Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 15 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 15. erkenntnisarmen Zeit entstandenen Vorstellungen deckt, für eine Ausgeburt des Antisemitismns und die Forscher selbst für Antisemiten!? Und gar wie wir dies fertig bringen! Zum Verwundern geradezu wär's, würden die Gelehrtenkreise jetzt nicht zu Antisemiten, falls sie die Gemeinschaft mit Lueger und Schneider verwinden könnten. Man braucht ja nur die jüdische Literatur zu betrachten, die sich um Haeckel, Ladenburg und Delitzsch gebildet hat. Auf der Kanzel hätte es Ladenburg zu hören bekommen können, daß er ein gesinnungs- und gewissenloser Apostel sei, in diversen Brochüren wirft ihm die ungewaschene Kritik „Unsinn", „abgelauschtes Phrasentum" u. s. w. ohne Weiteres an den Kopf, in Schriften, die in der jüdischen Presse als gediegene Geistesprodukte angepriesen werden. Ueber Delitzsch hat sich eine Flut von Schmähungen ergossen, die eine Sündftut gegen allen guten Geschmack bedeutet, alle fast vom gleichen, übrigens nahezu die ganze mittelalterliche jüdische Religionsphilosophie durchziehenden Gedanken erfüllt: — „Einen König absolut, — Wenn er unfern Willen tut". — Wir lieben, fördern, huldigen der Wissenschaft, wenn sie an unsere Vorstellungswelt nicht rührt. Wahrlich, ein Heine unserer Tage hätte aus dieser Art von Stellungnahme der Juden zur Naturwissenschaft und Afsyriologie Stoff zu einer modernen „Disputation" gehabt, ohne viel an dem Tone der Alten zu ändern. Und beschämend geradezu wirkt dem gegenüberDelitzsch's gemessene, ruhigeAntwort*) auf die Angriffe seiner jüdischen „Kritiker". „Ein besonderes Wort drängt es mich zum Schluß an meine jüdischen Kritiker zu richten, deren Entgegnungen ja leider infolge übergroßer .nationaler" Voreingenommenheit die ruhige, streng sachlich wissenschaftliche Beurteilung nicht selten v e r m i s s e n l a s s e n." (S. 57) Delitzsch selbst bekennt, das Judentum in keiner Weise angreifen zu wollen, sich nur auf dem Boden der Pentateuchkritik zu bewegen, betont, von seinen jüdischen Gegnern manches Anregende gelernt zu haben, und kommt dann, ohne auf die ihm gewordene Beschimpfung einzugehen, auch auf seinen Antisemitismus zu sprechen. „Und noch ein anderes will mir in der Haltung der führenden Männer des Judentums gegenüber den „Babel und Bibel"-Fragen nicht recht gefallen — die Uebertreibung. Der Gipfel solcher Hyperbel würde es sein, wenn sich bestätigen sollte, was die amerikanischen Blätter übereinstimmend berichteten, daß der Großrabbi (?) der Vereinigten Staaten sich an Se. Majestät unfern Kaiser gewendet habe mit der Anklage, daß „Babel und Bibel" die Schuld trage an dem Blutbade von Kischenew! Wenn H. S. Chamberlain seinen ganzen Spott über mich als Semitomanen ausgießt, und die jüdischen Organe hinwiederum mich des Antisemitismus zeihen, so ist für jeden unbefangenen Beurteiler sofort klar, daß die Wahrheit in der Mitte liegt -- in diesem Falle darin bestehend, daß von m ir d i e Wahrh eit ohne jede Voreingenommenheit nur um ihrer selb st willen mit ernstemBemühen gesuchtund erstrebt wird." (S. 63.) Und in gleicher Weise, besonnen, ohne Voreingenommenheit, streng objektiv, müssen auch wir an die Ergebnisse moderner Wissenschaft herantreten. Nicht aber einen Naturforscher-Congreß mit der Wiener Ratsstube, und Delitzsch mit Gregorig als Antisemiten in einen Topf werfen. Von diesen Gegnern können wir nimmer sagen, es sei ihnen verziehen, weil sie nicht wissen, was sie tun. Der fortschreitenden Entwicklung gehört die Zukunft, und die Wissenschaft ist die Quelle der Entwicklung, aus der auch wir Juden den einzig möglichen Lebenstrank für die Zukunft schöpfen können. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Die Sonntag, den 10. April stattgehabte öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes stand unter dem Zeichen der Präsidentenwahl, die allerdings keinerlei Ueberraschungen brachte, sondern nur das in den letzten Monaten bestandene Provisorium endgiltig stabilisierte. Der I. Vizepräsident Dr. Alfred Stern, der seit dem Rücktritte des Präsidenten kai». Rat Heinrich Klinger die Präsidialgeschäfte leitete, wurde zum Präsidenten, der bisherige H. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn zum I. Vizepräsidenten, und der Obmann der Finanzsektion kais. Rat Moriz Hirsch zum II. Vizepräsidenten gewählt. Die Führung der Gemeinde liegt jomit auch fernerhin in guten Hänoen, denn sämtliche Herren des Präsidiums sind altbewährte, tüchtige Kräfte, Männer, die sowohl mit den einzelnen Zweigen der Gemeindeverwaltung als auch mit den Bedürfnissen und Wünschen der Bevölkerung wohlvertraut sind. Die Einstimmigkeit der Wahl und die .sympatischen Kundgebungen nach jedem einzelnen Wahlgange werden gewiß auch in den weitesten Kreisen der Gemeindemitglieder mit allgemeiner Befriedigung ausgenommen werden. Nach der Konstituierung des Präsidiums wurden einige Referate erstattet, die sämtlich im Sinne der diesbezüglichen Anträge des Vertreterlollegiunis angenommen lvurden. Im Nachstehenden der Bericht: Nach Bekanntgabe des Speudeneinganges gelangt der Einlauf zur Verlesung, wobei Kultusvorstehcr Emil Horner zur Berichtigung einer an den Knltnsvorstand gerichteten Anfrage konstatiert, daß der Haudwerkerverein auch im heurigen Jahre seinen Zöglingen am Erew Peßach den Seder gegeben habe. Hierauf wird zur Wahl des Präsidenten geschritten. Anwesend sind 29 Kultusvorsteher und von 29 angegebenen Stimmen erscheint Dr. Alfred Stern mit 27 Stimmen zum Präsidenten gewählt. (Lebhafte Akklamation) Derselbe richtet folgende Ansprache an die Versammlung: „Nehmen Sie, meine hochgeehrten Herren, meinen innigen und herzlichen Dank entgegen für die auf mich gefallene Wahl, für die Ehre und Auszeichnung, die Sie mir hiedurch erwiesen haben. Indem ich das Amt, auf welches mich Ihr so ehrendes Vertrauen berufen hat. gerne und bereitwillig annehme, glaube ich es unterlassen zu können, Ihnen ein Programm für meine künftige Tätigkeit zu entwickeln. Ein solches Programm ist dnrch meine nahezu 16 jährige Tätigkeit im Vorstande gegeben. Eine Aenderung dieses Programmes ist in meinem Alter kaum mehr anzunehmen, umsoweniger, als ich Ihre Wahl als eine gewisse Zustimmung zu demselben betrachte. Nahezu die Hälfte meiner Wirksamkeit im Vorstande fällt unter das Präsidium meines ausgezeichneten unmittelbaren Vorgängers, dessen unermüdliche Hingebung, dessen Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit ich mir zum Vorbilde nehme. (Lebhafter Beifall». Dieses Vorbild und meine eigene Erfahrung haben mich gelehrt, daß es der volle,'. Zeit, der vollen ungeteilten Arbeitskraft eines Mannes bedarf, um den fortwährend sich mehrenden Agenden des Vorstandes, speziell des Präsidenten, in gewissenhafter Weise gerecht zu werden, und es ist leicht erklärlich, daß ich unter solchen Umständen auf manche mir lieb gelvordene Tätigkeit im öffentlichen Leben verzichten muß und verzichten werde. (Oho!) Binnen wenigen Tagen werden Sie, meine Herren, — wieder in öffentlicher Sitzung — über den Rechnungsabschluß für das Jahr 1903 beraten und Beschluß fassen. Sie werden aus demselben ersehen, was im abgelaufenen Jahre geleistet wurde. Sie werden, meine Herren, aber auch ersehen, >vie viele und große Aufgaben noch dem Borstande obliegen, Aufgaben, deren Erfüllung mehr oder weniger in den Finanzvorlagen, im Rechnungsabschlüsse, sowie im Budget der Gemeinde zum Ausdruck kommen müssen. Das Gleichgewicht im Haushalte der Gemeinde ist eine notwendige Voraussetzung, ist das Mittel zum Zweck, um den bevorstehenden Aufgaben nähertreten zu können. Dieses Gleichgewicht herzustellen und dauernd zu erhalten wird mein eifrigstes Bestreben sein. Die möglichste Ausgestaltung des Religionsunterrichtes, die Hebung unserer Kultus- und Wohlfahrtseinrichtungen sind die wesentlichsten Aufgaben des Kultusvorstandes, und nach wie vor will ich im Vereine mit Ihnen, meine Herren, nach dieser Richtung tätig sein. Aber auch weitere Kreise sollen zur Mitarbeit herangezogen werden. Eine Reihe von Korporationen und Vereinen, die Bethausvorstände, die Bethausuud Wohltätigkeitsvereine, neuestens die Bezirkskommissionen, sie alle sind in der Lage, innerhalb ihres Gebietes Gutes und Ersprießliches zu leisten. Diese Korporationen zu gemeinsamer Tätigkeit heranzuziehen, deren Wünsche und Anregungen entgegenzunehmen, gewissenhaft zu prüfen und ihnen, wenn es im Interesse unserer Gemeinde gelegen ist und die Einheitlichkeit derselben nicht darunter leidet, nach Möglichkeit Rechnung zu tragen, wird mein stetes Bemühen sein. In unserer Gemeinde sind verschiedene Richtungen vertreten, Richtungen religiöser, Richtungen politischer Natur. In einem sind wir alle einig: In dem Streben nach Erhaltung unseres Judentums, unserer glaubensbrüderlichen Gemeinschaft, der ehrenvollen Tradition unserer Gemeinde, die mustergiltig voranleuchten soll; in diesen gemeinsamen *) Fr. Delitzsch, Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick. 1904.