Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 16 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Prinz Alois Lie chtenstein ist anläßlich seines Jubiläums genugsam gestraft worden für all die gehässigen Angriffe, die er gegen die Juden richtete. Er mußte es sich gefallen lassen, daß ein so übel beleumundetes Individuum wie Mechaniker Schneider ihn öffentlich als Freund und Gesinnungsgenossen feiern durfte. Das ist hart. Aber man wird die Strafe nicht unverdient nennen dürfen. Prinz Alois Liechtenstein wird nachträglich von seinem Freunde Ernst Schneider vielleicht den Vorwurf einstecken müssen, daß seine Jnbiläumsrede von einer verhältnismäßig auffallenden Milde gegen die Juden war. Das ist richtig; der Prinz hatte bei dieser Gelegenheit offenbar doch nicht Lust, aus das Niveau Schneiders herabzusinken, und er machte den freilich unmöglichen Versuch, den Judenhaß mit den Forderungen von Bildung und Geschmack zu vereinigen. Eines war aber von dem Jubilar gewiß weniger fürstlich als echt — schneiderisch: die Ausbeutung eines berühmten Wortes gegen die Juden, während es der Dichter gegen ganz andere gemünzt hatte. Prinz Alois Liechtenstein meinte, der Himmel sei mit Kaftanen verhängt; der große, freisinnige Dichter, dessen scharfes Wort er ohne Quellenangabe derart änderte, hatte dies von den — Kutten gesagt, deren Träger dem Herzen des klerikal-antisemitischen Prinzen so nahe stehen. Die Verwechslung zwischen Kaftan und Kutte üt beinahe eine kleine Fälschung. Der Prinz verkehrte eben nicht ungestraft mit Ernst Schneider. * * * Aus der Gerichtssaal-Rubrik der Wiener Tagesblätter: Eine Verhandlung vor dem Strafrichter. Kein seltener Fall: Ein Lieutenant i. R. ist von einem Wucherer wegen Ehrenbeleidigung geklagt worden. Der Lieutenant i. R. hatte nämlich gegen den vielperzentigen Herrn, der ihn erbarmungslos ansgesaugt hatte, den Vorwurf des Wuchers und der Erpressung geschleudert und der also Titulierte wollte sich das nicht gefallen lassen. Er ging hin und klagte. Mit sehr bescheidenem Erfolge. Der Richter ließ den vom Lieutenant i. R. beantragten Wahrscheinlichkeitsbeweis zu und sprach den Geklagten frei. Wie gesagt kein seltener Fall. Wir finden es auch gar nicht besonders bemerkenswert, daß der bewucherte Lieutenant i. R. den Namen Ignaz Kaufmann führt (die antisemitischen Blätter würden schreiben: Ignaz! Kaufmann!!) und der vielperzentige Herr auf den unverfälscht arischen Namen Karl Manko hört. Der Wucher ist eben international und interkonfessionell und die Zahl der bewucherten und ausgebeuteten Juden ist wahrlich keine geringe. Nur eines möchten wir bemerken: mit welch' schändlichen Beschimpfungen wären bei dieser Gelegenheit wieder in der Wiener anlisemischen Presse alle Juden regaliert worden, wenn zufällig der Lieutenant Karl Manko geheißen und der Wucherer auf den Namen Ignaz! Kaufmann!! gehört hätte! . . . Ganz Rußland ist durch die furchtbaren Katastrophen, denen M a k a r o w imdmit ihm eine Reihe der tüchtigsten und hervorragendsten Offiziere zum Opfer fielen, wie in einen Zustand dumpfer Betäubung und Verzweiflung gestürzt worden. Die führenden russischen Blätter begegnen sich in dem Gedanken, daß über Rußland in dem Kriege gegen das verachtete, geringgeschätzte Japan ein unheimliches Fatum schwebe, welches das mächtige Reich in geradezu rätselhafter grauenhafter Weise von Niederlage zu Niederlage treibt. Aber die russischen Blätter sind auch einig darin, dieses Unglück als ein unverdientes zu bezeichnen. Wenn man sich nun auch ferne davon halten soll, in den Ereignissen, deren Ursachen und Zusammenhang dem kritischen Blick des unbefangenen Beobachters unklar bleiben, auf die Stimme des Herzens zu lauschen, das sofort geneigt ist, den »Finger Gottes" zu erkennen, so darf doch auf ein seltsames Zusammentreffen hingewiesen werden: Die grauenhafte Katastrophe, der Makarow und die Seinen zum Opfer fielen, bildete beinahe auf Tag und Stunde eine Gedächtnisfeier für die — Opfer von Kischenew. * H Die Greuel von Kischenew schrien nach Sühne, aber im Gerichtssaale wurde diese nicht gegeben. Im Gegenteile, die Verhandlung gegen die Mörder wurde zu einem neuen Verbrechen an den armen finden, deren Anwälte selbst kaum der Verurteilung entgingen. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß die furchtbaren, grauenhaften Verbrechen, deren Schauplatz vor Jahresfrist Kischenew war, durch lügnerische Gerüchte und böswillige Verleumdungen hervorgerufen und nur Dank der Connivenz der Behörden verübt werden konnten, so ist dieser Beweis nachträglich in der überzeugendsten, offiziellsten Weife von den russischen Behörden selbst erbracht worden. Man lese den Erlaß, den der Gouverneur von Bessarabien vor wenigen Tagen an die Geistlichkeit richtete, und man wird schaudernd sehen, daß dieselben bösen Mächte des Judenhasses in Rußland wieder an der Arbeit sind, mit dem Unterschiede, daß das