Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-04-22 · Heft 16 (22.4.1904) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 16 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063228--03014-3069737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 4. Die Wahrheit Nr. 16 offizielle Rußland sich diesmal vor Europa schämt und die Wiederkehr der Greuelfzenen vermieden wissen will. In diesem Erlasse heißt es unter anderem: „In letzter Zeit sind vielfach Nachrichten darüber eingelaufen, daß übelgesinnte Personen unter dem einfachen Volke Gerüchte verbreiten, wonach die Juden überhaupt, darunter auch die besfarabis ch e n, s i ch ü b e l w o l l e n d z u r R e g i e r u n g verhalten, Geld sammeln und es nach Iapan senden sollen; ferner werden andere lügnerische Nachrichten über die Handlungen der Juden verbreitet, wodurch das einfache Volk gegen dieselben aufgebracht wird. Ohne über die Ungereimtheit dieser Gerüchte ein Wort zu verlieren, erwähne ich, daß die Juden in Bessarabien seit dem Beginne des Krieges eine ebenso große Bereitwilligkeit, dem Baterlan.de z u d i e n e n, w i e d i e ü b r i g e B e v ölte r u n g an den Tag legen und diese Bereitwilligkeit auch durch die Versicherung treuuntertänigster Gefühle für den Thron äußern, wofür sie, nach einem untertänigsten Bericht, der allerhöchsten Dankbarkeit gewürdigt wurden; ebenso äußern die Juden ihre Vaterlandsliebe durch ihre Spenden zum Besten der Kranken und Verwundeten im fernen Osten. Wenn die oben erwähnten Gerüchte, ohne widerlegt zu werden, ins Volk dringen, so kann sich leicht die Ueberzeugung festfetzen, daß sie begründet sind, was wiederum ohne Zweifel einen Haß gegen die Juden Hervorrufen kann, der leicht ähnliche Ausschreitungen veranlassen könnte, wie sie im April vorigen Jahres stattfanden. Zur Vorbeugung von Unordnungen habe ich die Ehre, Ew. Ehrwürden zu fragen, ob Sie es nicht für nützlich halten, daß die Geistlichen in den Kirchen und bei jeder Gelegenheit das Volk aufklären und in ihm das Bewußtsein erwecken, daß sich die Juden zu den Ereignissen im fernen Osten mit denselben Gefühlen verhalten, von welchen auch die übrige Bevölkerung erfüllt ist." Auf dieses Schreiben erfolgte am 6. März nachstehende Resolution des Bischofs: ..An das Konsistorium zur sofortigen Beachtung." Der Beschluß des Konsistoriums lautet: „Den Geistlichen aller Kirchen der Eparchie ist durch Rundschreiben mitzuteilen, daß sie bei jeder Gelegenheit ihre Gemeindemitglieder darüber aufzuklären haben, daß sich die bessarabil'chen Juden zu den Ereignissen im fernen Osten ebenso wie die übrige Bevölkerung verhallen und auch wie diese freiwillig Opfer bringen. Was die von übelgesinnten Personen verbreiteten Gerüchte betrifft, wonach die Juden Geld für die Japaner sammeln sollen, so sind diese Gerüchte absolut unbegründet. Schließlich wird den Geistlichen vorgefchrieben, Aeußerungen eines feindlichen Verhaltens zu den Juden sofort zur Kenntnis der Eparchialobrigkeit zu bringen." Man wird aber auch zwischen den Zeilen des Erlasses das unwillkürliche Geständnis herauslesen können, daß die bluügen Szenen von Kischenew durch „übelgesinnte Personen" hervorgerufen wurden, welche «lügnerische Nachrichten über die Juden" verbreiteten. Daß der Gouverneur von Bessarabien darauf in seinem Erlasse völlig mit dem — Finger weist, kann wohl nicht bestritten werden. lempora mutantue. H. Die bei Errichtung des Hamburger Tempels entstandenen Streitfragen haben bis heute ihre definitive Entscheidung nicht gefunden. Ob Orgel, deutsche Gebete und Gesänge, Damen¬ oder gemischter Chor, Weglassung der Pijutim und einiger bebräifcher Gebete zulässig sind oder nicht, darüber herrschen jetzt ebenso noch verschiedene Meinungen, wie vor achtzig und neunzig Jahren. Beweis dessen die verschiedenen Gutachten über die Einführung der Orgel in einer Berliner Synagoge, welche unlängst in diesem Blatte zur Veröffentlichung kamen. Etwas Neues war in keinem dieser Gutachten enthalten. Was für und gegen diese Reformen sich sagen läßt, 'ist längst gesagt worden. Die Schriften: ,.0r Nogalr' und „Nogah Zedek“ vom Jahre 1818, „Eleb. Dibreli-Habbritli“, ,,Chereb nokemesNekom-Beritbu vom Jahre 1819 enthalten so ziemlich alles, was nach der Richtung hin vom religions-gesetzlichen und Opportunitätsstandpunkte aus, zu sagen wäre. Ueberdies haben anläßlich der im Monate Juli 1871 in Augsburg stattgefundenen Synode die Rabbiner Astruc-Brüssel und Hirschfeld-Augsburg ein Gutachten über das Orgelspiel an Sabbat- und Feiertagen abgegeben, welches diese Frage gründlich und ausführlich behandelt und damals in der Wiener „Neuzeit" veröffentlicht worden ist. Auch Schreiber dieses hat einige Monate früher im selben Jahre, nämlich 1871 in der damals in Prag erschienenen Zeitschrift „Die Wahrheit" eine Abhandlung über die Musik im Judentum veröffentlicht. Dieselbe war eine Erwiderung auf die einige Jahre früher erschienene Brochüre Richard Wagners ..Das Judentum in der Musik". Die Abhandlung war geschichtlich gehalten und wies auf die große Rolle hin, welche die Musik seit den ältesten Zeiten im Kultus- und gesellschaftlichem Leben des jüdischen Volkes gespielt hat; nebst einer Beschreibung der biblischen Musikinstrumente, enthielt sie auch eine genaue Darstellung der musikalischen Einrichtungen beim Gottesdienst im Tempel zu Jerusalem, hingegen enthielt sie nichts über Wesen und Beschaffenheit der alt-hebräischen Musik, da diese nicht mehr zu erforschen sind und Schreiber dieses auf diesem Gebiete überhaupt ein Laie ist. Ueber dasselbe Thema hat er vor acht Jahren anläßlich der Erbauung des großen Tempels im Weinberge bei Prag zwei Vorträge gehalten, die auch von fachmännischer christlicher Seite besucht waren. Wenn man die Anträge liest, welche damals von Wien aus (Jellinek, Wertheimer, G. Wolf) bei der Synode eingebracht worden sind, und an die heutigen Verhältnisse denkt, kann man sich des Ausrufes „tempora mntantnr" nicht enthalten. Die Orgelfrage ist indes geblieben — so wie sie war — ungelöst, weil sie, wie Maybaum in seinem Gutachten ganz richtig bemerkt, zu den Imponderabilien gehört und nicht auf Grundlage des Talmud und Schulchan-Aruch entschieden werden kann. Aus diesem lassen sich ebenso Beweise pro als contra, oder richtiger, weder pro noch contra bringen. Mit dem Hinweise ans Chukotli-IIagoj ist nichts getan, weil Cliukotli-Hagoj ein sehr dehnbarer Begriff ist. Schon der Prophet Ezechiel machte dem Volke einmal den Vorwurf, daß es „nach den Satzungen der Völker gehandelt", und ein andermal wiederum, daß es „nach den Satzungen der Völker, von welchen es umgeben, nicht gehandelt," Den Widerspruch in diesen zwei Aussprüchen des Propheten löst der Talmud dahin, daß er den einen auf die Nc88nkniin, den guten und löblichen Satzungen und Gebräuche der Völker und den anderen auf die Mekulklim auf die schlechten uud tadelnswerten Satzungen und Einrichtungen der Völker bezieht. Selbst wenn also die Orgel nicht,, wie von der einen Seite behauptet wird, ein ursprünglich jüdisches Instrument wäre, sondern, wie von der anderen Seite behauptet wird, ein spezifisch christliches Instrument ist, müßte noch bewiesen werden, daß es zu den Ncknlklim, den verderblichen Einrichtungen gehört. Grätz, der in den letzten Jahren seines Lebens und auch in den letzten Bänden seiner Geschichte immer konservativer wurde, verhält sich ablehnend gegen Reformen wie Orgelspiel, Mädchenkonfirmation und derartige Aeußerlichkeiten, weil sie, wie er sagt, wohl nicht gegen den Buchstaben des jüdischen Religionsgesetzes, aber gegen den Geist des Judentums sind; er spottet über die Reformer, sagt aber doch, daß sie radikal Vorgehen mußten, um die Synagoge von vielhundertjährigem Schutt und überhandgenommener Verwilderung zu befreien. Die Orgel, Mädchenkonfirmation u. dgl. sind also mehr Fragen des jüdischen Geistes und Gefühles als des jüdischen Ritualgesetzes. Gefühle wechseln und ändern sich, auch der Geist ist nicht starr, starr ist nur der Buchstabe. Die religiösen Gefühle und Empfindungen sind nicht in allen jüdischen Kreisen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.