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Die Wahrheit · 1904-04-15 · Heft 15 (15.4.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 15 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit Seite 9. sich auch verschiedene Parteiorganisationen zum Wahlkampfe, um unter! Zugrundelegung eines ihren Prinzipien angepaßten Kultusgemeinde-; Programmes, einen entsprechenden Einfluß auf die Verwaltung der! jüdischen Gemeinde zu erlangen. Das zionistische Distriktskomitee, das sich für diese Aktion durch Kooptierung einzelner Gesinnungsgenossen i verstärkt hat, arbeitet gegenwärtig an der Redigierung eines solchen, alle Gebiete des jüdischen Lebens (Kultus, Unterricht und Wohltätigkeit, : ökonomische, sanitäre und administrative Fragen) umfassenden Programmes, i das.kurz vor der Wahl als Brochure veröffentlicht werden soll. Außerdem sollen mehrere Volks- und Wählerversammlungen stattfinden, uud es wäre sehr erwünscht, wenn die gegenwärtig abtretenden Repräsentanten den Anlaß wahrnähmen, um mit der Wählerschaft in Berührung zu treten, und über ihre Tätigkeit im Kultnsrate Bericht erstatten würden. Budapest. Seine Majestät hat Herrn Dr. Josef Szepessi zum j Richter an den Kszdi-Väsärhelyer kön. ung. Gerichtshof ernannt. — Frau | Jakob. Hirsch geb. Jda Ellenberger hat zum Andenken an weiland Ritter Horace v. Landau dem Erzherzogin Maria Dorotea - Mädchen-Verein : 5000 'K gespendet. — Der ungarische israel. Handwerks- und Ackerbau- Verein veranstaltete am 30. März eine glänzende Sederfeier, welche auch ' von zahlreichen und vornehmen Christen besucht war. — Die jüdischen Bildhauer Eduard Margo und Siegfried Popper wurden bei der Kaschauer Honvöd - Denkmal-Konkurrenz durch die Jury-Kommission mit Prämien ausgezeichnet. — Die Hauptstädtische Kredit- und Sparkassa- Genoffenschaft hat Herrn Joseph Spitzer, Fachschriftsteller in Budapest, zum Direktionsrat gewühlt. Szenicz. Am 10. d. M. wurde hier die Tochter des berühmten Rabbi Jehada Aszod, FOau Betti Schönmann, im Alter von 72 Jahren unter zahlreicher Beteiligung zu Grabe getragen. Se. Ehrw. Herr Bezirksrabbiner Marmorstein widmete ihr einen ergreifenden Nachruf, bei welchen er auch auf die unvergänglichen Verdienste des Rabbi Jehuda Aszud, der 21 Fahre Rabbiner der Szeniczer Gemeinde war, hinwies. Frankfurt a. M. (Der erste jüdische Richter in Hessen.) Lebhaftes Interesse wird in weiten Kreisen die Ernennung des Gerichtsassessors May in Worms zum stellvertretenden Amtsrichter in Osthofen Hervorrufen. Mit dieser Ernennung soll der Vorwurf, daß man in Hessen grundsätzlich keine israelitischen Richter in Dienst stelle, widerlegt werden. Allerdings macht eine Schwalbe noch keinen Sommer, ebensowenig ein May. London. Kantor M. Einfeld, vorher Funktionär eines Wiener Vereinsbethauses, ist hier in der Vine Court Synagogne als Reverend- Kantor gewählt worden und erfreut sich großer Beliebtheit. Sein Vorgänger im Amte war der als Komponist und tüchtiger Kantor bekannte Rev. A. Perlzweig. Feuilleton. Königin Esther. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) „Wißt Ihr, Kinder," begann Esther, „von heute in vier i Wochen ist Purim, da werden wir Euere Verlobung, wie man sagt, offiziell feiern, im Angesichte vieler unserer Killahleute. Sorge dann, Rosl, meine Tochter, für ein herrliches Mahl, : eine große Tafel mit den erlesensten Gerichten soll hier auf-! gestellt sein in dieser Stube, der Wein soll fließen, den Haman! aber werden wir entlarven, ich, Esther, die Königin, und 1 Mordechai, mein Genosse. Bis dahin überlasse mir ihn, den; Geliebten, teuere Rosl, dann soll er dir ganz gehören. . Sie stockte. Bewundernd schauten sie Rosl und Mordechai! an. Esther erhob sich in ihrer ganzen Größe. Fast war sie jetzt! schön zu nennen die alte Jungfer. j Und nun betrat Awrom das Gemach und rief, als wäre; nichts geschehen, aus: „So macht doch Licht, es ist ja dunkel geworden." Bald erstrahlte es hell in dem Gemache. Mordechai ging! nun, auch Rosl zog sich zurück, nur Esther blieb. „Ich habe Wichtiges mit Euch zu besprechen, Awrom," sagte sie zu dem alten Manne, und der späte Abend noch fand; die Beiden int eifrigen Gespräche. Als Esther, später als sonst, ihr einsames Lager aussuchte, konnte sie lange keinen Schlaf finden. Draußen aber leuchteten die Sterne helle hernieder auf die schlafende Gasse, und wie Frühlingsahnung rauschte es geheimnisvoll durch die kahlen Zweige. Es war der Jahresanfang für die Bäume, aber nicht nur für diese. IV. In herrlicher Bläue erstrahlte der Frühlingstag. Noch , standen allerdings die meisten Bäume kahl, nur die Erlen und i Weiden und Haselnußstauden ließen erkennen, daß die Natur wieder aus ihrem langen tiefen Schlafe zu erwachen im Begriffe war. Und warm leuchtete die erste Frühlingssonne vom Himmel hernieder, während die geflügelten Sänger der Lüfte ihr fröhliches Lied anstimmten und Feld und Wald und Flur mit ihren Stimmen erfüllten. Auch im Ghetto begann man aufznatmen nach der langen, bangen Winternacht. Hier feierte man das Purimfeft. War dies eine Freude für Jung' und Alt'! In der Synagoge las man die alte, ewig junge Esther- Geschichte und freute sich des Gottes, der stets über Juda gewaltet und die Hamans gestürzt hatte. Am Tage vorher hatte man gefastet, dann der Armen gedacht, der Purimtag selbst war nur der Freude gewidmet, an diesem Tage sollte selbst der Aermste sich freuen können, und bei den wohlhabenderen Mitgliedern der Gemeinde waren reichbefetzte Tafeln für die Hungernden und Armen aufgestellt. Die herrlichste Tafel aber war doch bei Reb Awrom, dies war das allgemeine Urteil des ganzen Ghettos Hell erstrahlte die große Stube in Pulitzers Hanse, von vielen Kerzen beleuchtet, und auf der Purimtafel erglänzte kostbares Geschirr, das reich angefüllt war mit den köstlichsten Speisen. Daß es auch an süßem Weine nicht fehlte, dafür hatte Awroms freigebige Hand reichlich gesorgt. Ueberall Freude und Glanz, leuchtende Freude aber strahlte von Rosls Antlitz, ahnungsvolle Wonne blitzte aus ihrem Auge. Awrom selbst ging freudig sich die Hände reibend, durch die duftende Stube. Es war für ihn ein großer Abend gekommen. Denn heute sollte ja auch die Verlobung seiner Tochter mit Eduard gefeiert werden, der nun glücklich Doktor geworden war. So hatte es Mayer Bochur erzählt, und der mußte es wissen. Mayer war selig. Ihn erwarteten heute die seligsten Tafelfrenden. Am Purim, sagten die Leute des Ghettos, ißt sich Mayer für Wochen an. Mayer war anderer Meinung. Für Wochen konnte er sich nicht auessen. Dazu hatte er einen viel zu guten Magen. Er ließ vielmehr den Herrgott Tag für Tag sorgen. Aber soviel stand fest, unter den rotangestrichenen Kalendertagen war für Mayer der Purimtag einer der glänzendsten. An diesem Tage feierte er wahre Eßorgien. Auch Esther war von Freude an diesem Tage erfüllt, ihr Herzenswunsch sollte ja an diesem Tage in Erfüllung gehen. „Man >.uirb von diesem Purimabend in der Killah reden", sprach sie für sich hin, „man wird Esther die Königin kennen lernen." Mordechai sah erwartungsvoll diesem Abende entgegen. Ihm war eine große Rolle übertragen worden, er wollte sie zu Esthers Freude und zu seinem Glücke glänzend durchführen. Wie hatte er doch diesen Abend herbeigesehnt, der ihm Erfüllung aller seiner Wünsche in Aussicht stellte. Rosl sein, das war der Inbegriff seiner ganzen Sehnsucht, die Krönung seines heißesten Verlangens. Esther werde sich ihres Mordechai nicht schämen müssen, er werde seinen ganzen Mann stellen. Man erzählte sich im ganzen Ghetto von dem Purimspiele, das in Awroms großer Stube zur Feier des Festes dargestellt werden sollte. Die Gäste drängten sich in dem geräumigen Gemache, jeder Hungrige kam und fand hier Befriedigung seines Begehrens. (Fortsetzung folgt.) Eingesendet. Anläßlich der am 17. April 1904 bei der Generalversammlung der Chewra-Kadischa stattfindenden Wahl von drei Vorstandsmitgliedern hat sich ein Wahikomitee konstituiert, welches den P. T. Herren Wählern folgende Kandidaten vorzuschlageu sich erlaubr: Zur Wiederwahl die Herren: Jakob Kann, Kaufmann, I., Rudolfsplatz 6; S. Sterner, Bauunternehnier, VII., Burggasse 73. Die genannten Herren haben sich in ihrer bisherigen Wirksamkeit als Vorsteher der Chewra-Kadischa in jeder Hinsicht bestens bewährt. Zur Neuwahl: Herrn Moriz Breitner, Börserat, II., Glockengasse 4. Wien, den 9. April 1904. Jonas Abeles. Moriz Baum. Julius Bergstein. Moriz Brüll. Jakob Jaiteles. Sigmund Kauders. Adolf Politzer. Jakob Ripper. Jakob Schick Adolf Schrämet.

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