen gespielt, während zeitweilig aufgetauchte Bestrebungen nach Einführung der Müdchenkoufirmation auch in freisinnigen Kreisen keinen Anklang und keine Unterstützung gefunden haben. Wie sehr das jüdische Ohr in Prag an Örgeltöne sich bereits gewöhnt hat und wie wenig das jüdische Gefühl sich durch solche verletzt fühlt, beweist am besten der Umstand, daß selbst der hochkonservative Oberrabbiner Hirsch in Hamburg zur Zeit als er noch in Prag war, Trauungen in Orgelsynagogen unter Mitwirkung der.Orgel vollzogen hat. Der erste Oberkantor in dem ersten Orgeltempel Prags war der Schwiegersohn des hyperorthodoxen R. Samuel Freund, an den sich alle Orthodoxen Ungarns und Deutschlands gewendet haben, wenn es galt, reformatorische Bestrebungen innerhalb ihrer Gemeinden zu bekämpfen. In Böhmen, dem klassischen Lande der Religions-nationalen und politischen Kämpfe, hat es merkwürdiger Weise unter den Juden die wenigsten Zänkereien und Streitigkeiten wegen synagogaler Reformen in den Gemeinden gegeben. Die Orgel und Pijutim, gemischter Chor und Soli haben in keiner Gemeinde den Frieden und die Harmonie gestört. Die Orgel hat das volle Heimatsrecht im ganzen Lande erlangt. Weber Deutsche noch Tschechen (ich meine deutsche und tschechische Juden) sehen sie als etwas Fremdes an. Beiden klingen ihre Töne so anheimelnd, als Hütten die Vorfahren sie direkt von Zion an die Moldau und Elbe gebracht, wie einst die Harfe an die Ströme Babels. Es gibt in Böhmen kein größeres Gotteshaus ohne Orgel mehr, und sie ist in Tabor und Pisek ebenso zu finden wie in Saaz und Reichenberg. In den in neuerer Zeit gebauten Synagogen fehlt sie auch dann nicht, wenn dieselben noch so klein und mit noch so großer Mühe und Anstrengungen erbaut worden sind. Gesungen und gespielt wird beim Gottesdienste hierzulande mehr als genug, dafür aber um so weniger — gebetet. Der Chor, gemischt und ungemischt, vertritt die Gemeinde vollständig und zuweilen auch den Vorbeter. So singt in einer schönen Kaduscha (ich weiß nicht, von wem sie komponiert ist) der Chor Naarizoch bis Mimkomo und der Cantor fängt erst mit Mimkomo an, oder Freitag Abend wird das Wesckomra. von einer Solosängerin gesungen und wenn diese fertig ist, setzt der Cantor mit dem Kaddisch ein. Doch das sind Kleinigkeiten, die man, ohne sich deswegen zu ereifern, hinnehmen könnte, wann man nur nicht allgemein glauben würde, daß das Judentum in Gesang und Orgelspiel sich erschöpfe, und die Pflege und Verschönerung der Aboda nicht die vollständige Vernachlässigung der Thora zur Folge gehabt hätte. Daß gottesdienstliche Reformen, Orgel und Gesang und selbst die Predigt ohne Thorapflege nicht imstande sind, das Judentum auch nach innenhin zu heben und zu kräftigen, zeigt ein Blick auf die innern desolaten Verhältnisse in vielen böhmischen Gemeinden. Stark. Voraussetzungen des Christentums. Angesichts der betrübenden Tatsache, daß die antisemitische Hetzbewegung so vielen Priestern der ..Religion der Nächstenliebe" die Äugen trübt und sie vergessen läßt, wie viel das Christentum eigentlich dem Judentum zu verdanken hat, erscheinen uns nachstehende Betrachtungen eines hervorragenden deutschen Theologen über den Ursprung des Christentums, die wir in einem soeben erschienenen Werke über die Kirchengefchichte lesen,*) besonders bemerkenswert: *) Grundzüge der Kirchengefchichte. Ein Ueberblick von Dr. Hans von Schubert, Professor der Theologie und Konsistorialrat in Kiel. Tübingen und Leipzig. Verlag von I. C. B. Mohr (Paul Siebek) 1904. Die glänzende griechisch-römische Welt mußte sich das Evangelium schenken lassen von der taefcerrima gens, mit dem erbitterten Antisemiten Taeitus zu reden, von der „garstigsten Nation" im weiten Umkreise des Reichs, von den Juden im syrischen Winkel. Sie hatten schon vordem Großes vor allen anderen voraus, das klassische Volk der Religion. Ein ethischer Monotheismus, wie ihn undeutlich und deutlich so viele begehrten, hier war er vorhanden. Und durchaus nicht nur auf die Zeit des Aufschwunges und der nationalen Kämpfe unter den Makkabäern muß man verweisen, um im Spätjudentum ein religiöses Leben nachzuweisen, das an die Religion der Phropheten sich anknüpfen läßt. Gerade die Zeit des politischen Niedergangs hatte auch hier nach innen getrieben, die Hoffnungen vergeistigt und den Individualismus gezeitigt. Auch hier interessiert die Frage nach dem Schicksal der einzelnen Seele; Gedanken und Visionen von persönlicher Auferstehung zu Vergeltung und Leben in einem ewigen Himmelreich, da eines Menschen Sohn die Menschen richten wird, lausen durch das Volk. Aber es geht ein Riß durch seine Seele wie durch seine Geschichte. Noch heute zeigt der Rassejude einen merkwürdigen Kontrast: er ist gewandt, geschmeidig, zudringlich, kriechend unter Umständen, der geboren; Handelsmann, und er bleibt doch immer der Jude, in dessen Äugen wir die verachteten Gojim, die Heiden, sind. Das Judentum zur Zeit Christi zeigt genau diesen Kontrast im großen. Wir wissen, wie die Geschichte Israels verläuft in die Geschichte des starren Pharisäismus, wie in Gesetz und messiauisch-apokalyptischer Hofffmng die beiden Angelpunkte des jüdischen Denkens und Lebens zu suchen sind, und doch zur selben Zeit, da die Exklusivität und der nationale Stolz den Vernichtungskampf mit den Römern langsam herbeiziehen, sehen wir Juden über das Reich im ganzen Umfange zerstreut, in lebendigem Austausch nickt nur von Waren, sondern auch von geistigen Gütern, in Alexandrien ein Drittel der Bevölkerung bildend, in Rom sich von dem eigenen Quartier jenseits des Tiber über die ganze Stadt verbreitend, in Antiochien, Kleinasien, Griechenland, überall eine wahrhafte Internationale schon damals. Der erste Charakterzug hat es bewirkt, daß dieses Volk als das einzige im Osten dem nivellierenden Hellenismus widerstand und mit der Treue gegen seine Religion und Geschichte diese seine einzigartige Religionsgeschichte, bewahrt und zusammengefaßt in einem heiligen Kanon zur Erziehung der gläubigen Gemeinde, für die christliche Tochterreligion rettete, um sich dann infolge eben dieser zähen Treue selbst zu vernichten. Ter zweite Charakterzug hat es bewirkt, daß das gleiche Volk nach allen Seiten Kanäle baute, um seinen einzig wertvollen Schatz an Erkenntnissen und uralten ehrwürdigen Traditionen abzuführen und hineinzutragen in die Weiten der römisch-griechischen Welt. Beides muß man zusammenschauen. Auf dem Boden Palästinas, in innigster Fühlung mit der Seele seines Volks ist Jesus entstanden/ wie die Frucht aus der Blüte, sich nährend und zum messianischen Bewußtsein erwachend an den heiligen Büchern und Gestalten seines Volks, lebend in den Propheten und die Psalmen auf den Lippen. Es ist von einer unermeßlichen Bedeutung gewesen, daß die christliche Religion also organisch erwuchs als eine historische Religion, als eine Geschichte des Heils aus dem großartigen geschichtlichen Leben eines Volks und daß sie von ihm das Buch dieser Geschichte, ein Volksbuch ohnegleichen, übernahm. Das Judentum der Diaspora aber überreichte, mit seiner in die griechische Weltsprache übersetzten Bibel in der Hand, der Welt gleichsam diese uralte Geschichte und bot ihr so den gesuchten ethischen Monotheismus eben als eine uralte, geschichtlich begründete, auf Gottes Wirken in der Menschheit zurückgeführte und also geoffenbarte Wahrheit — damit als religiöse Gewißheit. Hier mußten schon vor Christus, das ist mit Händen zu greifen, die konvergierenden Linien zusammen laufen und eine erste, innere Berührung, ja Verschmelzung der religiösen Anschauungen Hervorrufen, die auf jüdischem und heidnischem Boden erwachsen waren.